Trauer

Es ist so ungeheuerlich, was in der Nazizeit mit Menschen in der Psychiatrie geschehen ist, dass es mich immer wieder gedrängt hat, etwas zu tun.
Ich habe mich seit den fünfziger Jahren gründlich über die Nazi-“Euthanasie” informiert, die Informationen auch gegen Widerstände weitergegeben, und später versucht, eine einigermaßen humane Psychiatrie zu praktizieren.
Aber abschließen kann man dieses Kapitel nicht. Mittlerweile hat sich der Aktivismus gelegt und es drängt mich viel mehr, meinen Schmerz und meine Trauer darüber mit anderen Menschen zu teilen.

Die Opfer der “Euthanasie” waren Menschen mit schweren Beeinträchtigungen. Somit  waren sie dringend auf Hilfe und Unterstützung ihrer Mitmenschen angewiesen. Pflegekräfte haben in den Heimen mit ihnen zusammen gelebt und waren ihnen in der Regel eng verbunden. So wie die Angehörigen, ob sie nun mit den Pflegebedürftigen unter einem Dach lebten oder nicht.
Dann hat man ihre Lieben tatsächlich umgebracht oder gezielt verhungern lassen, und das nur notdürftig kaschiert. Das ist nicht zu fassen. Ein Massenmord mitten in Deutschland. Und wozu? Das war keine Opferung von Menschen für einen vermeintlich höheren Zweck wie im Krieg und zur Landesverteidigung – was auch schwer nachzuvollziehen ist. Nein, es geschah einfach so. Und wird bis heute als “Euthanasie” bezeichnet – als Gnadentod. So rechtfertigten sich die Mörder, und der eine oder andere glaubte das vielleicht tatsächlich  – in völlig pervertierter Für-Sorge?

Die einfache menschliche Hilfsbereitschaft – übergangen, verboten, ausgesetzt.
Wie das geschehen konnte, ist unbegreiflich. Und nur mit allergrößter Anstrengung kann man heute genügend Realitätssinn aufbringen, damit es gelingt zu glauben, dass dieses Massaker tatsächlich stattgefunden hat. Und dann? Hilflosigkeit, Lähmung, Verstummen. Es ist geschehen. In unvorstellbarem Ausmaß. Bei uns. Zu unseren Lebzeiten. Was soll man damit anfangen?
Wie geht man heute um mit den Gefühlen der Nachgeborenen, die von diesen Ungeheuerlichkeiten erfahren? Es gehört zum Einsatz für eine menschliche Psychiatrie, Hilfen zu bieten, sich mit dieser schrecklichen Realität zu beschäftigen, damit sie nicht verdrängt und vergessen werden muss, weil sie überhaupt nicht fassbar ist.

Ich möchte ruhig verharren und an das Leiden der Getöteten und derer, die ihnen nahestanden, denken. Aber gemeinsam mit anderen, die so empfinden wie ich.

Am Anfang stand  Hitlers Verfügung vom 1. September 1939, welche einige Ärzte aus ihrem Auftrag (“Kranke vor Schaden und willkürlichem Unrecht zu bewahren”) entließ mit der “Befugnis” zur Tötung beeinträchtigter und psychisch belasteter Menschen,

Am Jahrestag dieser Anweisung konnte man jahrelang Frau Ruth Fricke vom Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen treffen am Grundstück Tiergartenstraße 4, Berlin, wo früher die Zentrale für die Massentötungen stand – im Gedenken an die Getöteten und im entschlossenen Einsatz für eine würdige Gestaltung dieses Ortes als Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde.
Heute ist dieses Ziel erreicht. Es gibt diese Gedenkstätte.
Und an jedem ersten Samstag im September wird weiterhin auf Initiative des Bundesverbandes der Psychiatrieerfahrenen mit Frau Fricke der schrecklichen Morde gedacht. Zu dieser Gedenkfeier trafen sich heuer ca. 40 Personen in einem Raum der Philharmonie, die heute an der Stelle der “Euthanasie”-Zentrale steht.
Am Vortag gibt es jetzt eine offizielle “Begleitveranstaltung”, ausgerichtet von den 14 Verbänden des sog,  “Kontaktgesprächs Psychiatrie“ mit Vorträgen in der “Topographie des Terrors”. Information und wissenschaftliche Diskussion dominierten, immerhin unter dem  engagiert klingenden Motto “Gegen das Vergessen – aus der Geschichte lernen”.

