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Über meinen Leidensweg. Bericht an einen Psychotherapeuten.

Der Autor stellt seinem Bericht einige Thesen voraus, anstelle einer Zusammenfassung:

1) Die Medikation (Psychopharmaka) muss mit dem Patienten „besprochen“ werden. Der
Psychiater sollte eine Art „Augenhöhe“ mit dem Patienten anstreben. (es gibt ein Urteil vom Bundesverfassungsgericht dazu!)

2) Auf vielen geschlossenen Psychiatrie-Abteilungen wird immer noch hochdosiert,
ohne Rücksicht zu nehmen. Die Praxis in den Kliniken entspricht nicht
dem rechtlichen Stand. Eine Zwangsmedikation traumatisiert den Patienten
langfristig, und ist rechtlich fragwürdig.

3) Neuroleptika werden akut sehr schnell hochdosiert, aber nicht mehr
verantwortlich runtergefahren. Das Ergebnis sind
Langzeit-Hochdosierungen, die schädigen. Oder das „runterfahren“ dauert
ewig lange, wegen dem Gehirnstoffwechsel: „es könnte ja wieder etwas
passieren“.

4) Kennen Sie „alte Schizophrene“. Ich nicht viele. Die meisten sterben
an Kreislaufversagen oder irgendetwas anderem, vor 60.. Neuroleptika!

 

Im März dieses Jahres holte mich das zweite Mal (zuvor im November 2014) eine belastende Grippe ein. (bzw. grippaler Infekt). Zu dieser Zeit nahm ich 10 mg Fluanxol und 1000 mg Seroquel ein, (Quietapin). Als ich am ersten Wochenende dieser Zeit meine Mutter besuchte, war ich geschwächt von der Grippe und belastet durch die Einnahme der Neuroleptika. Es kam zu einem beinah-körperlichen Zusammenbruch, und ich fuhr zurück nach Hause. Dort hatte ich darauffolgend Oberbauchkrämpfe und einmal heftige Nierenschmerzen. Diese waren auf meinen geschwächten Körper und vor allem auf die Einnahme von Fluanxol zurückzuführen, von dem ich ähnliche Symptome vorher schon kannte, nur nicht so heftig. Es ist bekannt, dass Neuroleptika schwere Nebenwirkungen haben, die langzeit-schädlich sind. Ich kann seit Jahren nicht vor 10:00 Uhr aufstehen (ich „komm nicht hoch“) und leide durchaus schon länger unter diesen Medikamenten, die auch nachweislich die Lebenserwartung verkürzen.

Ich bekam körperlich Angst, – mit 50 Jahren will ich mit meinem Leben noch etwas anfangen, und traf die Entscheidung, die Neuroleptika abzusetzen. Und zwar ganz.
Dies ist sicher ein Fehler gewesen, doch aus der Sicht der jahrelangen Nebenwirkungen auch verständlich. Ich wollte mich ganzheitlich behandeln lassen, und suchte auch schon nach einem alternativen Arzt.

Daraufhin wurde ich von allen Seiten unter Druck gesetzt, doch „meine Medikamente zu nehmen“, – auch von der Leitung des ambulant betreuten Wohnens, Frau X. Ich lebe in einer WG („betreutes Wohnen“), die ambulant betreut ist. Durchaus sinnvoll.
Im Zuge der Grippe und auch wegen des Drucks, dem ich ausgesetzt war, ging es mir schlechter. Die ständige Einnahme von Paracetamol (etwas anderes konnte der Hausarzt nicht empfehlen), war sicher auch nicht allzu hilfreich. Ich schlief tagsüber, und der Schlaf-Tag-Rhythmus kam aus dem Gleichgewicht. Nachts war ich z.T. unruhig, und lief in meinem WG-Zimmer hin und her.
Da ich nicht mehr an den gemeinsamen Mahlzeiten teilnahm, sondern nachts aß, tauchten „aus Sorge“ eines Abends 4(!) Polizisten und 2 Sanitäter auf, holten sich auf Grund von „Unterernährung“ , die eine Eigengefährdung sei, und auf Grund meines „desorientierten Zustands“ einen gerichtlichen Beschluss, und lieferten mich gegen meinen Willen in der geschlossenen Abteilung C 2 der Psychiatrischen Klinik hier (= „Bezirkskrankenhaus“ BKH) ein. 26. März. Dass ich „keine Medikamente nahm“ und „nicht essen würde“ wurde mir vorgehalten.

Auf der geschlossenen Station C 2 blieb ich eine Woche, und wurde dann auf mein Bitten auf die offene Station B1 verlegt. Ein Aufenthalt auf einer offenen Station, um mich zu stabilisieren, war für mich akzeptabel, die gerichtliche Unterbringung nicht.

