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Die Vergessenen Teil II Psychiatrie: Maßregeln mit Maß??

Immerhin – man spricht über sie –  wenn auch in bescheidenem Rahmen und hauptsächlich unter Betroffenen: 15 Kommentare zu unserem Artikel “Die Vergessenen” vom 17.4.2018 über Menschen, die psychiatrischen Zwangsmaßnahmen bis hin zum Maßregelvollzug ausgeliefert sind,  – das ist Rekord! Und ein Leser hat uns in seinen Mail-Verteiler aufgenommen, sodass wir Zeugen der dortigen Debatte über das Thema wurden.  Zusätzlich berichten wir hier über weitere wichtige Neuigkeiten zum Thema.

1.  Zunächst stellen wir Übereinstimmung fest über großen Verbesserungsbedarf bei Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie und im Maßregelvollzug bei allen (sehr verschiedenen) gesellschaftlichen Gruppen, die damit zu tun haben. Das sind nicht nur Psychiatrieerfahrene und ihre Angehörigen, sondern auch Rechtsanwälte, Psychiatriegutachter, Psychiater, Medienvertreter und Politaktivisten  – bei allerdings sehr unterschiedlicher Ausdrucksweise: Die Rede ist von “qualvollen Unterwerfungsritualen”, “menschenunwürdigen Zuständen, die bekannt sind”, “folterähnlichen Zuständen”, “kriminellen Handlungen”, “Erfordernis absoluter Anpassung” im Maßregelvollzug. Entzug telefonischer Kontakte zur Familie, Verbot persönlicher Hygiene, Nichtbeachten des persönlichen Willens werden beklagt. Vieles werde unter den Teppich gekehrt.
Kooperation sowie Information seien unzureichend, Fragen werden nicht gestellt zum besseren Verständnis des Patienten, es gebe kaum Recherche in seinem Interesse, keine Diskussion über mögliche Missverständnisse bei der Einschätzung der Person, was absolut geboten wäre angesichts der gravierenden menschlichen Folgen einer Fehleinschätzung, die bis zur Zerstörung eines ganzen Lebens gehen können. (s.u.)

Die Verhältnismäßigkeit zwischen Straftat und Aufenthaltsdauer wird im Maßregelvollzug häufig nicht gewahrt – eine der  schwersten Menschenrechtsverletzungen.
Die in der Diskussion vielfach kritisierte Vitos Klinik, eine halb-private forensische Klinik in Haina und Gießen, musste nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Hamm vom 10.1.2013 seit 2013 dreißig Patienten entlassen, weil die Richter die Maßregeln wegen fehlender Verhältnismäßigkeit aufgehoben hatten.
Die bloße Möglichkeit zu­künftiger rechtswidriger Taten vermag die weitere Maßregelvollstreckung nicht zu rechtfertigen (BVerfG …). Bei der Frage, ob eine Unterbringung als lang an­dauernd anzusehen ist, ist die Dauer der Freiheitsentziehung mit den Anlasstaten und mit möglicherweise anderen im Falle einer Freilassung zu erwartenden Taten abzuwägen (BVerfG …)”,
so die Entscheidung des OLG Hamm 2013.
Konkret ging es dabei um diesen Patienten: Ein Mann aus der Gruppe der Sinti, wegen räuberischen Diebstahls, sexuellen Missbrauchs eines Kindes sowie versuchten sexuellen Missbrauchs eines Kindes verurteilt zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren mit angeordneter Unterbringung gemäß Paragraph 63 StGB sei freizulassen wegen fehlender Verhältnismäßigkeit trotz Fortbestehens der Rückfallgefahr, wenn die Unterbringung im Maßregelvollzug bereits mehr als 24 Jahre andauere (hervorgehoben von EREPRO), und die verbleibende Rückfallgefahr durch Auflagen und Weisungen im Rahmen der Führungs- und Bewährungsaufsicht gemindert werden könne, so dass mit der Entlassung ein vertretbares Risiko eingegangen wird.1 Das ist für manche Bürger sicher harter Tobak.

Man bekommt den Eindruck, dass in der forensischen Psychiatrie Psychotherapie im engeren Sinne oder gar „Soteria“ (Begleitung von Menschen in psychotischen Krisen mit möglichst geringer neuroleptischer Medikation)  Fremdworte sind. Es wird sogar beklagt, dass man gar nicht mit den straffällig gewordenen Patienten rede. Der Mensch werde “ignoriert hinter den Bezeichnungen”.

Ein Mitglied des Bundesverbandes der Psychiatrieerfahrenen berichtet in den Mails, dass  1.100 Psychiater mit staatlichem Gewaltmonopol  “beliehen” seien, und damit ohne richterliche Anordnung und Gerichtsentscheidung Zwang ausüben können. Das alarmierte uns:
So einfach ist es aber nicht! Wir stellten fest, dass infolge der Privatisierung psychiatrischer Kliniken bereits in verschiedenen Bundesländern Regelungen erlassen wurden, private Träger mit hoheitlichen Aufgaben psychiatrischer Kliniken zu beleihen. Verfassungsrechtlich ist das nicht unumstritten.
Das führt zu der Grundsatzfrage:
Sollten Psychiatrische Kliniken überhaupt privatisiert werden und Trägern mit Gewinnmaximierungsabsicht  überlassen werden? Die massive Kritik an der privaten Vitos Klinik in Haina und Gießen legt eine negative Antwort nahe. Denn welchen Stellenwert haben für diese Geschäftsleute humanitäre Werte?2

2.  Maßnahmen, welche die Missstände im Maßregelvollzug  korrigieren könnten.
Die begutachtenden Psychiater nehmen ihre enorme Macht  nicht immer verantwortungsbewusst wahr. Mehr Kontrolle der gutachterlichen Ergebnisse wird deshalb wie ein Mantra gefordert.

Die unzureichende Qualität der psychiatrischen Gutachten wird unter anderem auch auf persönliche Probleme der Psychiater zurückgeführt.
Interessant ist dazu eine SWR-Sendung vom 28.6.2018  “Planet Wissen” mit einem psychiatrischen Gutachter, Titel “Verrückte Gutachten, wenn Menschen entmündigt werden.” Kritische Aussagen auch hier. Von “Schlechtachten” ist die Rede als maßgeblicher Fehlerquelle, von eigentlich notwendigen „Befangenheitchecks“ für  die begutachtenden Psychiater, die selten durchgeführt werden, aus Angst Aufträge zu verlieren. Eine Psychiaterin berichtet in der Sendung über die Auswahl der Gutachter je nach gewünschtem Ergebnis.3

Die Forderung nach obligaten Zweitgutachten, die gesetzlich vorgeschrieben werden könnten, würde wohl die Zustimmung (fast) aller am Maßregelvollzug beteiligter Gruppen finden. Das wirft jedoch Probleme der Finanzierung auf.

Könnte das Rückgängigmachen der Privatisierung psychiatrischer Kliniken  den Maßregelvollzug verbessern? Das war immer eine Forderung von EREPRO. Matthias Seibt von dem Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen (BPE) weist jedoch darauf hin, dass alle Ärzte und Psychiater gewinnorientiert arbeiten, nicht nur die in den privaten Kliniken des Maßregelvollzugs, dass es also keinen großen Unterschied mache zwischen privater und öfffentlicher Trägerschaft der Psychiatrie-Kliniken.4

1986 waren noch dezentralisierte forensische Übergangseinrichtungen in NRW vorgesehen zur Eingliederung der Patienten in ihr Lebensumfeld und in die Gemeinschaft nach Beendigung der Unterbringung.  Diese Planungen wurden ersatzlos gestrichen.5

Gesetzlich vorgeschriebene Besuchskommissionen sind Kontrollorgane, die Missstände aufdecken könnten. Sie tagen – so wird berichtet – oft seltener als  in dem gesetzlich vorgeschriebenen Rhythmus, der sowieso schon von vielen als nicht ausreichend angesehen wird. Patienten verzichten wohl häufig darauf, mit der Besuchskommission zu sprechen, aus Angst vor Repressalien wie der Aufhebung von sogenannten „Lockerungen“, wobei unklar ist, wieweit die Kommissionsmitglieder überhaupt den Kontakt zu den inhaftierten Patienten suchen. Es sei fraglich, “auf welcher Seite die stehen”.
Eine Leserin hat uns dazu ein aufschlussreiches Video geschickt: https://www.facebook.com/kleiner.onkel.73/videos/814197618621835/

Ein Leser mit eigener Psychiatrieerfahrung ist bereit, in einer Besuchskommission im Maßregelvollzug mitzuarbeiten, weiß aber nicht recht, wie er dabei vorgehen soll. Vorschläge dafür reichen von der Aufforderung erst einmal einen Verein zu gründen bis zum Hinweis, mit dem hessische Ministerium für Soziales  und Integration Kontakt aufzunehmen, von dem andere sagen, dass sie dieser Institution “völlig  machtlos gegenüberstehen”. Auch er hatte dort keinen Erfolg. Er schreibt, ein Mitglied einer Besuchskommission, antwortete – darauf angesprochen – lapidar “Wenden Sie sich an die Presse”.
Die Berichterstattung über den Maßregelvollzug in den Medien wurde übrigens eher positiv beurteilt.

Auch Verbandsvertreter von Psychiatrieerfahrenen nehmen an den Besuchskommissionen  teil, was von einem Mitglied des Verbandes (BPE)  für einen Fehler gehalten wird.
Man verfüge im BPE über “keine Mittel gegen das System vorzugehen”, und habe nur sehr bedingt Einblick in den Maßregelvollzug, sei darum für Gerichtspsychiatrie-Erfahrene nicht zuständig. Der Mann sieht die Menschenrechtsverletzungen dort durchaus, “dass es so etwas tatsächlich gibt und zwar legal abgesichert”, ohne dass er solidarisch der Ausgrenzung dieser Menschen entgegen wirken will.

Von dem “ extremistischen Berliner Verband der Psychiatrieerfahrenen” distanzieren sich übrigens diese hessischen PE , insbesondere wegen seiner “reißerischen Formulierungen”, die angeblich denen der Sekte Scientology ähneln.
Dazu muss man wissen, dass sich diese Sekte seit Jahrzehnten mit ihrer “Kommission für Verstöße gegen Menschenrechte in der Psychiatrie” engagiert, wobei es ihr wohl vorrangig um Mitgliederwerbung geht.

EREPRO lag also wahrscheinlich falsch mit der Annahme, der Verband der Psychiatrieerfahrenen könne die Interessen der vergessenen Menschen im Maßregelvollzug vertreten.

Unter dem Motto “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es” fordert eine Diskussionsteilnehmerin uns Bürger auf, Patienten auf den geschlossenen Stationen psychiatrischer Kliniken zu besuchen und mit den zwangsbehandelten Menschen zu reden.
Das entspricht auch einem großen Anliegen von EREPRO. Erfahrungsberichte dazu finden Sie auf dieser Homepage, insbesondere von Angelika Kurella: https://www.erepro.de/2016/11/18/gespraech-ueber-gefesselte-auf-geschlossener-psychiatrischer-station/.
Diese Besuche – so die Hoffnung – könnten zu mehr Transparenz psychiatrischer Arbeit beitragen und mehr öffentliche Aufmerksamkeit  ermöglichen für die teilweise unmenschlichen Zustände dort.
Den Vergessenen im Maßregelvollzug hilft dieser Vorschlag allerdings wenig, da der Zugang für Besucher in forensischen Kliniken schwierig ist.

Wir möchten noch kurz auf einen aufschlussreichen Artikel in den Sozialpsychiatrischen Informationen 3/2018, S.37 hinweisen, von einem Vertreter des Bayerischen Angehörigenverbandes, Karl Heinz Möhrmann, der in einem Beitrag fragt, “Wer vertritt die Interessen zwangsuntergebrachter Menschen in der Psychiatrie?” Zu den traditionellen Möglichkeiten der Interessenvertretung, die auch in dem EREPRO Artikel erwähnt wurden (Patientenfürsprecher etc.), nimmt er kritisch Stellung, favorisiert jedoch eine Einrichtung wie die österreichische Patientenanwaltschaft, die bei allen (unfreiwilligen) Unterbringungen von Amts wegen aktiv wird, und vor allen Dingen unabhängig und weisungsungebunden ist. Denn Patienten im Krisenzustand sind kaum in der Lage, sich aktiv um Anfragen bei Rechtsanwälten zu kümmern oder Interessenvertreter zu beauftragen.
Auch wenn der deutsche Verfahrenspfleger, der von EREPRO empfohlen wurde, die größte Nähe zum österreichischen Patientenanwalt aufweise, sei sein Nutzen viel geringer. So werde er beispielsweise nicht bei einer öffentlich-rechtlichen Unterbringung eingeschaltet.
Mörmann weist auch darauf hin, dass erst nach dem Fall Mollath in Nordrhein-Westfalen und Bayern durch die Einrichtung von Maßregelvollzugs-Beiräten und Fachaufsichtsbehörden oder Beschwerdestellen Ansprechpartner für die gegen ihren Willen untergebrachte Menschen und ihre Angehörigen geschaffen wurden.6
Für die öffentlich-rechtlich Zwangsuntergebrachten gebe es also jetzt eine Aufsichtsbehörde, während diese für die zivilrechtlich (durch rechtliche Betreuer) untergebrachten Menschen fehle.
Die Anregung des Autors, in dem neuen bayerischen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz Assistenzen für Menschen mit seelischen Behinderungen vergleichbar der österreichischen Patientenanwaltschaft einzuführen, sei auf Unverständnis und Desinteresse gestoßen unter Hinweis, dass hierfür der Bundesgesetzgeber zuständig sei.

Der Deutsche Ethikrat hörte am 24.2.2017 Sachverständige zum Thema „Zwang in der Psychiatrie“ an. Es war die größte Anhörung, die der Ethikrat je durchgeführt hat.“7

Juristisch ist in den letzten Jahren einiges korrigiert und im Interesse der Patienten geregelt worden. Deutschland hat die Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Das Verfassungsgericht hat am 24.7.2018 geurteilt, dass eine Fixierung in Zukunft nicht ohne einen richterlichen Beschluss durchgeführt werden darf, wenn sie “absehbar nicht weniger als eine halbe Stunde dauert, (dann) reicht die Anordnung eines Arztes nicht aus.”8
Die Bundesländer müssen ihre Regelungen dementsprechend ändern. Das ist natürlich ein Riesenschritt in Richtung auf mehr Humanität in der Psychiatrie.
Wolfgang Janisch schreibt in der SZ vom 25.7.2018, es gehe darum, “dass der Rechtsstaat den Fuß in der Tür der geschlossenen Psychiatrie hat, in der – so heißt es im Urteil – Patienten ‚in eine Situation außerordentlicher Abhängigkeit‘ versetzt seien. Grundrechte verdorren leicht in abgeschlossenen Welten”. “Durch überforderte Mitarbeiter, durch ‘nicht aufgabengerechte Personalausstattung’ oder schlicht durch Betriebsroutinen und ‘Eigeninteressen der Einrichtung’” (die Zitate im SZ-Zitat sind die Worte des Gerichts).
Ein Richtervorbehalt ist in der Psychiatrie nicht neu und kein Allheilmittel, aber – so Janisch – “dem Psychiatrie-Urteil merkt man das Bemühen der Richter an, diesen Richtervorbehalt zum effektiven Instrument zu  machen.”

Heribert Prantl legt in der Süddeutschen Zeitung vom 24.7.2018 nahe, dass sich mit dem neuen Urteil des Bundesverfassungsgerichtes die Situation für „Schutzbedürftige“ sehr zum Besseren ändern werde.

Unter dem Titel „Kein starkes Urteil aus Karlsruhe“ wird in überzeugender Argumentation die Enttäuschung des Verbandes der Psychiatrieerfahrenen (BPE) über das Verfassungsgerichtsurteil zur Fixierung dargelegt – von Gangolf Peitz (BPE-Newsletter 02.08.2018, www.bpe-online.de).
Vor allem, weil die Fixierung nicht als „Folter“ klassifiziert wurde, sondern als eine legale Behandlungsmethode, die nur kontrollierter als bisher durchgeführt werden müsse.
Eine sehr konsequente, und damit notwendige menschenrechtliche Auffassung des BPE.

