Humor trotz aller Beschwerden

Wer sagt: „Das interessiert mich nicht!“ soll nur wissen, es kann jeden treffen! Aber nicht jeder hält das aus!
Diesen Bericht schreibe ich mit einer besonderen „Würze“. Ich will zeigen das ich trotz des großen Leids, das uns angetan wurde, noch immer über so manches lachen muss. Der Humor ist also noch immer vorhanden. Jetzt ist meine psychisch kranke Tochter endlich in sicherer Verwahrung. Sie erholt sich in einem Pflegeheim von der Behandlung in einem  Bezirkskrankenhaus, das vom Bau her modern ist, aber da sind zwei Stationen, die man nur betreten kann als Pflegekraft, als Arzt, als Putzdame, Besucher eines bestimmten Patienten oder als Patient. Alle müssen durch 2 verschlossene Türen gehen, nur der Patient darf nicht wieder zurück ins „normale“ Leben. Er ist psychisch krank, und er braucht eine Behandlung seiner Erkrankung.

Früher konnte man genau erkennen, wer der Patient ist, denn die Ärzte trugen weiße Kittel. Auch das Pflegepersonal in der modernen Psychiatrie verzichtet oft, wie die Ärzte, auf den weißen Kittel – und so passierte mir folgendes:
ich wollte meine Tochter besuchen – das war damals auf einer offenen Station des Hauses. Mir wurde gesagt, dass meine A. an einer Gesprächsrunde teilnimmt, und ich setzte mich in der Nähe des Eingangs auf einen Stuhl und bewunderte grade die große Pflanzen, die da vor mir standen, als ein junger Mann auf mich zu kam und sagte: „Sie sind sicher die Mutter der Patientin A., denn ihre Tochter sieht Ihnen sehr ähnlich.“
Ich lächelte und sagte: „Ja, ich bin die Mama der A.“
Gut, dass ich nicht weiter reden konnte, denn die Gesprächsrunde war beendet, und meine Tochter kam mir entgegen. Der junge Mann war plötzlich weg, meine Tochter umarmte mich, und wir gingen in ihr Zimmer. Als wir unterwegs zu einem Spaziergang waren, sah ich den jungen Mann erneut und fragte meine Tochter, wer er sei, und an welcher Erkrankung er leide. Meine Tochter meinte: „Das ist mein Arzt.“ Mein Gesicht wurde erst weiß und dann rötlich, denn ich hätte beinahe den Arzt gefragt, weswegen er auf der Station sei. Er hatte er sich nicht vorgestellt, und es wäre ja durchaus möglich gewesen, dass er ein Patient ist.
Viel später habe ich ihm folgendes Kompliment gemacht. Ich sagte: „Bei Ihnen merkt man ganz deutlich, dass sich unter dem weißen Kittel ein Mensch mit humanen Gefühlen verbirgt.“ Denn da war er im Arztzimmer der Ambulanz der Klinik und trug dort den weißen Kittel.