Ich legte schriftlich Widerspruch beim Amtsgericht ein. Die Unterernährung stimmte nachweislich nicht, sondern war auf die körperliche Schwächung durch die Grippe zurückzuführen. Ich war auch nicht „desorientiert“, sondern unter Schock wegen der „verletztend auftretenden Staatsmacht“ (4 Polizisten!). Dazu wurde ein recht faires Gutachten erstellt, von einer Diplom-Psychologin und einem Oberarzt der C 2 , das auch meine Intelligenz und Sensibilität auf Grund meiner  langen psychosomatischen Geschichte durch die Neurodermitis berücksichtigte.

Am 24.04 d. J. (meinem Geburtstag) wurde der Unterbringungsbeschluss gegen mich vorzeitig aufgehoben. Zumal es auf der offenen Station keine „Komplikationen“ gab. Ich freute mich. Dennoch war die nächste Auseinandersetzung vorprogrammiert. Die Leiterin des betreuten Wohnens, Frau X nahm massiv Einfluss, dass ich „Medikamente nehmen müsse“. Ich nahm tatsächlich 800 mg Seroquel, verweigerte aber das Fluanxol wegen der schweren Nebenwirkungen.

Es kam zu einem Gespräch mit Frau X, Hr. Dr. XX (Oberarzt der Station B 1), Frau NN (Sozialarbeiterin für diese Station) und mir. Zu dieser Zeit war der Unterbringungsbeschluss noch aktiv, und ich daher entsprechend unter Druck. Keine schöne psychische Situation. Die Medikamente waren Thema. Ich erklärte, dass ich eine alternative Heilbehandlung anstrebe, und irgendwann „frei und ohne Neuroleptika“ leben wolle. Durchaus sei  ich bereit, diese in Akutsituationen zu nehmen, und auch eine Zeit übergangsweise, bis eine alternative Behandlung wirksam sei. Es wurde von mir eine Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und alternativer Behandlung vorgeschlagen. Dies wurde auch akzeptiert. Natürlich war die Dosierung der Medikamente Thema. Hr. Dr. XX von der B  1 (offene Station) zeigte sich durchaus offen für neue Wege. 

Kurz darauf wurde der gerichtliche Unterbringungsbeschluss gegen mich vom Landgericht aufgehoben. (Anmerkung von EREPRO: 14 Tage nach dieser Aufhebung wurde eine rechtliche Betreuung angeordnet). 

Das Mittel Fluanxol wurde mir dennoch in einer Dosierung von 5 mg später „nahegebracht“. Und ich nahm es, um weitere Diskussionen zu vermeiden. Allein dies war schon ein Unterlaufen der Gesprächsrunde.
Dass ich eine alternative Behandlung durchsetzen musste, ist allein schon ein Witz. Ich habe in Deutschland das Recht, die ärztliche Behandlung frei zu wählen.

Dann geschah etwas, was die Situation veränderte. Am Abend des 8. Mai  (Freitag) stand ich nach 20:00 Uhr (die offene Station B 1 schließt auch um 20:00 Uhr) am Haupteingang des BKH mit einigen Tüten, weil ich plötzlich Angst vor der Psychiatrie hatte. Ich glaubte, Herr F. (ein Betreuer von mir aus der WG) würde mich abholen und zurück in die WG bringen. Dies fiel auf, und ich war in dieser 40 Minuten dauernden wirren Phase auch für eine Pflegerin von der Station B 1 nicht ansprechbar.
Schließlich tauchte jemand von der geschlossenen Station C 1 auf, und ich wurde auf diese „geschlossene“ bugsiert. Verständlich aus der Sicht der Pflegerin, weil ich nicht ansprechbar war. Ich „träumte den Traum von der Entlassung“. Als ich mitbekam, wohin es ging (nämlich auf die „geschlossene“), war ich sofort wieder klar, und auch bewußt. Als sich die Türen hinter mir schlossen,  war das nicht mehr zu ändern. Ich hatte in 19 Jahren Schizophrenie noch nie eine „wirre Phase“, und glaubte, diese Situation ließe sich wieder lösen. Die diensthabende Nachtärztin, die mich aufnahm, und der ich die Situation schilderte, sagte dazu: „Naja, Hr.A., Sie stabilisieren sich über das Wochenende, und können wahrscheinlich am Montag wieder zurück auf die offene“.

Es stellte sich später heraus, dass man mich 5 Wochen auf der geschlossenen Station festhalten würde.  Am  Montag bei der Visite wurde mir tatsächlich versprochen, mich zügig auf die offene Station B 1 zurück zu verlegen. Dies geschah nicht in dieser Woche.
Als ich Abends dort meine Medikamente bekam, sah ich, dass ich 20 mg Fluanxol bekam. (Das war die 4-fache Dosierung dessen, was am „runden Tisch“ mit Hr. Dr. XX vereinbart war). „Naja, sie brauchen sich nicht wundern, dass sie auf der geschlossenen mehr bekommen, kommentierte ein Pfleger.  Seroquel bekam ich 1000 mg. Dies ist eine Dosierung, die mich „totmacht“. Man kann bis zu 1600 mg davon geben. Wie man sich dabei fühlt, spielt keine Rolle.