Es gibt ohnehin neben der Fixierung weitere Methoden, unbotmäßige Menschen mit Zwang (und ohne Richtervorbehalt) zu behandeln, wie Isolierung und Zwangsmedikation etc..

Wie viel Zwang im Umgang mit psychisch kranken Menschen angewendet wird und angewendet werden muss, hängt zum großen Teil von der Haltung und Einstellung der Mitarbeiter ab, von der Beziehung zu dem erregten Patienten, und dem bisherigen zwischenmenschlichen Umgang.
Das  könnten Gründe sein für die stark variierenden Prozentzahlen (von 1 – 12%) der zwangsbehandelten Klienten in den verschiedenen psychiatrischen Kliniken Deutschlands.9

Alle juristische Regelung nützt also wenig, wenn nicht eine “Kulturveränderung” eintritt, die “bei der Ausbildung von Ärzten und Pflegepersonal beginnen müsse”,  “um die ethische Urteilskraft zu schärfen, um ungerechtfertigte Zwangsmaßnahmen als solche zu identifizieren und möglichst zu vermeiden”, sagt der Theologe Bormann.10
EREPRO fügt dem hinzu, dass auch Richter, die über Zwangsmaßnahmen entscheiden, informiert und fortgebildet werden müssen über die wichtigsten, aber auch die unterschiedlichen Erkenntnisse der Psychiatrie zur Gefährlichkeit und Uneinsichtigkeit von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Auch dadurch kann die Macht von Psychiatern eingegrenzt werden.
Bei der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie, einem großen Fortbidlungsanbieter, fehlt es unserer Kenntnis nach bisher an Fortbildungsangeboten  für Richter.  Das Institut für forensische Psychiatrie der Charité in Berlin bietet Veranstaltungen zur psychiatrischen Fortbildung von Richtern an. Ebenso die Deutsche Richterakademie, wie „Psychiatrie und Strafrecht“. Inwieweit diese Angebote Richter in die Lage versetzen, mit der Kritik an Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie angemessen umzugehen, kann von hieraus nicht beurteilt werden.

Es muss dringend eine viel größere öffentliche Aufmerksamkeit auf die Tatsache von Menschenrechtsverletzungen in Psychiatrischen Kliniken und im Maßregelvollzug gelenkt werden, und die Zwangspsychiatrie aus dem Dunkel befreit werden, in dem Menschen vergessen werden.
Wir Deutsche schauen gerne auf andere Länder herab, in denen Menschenrechte verletzt werden und sprechen dort Ermahnungen aus:
Kehren wir aber auch vor unserer eigenen Tür! Dafür hat das Verfassungsgericht jetzt eine Voraussetzung geschaffen.
Ch. Kruse

 

Anmerkungen
1https://psychiatrietogo.de/2012/01/19/bundesverfassungsgericht-bestatigt-dass-private-trager-forensische-kliniken-betreiben-durfen/
https://openjur.de/u/600201.html
https://www.vitos-haina.de/nc/haina/service/aktuelles/article/vitos-klinik-fuer-forensische-psychiatrie-haina-entwichene-patienten-gefasst.htmlre.
Heinz Kammeier und Pollähne, Helmut, Maßregelvollzugsrecht, 2018,C 74-77
2 Sebastian Reinke, 2010, Privatisierung des Maßregelvollzugs nach Paragraphen 63, 64 StGB, Paragraph 7 JGG und der Aufgaben nach Paragraphen 81, 126a StPO : dargestellt am Beispiel des Brandenburger Modells.
https://books.google.de/books/about/Privatisierung_des_Ma%C3%9Fregelvollzugs_nac.html?id=XpuJYAX9HokC&printsec=frontcover&source=kp_read_button&redir_esc=y
Heinz Kammerer und Helmut Pollähne, Maßregelvollzugsrecht, 2018, C 74 – C77
3 www,planet-wissen.de/sendungen/sendung-entmuendigung-menschen-100.html
Mehr zum Thema bei EREPRO auf dieser Website „Wer darf begutachten?“
und  „Psychiatrische Gutachten unter zeifelhaften Umständen.“
4https://vielfalter.podspot.de/post/interview-mit-matthias-seibt-aus-der-sendung-vom-5-marz-2018/
5 Heinz Kammerer und Helmut Pollähne, Maßregelvollzugsrecht, 2018, C 74 – C77
6 s. Die Frage der Verhältnismäßigkeit,  Fachtagung in Irsee vom 10.12 2017.
Hier findet sich eine ausführliche Übersicht über die Novellierung des Paragraph 63 StGB.
7 www.ethikrat.org
8  Pressemitteilung des Verfassungssgerichtes zum Urteil über Fixierung  https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2018/bvg18-062.html;jsessionid=B3A69266EC15100F2356773C636D86D9.2_cid394
https://www.tagesschau.de/inland/psychiatrie-103.html
https://www.taz.de/Verfassungsgerichtsurteil-zu-Psychiatrie/!5523349/
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/96643/Bundesverfassungsgericht-erhoeht-Anforderungen-fuer-eine-Fixierung
9https://www.zwangspsychiatrie.de/2018/01/psychiatrische-fixierung-anhoerung-beim-bverf/
10https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/88839/Bundesverfassungsgericht-verhandelt-ueber-Freiheitsbeschraenkung-durch-Fixierung

Die folgenden drei Dateien wurden uns mit der Mail von J. Schön vom 3.1.2019 zugeschickt:

Die Vergessenen

Eine Leserin von “EREPRO NEWS” hat uns auf eine neue Ton-Bilder-Schau aufmerksam gemacht: “Pippi im Folterland. Über Zwang, Willkür und Isolation in der Zwangspsychiatrie.” Wir geben die Anregung weiter, da es unseres Wissens wenig entsprechendes, allgemein verständliches Informationsmaterial über Zwangspsychiatrie bzw. Maßregelvollzug gibt, und fügen einige Bemerkungen hinzu.
Zunächst ein kurzer Hinweis, was unter Maßregelvollzug zu verstehen ist. Es gibt in Deutschland zwei Möglichkeiten des Umgangs der Gerichte mit Straftaten: Strafe für Tatschuld einerseits, und andererseits Anordnung der Besserung und Sicherung für “schuldunfähige” Täter, die als “sucht- bzw. psychisch krank” diagnostiziert wurden.

In der Ankündigung der Ton-Bilder-Schau heißt es:
(Zitat) “240.000 Menschen werden jedes Jahr in Deutschland gegen ihren Willen psychiatrisch zwangsbehandelt. Solche Behandlungen haben es in sich. Es sind qualvolle Unterwerfungsrituale, bei denen die eine Seite alle Macht hat und die andere keine. Das geben die Chefs deutscher Kliniken selbst zu. Der Wille des Patienten würde gar nichts zählen, schrieb der Leiter einer forensischen Psychiatrie in einem Brief an die Vorsorgebevollmächtigte eines Gefangenen – und erteilte ihr Hausverbot. Auch andere Verbrechen geben die Täter*innen in Weiß offen zu: Wenn passende Medikamente fehlen, würden halt andere genommen. Die seien dann zwar nicht zugelassen, aber das mache nichts. Disziplinarmaßnahmen würden als Therapie verschleiert. 18 bis 25 Jahre kürzer würden Menschen leben, die über lange Zeit Psychopharmaka nehmen – in der Regel: nehmen müssen. Der Staat hat mit den geschlossenen Psychiatrien Räume geschaffen, in denen die Untergebrachten Freiwild sind. 359 Euro erhalten die Kliniken dafür pro Tag und Person. Die Klinikärzt*innen sitzen selbst vor Gericht und schreiben die Gutachten, die ihnen die Betten füllen. Über Fördervereine organisieren sie ein zusätzliches, undurchsichtiges Umfeld. Die Ton-Bilder-Schau des investigativen Journalisten Jörg Bergstedt gibt einen tiefen Blick hinter die Kulissen der Zwangspsychiatrie, dargestellt vor allem an Unterlagen, die aus den Psychiatrien selbst stammen. Den Abschluss bildet die Frage, wie eine Welt ohne Zwangsbehandlungen aussehen könnte – und was das alles mit Pippi Langstrumpf zu tun hat.
Die Ton-Bilder-Schau könnt Ihr gerne bei Euch zeigen – als Film oder Live mit Referent. Anfragen dazu sowie Korrekturen und Ergänzungen zur Ton-Bilder-Schau an saasen@projektwerkstatt.de.
Die Songs und Fernsehausschnitte dienen dem Beleg der Aussagen in der Ton-Bilder-Schau und zeigen, dass auch dort die Verbrechen der Psychiatrie ganz offen geschildert werden – auch von den Täter*innen.
Gewidmet der Kämpferin Eva Schwenk, die genau an dem Tag starb, als dieser Film fertig wurde. Sie hat, ausgebildet als Psychologin, stets ohne Karriere- und Geldinteressen für die Betroffenen gestritten – als Autorin (Fehldiagnose Rechtsstaat), Gegengutachterin, Besucherin und Unterstützerin in den Anstalten sowie auf viele andere Art und Weise.” (Ende des Zitats)

Mitarbeiter von EREPRO haben sich diese Ton-Bilder-Schau angesehen.1 Eine ganze Reihe von Aussagen finden sich auch auf der Homepage oder in den hilfe Blättern von EREPRO – ohne, dass wir uns alle Aussagen im einzelnen zu eigen machen.2
Wir sind also über die dargestellten Missstände in der Psychiatrie informiert, trotzdem war es schwer erträglich, damit so geballt konfrontiert zu werden. Mit Entsetzen hat EREPRO immer wieder über die Menschenrechtsverletzungen in der Zeit des Nationalsozialismus berichtet. Aber ist es nicht wichtiger, aktuelle skandalöse Verletzungen der Rechte von Menschen mit psychischen Problemen auch in unserer Zeit anzusprechen? Nämlich  dass sie – ausgelöst durch häufig dilettantische Gutachten von Psychiatern –  als “schuldunfähig” im Maßregelvollzug zwangsbehandelt werden. Dass sie dort verschwinden  und, wenn sie keine Angehörigen haben, die sich kümmern, nicht selten vergessen werden – auch von der Öffentlichkeit.3 Das verlangt die Beachtung und Verbreitung dieser Ton-Bilder-Schau.

Vielleicht wird in 70 Jahren4 –  also 2088 – wieder eine Ausstellung an einige dieser menschlichen Schicksale erinnern, sowie an die unseriösen, verhängnisvollen Gutachten und die entsprechenden Gerichtsbeschlüsse nebst darauf folgende jahrelange Zwangs-Klinikaufenthalte im Maßregelvollzug. Und die späteren Psychiater werden sich vielleicht dann auch wieder entschuldigen.

Auch wenn nicht alle Informationen in dieser Ton-Bilder-Schau unbedingt verallgemeinert werden können, so sind sie doch viel zu oft zutreffend.
In unserer eigenen psychiatrischen Arbeit in einem Sozialpsychiatrischen Dienst haben wir mehrere Beispiele erlebt von menschlichen Verhängnissen im Maßregelvollzug. Hilflos und ohnmächtig gegenüber den Entscheidungen der Gutachter und ihnen blind folgenden Gerichten blieb uns in keinem Fall anderes übrig als diese Menschen, die uns lange bekannt waren, regelmäßig in den meist weit entfernten Anstalten zu besuchen und mit ihnen zu diskutieren, sich in diesen Einrichtungen so angepasst wie möglich zu verhalten, um ihnen überhaupt irgendwann mal zu entrinnen. Und später – nach ihrer Entlassung – zu helfen, die Kontakte zu Selbsthilfegruppen in dem sozialpsychiatrischen Dienst und zu Freunden und Verwandten in ihrem Heimatort wieder herzustellen.

Der Versuch mit einem begutachtenden Psychiater, Klinikdirektor, der – im Gegensatz zu uns – einen straffällig gewordenen Klienten gar nicht kannte, um – nach Entbindung von der Schweigepflicht – über dessen “Ungefährlichkeit” ins Gespräch zu kommen, fand keinerlei Resonanz. Ernüchternd der Gedanke, dass der dabei bekannt gewordene jahrelange Kontakt  des Klienten mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst den Gutachter zu einer noch negativeren Prognose veranlasst haben könnte!!
“Kein Risiko eingehen” – diese Haltung bestimmte die gutachterlichen Aussagen.

Ängstlichkeit der Gutachter zwingt Menschen auf diese Weise jahrelang (u.U. auch lebenslang) ganz unabhängig von der Schwere seines Gesetzesverstoßes zu einem Leben hinter Mauern.

Die Situation im Maßregelvollzug ist für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, die Bagatellstraftaten begingen, oft derart unsäglich, dass darüber möglichst breit informiert werden muss – und sei es als Warnung vor den Gefahren in der Psychiatrie. Diese Ton-Bilder-Schau wurde dafür erarbeitet.
In einer etwas gekürzten Form ist sie durchaus für größere Schüler im Schulunterricht geeignet. Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung könnte eine ihrer Veranstaltungen In Berlin  damit bestreiten und bei der Verbreitung der Informationen helfen (gegebenenfalls auch mit Ergänzungen). In Volkshochschulen und Veranstaltungen vieler gesellschaftlicher Gruppen könnte die Schau präsentiert und diskutiert werden.

Aber was kann man noch tun, außer zu informieren?
Es gibt forensische Kliniken, die Patienten im Vorfeld (der Aufenthalt dort entspricht einer Untersuchungshaft)  noch einmal begutachten und untersuchen, um Fehleinweisungen zu verhindern.5 Ein Korrektiv für die Gutachten?

“Unterwerfungsrituale” hin oder her, dass in diesen Kliniken “eine Seite alle Macht hat und die andere keine”, ist unhaltbar. Darum die Frage: Wer vertritt die Interessen dieser fast vergessenen Personengruppe? Bei der Google-Suche kommt als Antwort: die Verbände der Psychiatrieerfahrenen. Sie empfehlen, in erster Linie  sich vor der Psychiatrie durch eine Patientenverfügung zu schützen6 und setzen sich für deren juristische Absicherung ein.
1.  Zur Vertretung der individueller Rechte einzelner Insassen gibt es für Beschwerden der Patienten z. T. Ombudsleute, die allerdings von den Klinikdirektoren berufen werden. Ebenso Patientenfürsprecher. Wie weit sind diese im Konfliktfall auf Seiten der Patienten? Achten sie beispielsweise auf die “rechtzeitige(n) vorherige(n) (vor der Unterbringung, EREPRO) Aushändigung des Gutachtens an den Betroffenen”?7

Wenn ein Patient keinen Rechtsanwalt hat, bzw. sich – wie die meisten – keinen leisten kann, wie sollen seine individuellen Rechte in diesem komplizierten rechtlich/psychiatrischen Bereich gewahrt bleiben? Auch die meisten gesetzlichen Betreuer mit den üblichen Aufgabenbereichen sind damit überfordert.
Es könnte einigem Unrecht vorbeugen, wenn jedem, der keinen eigenen Rechtsanwalt hat, tatsächlich ein (obligatorischer!) Verfahrenspfleger zugeordnet würde.7
2. Zur Verbesserung der Gesamtsituation ist mehr Transparenz im Maßregelvollzug die bescheidenste Minimalforderung. Das heißt die Anfertigung differenzierter Statistiken über die Belegung der Einrichtungen (was bisher nicht geschieht), und  effektive und häufigere als jährliche Kontrollen und Überprüfungen der Arbeit der Zwangspsychiatrie.8
Konkret brauchen wir Gesetze und Regelungen, welche  die Hilfe für die betroffenen Menschen in den Vordergrund stellen und nicht die sogenannte Gefahrenabwehr. “Bei Einführung des Gesetzes stand zunächst der Sicherungsgedanke ganz im  Vordergrund. Mit der Strafrechtsreform im Jahr 1975 gewann der Behandlungsgedanke an Bedeutung. Die Überschrift des entsprechenden Gesetzes-Absatzes wurde umgekehrt: Statt ‘Maßregeln der Sicherung und Besserung’ heißt es seitdem ‘Maßregeln der Besserung und Sicherung’ (Kammeier, 2002).”9 Ob das etwas gebracht hat?

