Die kataton/hebphrene Psychose ist nicht unheilbar

In der Zeitung liest man oft, eine Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis kataton/hebephren sei eine unheilbare Erkrankung.

Ich stimme dieser Aussage nicht zu, auch wenn das Professoren schreiben.

Ein gutes Beispiel dafür, dass man stabil werden kann – mit dieser Diagnose – bin ich selber.
Mit 16 Jahren wurde ich das erste Mal in einer Nervenklinik behandelt und musste viele Jahre geschlossen untergebracht werden. Ich lebte in einer Schattenwelt, und heute kann ich ein „ganz normales“ Leben führen.
Aber ich muss bestimmte Gebote beachten.
Ich nehme ein Medikament, das mich nicht in die durchlebte, schwere Erkrankung zurück fallen lässt. Jahrelang wurde ich mit Psychopharmaka regelrecht vollgepumpt, und kam stets unstabil wieder aus der Klinik. „Gott sei Dank“ wurde ich nie gesetzlich betreut, so wie meine Tochter, die ebenfalls psychisch krank ist. Leider ist sie dazu auch noch alkoholkrank.

Immer wieder werde ich an meine Psychose erinnert, denn meine Tochter – ich nenne sie einfach A. – leidet an derselben Form. Aber jeder Mensch ist anders – und deshalb zeigt sich auch in der Erkrankung selten das ganz selbe Bild.
Kurz gesagt, meine Tochter hat, selbst im Wahn, öfters Lücken, die sie als vollkommen normalen Menschen zeigen. Ich muss sagen „Gott sei Dank“. In meiner Psychose stand immer ein Jahr lang der Wahn an erster Stelle. Eine Kranke wie meine A: kann also – zeitweise – entscheiden wie eine Normale.
In meinem Fall war nicht einmal ein Gespräch möglich.
Ein Beispiel: Visite – der Arzt zu mir: „Wie geht’s Ihnen?“ Ich: „Gut, ich will heim.“ Es folgten Tränenausbrüche, und das Gespräch war beendet. Auch meine treuen Besucher, wie meine guten Eltern und viel später mein treuer Ehemann hörten den gleichen Satz, und danach weinten die Besucher mit mir.
So kann man sagen, die Psychose meiner Tochter ist die leichtere Form.

Leider ist es aktuell so, dass bei meiner A. (krank seit 1998) nun zum ersten Mal Geister und Dämonen in der Psychose präsent sind. Und so zeigt sich die schwerere Form, die für A. und auch für mich sehr leidvoll ist.
Ein Beispiel: A. sagt, ich bin nicht die A., sondern ich bin meine Zwillingsschwester H. (Diese Zwillingsschwester ist nur einen Tag nach der Geburt verstorben).
Oder: „Du bist nicht meine Mama, sondern meine Oma“. Sie erkennt in mir meine verstorbene Mutter, die meine Mutterpflichten übernehmen musste – bzw. wollte, als ich in der Nervenklinik war.

Meine Tochter A. zeigt aber auch etwas, das in meiner Psychose niemals zu erkennen war.
A. ist aggressiv und gewaltbereit und muss fixiert werden, weil sie fremdgefährdend ist. Leider ist das zur Zeit der Fall, so dass die Fixierung nötig ist zu ihrem Schutz.

Tragisch ist, dass A. auch immer meine Stabilität ins Wanken bringt, denn ich leide mit ihr. Das ist das Normalste: jede Mutter sorgt sich um ihr Kind, auch wenn das Kind schon 33 Jahre alt ist.
Aber ich leide ganz besonders, denn ich habe es gwagt, Kindern das Leben zu schenken. Meine erste Tochter war und ist kerngesund und nur 10 Monate älter als A.. So habe ich drei Kinder in einem Jahr geboren. Nicht geplant – und doch ist’s so. (gottgewollt?)
Ich wollte schon Kinder, als ich mit Puppen spielte, und so wagten mein Ehemann und ich Kinder in die Welt zu setzen. Der einzige Trost ist die Aussage meiner Nervenärztin: „Geben Sie sich bitte nicht die Schuld, es erkranken unzählige Menschen, deren Mutter und Vater kerngesund sind.“

Und doch gebe ich mir die Schuld! Meine gesunde Tochter ist 34 Jahre alt und verzichtet darauf Mutter zu werden. Sie muss auch – voll Leid – zusehen, wie krank ihre Schwester ist, und leider haben meine Kinder in ihrer Kindheit die Trennung von mir ertragen müssen. Der Trost war meine Mutter, die ein starker Mensch war, und die leider schon verstorben ist.
So bemühe ich mich Stärke zu zeigen, und es ist unsagbar schwer, nur hilflos zuzusehen!

Eine Therapie, die hilft gesund bzw. stabil zu werden, steht auf mehreren „Säulen“:

–         Gute Krankenpflege durch geschultes Personal und Nervenärzte, die auch Menschlichkeit zeigen. Nur dann kann man das Vertrauen der Erkrankten gewinnen.

–         Medikamente – schonend dosiert.

–         Therapien, z.B. Beschäftigungs- und Sporttherapie, Gruppentherapie.

–         Betreuung durch Sozialpädagogen und Psychologen – auch auf den geschlossenen Stationen.

–         Einbeziehung der Angehörigen.

–         Besuchsdienst auch auf den geschlossenen Stationen durch Mitglieder einer Gruppe von Selbsterfahrenen, denn wer etwas selbst erlebt hat, braucht nicht studiert zu haben

Alle diese Hilfen müssen miteinander verschmelzen. Leider wird das aktuell noch nicht so vollzogen.
Ohne gegenseitiges Vertrauen gibt es keinen Behandlungserfolg.

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