Zum Trauern fand hier nicht viel Gelegenheit.
Das “Grußwort” des Vertreters der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V.) allerdings ermöglichte mir Zugang zu diesen Gefühlen. Ein kurzer Moment gemeinsamen Verharrens angesichts des Entsetzlichen.

Ausgerechnet – mag mancher denken. Diese Fachgesellschaft DGPPN, die sich als Nachfolgeorganisation des  nationalsozialistischen Psychiater-Berufsverbandes versteht, hat sich erst vor ein paar Jahren dem Thema der Kranken- und Behindertenmorde durch Psychiater in der NS-Zeit gestellt. Viel später als andere Organisationen und Verbände, die auch Verbrechen an Hilfsbedürftigen und ihren Bezugspersonen begingen.

Der Autor dieses Grußwortes, Dr. Christian Kieser, Chefarzt einer Potsdamer Psychiatrischen Klinik, hat uns freundlicherweise seinen Text zur Verfügung gestellt. Leider haben wir keine Videoaufnahme des Grußwortes, denn die spürbare innere Beteiligung des Vortragenden tat ein Übriges zu dessen Wirkung.

Grußwort zur Gedenkveranstaltung für die Opfer von Patienten Mord und Zwangssterilisation in der NS Zeit.
September 2017

Sehr geehrte Frau Fricke, sehr geehrte Damen und Herren,

Im Oktober 1939 ermächtigte Adolf Hitler mit einem auf den 1. September 1939, den Tag des Kriegsbeginn zurückdatierten Einschreiben an den Leiter der Kanzlei des Führers Philippe Bouhler und Hitlers Begleitarzt Karl Brandt mit der organisatorischen Durchführung der als „Euthanasie” bezeichneten Tötung von “lebensunwertem Leben”. Die schriftliche Anweisung für die Euthanasiemorde war auf Hitlers privatem Briefpapier geschrieben und besteht aus einem einzigen Satz mit folgendem Wortlaut:
Reichsleiter Bouhler und Dr. med Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustand der Gnadentod gewährt werden kann.”

Mit diesem – so technisch und formal klingenden – Ermächtigungsschreiben wurde der Mord an 250.000 bis 300.000 psychisch kranken und behinderten Menschen angeordnet. Dieses Verbrechen gesellte sich zu der Zwangssterilisation, der 300. 000 bis 400.000 psychisch kranke und behinderte Menschen zum Opfer gefallen sind und bereits am 14 Juli 1933 wenige Monate nach der Machtergreifung Hitlers durch das “Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” grausame Realität wurde.

Ich spreche heute zu ihnen als Mitglied des Vorstands in Vertretung des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Die Zeit des Nationalsozialismus zählt zu den dunkelsten Kapiteln der Geschichte unseres Fachgebietes. Psychiater und die Vertreter ihrer Verbände haben in dieser Zeit ihren ärztlichen Auftrag, den ihnen anvertrauten Menschen zu helfen, sie zu pflegen und zu heilen, sträflich missachtet.

Angesichts dieser unfassbaren, schrecklichen Verbrechen war die Einrichtung der Gedenk- und Informationsstätte für die Opfer der “Nazi-Euthanasie vor 3 Jahren hier an diesem Ort der Tiergartenstraße 4 ein wichtiges Zeichen. Dies war möglich nach vielen Jahren des intensiven Einsatzes der Mitglieder des “Runden Tisches T4”, an dem sich auch die DGPPN beteiligte.