Aus einem Spiegel Interview mit  den Gutachter Psychiater Kröber 2017:
“Spiegel: 2016 wurde der psychiatrische Maßregelvollzug gesetzlich reformiert. Was versprechen Sie sich davon? Kröber: Das hilft uns, Patienten früher zu entlassen. Bisher musste man beweisen, dass jemand ungefährlich ist, um ihn entlassen zu können. Heute muss man umgekehrt nach sechs Jahren Unterbringung darlegen, dass er wirklich wieder erhebliche Straftaten begehen wird, um ihn drinnen zu behalten. Nach zehn Jahren liegt die Hürde für eine Verlängerung der Unterbringung noch höher.”10

Datenschutz spielt eine immer größere Rolle und muss gesetzlich geregelt werden.10a

Um die Arbeit begutachtender Psychiater und der zuständigen Richter zu verbessern, und sie bei der Ausübung von Zwang gegenüber straffällig gewordenen Menschen mit psychosozialem Hilfebedarf besonders zu sensibilisieren, ist ihre Schulung in humanistischer Sozialpsychiatrie zu empfehlen – auch für den kompetenten Umgang mit ihrer eigenen verständlichen Angst.11
Bei der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP), die viel und gute Fortbildungsarbeit in diesem Bereich leistet, gibt es allerdings kein einschlägiges Angebot für Richter bzw. Juristen.

Die von EREPRO dokumentierte Anfertigung des UN-Staatenberichtes Deutschland fordert ebenfalls Abhilfe angesichts der Zwangspsychiatrie in Deutschland!12 Nur – wann werden dessen Änderungsvorschläge realisiert?

Wie kann die Durchsetzung der Rechte von psychisch behinderten Straftätern – auch im Sinne der UN- Behindertenrechtskonvention  – gegenüber der Zwangspsychiatrie an Fahrt aufnehmen? Wer setzt sich dafür mit Leidenschaft ein?13

Grundsätzliche Forderung bleibt
1. die Abschaffung des zweigliedrigen Umgangs mit Delikten, der Strafe für Tatschuld einerseits, und der „Besserung und Sicherung“ für “schuldunfähige“ Täter andererseits. Diese zweiteilige Regelung wurde im 19. Jahrhundert konzipiert und 1933 als Gesetz verabschiedet.14
2. Streichung des Paragraph 63 StGB15, der bald nach der Machtergreifung 1933 von den Nationalsozialisten eingeführt wurde.

Am 15. September 2015 hat sich das „Kartell gegen § 63“ gegründet.
Begründung der Abschaffungsforderung der Gruppe:
“Zwei Merkmale des Vollzugs des § 63 in der forensischen Psychiatrie:
– Willkürliche und regelmäßig längere Freiheitsberaubung als bei einem vergleichbaren Delikt im Regelvollzug
– Erzwungene Körperverletzung durch psychiatrische Zwangsbehandlung.
Der UN-Sonderberichterstatter über Folter und grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung, Juan Méndez, hat bereits seit 2013 einen ‘absolut ban’ jeder Zwangsbehandlung legitimierenden Gesetzgebung gefordert. Staatlicher Zwang zu erduldender Körperverletzung per Gesetz steht vor der Todesstrafe als schärfste Sanktion des Strafrechts.”16

Natürlich wird die psychische Verfassung und die psychosoziale Situation eines Straftäters immer in die Urteilsfindung des Richters einfließen, aber es muss eine Strafe verhängt, und nicht vom Richter wegen einer nebulösen “Schuldunfähigkeit” eine unklare sogenannte “Besserung” in einer unbestimmten Zeitspanne beschlossen werden, ganz abgesehen von einer prognostisch schwer feststellbaren späteren Gefährlichkeit.

Die Psychiatrie verfügt schon lange über sinnvollere und wirksamere  Methoden der Hilfe und Begleitung für Menschen mit psychischen Belastungen als die der Zwangsverwahrung und -therapie in stationären Maßregelvollzugseinrichtungen.
In einem Artikel der Sozialpsychiatrischen Umschau,17 einer ziemlich positiven Darstellung des Lebens im Maßregelvollzug, beschreibt ein ehemaliger Insasse, jetzt dort Peer-Therapeut, wie sinnvoll Anwendungen und Verfahren, die denen der Sozialpsychiatrie entsprechen, auch in der Forensik sein könnten.18
Ehrenamtliche Mitarbeiter, Laien mit Interesse an Psychiatrie werden seit vielen Jahren mit großem Erfolg in der Sozialpsychiatrie eingesetzt.19 Offensichtlich ab und zu auch in der stationären Forensik – und das geht sicher nicht nur mit ehemaligen Insassen.
Dieser Vorschlag mag manchen Insidern abwegig erscheinen, da der Bürger ihnen eher in Initiativen gegen den Standort von Kliniken des Maßregelvollzugs entgegen tritt denn als Helfer. Aber ein Einsatz ehrenamtlicher Bürger durch die Klinik könnte eventuell bei diesen Konflikten sogar eine Vermittlungsfunktion haben.
Da die Herkunftsorte der Patienten in der Regel weit entfernt von der Forensischen Klinik liegen, sind Besuche von Freunden und Bekannten erschwert, und Laienmitarbeiter  könnten neben Gesprächsmöglichkeiten auch einen indirekten “Kontakt zur Außenwelt” bieten. Auch bei der “Gefährdungsbewertung” der Patienten durch das multiprofessionelle Team könnte ihre Stimme gehört werden. Bei Gelegenheit sind sie vielleicht weniger betriebsblind.
Zunehmend werden an die forensischen Kliniken Institutsambulanzen angeschlossen für entlassene Patienten. Sinnvoller ist es allerdings, die Nachbetreuung im Heimatort der Strafentlassenen durchzuführen.

Wem die (zwar nicht unangemessen!) laute und angespannte Stimme  des Autors der Ton-Bilder-Schau etwas auf die Nerven geht, kann sich bei YouTube das Video einer öffentlichen Anhörung bei der Humanistischen Union Marburg zum Thema “Menschenrechtsverletzungen durch psychiatrische Gutachter?” anschauen. “Obwohl sie eine immense Wirkung für die Begutachteten haben,” so heißt es dort, “werden sie (die Gutachten, EREPRO) auf fragwürdige Weise erstellt und in problematischer Weise gewürdigt,” Die Diplom-Psychologin Eva Schwenk aus Mainz äußert sich mit sanfter Stimme über psychiatrische Gutachten aus Sicht der Psychologie. “Viele Gutachten werden ihrer Beobachtung zufolge den fachlichen Ansprüchen nicht gerecht, die die Zunft selbst an derartige Untersuchungen stellt.”20 Eva Schwenk hat sich mutig in diesem Bereich der Menschenrechtsverletzungen in der Psychiatrie engagiert. Sie hat ein Buch darüber geschrieben.21

Schrecken und Fassungslosigkeit und – tatsächlich – leider auch der fast unabweisliche Wunsch nach Verdrängung dieser unmenschlichen Seiten der aktuellen Psychiatrie, bestimmen die Reaktion unserer sog. Zivilgesellschaft.22

Dass gerade die nach der Zwangsbehandlung entlassenen Menschen mit besonderen psychosozialen Belastungen die Unterstützung und Hilfe ihrer Mitmenschen dringend benötigen, um ein für sie lebenswertes und menschenwürdiges Leben führen zu können, spielt bei den Angeboten der heutigen Psychiatrie kaum eine Rolle.

 

Anmerkungen
1 Aufzeichnung am 2.3.2018 in Bremen (Veranstalter: StattPsychiatrie)
https://www.youtube.com/embed/pJXUbAWIAP0
saasen@projektwerkstatt.de
2
EREPRO: Stationärer Maßregelvollzug: anders ist besser!

11. September 2014 (Psychiatrieleben)
http://www.erepro.de/2014/09/11/stationarer-masregelvollzug-anders-ist-besser/
und
Psychiatrische Gutachten – unter dubiosen Umständen
18. August 2014 (Fachforum)
http://www.erepro.de/2014/08/18/psychiatrische-gutachten-unter-dubiosen-umstanden/
und
Abschaffung des Paragrafen 63 Strafgesetzbuch!
27. September 2015 (Gut zu wissen)
http://www.erepro.de/2015/09/27/abschaffung-des-paragrafen-63-strafgesetzbuch/
3 Zuletzt kurz in der letzten Folge der Serie Bella Block 24.3.2018 – der Fall Mollath ist schon fast vergessen. Die Künstlerin Nina Hagen engagiert sich auch gegen das Vergessen zwangsbehandelter Menschen in der Psychiatrie.
4 So lange dauerte es bis zur Anerkennung einer Schuld an den NS Verbrechen durch den Fachverband der Psychiater DGPPN mit Organisation einer Wanderausstellung darüber. Auch wenn 2018 nicht annähernd so viele Menschen durch diese psychiatrischen Zwangsmaßnahmen betroffen sind (zur genaueren Diskussion der Zahlen s. T. Henking, J.  Vollmann Hrsg., Zwangsbehandlung psychisch kranker Menschen, DOI 10.1007/978-3-662-47042-8_2, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015), nämlich 240 000 (s.o.), mindert das die Unmenschlichkeit selbstverständlich nicht.
“Psychiater und die Vertreter ihrer Verbände haben in dieser Zeit (Nationalsozialismus, EREPRO) ihren ärztlichen Auftrag, die ihnen anvertrauten Menschen zu heilen und zu pflegen, vielfach missachtet und eigenständig umgedeutet.” Man wollte “sich zu der eigenen Vergangenheit (zu) bekennen und aus der Vergangenheit (zu) lernen.”
https://www.dgppn.de/schwerpunkte/psychiatrie-im-nationalsozialismus/rede-schneider.html/de/nav_main/erwachsene/institut___klinik_fuer_forensische_psychiatrie/institut___klinik_fuer_forensische_psychiatrie_1.html
5 wie im LVR-Klinikum Essen. http://www.klinikum-essen.lvr.de/de/nav_main/erwachsene
6 BPE, Psychiatrische Zwangsbehandlung abschaffen. http://www.bpe-online.de/
und

https://www.zwangspsychiatrie.de
s. Werner Fuß Zentrum Berlin und Ra Wähner, Solidaritätsfond
7http://www.bundesanzeiger-verlag.de/betreuung/wiki/Unterbringungsverfahren#Bestellung_eines_Verfahrenspflegers
8 s.T. Henking, J.  Vollmann Hrsg., Zwangsbehandlung psychisch kranker Menschen, DOI 10.1007/978-3-662-47042-8_2, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015
9 s. Die Geschichte des Maßregelvollzugs, PDF mwv-berlin.de>leseprobe_images
10 http://www.spiegel.de/spiegel/gerichtsgutachter-hans-ludwig-kroeber-im-interview-unglueck-liebe-rache-a-1144322.html
und

zur detaillierten Diskussion der Novellierung: Rechtsanwalt Dr. jur. habil. Helmut Pollähne, Nach der Reform des Unterbringungsrechts (§ 63 StGB) ist vor der Reform. Kriminalpolitische Zeitschrift 1/2016
https://kripoz.de/2016/06/10/nach-der-reform-des-unterbringungsrechts-%C2%A7-63-stgb-ist-vor-der-reform/
10a allerdings nicht so, wie in dem Entwurf für das neue bayerische Psychiatrie Gesetz, s. http://spon.de/afdap
11 Das im Entwurf vorliegende neue bayerische Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (PsychKHG) gibt wenig Grund zur Hoffnung auf Verbesserung der Situation.

s. taz.die tageszeitung vom 16.04.2018: der tag 2, S.2.
12 http://www.erepro.de/2015/06/05/staatenberichtsprufung-deutschlands-zur-umsetzung-der-un-behindertenrechtskonvention-un-brk-durch-die-vereinten-nationen-abschliesende-bemerkungen/
und
http://www.erepro.de/2015/05/04/staatenprufung-deutschlands-durch-un-behindertenausschuss-hat-stattgefunden/
Zitate daraus: “Die Praxis von Zwangsunterbringung und -behandlung in der Psychiatrie wurde mehrfach angesprochen.” “Das System muss in allen Teilen praktisch befähigt werden, Zwang im Zusammenhang mit Unterbringung und Behandlung zu vermeiden.”
13 Folgende Gruppen veranstalteten am 17.4.2018 im Haus des CVJM München eine kritische Diskussion über das  neue bayerische Gesetz: Gesundheitsladen München e.V., Netzwerk Psychiatrie München e.V., Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ), Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. (IPPNW) Oberbayern. Können diese Organisationen noch mehr tun? Was ist geplant?
14 https://de.m.wikipedia.org/wiki/Ma%C3%9Fregelvollzug
15 Text des Paragrafen 63 StGB:
Hat jemand eine rechtswidrige Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit (§ 20) oder der verminderten Schuldfähigkeit (§ 21) begangen, so ordnet das Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an, wenn die Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat ergibt, daß von ihm infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind, und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist.
16 http://www.erepro.de/2015/09/27/abschaffung-des-paragrafen-63-strafgesetzbuch/
und
https://psychiatrielager.blogspot.de/2016/07/kartell-gegen-63.html
17 Sozialpsychiatrischen Umschau17 2/2018 S. 15
18 »Für meine Genesung bin ich selbst verantwortlich, ich kann jedoch nicht alleine gesund werden«, Toon Walravens Weg zum Peer-Berater in der Forensik, Sozialpsychiatrische Umschau 2018, S.15.
19 s. hilfe Blätter von EREPRO Nr. 13 Brauchen wir noch Ehrenamtliche in der Sozialpsychiatrie?  https://www.erepro.de/hilfe-blatter-von-erepro/
20 https://hpd.de/artikel/12346
21 Eva Schwenk, Fehldiagnose Rechtsstaat: Die ungezählten Psychiatrieopfer, 2004.
22 Die ganz große Ausnahme: die Sängerin und Schauspielerin Nina Hagen! Sie ist Mitglied der “Irrenoffensive” und im Werner Fuss Zentrum Berlin. Sie hat sich wirklich aktiv für die Freilassung von Mollath und anderen aus dem Maßregelvollzug engagiert, und bei einem Film (“Geisteskrank? Ihre eigene Entscheidung”) mitgewirkt, der Psychiatriepatienten empfiehlt, eine Patientenverfügung anzufertigen. “Die schlaue Patientenverfügung”, www.patverfue.de.

Trauer

Es ist so ungeheuerlich, was in der Nazizeit mit Menschen in der Psychiatrie geschehen ist, dass es mich immer wieder gedrängt hat, etwas zu tun.
Ich habe mich seit den fünfziger Jahren gründlich über die Nazi-“Euthanasie” informiert, die Informationen auch gegen Widerstände weitergegeben, und später versucht, eine einigermaßen humane Psychiatrie zu praktizieren.
Aber abschließen kann man dieses Kapitel nicht. Mittlerweile hat sich der Aktivismus gelegt und es drängt mich viel mehr, meinen Schmerz und meine Trauer darüber mit anderen Menschen zu teilen.

Die Opfer der “Euthanasie” waren Menschen mit schweren Beeinträchtigungen. Somit  waren sie dringend auf Hilfe und Unterstützung ihrer Mitmenschen angewiesen. Pflegekräfte haben in den Heimen mit ihnen zusammen gelebt und waren ihnen in der Regel eng verbunden. So wie die Angehörigen, ob sie nun mit den Pflegebedürftigen unter einem Dach lebten oder nicht.
Dann hat man ihre Lieben tatsächlich umgebracht oder gezielt verhungern lassen, und das nur notdürftig kaschiert. Das ist nicht zu fassen. Ein Massenmord mitten in Deutschland. Und wozu? Das war keine Opferung von Menschen für einen vermeintlich höheren Zweck wie im Krieg und zur Landesverteidigung – was auch schwer nachzuvollziehen ist. Nein, es geschah einfach so. Und wird bis heute als “Euthanasie” bezeichnet – als Gnadentod. So rechtfertigten sich die Mörder, und der eine oder andere glaubte das vielleicht tatsächlich  – in völlig pervertierter Für-Sorge?