Leider sind solche Ärzte in dieser Nervenklinik recht selten anzutreffen. Besonders auf den geschlossenen Stationen stolzieren Götter in Weiß gehäuft die Gänge entlang, und sie sind oft derart eingebildet, dass man als Angehöriger gar keine Lust mehr hat mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Ich habe als Psychiatrieerfahrene schon einiges erlebt, aber was in dieser Klinik als „schonende Behandlung“ gelten soll, ist derart grausam, dass es schwer zu beschreiben ist. Ich habe es dennoch versucht, und zwar als meine Tochter wieder einmal in dieser Nervenklinik behandelt wurde – auf der Station für Alkoholkranke.
Leider hatte ich den Zeitpunkt dafür nicht richtig gewählt! Und dieser 18te Aufenthalt hat dadurch meiner Tochter so sehr geschadet, dass es ein Wunder ist, sie jetzt in einem guten Zustand in einem Pflegeheim anzutreffen.
Ich hätte vor dem Zeitungsbericht, in dem ich über die Zustände in der Klinik berichtete, die Entlassung meine Tochter abwarten müssen! Denn daraufhin glich ihre Behandlung einem Horrortrip auf der geschlossenen Station. Man hat meinen Bericht, der in der örtlichen Tageszeitung zu lesen war, in die Behandlung meiner Tochter „eingebaut“, und hat sie „total verrückt gemacht“. Ihr wurde ein Medikament verordnet, das sie erst aggressiv und dann verwirrt und hilflos machte.
Die Pflegekräfte waren wohl beleidigt, weil ich die Wahrheit berichtet hatte! Aber ich wollte doch bewirken, dass sich die schlechte Behandlung in eine wirklich schonende ändert!
Die Antwort der Klinikleitung auf den Zeitungsartikel war ein Hausverbot. Nur meine Tochter durfte ich noch besuchen. Dazu kam ein Redeverbot – die Mitpatienten meiner Tochter betreffend. Außerdem sollte ich dem leitenden Professor nicht so oft schreiben. Somit musste ich erkennen, dass auch er einer der „Götter in Weiß“ ist.

Aber ich habe ja – wenn auch wenige – Antworten von ihm auf meine unzähligen Beschwerden erhalten. Er bedauerte die Vorfälle und bat mich um klärende Gespräche. Gerne bin ich dieser Einladung gefolgt, aber es hat sich nichts geändert an der Behandlung, die der Würde des Menschen nicht entspricht.
Meine letzte Beschwerde war so umfangreich und so deutlich, dass der Herr Professor mich tatsächlich eingeladen hatte. Nachdem ich genau 30 Minuten Zeit hatte, um das zu sagen, was ich bereits x mal geschrieben hatte,  versuchte der Pflegedienstleiter mir alles zu widerlegen. Gut war, dass ich vor den sechs anwesenden Herren ganz frei das aussprach, was sie bereits wussten. Diese Prüfung habe ich bestanden, und am liebsten hätte ich gebeten, mir meine Taxikosten in die außerhalb liegende Klinik zu erstatten. Aber so frech wollte ich nicht sein!

Von einem Oberarzt und der stellvertretenden Pflegedienstleitung wurde ich bereits früher zu meinen Beschwerden angehört – und um Verständnis gebeten. Wenn ich das jedoch in derartigen Situationen aufbringen würde, wäre ich selber krank!
Nein, ich bin stabil seit über 20 Jahren, und ich bleibe bei der richtige Bezeichnung dessen, was ich an „Folter“ festgestellt habe. Auch wenn mich der Oberarzt „eine psychisch Kranke“ nannte in dem letzten Gutachten, das er für meine Tochter geschrieben hat. (Er gab damit vertrauliche Informationen an das Amtsgericht/Betreuungsgericht weiter. Wo bleibt da die ärztliche Schweigepflicht?)

Überhaupt wurde unsere Familie sehr verletzt wegen meiner Zivilcourage, und ich wurde ausgelacht, nur weil ich mich wie jede Mutter um mein Kind sorgte. A. ist zwar 33 Jahre alt, aber welche Mutter sorgt sich nicht, wenn ihr Kind krank ist?
Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich nach dem jahrelangem Kampf von dieser Klinik und fast allen Ärzten und Mitarbeitern die „Nase voll“ habe.
Meine Berichte habe ich an diejenigen geschrieben, die human sind, und Respekt vor Menschen haben. Die Patienten sind, obwohl sie erkrankt sind, in vielen Fällen normaler als die Pflegenden. Ich sah Männer weinen, und die Patienten um Hilfe schreien und keiner ging in die Zimmer, um nachzusehen! Ein besonders geschultes Pflegepersonal! Wenige machen es richtig!
Ich warte nicht mehr, ich schreibe für die Patienten, und veröffentliche diese Berichte. Ich erwarte eine Behandlung, die der Menschenwürde entspricht.
A. Kurella †

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