Die Gedenkveranstaltung, zu der wir uns heute hier zusammen finden, findet mittlerweile seit Jahren statt. Nach anfänglich noch geringer Beteiligung gehören dem Aktionskreis “T4 Opfer nicht vergessen” mittlerweile sehr viele Organisationen an. Dafür gebührt vor allem Ihnen, Frau Fricke, als Initiatorin und Organisatorin, unser aufrichtiger Dank!

Das Motto in diesem Jahr ist “Aus der Geschichte lernen”. Das bedeutet, sich der Vergangenheit zu stellen und sich der eigenen, besonderen Verantwortung bewusst zu sein. Dies betrifft natürlich unsere Fachgesellschaft aber vor allem uns als Ärzte, Psychiater und auch als Bürger.

“Geistiger Tod”, “Ballastexistenzen”, “lebensunwertes Leben”, all diese Worte gehen nur sehr schwer über die Lippen. Sie erschüttern und verstörend zutiefst – und im Wissen um die aktive Beteiligung von Psychiatern an Gleichschaltung, Zwangssterilisierung und Mord erfüllen sie uns mit Scham, Zorn und großer Trauer. Erst 70 Jahre nach den Taten hat die deutsche Psychiatrie sich systematisch mit ihrer Vergangenheit und der Geschichte ihrer Vorgängerorganisationen in der Zeit des Nationalsozialismus befasst und begonnen diese aufzuarbeiten. Ein wichtiges Anliegen der Fachgesellschaft war und ist – unabhängig von allen noch zu erhebenden historischen Details – bei den Opfern von Zwangsemigration, Zwangssterilisierung, Zwangsforschung und Ermordung, um Entschuldigung zu bitten.

Vor diesem Hintergrund ist es von besonderer Bedeutung, dass das (Nach)-Forschen nicht aufhört und wir uns weiterhin aktiv mit dem Vergangenen auseinandersetzen. Viele Aspekte und Hintergründe der damaligen Verbrechen sind immer noch nicht ausreichend beleuchtet und aufgeklärt.

Leid und Unrecht, schon gar nicht der Tod, können nicht ungeschehen gemacht werden. Aber wir können lernen – und wir haben dazu gelernt, die Psychiatrie ebenso wie die gesamte Medizin, Politik und Gesellschaft. Wir können gemeinsam für eine humane, menschenwürdige, am einzelnen Menschen orientierte Psychiatrie eintreten und gegen die Stigmatisierung und Ausgrenzung psychisch Kranker kämpfen – im steten Gedenken an die Opfer. Auch angesichts der aktuellen medizinethischen Diskussionen, bei denen es nur zu schnell auch um den “Wert” oder “Unwert” von Menschen geht, sind wir gehalten, eindeutig und entschieden Stellung zu beziehen.

Das unermessliche Leid, welches den Opfern der Euthanasie-Verbrechen wie auch deren Angehörigen und deren Nachfahren angetan worden ist, lässt sich schwer in Worte fassen. Ernst Putzki, der 1945 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet worden ist, schreibt zwei Jahre zuvor in einem Brief an seine Mutter über die Zustände in der hessischen Landesanstalt Weilmünster: “Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. (…) Die Menschen werden zu Tieren und essen alles, was man eben von anderen kriegen kann. (…) Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß, wer der Nächste ist”. Angesichts dieses unfassbaren Grauens bleibt uns Scham, Schuld, Demut und die uneingeschränkte Übernahme von Verantwortung.
Sehr geehrte Damen und Herren, haben Sie vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Ein Gedanke zu „Trauer

  1. Die verschiedenen Artikel habe ich erhalten, aber erst den über die „Trauer“ gelesen.
    Den finde ich super, da steigen die Emotionen beim Lesen in mir hoch…

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