Die einfache menschliche Hilfsbereitschaft – übergangen, verboten, ausgesetzt.
Wie das geschehen konnte, ist unbegreiflich. Und nur mit allergrößter Anstrengung kann man heute genügend Realitätssinn aufbringen, damit es gelingt zu glauben, dass dieses Massaker tatsächlich stattgefunden hat. Und dann? Hilflosigkeit, Lähmung, Verstummen. Es ist geschehen. In unvorstellbarem Ausmaß. Bei uns. Zu unseren Lebzeiten. Was soll man damit anfangen?
Wie geht man heute um mit den Gefühlen der Nachgeborenen, die von diesen Ungeheuerlichkeiten erfahren? Es gehört zum Einsatz für eine menschliche Psychiatrie, Hilfen zu bieten, sich mit dieser schrecklichen Realität zu beschäftigen, damit sie nicht verdrängt und vergessen werden muss, weil sie überhaupt nicht fassbar ist.

Ich möchte ruhig verharren und an das Leiden der Getöteten und derer, die ihnen nahestanden, denken. Aber gemeinsam mit anderen, die so empfinden wie ich.

Am Anfang stand  Hitlers Verfügung vom 1. September 1939, welche einige Ärzte aus ihrem Auftrag (“Kranke vor Schaden und willkürlichem Unrecht zu bewahren”) entließ mit der “Befugnis” zur Tötung beeinträchtigter und psychisch belasteter Menschen,

Am Jahrestag dieser Anweisung konnte man jahrelang Frau Ruth Fricke vom Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen treffen am Grundstück Tiergartenstraße 4, Berlin, wo früher die Zentrale für die Massentötungen stand – im Gedenken an die Getöteten und im entschlossenen Einsatz für eine würdige Gestaltung dieses Ortes als Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde.
Heute ist dieses Ziel erreicht. Es gibt diese Gedenkstätte.
Und an jedem ersten Samstag im September wird weiterhin auf Initiative des Bundesverbandes der Psychiatrieerfahrenen mit Frau Fricke der schrecklichen Morde gedacht. Zu dieser Gedenkfeier trafen sich heuer ca. 40 Personen in einem Raum der Philharmonie, die heute an der Stelle der “Euthanasie”-Zentrale steht.
Am Vortag gibt es jetzt eine offizielle “Begleitveranstaltung”, ausgerichtet von den 14 Verbänden des sog,  “Kontaktgesprächs Psychiatrie“ mit Vorträgen in der “Topographie des Terrors”. Information und wissenschaftliche Diskussion dominierten, immerhin unter dem  engagiert klingenden Motto “Gegen das Vergessen – aus der Geschichte lernen”.

Zum Trauern fand hier nicht viel Gelegenheit.
Das “Grußwort” des Vertreters der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V.) allerdings ermöglichte mir Zugang zu diesen Gefühlen. Ein kurzer Moment gemeinsamen Verharrens angesichts des Entsetzlichen.

Ausgerechnet – mag mancher denken. Diese Fachgesellschaft DGPPN, die sich als Nachfolgeorganisation des  nationalsozialistischen Psychiater-Berufsverbandes versteht, hat sich erst vor ein paar Jahren dem Thema der Kranken- und Behindertenmorde durch Psychiater in der NS-Zeit gestellt. Viel später als andere Organisationen und Verbände, die auch Verbrechen an Hilfsbedürftigen und ihren Bezugspersonen begingen.

Der Autor dieses Grußwortes, Dr. Christian Kieser, Chefarzt einer Potsdamer Psychiatrischen Klinik, hat uns freundlicherweise seinen Text zur Verfügung gestellt. Leider haben wir keine Videoaufnahme des Grußwortes, denn die spürbare innere Beteiligung des Vortragenden tat ein Übriges zu dessen Wirkung.

Grußwort zur Gedenkveranstaltung für die Opfer von Patienten Mord und Zwangssterilisation in der NS Zeit.
September 2017

Sehr geehrte Frau Fricke, sehr geehrte Damen und Herren,

Im Oktober 1939 ermächtigte Adolf Hitler mit einem auf den 1. September 1939, den Tag des Kriegsbeginn zurückdatierten Einschreiben an den Leiter der Kanzlei des Führers Philippe Bouhler und Hitlers Begleitarzt Karl Brandt mit der organisatorischen Durchführung der als „Euthanasie” bezeichneten Tötung von “lebensunwertem Leben”. Die schriftliche Anweisung für die Euthanasiemorde war auf Hitlers privatem Briefpapier geschrieben und besteht aus einem einzigen Satz mit folgendem Wortlaut:
Reichsleiter Bouhler und Dr. med Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustand der Gnadentod gewährt werden kann.”

Mit diesem – so technisch und formal klingenden – Ermächtigungsschreiben wurde der Mord an 250.000 bis 300.000 psychisch kranken und behinderten Menschen angeordnet. Dieses Verbrechen gesellte sich zu der Zwangssterilisation, der 300. 000 bis 400.000 psychisch kranke und behinderte Menschen zum Opfer gefallen sind und bereits am 14 Juli 1933 wenige Monate nach der Machtergreifung Hitlers durch das “Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” grausame Realität wurde.

Ich spreche heute zu ihnen als Mitglied des Vorstands in Vertretung des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Die Zeit des Nationalsozialismus zählt zu den dunkelsten Kapiteln der Geschichte unseres Fachgebietes. Psychiater und die Vertreter ihrer Verbände haben in dieser Zeit ihren ärztlichen Auftrag, den ihnen anvertrauten Menschen zu helfen, sie zu pflegen und zu heilen, sträflich missachtet.

Angesichts dieser unfassbaren, schrecklichen Verbrechen war die Einrichtung der Gedenk- und Informationsstätte für die Opfer der “Nazi-Euthanasie vor 3 Jahren hier an diesem Ort der Tiergartenstraße 4 ein wichtiges Zeichen. Dies war möglich nach vielen Jahren des intensiven Einsatzes der Mitglieder des “Runden Tisches T4”, an dem sich auch die DGPPN beteiligte.

Die Gedenkveranstaltung, zu der wir uns heute hier zusammen finden, findet mittlerweile seit Jahren statt. Nach anfänglich noch geringer Beteiligung gehören dem Aktionskreis “T4 Opfer nicht vergessen” mittlerweile sehr viele Organisationen an. Dafür gebührt vor allem Ihnen, Frau Fricke, als Initiatorin und Organisatorin, unser aufrichtiger Dank!

Das Motto in diesem Jahr ist “Aus der Geschichte lernen”. Das bedeutet, sich der Vergangenheit zu stellen und sich der eigenen, besonderen Verantwortung bewusst zu sein. Dies betrifft natürlich unsere Fachgesellschaft aber vor allem uns als Ärzte, Psychiater und auch als Bürger.

“Geistiger Tod”, “Ballastexistenzen”, “lebensunwertes Leben”, all diese Worte gehen nur sehr schwer über die Lippen. Sie erschüttern und verstörend zutiefst – und im Wissen um die aktive Beteiligung von Psychiatern an Gleichschaltung, Zwangssterilisierung und Mord erfüllen sie uns mit Scham, Zorn und großer Trauer. Erst 70 Jahre nach den Taten hat die deutsche Psychiatrie sich systematisch mit ihrer Vergangenheit und der Geschichte ihrer Vorgängerorganisationen in der Zeit des Nationalsozialismus befasst und begonnen diese aufzuarbeiten. Ein wichtiges Anliegen der Fachgesellschaft war und ist – unabhängig von allen noch zu erhebenden historischen Details – bei den Opfern von Zwangsemigration, Zwangssterilisierung, Zwangsforschung und Ermordung, um Entschuldigung zu bitten.

Vor diesem Hintergrund ist es von besonderer Bedeutung, dass das (Nach)-Forschen nicht aufhört und wir uns weiterhin aktiv mit dem Vergangenen auseinandersetzen. Viele Aspekte und Hintergründe der damaligen Verbrechen sind immer noch nicht ausreichend beleuchtet und aufgeklärt.

Leid und Unrecht, schon gar nicht der Tod, können nicht ungeschehen gemacht werden. Aber wir können lernen – und wir haben dazu gelernt, die Psychiatrie ebenso wie die gesamte Medizin, Politik und Gesellschaft. Wir können gemeinsam für eine humane, menschenwürdige, am einzelnen Menschen orientierte Psychiatrie eintreten und gegen die Stigmatisierung und Ausgrenzung psychisch Kranker kämpfen – im steten Gedenken an die Opfer. Auch angesichts der aktuellen medizinethischen Diskussionen, bei denen es nur zu schnell auch um den “Wert” oder “Unwert” von Menschen geht, sind wir gehalten, eindeutig und entschieden Stellung zu beziehen.

Das unermessliche Leid, welches den Opfern der Euthanasie-Verbrechen wie auch deren Angehörigen und deren Nachfahren angetan worden ist, lässt sich schwer in Worte fassen. Ernst Putzki, der 1945 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet worden ist, schreibt zwei Jahre zuvor in einem Brief an seine Mutter über die Zustände in der hessischen Landesanstalt Weilmünster: “Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. (…) Die Menschen werden zu Tieren und essen alles, was man eben von anderen kriegen kann. (…) Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß, wer der Nächste ist”. Angesichts dieses unfassbaren Grauens bleibt uns Scham, Schuld, Demut und die uneingeschränkte Übernahme von Verantwortung.
Sehr geehrte Damen und Herren, haben Sie vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Gespräch mit einer Ehrenamtlichen. Gefesselt auf geschlossener psychiatrischer Station

Kurzfilm (31′) über ein Gespräch mit Angelika Kurella, die Psychiatriepatienten auf geschlossenen Stationen besucht hat. Mehr als zwei Jahre nach ihrem plötzlichen Tod am 14. April 2014 können wir hier Filmaufnahmen von Juli 2013 zeigen, welche die Filmemacherin Sigrun Schnarrenberger und der Kameramann Dominik Schoetschel bearbeitet und EREPRO freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben.

Wir haben Ausschnitte aus einem gefilmten Gespräch zusammengestellt, das die Regisseurin mit Frau Kurella und einem jungen psychiatrieerfahrenen Mann geführt hat, der anonym bleiben will. Es handelt sich um Recherchematerial (© Schnarrenberger Juli 2013, http://www.mixed-marbles.de/) für einen Film, der Frau Kurella ein großes Anliegen war, der aber leider nicht mehr wie geplant verwirklicht werden konnte. Unser Dank gilt der Familie Kurella für die Unterstützung dieses Projektes.

Frau Kurella war jahrelang ehrenamtliche Mitarbeiterin von EREPRO und hat auf dieser Homepage und in hilfe Blätter von EREPRO Artikel veröffentlicht. Sie war  jemand, der die Wahrheit über ein Tabu-Thema an die Öffentlichkeit brachte und sich für die Rechte von Menschen einsetzte, deren Bedürfnisse zum Teil missachtet werden.

Hier ist der Film:

Zusammenstellung einiger Artikel von Frau Kurella:

DURST! von Angelika Kurella

Humor trotz aller Beschwerden

Psychisch krank? Sie sind nicht allein.

Dankesbrief an A. Kurella

„Wissen Sie, dass der Patient verwirrt ist?“ von A. Kurella

Die kataton/hebphrene Psychose ist nicht unheilbar

Mitbringsel von A. Kurella

Verwahrlost unter Aufsicht! Ist das Krankenpflege? Angelika Kurella

Wer hilft nach Klinikentlassung? von Angelika Kurella

Wie man Patienten ganz bewusst täuscht: Das müsste man ändern! von Angelika Kurella

Ein gereimtes Gedicht

Der Nervenarzt ganz sachlich nickt,
der Läppische leicht blinzelnd blickt,
der Arzt wird zunehmend säurer,
uns beiden wird das immer ungeheurer.

Da sagt der Läppische ganz gelassen:
“Herr Oberarzt, rauchen wir erst mal eine”,
antwortet der Seelenforscher ganz gemessen:
“Das ist genau das, was ich selbst grad meine.”

Nur fängt plötzlich der Doktor an zu brüllen!
“Sie geistige Null wollen mich hier killen!”
Der Trottel fühlt sich gar nicht schuldig.
Nun wird der Facharzt langsam ungeduldig.

Da stellt der Seelendoktor die erste Frage.
Der Patient weiß gar nicht, was er dazu sage.
Erwähnt werden muss, ich bin der Trottel.
Wenn ich gar nichts sage, das weiß der Zottel,
kann er gar nicht schreiben, ich bin der Trottel.

So muss er endlich was finden,
und fragt ganz einfach nach dem Befinden.
Der zu Untersuchende sagt, “Wir sind per Sie!”
“Gut,” sagt der Arzt, “dann schmeiß ich halt den Laden hie!”

Gert Springmann, 2016

 

 

Der Autor schreibt dazu am 4.4.2016 an EREPRO:

ich habe wieder Gedichte verfasst. Die wollte ich Ihnen wieder vorlegen. Sie sind nicht gut, sie sind anfängerhaft, stümperhaft, dilettantisch, ungel((enk))?, unbeholfen….. , schwerfällig, naiv, ohne Witz und Form, anders ausgedrückt, es handelt sich hier um nicht verwertbare, vollkommen missglückte, nicht vorzeigbare Versuche, mit denen man sich gar nicht präsentieren sollte. (…)

Ich beschäftige mich wieder damit, ja versuche es unter schwierigsten Bedingungen, die an Absurdität, Lächerlichkeit, Kuriosität, und Dummheit nicht zu übertreffen sind, wieder kurze Texte zu schreiben, was fast unmöglich ist, was man sich nicht zumuten sollte, was einem keine Vorteile bringt, man versucht zu arbeiten, eine…….. Angelegenheit: denn wenn etwas nicht gefragt ist, dann ist es Arbeit. (…)

Ich lebte das Leben anderer. Rosa Klimm

Als ich so tief gefallen war, wurde mir langsam bewusst, dass in meinem Leben einiges gewaltig schief lief. Bisher lebte ich meist das Leben anderer, nicht mein Leben. Nur, was war mein Leben? Das musste ich herausfinden. Und so begann ich Stück für Stück mein Leben umzukrempeln. 

Immer war ich ein Verstandesmensch gewesen. Doch plötzlich kam ich damit nicht mehr weiter. Ich begann auf mein Herz und Gefühl zu hören.

Als erstes musste ich lernen, mich auszuhalten in meiner Verzweiflung, in meiner Verletzlichkeit, in meiner Angst, in meiner Ungeduld. Ich übte ständig meine Angst auszuhalten, und dass Panikattacken mich nicht umbrachten.

Mein Tag wurde durchstrukturiert mit Disziplin und Regelmäßigkeit, mit viel Bewegung an der frischen Luft bei jedem Wetter. Und es waren die ganz banalen Dinge des Alltags, die ich hart durchzog: früh aufstehen, einen Plan machen für den Tag und ihn auch einhalten.

Das erste halbe Jahr wollte ich mit niemandem reden. Ich musste für mich einen Weg finden, der begehbar wurde. Dann begann ich mit den Gesprächen in dem Sozialpsychiatrischen Dienst, den ich von meiner ehrenamtlichen Tätigkeit her kannte. Dort konnte ich wirklich über alles reden und bekam viele neue Aspekte aufgezeigt. Ich glaube, ohne diese vielen Gespräche hätte ich es nicht so leicht alleine geschafft.

Schon lange wollte ich meine Wohnung umgestalten. So begann ich diese von Grund auf zu renovieren. Praktische Arbeit hat mich schon immer abgelenkt. Ich hatte ja alle Zeit der Welt. Meinen ersten Urlaub alleine (ohne meinen Partner) musste ich planen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen alleine zu fahren. Das hatte ich zuvor noch nie gemacht.
So fuhr ich zu meiner Tante, zwei Jahre hintereinander und war dort für ein paar Wochen gut aufgehoben. Danach konnte ich wieder klar denken.

Bald schon fing ich an Tagebuch zu schreiben, und nach kurzer Zeit war dieses Aufschreiben ein fester Bestandteil meines Tages. Mein ganzes Leben ackerte ich dabei durch.

Mindestens ein Jahr lang habe ich geheult und geschrien, wann immer ich alleine war.

Im Laufe der Jahre habe ich so eine Menge Kladde-Bücher vollgeschrieben, die ich im letzten Jahr mit einer Wonne durch den Reißwolf gejagt habe. Es war ein Freudenfest. Am Schluss verbrannte ich einen Rest mit Zugabe von Weihrauch in einem alten Topf. Das war vielleicht ein gewaltiger Abschluss!

Die Natur mit ihrem Werden und Vergehen und wieder Werden wurde mir zu einer ganz großen Lehrmeisterin. Da kapierte ich, dass nichts verloren ist und immer wieder Neues entsteht.
Ich setze mich mit meinem inneren Schweinehund auseinander. Dieser sollte nicht mehr die Oberhand behalten. Dabei begann ich so etwas wie innere Streitgespräche mit diesem zu führen.

In Unordnung war ich geraten, und ich entwickelte einen eisernen Willen, da wieder herauszukommen – ohne Arzt und ohne Pillen.
Ich füllte mein Leben mit ganz neuen Aktivitäten, die ich mir vorher nicht hätte vorstellen können, richtete alle meine Sinne danach aus, etwas zu finden, was mich ausfüllen könnte.

Jetzt ist es beileibe nicht so, dass alles nur so flutscht, als sei nie etwas gewesen. Meine Strategien, mein Leben zu gestalten, wende ich nach wie vor an.

 

Den folgenden Text habe ich im Jahr 2003 in mein Tagebuch geschrieben:

Auf meinem Weg.

Anfangs war er schrecklich, er bestand aus Hürden, die unüberwindlich waren. Dieser Weg war so schmal, dass ich keinen Platz darauf hatte. Es gab nur ein Tasten. Kann ich dieses Stück Weges wagen, stürze ich wieder ab, und wie tief geht es hinab? Schaffe ich dann den Aufstieg wieder? Es war eine Gratwanderung. Alles war so kantig, so spitz um mich herum. Es gab nur Verletzungen. Überall bin ich angestoßen und blutete oft.

Doch ich konnte nicht liegen bleiben, sonst wäre ich erstarrt. Es galt dieses bisschen Leben zu erhalten, nicht erfrieren zu lassen.

Und so war es anfangs nur ein Fallen und Aufstehen, Fallen und Aufstehen. Bis ich langsam das Laufen wieder lernte. Vorsichtig tastend, nach allen Seiten schauend, ob nicht wieder etwas im Weg war, ging es vorwärts. Und wehe, wenn ich nicht genau hinschaute, lag ich schon wieder auf der Schnauze.

Es lauerten so viele Gefahren auf diesem Weg und es gab keine Wegweiser. Nirgends stand die Richtung angeschrieben. Ist er überhaupt richtig dieser Weg, führt er ins Verderben, führt er ans Licht?
Niemand kann ich fragen, nirgends nachschlagen. Ich kann nur gehen, nur nach vorne schauen, denn das da vorne ist weniger schrecklich, als alles was dahinter liegt.

Das Fallen wird weniger und ich lerne mich umzusehen und einen sicheren Halt auf dem Boden zu finden und einen neuen Schritt zu wagen. Und so langsam entsteht Sicherheit. Ich merke, ich stürze nicht mehr so leicht, ich habe Halt gefunden.  Am Rand erscheint ein Geländer, an dem ich mich festhalten kann, hochziehen, wenn ich wieder mal ausgerutscht bin.

Eine Stütze ist da, eine Richtschnur, an der ich mich festklammern kann. Sie war immer da, ich sah sie nur nicht mehr. Zu sehr war ich damit beschäftigt, den Aufprall zu mindern, denn die Verletzungen bei diesen Stürzen wurden immer schlimmer.

Dann begriff ich, wenn ich mich festhalte, rutsche ich zwar aus, aber ich falle nicht mehr so tief. Ich kann den Aufprall mindern, abfangen.

Und die Sicherheit kommt und stärkt das Rückgrat.

Mein Fuß tritt jetzt fest auf, er rutscht nicht mehr weg. Die Hürden kann ich jetzt gut nehmen, kann sie überspringen. Sie werden kleiner. Oder habe ich gelernt lockerer darüber zu springen?

Der Weg wird breiter, ich muss mich nicht mehr festhalten. Ich kann ohne Hilfe gehen, laufen, anfangen zu springen. Es gibt keine Hürde mehr, die ich fürchte, ich habe sie alle genommen. Ich brauche auch keinen Umweg mehr zu gehen, habe gelernt den direkten Weg zu gehen und jedes Hindernis in Kauf zu nehmen.

Mein Weg ist nun überschaubar geworden. Ich kann es mir aussuchen, in welche Richtung ich gehen will. Es sind keine Felsbrocken mehr auf meinem Weg, die unüberwindbar sind. Die Hindernisse die sich nun vor mir aufbauen sind zu bewältigen.

Ich weiß nicht, ob die Hindernisse kleiner geworden sind, oder ob meine Kraft größer geworden ist. Vielleicht beides!
Rosa klimm

Mein Partner ist wohl depressiv – wir wollen keine Psychiatrie

  

Mein Partner ist abgeschnitten
von mir  
zur Zeit.                                                                       

So verschwindet er
immer mal wieder
aus meinem Leben
Und ist doch da

Das geschieht
nicht regelmäßig. 
Auslöser sind mir unbekannt.
Obwohl beobachtet mit Protokoll,
trotz Internetrecherche und Nachdenken.
       
Es gibt kein Prinzip, es gibt kein System.
Der Zustand ist wie Wetter.   
Man weiß es nicht vorher,
und kann es gar nicht steuern.

Anzeichen – ja.     
Vor allem Unentschlossenheit fällt auf,
banale Dinge zu entscheiden.
„Das weiß ich nicht“ –
so lautet die Begleitmusik.
                                                      
Wenn es dann soweit ist,
stell ich mich darauf ein.
Hoffentlich sehr schnell,   
um mich zu schützen    
                                            
Schützen?

Vor plötzlicher Zurückweisung.
Bis hin zum aggressiven Korb,
nicht zu berechnen und ganz ohne Anlass
verstärkt durch Alkohol, der ja enthemmt –
dann mehr als sonst.

Ich bin genervt und ecke an,
vergesse, dass es wieder soweit ist,
mach Fehler ohne Überlegung:
Gewohnheit – Sicherheit – Vertrautheit
verführen mich dazu.

Schlagartig unterbrochene Verbindung,
schnell-wortlose Verständigung ist futsch.
Beginn der Zeit des großen Schweigens:
aktiv Zurückhaltung in Diskussion,
Aufmerksamkeit und Lust an meinen Themen,      
das wird nun eine zeit lang nicht mehr sein.

Fremd, isoliert, so stehe ich allein.
Beginne neu den Lernprozess,
der dauert bis allmählich –
gebranntes Kind – ich vorsichtiger bin.
Rückgriff auf meine Eigenständigkeit.

Blindheit im Zwischenmenschlichen
macht Umgangsformen harscher
und somit weniger sensibel –
so geht man um mit einem Hund.
Lautstark wird’s oft von meiner Seite,
wie wenn ich meinen Partner wecken will,
ihn, der nur kalt und gleichgültig sich gibt.

Lässt Orientierung an dem Gegenüber nach?
Was heißt das – weniger an Empathie?
Entzug von Sicherheit der Selbstverständlichkeit,
stand darauf die Beziehung?
Ein Rest von Anstandsregeln
verhindert, dass nicht alles
uns aus dem Ruder läuft.

Ich bin verletzt.
Doch mein Bedauern überwiegt.
Ich ahne, wie ich meinen Partner störe,
der nicht so reagiert wie sonst,
sich nicht auf alles einlässt.

Kann er Eindrücke schwerer integrieren?
Das denke ich.
Er schließt sich ab, wie um sich mehr zu sammeln.
Und alles weitere bedrängt ihn nur.
Auch, dass ich immer da bin,
das tut ihm nicht gut.

So mache ich
mich möglichst unsichtbar.
Dann geht es schon.

Ich sehe, wie er leidet.
Verhindern kann ich’s kaum,
er fühlt durch mich Herabsetzung
durch Vorschläge und kleine Tipps –
sogar Berührungen verletzen.

Entsprechend fehlt es an Respekt und Wertschätzung
für mich in diesen Zeiten.
Erniedrigung kommt vor
durch diesen reservierten „Fremden“,
den alle doch für meinen Partner halten.
Maßlose Wut kann mich dann packen.

Ich glaube nicht, dass  ich die Kältephase
verkürzen kann durch Mitgefühl –
genau so wenig helfen Lob und Anerkennung.
Es ist ganz einfach ein Naturereignis,
dem wir dann beide ausgeliefert sind.

Jetzt komme keiner mir mit Psychiatrie.
Um welche Störung geht’s denn hier ?
Liegt sie bei mir oder bei meinem Partner?
Wer ist Patient und wer der Angehörige?

Dieselbe kalte distanzierte Haltung –
nur diesmal bei dem Personal –
ab in das Schubfach mit der Diagnose
Das brauche ich nicht noch einmal.
Ihr macht uns nicht zu den Gestörten,
denn solchen macht Leben keinen Spaß.
Wir leben zwar am Rande der Gesellschaft
freiwillig und nicht abgeschoben.
Beruflich sind wir sehr gut drauf.
Mein Partner ist gebildet, geistreich, kreativ.
bewundert von sehr vielen Männern
und von den Frauen so wie so.

Die Psychiatrie, die würde das zerstören.
denn sie zersetzt den Stolz von jedem,  den sie trifft,
weil sie an ihm herum zu pfuschen anfängt.
Sie würde wagen ihn zu messen,
aus selbstherrlicher Besserwisserei.
Als ob das Leben kontrolliert abliefe,
und gerade wir uns schämen müssten.

Man will dort chemisch ins Gehirn eingreifen.
Was dabei vorgeht, ist noch nicht erforscht.
Man drängt dazu,
doch muss ein jeder für sich selbst entscheiden
wann denn der eigne Zustand
ihm unerträglich wird.

Mein Partner klagt nicht –
außer über mich.
Und unerträglich wird das Leben nicht.
Da hab ich keine Ängste.
Es gibt ja eine Perspektive.

Wir sind zusammen. Und es bleibt dabei.
Das Leben außerhalb der Kältephasen,
genießen wir
und oft sogar in dieser Zeit

Die Absicht von Beratern
Störungen zu tilgen,
erklärt sich nur berufsbedingt.
Das Reden drüber ist meist Zeitverschwendung.
Es sei denn, man hat Lust dazu.
Verführt wird dabei mancher Kunde
zu glauben an den Zauber der Veränderung
durch Therapie – 
dann ohne ständig neuen mühevollen Einsatz,
weil man ihm klar gemacht:
er selber sei unmöglich –
so wie er ist.
Das ist fatal.
Der Mensch wird unglücklich,
weil er derselbe bleibt.

Und wir versuchen’s weiter.
Es ist ein Auf und Ab.
Wir sind nicht ständig glücklich,
sogar zeitweilig sehr verrückt,
und das macht Angst.

Doch es geht schon
“Es gibt ja immer einen Ausweg“
sang eine jüdische Songsingerin.

Uta von Bebar

Über meinen Leidensweg. Bericht an einen Psychotherapeuten.

Der Autor stellt seinem Bericht einige Thesen voraus, anstelle einer Zusammenfassung:

1) Die Medikation (Psychopharmaka) muss mit dem Patienten „besprochen“ werden. Der
Psychiater sollte eine Art „Augenhöhe“ mit dem Patienten anstreben. (es gibt ein Urteil vom Bundesverfassungsgericht dazu!)

2) Auf vielen geschlossenen Psychiatrie-Abteilungen wird immer noch hochdosiert,
ohne Rücksicht zu nehmen. Die Praxis in den Kliniken entspricht nicht
dem rechtlichen Stand. Eine Zwangsmedikation traumatisiert den Patienten
langfristig, und ist rechtlich fragwürdig.

3) Neuroleptika werden akut sehr schnell hochdosiert, aber nicht mehr
verantwortlich runtergefahren. Das Ergebnis sind
Langzeit-Hochdosierungen, die schädigen. Oder das „runterfahren“ dauert
ewig lange, wegen dem Gehirnstoffwechsel: „es könnte ja wieder etwas
passieren“.

4) Kennen Sie „alte Schizophrene“. Ich nicht viele. Die meisten sterben
an Kreislaufversagen oder irgendetwas anderem, vor 60.. Neuroleptika!

 

Im März dieses Jahres holte mich das zweite Mal (zuvor im November 2014) eine belastende Grippe ein. (bzw. grippaler Infekt). Zu dieser Zeit nahm ich 10 mg Fluanxol und 1000 mg Seroquel ein, (Quietapin). Als ich am ersten Wochenende dieser Zeit meine Mutter besuchte, war ich geschwächt von der Grippe und belastet durch die Einnahme der Neuroleptika. Es kam zu einem beinah-körperlichen Zusammenbruch, und ich fuhr zurück nach Hause. Dort hatte ich darauffolgend Oberbauchkrämpfe und einmal heftige Nierenschmerzen. Diese waren auf meinen geschwächten Körper und vor allem auf die Einnahme von Fluanxol zurückzuführen, von dem ich ähnliche Symptome vorher schon kannte, nur nicht so heftig. Es ist bekannt, dass Neuroleptika schwere Nebenwirkungen haben, die langzeit-schädlich sind. Ich kann seit Jahren nicht vor 10:00 Uhr aufstehen (ich „komm nicht hoch“) und leide durchaus schon länger unter diesen Medikamenten, die auch nachweislich die Lebenserwartung verkürzen.

Ich bekam körperlich Angst, – mit 50 Jahren will ich mit meinem Leben noch etwas anfangen, und traf die Entscheidung, die Neuroleptika abzusetzen. Und zwar ganz.
Dies ist sicher ein Fehler gewesen, doch aus der Sicht der jahrelangen Nebenwirkungen auch verständlich. Ich wollte mich ganzheitlich behandeln lassen, und suchte auch schon nach einem alternativen Arzt.

Daraufhin wurde ich von allen Seiten unter Druck gesetzt, doch „meine Medikamente zu nehmen“, – auch von der Leitung des ambulant betreuten Wohnens, Frau X. Ich lebe in einer WG („betreutes Wohnen“), die ambulant betreut ist. Durchaus sinnvoll.
Im Zuge der Grippe und auch wegen des Drucks, dem ich ausgesetzt war, ging es mir schlechter. Die ständige Einnahme von Paracetamol (etwas anderes konnte der Hausarzt nicht empfehlen), war sicher auch nicht allzu hilfreich. Ich schlief tagsüber, und der Schlaf-Tag-Rhythmus kam aus dem Gleichgewicht. Nachts war ich z.T. unruhig, und lief in meinem WG-Zimmer hin und her.
Da ich nicht mehr an den gemeinsamen Mahlzeiten teilnahm, sondern nachts aß, tauchten „aus Sorge“ eines Abends 4(!) Polizisten und 2 Sanitäter auf, holten sich auf Grund von „Unterernährung“ , die eine Eigengefährdung sei, und auf Grund meines „desorientierten Zustands“ einen gerichtlichen Beschluss, und lieferten mich gegen meinen Willen in der geschlossenen Abteilung C 2 der Psychiatrischen Klinik hier (= „Bezirkskrankenhaus“ BKH) ein. 26. März. Dass ich „keine Medikamente nahm“ und „nicht essen würde“ wurde mir vorgehalten.

Auf der geschlossenen Station C 2 blieb ich eine Woche, und wurde dann auf mein Bitten auf die offene Station B1 verlegt. Ein Aufenthalt auf einer offenen Station, um mich zu stabilisieren, war für mich akzeptabel, die gerichtliche Unterbringung nicht.

Ich legte schriftlich Widerspruch beim Amtsgericht ein. Die Unterernährung stimmte nachweislich nicht, sondern war auf die körperliche Schwächung durch die Grippe zurückzuführen. Ich war auch nicht „desorientiert“, sondern unter Schock wegen der „verletztend auftretenden Staatsmacht“ (4 Polizisten!). Dazu wurde ein recht faires Gutachten erstellt, von einer Diplom-Psychologin und einem Oberarzt der C 2 , das auch meine Intelligenz und Sensibilität auf Grund meiner  langen psychosomatischen Geschichte durch die Neurodermitis berücksichtigte.

Am 24.04 d. J. (meinem Geburtstag) wurde der Unterbringungsbeschluss gegen mich vorzeitig aufgehoben. Zumal es auf der offenen Station keine „Komplikationen“ gab. Ich freute mich. Dennoch war die nächste Auseinandersetzung vorprogrammiert. Die Leiterin des betreuten Wohnens, Frau X nahm massiv Einfluss, dass ich „Medikamente nehmen müsse“. Ich nahm tatsächlich 800 mg Seroquel, verweigerte aber das Fluanxol wegen der schweren Nebenwirkungen.

Es kam zu einem Gespräch mit Frau X, Hr. Dr. XX (Oberarzt der Station B 1), Frau NN (Sozialarbeiterin für diese Station) und mir. Zu dieser Zeit war der Unterbringungsbeschluss noch aktiv, und ich daher entsprechend unter Druck. Keine schöne psychische Situation. Die Medikamente waren Thema. Ich erklärte, dass ich eine alternative Heilbehandlung anstrebe, und irgendwann „frei und ohne Neuroleptika“ leben wolle. Durchaus sei  ich bereit, diese in Akutsituationen zu nehmen, und auch eine Zeit übergangsweise, bis eine alternative Behandlung wirksam sei. Es wurde von mir eine Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und alternativer Behandlung vorgeschlagen. Dies wurde auch akzeptiert. Natürlich war die Dosierung der Medikamente Thema. Hr. Dr. XX von der B  1 (offene Station) zeigte sich durchaus offen für neue Wege. 

Kurz darauf wurde der gerichtliche Unterbringungsbeschluss gegen mich vom Landgericht aufgehoben. (Anmerkung von EREPRO: 14 Tage nach dieser Aufhebung wurde eine rechtliche Betreuung angeordnet). 

Das Mittel Fluanxol wurde mir dennoch in einer Dosierung von 5 mg später „nahegebracht“. Und ich nahm es, um weitere Diskussionen zu vermeiden. Allein dies war schon ein Unterlaufen der Gesprächsrunde.
Dass ich eine alternative Behandlung durchsetzen musste, ist allein schon ein Witz. Ich habe in Deutschland das Recht, die ärztliche Behandlung frei zu wählen.

Dann geschah etwas, was die Situation veränderte. Am Abend des 8. Mai  (Freitag) stand ich nach 20:00 Uhr (die offene Station B 1 schließt auch um 20:00 Uhr) am Haupteingang des BKH mit einigen Tüten, weil ich plötzlich Angst vor der Psychiatrie hatte. Ich glaubte, Herr F. (ein Betreuer von mir aus der WG) würde mich abholen und zurück in die WG bringen. Dies fiel auf, und ich war in dieser 40 Minuten dauernden wirren Phase auch für eine Pflegerin von der Station B 1 nicht ansprechbar.
Schließlich tauchte jemand von der geschlossenen Station C 1 auf, und ich wurde auf diese „geschlossene“ bugsiert. Verständlich aus der Sicht der Pflegerin, weil ich nicht ansprechbar war. Ich „träumte den Traum von der Entlassung“. Als ich mitbekam, wohin es ging (nämlich auf die „geschlossene“), war ich sofort wieder klar, und auch bewußt. Als sich die Türen hinter mir schlossen,  war das nicht mehr zu ändern. Ich hatte in 19 Jahren Schizophrenie noch nie eine „wirre Phase“, und glaubte, diese Situation ließe sich wieder lösen. Die diensthabende Nachtärztin, die mich aufnahm, und der ich die Situation schilderte, sagte dazu: „Naja, Hr.A., Sie stabilisieren sich über das Wochenende, und können wahrscheinlich am Montag wieder zurück auf die offene“.

Es stellte sich später heraus, dass man mich 5 Wochen auf der geschlossenen Station festhalten würde.  Am  Montag bei der Visite wurde mir tatsächlich versprochen, mich zügig auf die offene Station B 1 zurück zu verlegen. Dies geschah nicht in dieser Woche.
Als ich Abends dort meine Medikamente bekam, sah ich, dass ich 20 mg Fluanxol bekam. (Das war die 4-fache Dosierung dessen, was am „runden Tisch“ mit Hr. Dr. XX vereinbart war). „Naja, sie brauchen sich nicht wundern, dass sie auf der geschlossenen mehr bekommen, kommentierte ein Pfleger.  Seroquel bekam ich 1000 mg. Dies ist eine Dosierung, die mich „totmacht“. Man kann bis zu 1600 mg davon geben. Wie man sich dabei fühlt, spielt keine Rolle.

Ich verzichtete auf eine Diskussion um die Medikamente mit dem dortigen Oberarzt. Er gilt als Autokrat und Schulmediziner, und ich kenne ihn durchaus. Man wird dort nur entlassen, wenn man die Medikamente nimmt.
Der Oberarzt ist stellvertretender med. Leiter des BKH. Ich kommentiere dies nicht. Ich bekam auch keinen Ausgang. Ich irrte auf dieser geschlossenen Abteilung 3 Wochen ohne Perspektive und Ausgang herum, lief im Kreis herum und rauchte. Die erste Woche ließ ich abends zweimal die diensthabende Ärztin kommen, weil ich es nicht verkraftete. Diese waren freundlich, doch eine Verlegung auf die offene blieb aus.
Nach 10 Tagen wollte ich auf eigene Verantwortung gehen, – ich hatte immerhin keinen Unterbringungsbeschluss. Dies missglückte, da mir mitgeteilt wurde, dass die „Resozialisierung“ in die WG nicht abgeschlossen war. Dies ging wohl von der Leitung des betreuten Wohnens aus. (Frau X).
Damit hatte ich keine Möglichkeit entlassen zu werden, weil ich keine eigene Wohnung hatte. Die Situation wurde psychisch extrem belastend. Durch die fehlende Möglichkeit, in die WG zurück zu kommen, war ich ausgeliefert und erpressbar. Ich leide heute noch an einer posttraumatischen Belastungsstörung und an Alpträumen. Auf eine Diskussion über die Medikamente verzichtete ich, weil ich Angst hatte, dann nicht entlassen zu werden. Insgesamt läßt sich der Situation auf der geschlossenen Abteilung als „Leid“ ansehen. Nach 3 Wochen fasste ich mir ein Herz und fragte nach der Entlassung.

Inzwischen war ich wenigstens einmal in der WG gewesen in Form von Tagesurlaub, so dass die „Resozialisierung“ gut stand. Ich hatte mich mit den WG-Mitgliedern ganz gut verstanden, und heute bin ich dort angenommen und akzeptiert. Die Angst, wieder unter Druck gesetzt zu werden, ist dennoch unterschwellig noch da (posttraumatische Belastungsstörung). Ich werde wohl eine eigene Wohnung wieder anstreben. Einen Umzug verkrafte ich im Augenblick natürlich nicht.

Auf die Frage nach der Entlassung bekam ich die Antwort von dem Oberarzt, dass er sich meine Entlassung in ca. 14 Tagen vorstellen könne, wenn ich die Medikamente nähme. Und ich bekam stufenweise mehr Ausgang. Die Wiedereingliederung in die WG wurde ordentlich organisiert in Form von Tagesurlaub und Übernachtungstraining. Das Thema Medikamente sprach ich aus Angst nicht an. Die Dosierung von 20 mg Fluanxol war extrem belastend. So ruiniert man Menschen.
Der in Aussicht gestellte Entlassungstermin wurde tatsächlich eingehalten. Ich glaubte daran schon nicht mehr. Am 12. Juni wurde ich entlassen, unter der Bedingung, dass ich in die Institutsambulanz eingebunden würde. Dort bekam ich zuerst eine Medikamentenliste und Rezepte für die Neuroleptika. Gleichzeitig wurde mir bei der Entlassung von dem Oberarzt gesagt, dass gleich beim nächsten Mal der „Medikamentenspiegel“ durch eine Blutabnahme genommen würde. Die Absicht war klar: Kontrolle.

Ich genoss die Entlassung einen Tag. Dann fraß mich der Hass bzw. eine Art von Trauma auf. Man kann ein KZ-Trauma (Neuroleptika und die geschlossene Abteilung) nicht durch KZ (Neuroleptika) heilen. Ich tat genau dass, was mir nicht empfohlen wurde. Ich reduzierte die Einnahme der Neuroleptika schrittweise auf die in der Gesprächsrunde vereinbarte Dosierung von 800 mg Seroquel und immer noch 5 mg Fluanxol. Dies musste ich eigenständig tun, weil ich mich von dem Oberarzt und der Institutsambulanz massiv unter Druck gesetzt fühlte. Ich bin nicht bereit mich körperlich und seelisch ruinieren zu lassen. Dies ist geglückt, ich bin stabil und in der WG, in der ich z.B. gerne koche, angenommen.

Dennoch leide ich unter dieser Situation, solange ich keine vernünftige ganzheitliche Heilbehandlung bekomme. Die posttraumatische Belastungsstörung muss psychotherapeutisch aufgearbeitet werden. Man kann diese nicht durch Neuroleptika heilen, da genau diese ja die Ursache sind.

Meine Mutter, die mich jedes Wochenende auf der geschlossenen Station C 1 besuchte, war schockiert. Man muss es erlebt haben, wenn sich hinter einem immer wieder die zwei geschlossen Glastüren schließen. Ausgang hilft nicht, da die Angst, auf der „geschlossenen“ dort bleiben zu müssen, immer da ist.
Was ich positiv „mitbekommen habe“, ist eine unglaubliche Wertschätzung des Lebens „außerhalb der geschlossenen“. Und die Erfahrung, dass Freiheit und Selbstbestimmung für mich der höchste Wert sind.

Ich wurde am 26. März dort „untergebracht“, und bin im Juni, d.h. im Hochsommer entlassen worden. Mir fehlt das ganze Frühjahr. Ich nehme es als Erfahrung, sein Leben für eine Zeitlang zu verlieren. Nicht Neuroleptika, sondern das Leben, Liebe und Freiheit heilen.

Meine Schwester leidet, wie ich, ein ganzes Leben unter schwerer Neurodermitis. Noch dazu ist sie Lehrerin, muss also vor jungen Menschen auftreten. Eine schwere Last. Sie muss bei der Kasse darum kämpfen, dass alternative Behandlungen bezahlt werden. Mit Cortison kommt sie nicht weiter.
Ähnlich wie die Schizophrenie, der gegenüber die Schulmedizin ohne Neuroleptika hilflos ist. Bei mir hat eine Verlagerung von der Neurodermitis zur Schizophrenie stattgefunden, unter schwierigen Lebensverhältnissen: beruflicher Misserfolg und Bruch einer Beziehung. Daraufhin hatte ich die schwächeren Persönlichkeitsanteile abgespalten.
Dies lässt sich durch eine Psychotherapie  und menschliche Zuwendung behandeln. Sicher nicht durch schädigende Medikamente wie die Neuroleptika.
Das Misshandeln des hochsensiblen Nervensystems eines Neurodermitikers durch Neuroleptika, dazu gehört schon etwas.
Dieser Punkt wurde bei der Anamnese durch die Psychiater nie nachgefragt. Inzwischen habe ich Unverträglichkeiten auf fast alle Neuroleptika entwickelt. Eine klare Sprache der Seele. Ich reagiere auf fast alle Neuroleptika (z.B. das so hochgepriesene Zyprexa oder auch Zeldox, Haldol, Fluanxol, Risperidon und andere..) mit „Verlust der Ruhe“, als Nebenwirkung bei fast allen Neuroleptika beschrieben. Das heißt bei Fluanxol z.B. Krämpfe im Oberbauch, Tremor und Steifigkeit im Unterkörper, dazu der ruhelose Zwang zu laufen. Ich trinke 2 – 3 Liter Kaffee am Tag. Rauche unentwegt und laufe in der WG im Kreis herum.
Sehr förderlich für die „Resozialisierung“ in der WG! Die anderen können nicht schlafen, weil ich ruhelos bin. Dazu kommt, dass ich mich nicht konzentrieren bzw. Zeitung lesen kann, weil mir eben die Konzentration durch Neuroleptika abbricht. Ebenfalls kann ich den Sport Tischtennis nicht ausüben, den ich als Jugendlicher wettkampfmäßig und locker beherrschte, auf Grund der körperlichen Nebenwirkungen von Neuroleptika. Ein großer Verlust an Leben. Dies erleide nicht nur ich, sondern viele fehlbehandelte Schizophrene, Depressive oder andere an Persönlichkeitsstörungen leidende Menschen.

Bücher wie „Krankheit als Weg“ oder „Schicksal als Chance“ von Thorwald Detlefsen sind anscheinend spurlos am psychiatrischen Beruf vorbei gegangen.
Dass eine Krankheit auch Ausdruck der Seele ist, muss verstanden werden.  Das rein materielle Behandlungskonzept aus den 50/60 er Jahren ist durch eine ganzheitliche Entwicklung inzwischen überholt. Der „Gehirnstoffwechsel“ ist nur das Symptom, nicht die Ursache.
Die Ursache einer seelischen Erkrankung liegt in der Seele selbst. Der Gehirnstoffwechsel muss mit behandelt werden, ähnlich der Situation eines Alkoholikers. Chance auf Heilung hat nur eine umfassende Behandlung. Ein weiterer beschränkender Faktor der Neuroleptika: Ich kann nicht schreiben. Ohne den Laptop oder den Stift habe ich keinen Lebensinhalt.  Eine Psychose ist vorprogrammiert: Leerlauf.

In unserer WG wissen die anderen, dass ich nachts „schreibe“, respektieren dies und lassen mich in Ruhe. Soll ich die ganze Nacht im Kreis laufen, Kaffee trinken und rauchen…?
Ich schreibe seit 1 ½ Jahren an einem Buch über Schizophrenie, Bewußtheit und Spiritualität, und stand schon in Kontakt mit Verlagen. Auf Grund meiner Lebensschwierigeiten ruht das Buch zur Zeit. Dies hier ist wichtiger, und vielleicht habe ich etwas zu sagen. In der Tat kann ich „unter Druck“  schreiben, und das 3 -4 Stunden täglich. Dies ist meine Begabung und mein Handwerk, ebenfalls Psychologie. Nimmt man mir das, bricht mein Leben zusammen. Eine hohe Dosierung von Neuroleptika nimmt mir genau dies.
Neuroleptika können kurzfristig sinnvoll sein, um Schübe zu behandeln. Die meisten Psychiater, speziell im BKH, neigen zu Langzeit-Überdosierungen. Das ist massiv schädigend. Neuroleptika müssen auch wieder „runtergefahren werden“, und das verantwortlich, und nicht nur aus der Angsthaltung: „es könnte ja wieder etwas passieren“. Die Übernahme von Verantwortung gehört zum ärztlichen Beruf. Schief gehen kann immer etwas. Dies ist kein Grund, das Leben von vielen Menschen langfristig auf Null zu reduzieren und zu schädigen.

Ein Beispiel zu Schulmedizin und alternativer Behandlung: Eine Pflanze enthält 60 bis 150 wirksame Stoffe, die ganzheitlich und umfassend wirken. Neuroleptika, die meist nur das lebenswichtige Dopamin blockieren, enthalten  EINEN Wirkstoff. Dies ist im Vergleich zu Gottes Natur primitiv, wie viele Milliarden der Pharmaindustrie auch daran hängen mögen. Ein Beispiel für ein hochgefeiertes Neuroleptikum, das zuerst durch Milliarden-Gewinne der Firma Lilly auffiel, war Zyprexa. Die Nebenwirkungen stellten sich erst nach und nach ein. Dieses Mittel wird übrigens gerne noch immer überdosiert.
Die krankhafte Fixierung der Schul-Psychiatrie auf nur einen (oder 2 oder 3) Wirkstoffe ist geradezu primitiv und reduziert den Menschen auf die Chemie. Eine ganzheitliche Behandlung erfordert weit mehr Mühe. Die medizinische Leitung des BKH  halte ich für medizinisch (menschlich möchte ich mich dazu nicht äußern) für inkompetent. Geschlossene Psychiatrie und Gefängnis halte ich für ein Verbrechen. Psychiater üben massiv Macht aus.

Ein Beispiel zu Bipolaren. Ich bekam ein Konzert von erstklassigen Musikern im BKH mit. Alles Bipolare und hoch begabte Blues-Musiker, einer aus den USA. Es ist schön, so etwas in einer Klinik zu veranstalten, das ist ok. Einer der bipolaren schilderte das „Fehlen“ der hochbegabten manischen Phasen in seinem Leben. Er hatte seit 3 Jahren seine Gitarre nicht mehr angefaßt und war depressiv. Der Klinikchef legte daraufhin ein einfaches Diagramm auf, und erklärte, dass sich die bipolare Störung durch Medikamente ausgleichen ließe. Das Problem: es fehlen die Hochphasen. Was diese Menschen durch Medikamente verlieren, ist ihr Leben. Wie gesagt: dem Blues-Musiker fehlte die Intuition, um Musik zu machen, dafür war er „chemisch heil“. (Der Ausdruck ist von mir).

Vielleicht können sich Psychiater Gedanken zu Lebensfreude machen.  Das Leben ist ein Blues, mal hoch und mal niedrig. Die Menschen in ihren Ängsten und in ihrer Liebe zu erfahren, in Freud und Leid, ist menschlich. Jeder Mensch, dem Du auf der Straße begegnest, könnte Dein Bruder sein, Dein Vater oder Deine Mutter. Menschen in ihrem Suchen zu begegnen, in ihrer Hilflosigkeit und Angst, aber auch ihrem Lieben und Sehnen, auch mit dem, was sie verloren haben. Das ist menschlich.  Menschen sind viel mehr als nur ihre Chemie, sie sind fühlende und bewußte Wesen, mal mehr oder weniger. Mal angekommen, mal suchend. Aber immer lebendig, Ich selbst habe bipolare Anteile (im Schreiben). Das ist normal. Das Leben als eine Null-Linie, durch Neuroleptika bereinigt, das ist nicht normal.

Unter den jetzigen Umständen und auf Grund der hohen Traumatisierung durch die geschlossene C 1 bitte ich, mir schnellstmöglich eine/n PsychologIn/TherapeutIn zur Verfügung zu stellen. Dies hilft mir weiter als eine hohe Medikamentendosis. Selbstverständlich bin ich selbst auf der Suche nach einem geeigneten Therapeuten.
Die 4-fach Dosierung von FLuanxol (im Vergleich zur offenen Station) durch den Oberarzt der C 1 wurde nicht mit mir besprochen, und ist als Zwangsmedikation anzusehen. Die Medikation sollte mit mir besprochen werden. Eine Zwangsmedikation traumatisiert den betroffenen Menschen langfristig und ist rechtlich fragwürdig. Ich wünsche mir eine Behandlungsqualität, die dem Rechnung trägt.

P.S.: Ich stelle die Diagnose „paranoide“ Schizophrenie als lebenslange Diagnose überhaupt in Frage. Es gab in Deutschland schon einmal diese „Stempel“, bei KZ-Insassen. Schubladen. Schizophrenie ist durchaus heilbar, nicht jedoch allein durch die Schulmedizin. 

 

Folgender Text, der auch an das Betreuungsgericht ging, wurde vom Autor am 27.6.2015 nachgereicht.

Auszüge aus seinem Anschreiben an EREPRO:
„Mit ‚meiner Betreuerin’ habe ich telefoniert. Sie hatte hinter meinem Rücken mit den für mich zuständigen WG-Betreuern telefoniert. Und auf einmal hieß es von Hr. F.: ‚Die Betreurin kommt morgen mit in die WG.’. Das hat Todesangst ausgelöst, ‚wieder eingewiesen zu werden’. Ich sah sie schon in der Küche sitzen, mit Polizisten und Sanitätern: ‚Hr. A., wenn Sie die Medikamente nicht nehmen, muss ich sie wieder in das BKH einweisen.’ Ich war nahe am nervlichen Zusammenbruch. Das kreiste eine Stunde lang in meinem Kopf. Die Frau ist ein rotes Tuch für mich, sie hat auch hinter meinem Rücken im BKH mit den Ärzten telefoniert. Als ich auf der geschlossenen C 1 Ausgang bekommen sollte. hieß es: ‚Ja, da müssen wir mit ihrer Betreuerin telefonieren, ob sie einverstanden ist.’
Das ist traumatisch, und das kreist bei mir im Kopf. Ich faßte mir ein Herz, und rief sie persönlich an. Ich wolle nicht, dass sie in die WG komme, sagte ich ihr klipp und klar. Ich habe Beschwerde eingelegt, und ich sagte ihr, dass ich die Betreuung ablehne.
Wenn – dann schon mit offenem Visier.
Ich schlug ihr ein Treffen auf ‚neutralem Terrain’ im SPDi vor, mit Hr. B., der mich seit Jahren kennt, als unabhängige Vertrauensperson. Meine Betreuerin war dann am Telefon immerhin so anständig, und sagte, sie wolle sich nicht ‚aufdrängen’ und hielte sich aus der WG heraus.

Die Frau kennt mich überhaupt nicht (zwei kurze Gespräche im BKH), und ich bin im betreuten Wohnen integriert, mit deren Betreuern ich seit 1 1/2 Jahren alles selbst bespreche. Ich habe also schon eine Betreuung im ‚ambulant betreuten Wohnen’, was will die Frau denn? Ja, sagte sie, aber rechtlich habe sie die Haftung für mich usw. Man einigte sich darauf, dass sie sich weiterhin nicht einmische, weil ich das nicht wolle (so anständig war sie).

Sie würde mir einen Brief mit rechtlichen Hinweisen schicken, das müsse sie, und natürlich: ‚Sie müssen Ihre Medikamente nehmen’. Dazu sage ich nichts mehr. Sie wird das Schriftstück vom Betreuungsgericht bekommen, und vielleicht denkt sie über Zwangsmethoden in der Psychiatrie etwas nach. Die Frau ist ‚Berufsbetreuerin’, und borniert und überheblich. Sie hat mich unterschätzt, und vielleicht schätzt sie mich nach dem Schriftstück, das ich verfaßt habe, etwas vorsichtiger ein. Jedenfalls mischt sie sich nicht mehr in die WG ein. Ein Teilerfolg. Sie wolle die Entscheidung des Landgerichts abwarten, und nicht weiter Einfluß nehmen. Immerhin. Unglaublich.“

Bericht zum Aufenthalt auf der offenen B1

Nach einer Woche auf der geschlossenen Station C 2 und kurzer Zeit auf der B 1 war ich weitestgehend  klar, ansprechbar und bewusst, obwohl ich bis dahin keine Medikamente (!) bekommen hatte. Der Schock und Leid führten durchaus zum aufwachen. (der Unterbringungsbeschluss!) Niemand braucht daraufhin wochenlang einen Aufenthalt auf einer geschlossenen oder eine hohe Medikamentendosis. Man ist sich der Situation sehr schnell bewußt. (Jedenfalls ist das bei mir so.)
Nach kurzer Klärung wurde für den nächsten Tag ein Gespräch mit der rechtlichen Betreuerin vereinbart. Ich hatte vor, ihr meine Situation nahezubringen, und wie es mir ging.
Die Begegnung verlief kurz: Als die rechtliche Betreuerin für meine Belange nicht ansprechbar war, stand ich aufgebracht vom Stuhl auf. Dies stufte sie sofort als „psychotisch“ ein, und brach das Gespräch ab. Meinen Vorstoß, mich „eine rauchen zu lassen“, und in 15 Minuten ruhig miteinander zu reden, blockte sie ab.„psychotisch“).
 

Ihre Reaktion war die einer Berufsbetreuerin. Es kam Personal von der B 1 auf mich zu, und forderten, dass ich auf Geheiß von der Betreuerin (sie war im Personalraum einige Meter davon anwesend), wieder Medikamente nehmen müsse, sonst „käme ich wieder auf die „geschlossene“.
Solche Methoden mögen in der Psychiatrie üblich sein. Ich jedoch möchte als menschliche Person auch in meinem Leid bewußt wahrgenommen werden. (der Unterbringungsbeschluss!). Ich ließ mich auf die Medikamente wieder ein, weil ich Angst vor der „geschlossenen“ hatte. Auch dies wieder ein Baustein zu meiner Ablehnung  gegen gesetzliche Betreuung und Unterbringungsbeschluss.
Die Situation klärte sich später in einer Gesprächsrunde aller Beteiligten, in der die Medikamente Thema waren. Siehe mein Bericht. Ohne die Betreuerin.
Die Unterbringung wurde demnach auf meinen Widerspruch und ein faires Gutachten vorzeitig aufgehoben. Warum ich jetzt noch mit einer rechtlichen Betreuung zu tun habe, muss mir erklärt werden.

Stationärer Maßregelvollzug: anders ist besser!

Hans ist ein warmherziger Mann von 30 Jahren. Er hat eine blühende Phantasie und ist kreativ. Er war jahrelang in einer psychiatrische Klinik untergebracht, nachdem er auffällig geworden war, weil er – in dem Wahn fliegen zu können – vor hatte vom Rathausturm zu springen. Daraufhin folgte die Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik .
Er hatte keine Angehörigen, die sich um ihn kümmerten. Seine Mutter war kurz nach seiner Geburt verschwunden, der Vater interessierte sich nicht für den lästigen Sohn und die Großmutter, bei der er aufgewachsen war, gestorben.
So wurde er in der Klinik praktisch vergessen und blieb sehr lange.

Bei den regelmäßigen Besuchen des Sozialpsychiatrischen Dienstes in der 60 km von unserem Ort entfernten Klinik lernten wir ihn kennen. Es gelang uns ihn aus der Klinik zu holen. Er lebte dann in einem Raum auf einem verlassenen Fabrikgelände, den sein reicher Vater ihm zur Verfügung stellte. Eine Angestellte war beauftragt, sich um technische Dinge in der Wohnung zu kümmern. Dort konnte Hans laut Musik hören. Es gefiel ihm.
Hans kam täglich in unseren Begegnungsraum, wo er bis heute gut integriert ist und Freunde hat. Alle ein bis zwei Wochen führte er Gespräche mit einer Psychologin. Wir hörten fasziniert seinen fantastischen Geschichten über Gott, Goethe, Jesus, Allah und viele Themen des Bildungsrepertoires zu, das er sich angeeignet hatte.
Zwischendurch versuchten wir seine Größenideen im einzelnen etwas zu relativieren. Mit Humor akzeptierte er unsere Bemühungen. Er hatte einen ziemlich wilden Tanz erfunden,  den er mit seiner Freundin, einer Klientin von uns, und mit ehrenamtlichen Mitarbeitern des Sozialpsychiatrischen Dienstes übte. Mit dieser Freundin praktizierte er zeitweilig sadomaso Spiele. Wenn er ihre Wünsche bzw. Nicht-Wünsche nicht  ausreichend beachtete, teilte sie das ihrer Ansprechpartnerin in unserem Dienst mit, und die Mitarbeiterin, die mit Hans Gespräche führte, stellte ihn zur Rede. Über diese Korrekturmöglichkeit lief nichts aus dem Ruder.
Zu allen, die er im Sozialpsychiatrischen Dienst kannte, bestand eine stabile Vertrauensbeziehung und Kontakt auf gleicher Augenhöhe, was ihm sehr wichtig war.
Dass er regelmäßig Cannabis konsumierte, war uns natürlich ein Dorn im Auge. Aber er war nicht von der Befürchtung abzubringen, ohne eine kleine Dosis Haschisch seine atemberaubende Phantasie einzubüßen, die ihm so viel Bewunderung einbrachte.1 Neuroleptika verweigerte er aus dem gleichen Grund: er fühlte sich zu gedämpft – mit dieser Klage stand er natürlich nicht alleine.
Bei der engen Vernetzung innerhalb des Sozialpsychiatrischen Dienstes erfuhren wir es sofort, wenn sich Probleme anbahnten und konnten darauf eingehen. Klinikaufenthalte waren nicht mehr nötig. Unter diesen Umständen waren wir im Laufe der Zeit in der Lage sein Verhalten ziemlich verlässlich zu taxieren.

Eines Tages „zupfte er zum Spaß“ – wie er sagte – eines der beiden vor ihm laufenden Mädchen am langen Zopf. Er wurde angezeigt, und wegen seiner Psychiatrieakte erhielt der Klinikdirektor unserer Stadt, der ihn gar nicht kannte, einen Gutachtenauftrag. Verhängnisvoll war es vielleicht für Hans, dass seine Freundin mehrfach in der städtischen Klinik behandelt wurde, und dort wahrscheinlich ebenso mitteilungsfreudig über ihr Sexualleben mit ihm berichtete wie im Sozialpsychiatrischen Dienst.
Wir nahmen mit dem Gutachter Kontakt auf, berichteten über unsere engmaschige Betreuung und teilten ihm mit, dass wir einen unbegrenzten Aufenthalt in der stationären Psychiatrie (Maßregelvollzug)  „zur Besserung“ für überzogen hielten, sondern der normale Strafvollzug angemessen sei, da Hans „einsichtsfähig“ bedaure, gegenüber dem Mädchen zu weit gegangen zu sein .
Der Gutachter hatte keinerlei Interesse an einem Gedankenaustausch mit uns und verwies Hans als „gefährlich“ aber schuldunfähig in den Maßregelvollzug, wo er jahrelang blieb.
Bis er den offiziellen „Lockerungs-Stufenplan“ dieser Klinik, zur „Erprobung der Behandlungsfortschritte“ durchlaufen hatte, anders gesagt bis zum Beweis rückhaltloser Anpassungsbereitschaft und –fähigkeit. Laut seinem rechtlichen Betreuer gelang ihm das in dem üblichen Zeitrahmen.2
Hans war verzweifelt darüber, in der Forensik – weit weg von seinen Freunden – für unbegrenzte Zeit eingesperrt zu sein. Besuche waren – besonders zu Beginn – sogar für uns Mitarbeiter schwer möglich, auch wegen großer bürokratischer Hürden.
Schließlich war er wieder da, und es hatte keine Probleme mit der diagnostizierten „Gewalttätigkeit“ gegeben – weder in der Forensik noch später im Sozialpsychiatrischen Dienst  – bis heute.

Unsere Art sozialpsychiatrischer Betreuung – mit Schwerpunkt „Prävention“ – integriert Menschen mit psychischen Belastungen in eine Gemeinschaft, die sie hält und bei Problemen unterstützt.
So konnten mehrere, wegen Gewalttätigkeit in psychiatrischen Kliniken Eingesperrte, nachdem wir sie bei Klinikbesuchen kennengelernt hatten, auf diese Weise ambulant betreut werden, ohne dass sie wieder gewaltätig wurden.
Bei einigen war es zu Beginn nötig in mühsamer Kleinarbeit den Tagesablauf und die zwischenmenschlichen Erlebnisse genau im Einzelnen zu besprechen, um weniger impulsive Reaktionen zu „programmieren“ und zu üben.
Die Motivation, „es zu schaffen“ und in Freiheit zu bleiben, war in der Regel groß, auch weil man den Bekanntenkreis, die Gruppe in dem Sozialpsychiatrischen Dienst nicht missen wollte.
In einem Fall konnte der Dienst eine Frau aufnehmen, die einen Menschen getötet hatte. 
Erfahrung liegt weiterhin vor mit sog. kleptomanen Straftätern. Die Pflichtteilnahme an einer  „Selbsthilfegruppe“ unter psychologischer Leitung wurde von den Richtern in einer ganzen Reihe von Fällen als Strafe verhängt. Das erwies sich als sehr sinnvoll.3
Kommunikation und sozialer Integration sind auch für Persönlichkeiten, die zu Psychosen neigen, enorm wichtig. Es sei fast nicht möglich – wird immer wieder behauptet – diesen Menschen zu befriedigenden und dauerhaften Beziehungen zu verhelfen. Wir haben andere Erfahrungen.
Denn die Sozialpsychiatrie verfügt über entsprechende soziale Strukturen und fachliches Know-how. Seit vielen Jahren werden Menschen mit psychotischen Erfahrungen regelmäßige Gesprächsgruppen angeboten. Dadurch sind unter den Teilnehmern viele Freundschaften entstanden.4 Dass diese Menschen jemanden finden, der sich interessiert und ihnen zuhört, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, und ist in vielen Fällen entscheidend für den Verlauf ihres Lebens. Denn Isolation und das fehlende Korrektiv einer Gruppe befördern erfahrungsgemäß die Fehlsteuerung von Menschen, bei denen sich ein Wahnsystem entwickelt. Wenn in einer Beratungsstelle ein vertrauensvoller, stabiler Kontakt besteht, ist Fremd- und Selbstgefährdung in der Regel im Griff zu behalten.
Einem Straffälligen, dem 38-jährigen „Peter J.“, über den Gisela Friedrichsen im Spiegel berichtete, wünschte sein Verteidiger ein „therapeutisches Setting“, in dem „ein Dialog mit ihm möglich gewesen wäre.“ Der Suzid dieses Mannes, der mit einer Bombe ein „Zeichen setzen“ wollte, „damit sich endlich jemand mit ihm beschäftige“5 hätte dadurch vielleicht verhindert werden können. 
Achtet man einmal darauf, so kann man Medienberichten häufig entnehmen, dass durch Gewalttaten straffällig gewordene Menschen mit großen psychischen Beschwernissen sehr isoliert lebten und demzufolge nirgends Zuwendung und Gehör fanden.

Wenn auch die Angebote Sozialpsychiatrischer Dienste ab und zu von den Gerichten in Anspruch genommen werden, so könnte das viel häufiger geschehen, um die bekannten negativen Begleiterscheinungen des stationären Maßregelvollzugs zu vermeiden.
Dieser kann zwar unter Auflagen zur Bewährung ausgesetzt oder „gelockert“ werden. Der Betroffene hat dann einen rechtlichen Betreuer oder einen Bewährungshelfer.6 Auch die vielfach schon an Maßregelvollzugs-Kliniken angebundenen Forensischen Ambulanzen leisten eine wichtige Arbeit. Sie übernehmen ebenfalls die Betreuung bei „Lockerungen“7 des Maßregelvollzugs und später die Nachsorge nach der Entlassung. Sie können leichter als andere ambulante Einrichtungen in schweren Krisen des Klienten durch „befristete Wiederinvollzugsetzung“ eine erneute stationäre Behandlung in der Forensischen Klinik veranlassen.

Trotzdem halten wir eine enge Kooperation forensischer Kliniken und Ambulanzen mit den Sozialpsychiatrischen Diensten für angesagt, weil diesen die Integration des Straffälligen in die „Gemeinde“, in frühere Bezugssysteme und Bekanntenkreise besser gelingt. Zu wissen, dass man dort zurück erwartet wird, stellt einen Ansporn dar. Und diese Re-Integration schützt vor Hospitalisierung. Es kommt nämlich gar nicht selten vor, dass nach Abschluss des Maßregelvollzugs aus Routine Heimeinweisungen vorgenommen werden,8 und die Klienten so immer noch nicht ihre Freiheit zurück gewinnen.
Integrationsfähigkeit oder „Gefährlichkeit“ von Menschen mit großen psychischen Problemen sind verläßlicher einzuschätzen bei vielfältigen konkreten Erfahrungen im Umgang, wie sie in Sozialpsychiatrischen Diensten üblich sind. Wenn die zu Beurteilenden ausgiebig an den Angeboten teilgenommen haben, könnte dieses Wissen im Fall einer Straftat zur Entscheidung über ihre „Schuldfähigkeit“ heran gezogen werden und ausschlaggebend sein.

Die in der Regel praktizierte Begutachtung ist nämlich ein zweischneidiges Schwert.
Die Spiegel-Journalistin Gisela Friedrichsen schildert, wie Straftäter, die als psychisch krank gelten, von dem Gutachter Hans-Ludwig Kröber, Chef der Forensik der Berliner Charité, ohne den nötigen Respekt, der jedem Menschen zukommt, mit pseudowissenschaftlichen  Begriffen wie “ dissozial“ beziehungsweise den unwissenschaftlichen Alltagsbegriffen „egozentrisch“ und „dickfällig“ bezeichnet werden. Das disqualifiziert diesen Gutachter10, von einem psychologischen Verständnis für die Verhaltensweisen der Probanden – gewonnen durch vertrauensvolle Gespräche – gar nicht zu reden.
Das Bemühen um eine zusammenhängende Charakterisierung anstelle solcher klischeehafter Etikettierungen ist doch eine Selbstverständlichkeit menschenwürdiger Behandlung bzw. Begutachtung. Kann man bei einer solchen Begrifflichkeit nicht sogar von einer Missachtung des Gerichtes durch den Gutachter reden?
Der Proband im Artikel von Friedrichsen fand nicht nur keine hilfreichen Gespräche , sondern alle seine Forderungen – nach einem zweiten Gutachter in seinem Prozess, und nach einem neuen Verteidiger für die Wiederaufnahme – wurden ihm von zwei Gerichten verweigert. Man muss sich nicht wundern, dass dieser Mann, der sich für unschuldig hielt, verzweifelte und im Gefängnis schreckliche Tobsuchtsanfälle bekam. Und das möglicherweise bei einem Grundgefühl existenzieller Bedrohtheit – wie oft bei Menschen mit psychotischen Störungen.
Die Diagnose „Psychose“ hatte der Gutachter Kröber zwar auch gestellt. Solche menschlich verständlichen Reaktionen – wie das Toben des Peter J. – werden  aber ohne das Bemühen um einen Verständniszusammenhang von Sachverständigen gerne als „Charakterfehler“ missverstanden, mit der Konsequenz: die psychischen Belastungen finden möglicherweise nicht genügend Beachtung und man wird der persönlichen Situation des Angeklagten nicht gerecht.
Friedrichsen zitiert einen weiteren Gutachter des Peter J., der angemessener formulierte: „Die scheinbare Rücksichtslosigkeit in der Durchsetzung der Ideen und die Vernachlässigung berechtigter Anliegen anderer gehören ebenso zu dieser Störung wie das überstarke Misstrauen, die oft situationsunangemessene Neigung zum Beharren auf eigenen Ansichten oder Rechten, die soziale Isolierung und die permanenten Probleme, befriedigende Beziehungen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten.“9
Das Bemühen, Verhalten von straffällig gewordenen Menschen in Zusammenhänge zu stellen, muss übrigens nicht automatisch – wie von vielen Bürgern befürchtet – „mildernde Umstände“ für den Straftäter bedeuten! Sie sollten aber in die Überlegungen bei der Urteilsfindung des Gerichtes eingehen und gewichtet werden.

Idealerweise – übrigens – ohne diese radikale Unterscheidung von „schuldfähigen“ oder „nicht schuldfähigen“ Angeklagten.
Grundsätzlich sollten wir die Zweigliedrigkeit unseres Strafverfahrens11, das von den Nationalsozialisten 1933 in Deutschland eingeführt wurde, in Frage stellen. Zweigliedrigkeit heißt, das Strafgericht beschließt einerseits Strafen mit zeitlicher Begrenzung für „Tatschuld“, oder andererseits Zwangsunterbringungen in einer psychiatrischen, forensichen Klinik ohne zeitliche Begrenzung als „Besserung“ für kranke und behinderte Menschen, deren „Schuldunfähigkeit“ psychiatrische Gutachter bestimmt haben.
Maßregelvollzug in dieser Form brauchen wir u.E. nicht: ein Strafverfahren genügt, dem alle Bürger, die gegen Gesetze verstoßen, unterliegen – unter jeweiliger Berücksichtigung besonderer Belastungen und unter Einsatz der vielen verschiedenen Hilfsmöglichkeiten im nicht-stationären Bereich.
Das würde weniger Ungerechtigkeit mit sich bringen.

Anmerkungen
Dieser Artikel bezieht sich nicht auf Suchtpatienten, für die der Maßregelvollzug anders geregelt ist. (§64 StGB)

   Marihuana macht kreativ, und das ist der Beweis – http://huff.to/WGfP16 (mit einem Augenzwinkern!)
2    Genauere Schilderung dieses Verfahrens in der SZ vom 26.8.2014, „Der Straftäter als        Patient.“
Zitat: „Grundsätzlich gibt es in allen Kliniken in Bayern die gleichen vier    Lockerungstufen A, B, C, und D. Hat ein Patient die Erlaubnis für Stufe A, darf er in Begleitung eines Klinikmitarbeiter die Station verlassen, muss aber innerhalb der Klinikmauern bleiben. Hat er Stufe D erreicht, darf er sogar auswärts übernachten. Will ein Patient von einer zur anderen Stufe wechseln, stellt er einen Antrag. Daraufhin treffen sich alle Therapeuten, Pfleger und Ärzte, die den Patienten behandeln, und diskutieren über seinen Wunsch. Die Entscheidung liegt letztendlich beim Leiter der Maßregelvollzugsanstalt. Kommt es zu einem Wechsel in eine neue Hauptstufe, wird auch die Staatsanwaltschaft gefragt.

Wie die Kliniken entscheiden, wer welche Lockerung erhält, ist ihnen selbst überlassen, funktioniert aber überall ähnlich: Diskutiert wird anhand einer von der Klinik selbst erstellten Checkliste. ‚Grundlage für diese Entscheidung ist eine Prognose’, sagt Michael Wertmüller von der Ansbacher Forensik. Ob der Patient ein Sicherheitsrisiko darstellt, wird ausgehend von verschiedenen Punkten ermittelt: dem Ausgangs Delikt, dem Lebenslauf des Patienten bis hin zur Tat, der Entwicklung danach und den sozialen Umständen, die den Patienten außerhalb der Klinik erwarten.“
3.
zur Charakterisierung dieser Gruppe s. „Wir wollen das Ruder herumreißen“ in hilfe Blätter von EREPRO Nr. 12, 2007
4
. Information über die Arbeit der ambulanten Sozialpsychiatrie bieten die hilfe  Blätter von EREPRO: http://www.erepro.de/hilfe-blatter-von-erepro/liste-der-hilfe-blatter-von-erepro/  u.a. über sog. Psychosegruppen. (abgerufen 15.8.14)
5.
Spiegel 30/2014 S. 46/47
6.
s. Bündnis 90/Die Grünen, Kurzgutachten zum Maßregelvollzug von Dr. Rolf Marschner.
Marschner berichtet, dass Aufgaben des Maßregelvollzugs in Bayern nicht auf private Einrichtungen übertragen werden können, und fordert eine gesetzliche Regelung für freie Träger. S.24 u. 28.
Die Sozialpsychiatrischen Dienste in Bayern (fast alle in Trägerschaft der Wohlfahrtsverbände) werden – ebenso wie die Forensik-Kliniken – von den Bayerischen Bezirken, einer kommunalen Körperschaft, finanziert.
7.
s. Anmerkung 2
8.
Marschner, a.a.O. S. 30
9.
Spiegel, a.a.O.
10.
Der Verteidiger von Gustl Mollath, Gerhard Strate, belegt auf seiner Homepage anhand einer von Kröber verfassten Glosse in einer forensischen Zeitschrift sehr detailliert, wie die ungenaue Darstellung von Kröber „die Wahrheit verfälscht“.
http://www.strate.net/de/dokumentation/Mollath-Anmerkung-der-Verteidigung-2013-11-16.pdf (abgerufen am 7.8.14)
11. s. Wikipedia Stichwort Maßregelvollzug. http://de.wikipedia.org/wiki/Ma%C3%9Fregelvollzug#Geschichtliche_Hintergr.C3.BCnde (abgerufen am 10.8.14)


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Psychiatrische Gutachten unter dubiosen Umständen Ch. Kruse, 18.8.2014

Patrizia I

Manchmal frage ich mich, warum einige Menschen, die wirklich nichts (außer Gutes) getan haben, so sehr leiden müssen. Die Leiden meiner Freundin, mit ihrer Erlaubnis schreibe ich diesen Bericht, der der Wahrheit entspricht.

Nach einem Jahr voller Sorge um meine Tochter Ariane ist meine Freundin Patrizia auch Patientin einer „geschlossenen“ Station der Nervenklinik, in der Ariane behandelt wurde. Ariane ist entlassen, aber meine Sorge um sie wird wohl für mich ein lebenslanger Begleiter sein. Patrizias Schicksal berührt meine Seele. Die gute Patrizia kenne ich durch eine Gruppe, in der sich mit mir mehrere Frauen alle zwei Wochen treffen. Wir alle teilen ein Schicksal. Wir waren an einer Psychose erkrankt, sind aber „stabil“.
Patrizia ist genau wie wir alle um die 50 Jahre alt, sie hat ihren Sohn alleine groß gezogen, er ist etwas über dreißig. Patrizia war bis zu ihrer jetzigen Erkrankung berufstätig, und das trotz der Medikamente, die sie einnehmen musste, um „stabil“ zu bleiben. Medikamente nehmen wir alle ein. Ich bin stabil mit einer Mini-Dosis. 

Leider wurde Patrizia vor kurzer Zeit eine niederschmetternde Diagnose mitgeteilt: BRUSTKREBS. Eine OP – eine Brust wurde entfernt. CHEMOTHERAPIE und – erneut kam die Psychose.
So besuche ich Patrizia immer mittwochs in der Nervenklinik. Ein Jammer! Ihre wundervolle Haarpracht hat sie verloren. Sie ist blass und teils verwirrt, aber sie erkennt mich, und ich versuche ihr zuzureden. Wie sehr mich das Leiden von Patrizia berührt, kann ich schwer beschreiben.

Patrizia ist, als es ihr noch gut ging, fast jeden Tag in die Nervenklinik gefahren und hat Patienten besucht. Vor Jahren war sie auch bei Ariane und stets hatte sie ein kleines Geschenk für meine Tochter. Damals kannte ich Patrizia nur durch die Besuche bei Ariane.
Patrizia ist eine Seele von Mensch und jetzt wird sie gleich von zwei schweren Erkrankungen geplagt. Der KREBS und die Psychose, so muss sie zur Zeit zur Behandlung – Bestrahlung – in eine Klinik, danach gleich wieder zurück in die Nervenklinik.

Patrizia erzählt mir Dinge über die Behandlung dort, die ich normalerweise nicht glauben würde, aber ich weiß ganz genau, dass Patrizia die Wahrheit erzählt. Das ist die schrecklichste Art und Weise einer Behandlung, die eine Misshandlung ist. Darüber habe ich schon oft berichtet, und ich wäre der zufriedenste Mensch, wenn man sicher sein könnte, dass sich diese Missstände verändern würden – in eine ganz „normale“ Behandlung von psychisch Kranken in dieser Klinik. Aber das ist nicht leicht, denn es sind zu Wenige, die sich beklagen. Ich alleine kann nur schreiben, was da so vorfällt und Zeugen gäbe es unzählige, aber wer sagt das in der Öffentlichkeit? ICH!

Unglaublich, was da mit den Kranken gemacht wird. Da kann man doch nie gesund werden, das machte einen ja erst krank! Das Zusehen fällt mir unsagbar schwer. WER WILL HELFEN? WER KANN HELFEN?