Ich verzichtete auf eine Diskussion um die Medikamente mit dem dortigen Oberarzt. Er gilt als Autokrat und Schulmediziner, und ich kenne ihn durchaus. Man wird dort nur entlassen, wenn man die Medikamente nimmt.
Der Oberarzt ist stellvertretender med. Leiter des BKH. Ich kommentiere dies nicht. Ich bekam auch keinen Ausgang. Ich irrte auf dieser geschlossenen Abteilung 3 Wochen ohne Perspektive und Ausgang herum, lief im Kreis herum und rauchte. Die erste Woche ließ ich abends zweimal die diensthabende Ärztin kommen, weil ich es nicht verkraftete. Diese waren freundlich, doch eine Verlegung auf die offene blieb aus.
Nach 10 Tagen wollte ich auf eigene Verantwortung gehen, – ich hatte immerhin keinen Unterbringungsbeschluss. Dies missglückte, da mir mitgeteilt wurde, dass die „Resozialisierung“ in die WG nicht abgeschlossen war. Dies ging wohl von der Leitung des betreuten Wohnens aus. (Frau X).
Damit hatte ich keine Möglichkeit entlassen zu werden, weil ich keine eigene Wohnung hatte. Die Situation wurde psychisch extrem belastend. Durch die fehlende Möglichkeit, in die WG zurück zu kommen, war ich ausgeliefert und erpressbar. Ich leide heute noch an einer posttraumatischen Belastungsstörung und an Alpträumen. Auf eine Diskussion über die Medikamente verzichtete ich, weil ich Angst hatte, dann nicht entlassen zu werden. Insgesamt läßt sich der Situation auf der geschlossenen Abteilung als „Leid“ ansehen. Nach 3 Wochen fasste ich mir ein Herz und fragte nach der Entlassung.

Inzwischen war ich wenigstens einmal in der WG gewesen in Form von Tagesurlaub, so dass die „Resozialisierung“ gut stand. Ich hatte mich mit den WG-Mitgliedern ganz gut verstanden, und heute bin ich dort angenommen und akzeptiert. Die Angst, wieder unter Druck gesetzt zu werden, ist dennoch unterschwellig noch da (posttraumatische Belastungsstörung). Ich werde wohl eine eigene Wohnung wieder anstreben. Einen Umzug verkrafte ich im Augenblick natürlich nicht.

Auf die Frage nach der Entlassung bekam ich die Antwort von dem Oberarzt, dass er sich meine Entlassung in ca. 14 Tagen vorstellen könne, wenn ich die Medikamente nähme. Und ich bekam stufenweise mehr Ausgang. Die Wiedereingliederung in die WG wurde ordentlich organisiert in Form von Tagesurlaub und Übernachtungstraining. Das Thema Medikamente sprach ich aus Angst nicht an. Die Dosierung von 20 mg Fluanxol war extrem belastend. So ruiniert man Menschen.
Der in Aussicht gestellte Entlassungstermin wurde tatsächlich eingehalten. Ich glaubte daran schon nicht mehr. Am 12. Juni wurde ich entlassen, unter der Bedingung, dass ich in die Institutsambulanz eingebunden würde. Dort bekam ich zuerst eine Medikamentenliste und Rezepte für die Neuroleptika. Gleichzeitig wurde mir bei der Entlassung von dem Oberarzt gesagt, dass gleich beim nächsten Mal der „Medikamentenspiegel“ durch eine Blutabnahme genommen würde. Die Absicht war klar: Kontrolle.

Ich genoss die Entlassung einen Tag. Dann fraß mich der Hass bzw. eine Art von Trauma auf. Man kann ein KZ-Trauma (Neuroleptika und die geschlossene Abteilung) nicht durch KZ (Neuroleptika) heilen. Ich tat genau dass, was mir nicht empfohlen wurde. Ich reduzierte die Einnahme der Neuroleptika schrittweise auf die in der Gesprächsrunde vereinbarte Dosierung von 800 mg Seroquel und immer noch 5 mg Fluanxol. Dies musste ich eigenständig tun, weil ich mich von dem Oberarzt und der Institutsambulanz massiv unter Druck gesetzt fühlte. Ich bin nicht bereit mich körperlich und seelisch ruinieren zu lassen. Dies ist geglückt, ich bin stabil und in der WG, in der ich z.B. gerne koche, angenommen.

Dennoch leide ich unter dieser Situation, solange ich keine vernünftige ganzheitliche Heilbehandlung bekomme. Die posttraumatische Belastungsstörung muss psychotherapeutisch aufgearbeitet werden. Man kann diese nicht durch Neuroleptika heilen, da genau diese ja die Ursache sind.

Meine Mutter, die mich jedes Wochenende auf der geschlossenen Station C 1 besuchte, war schockiert. Man muss es erlebt haben, wenn sich hinter einem immer wieder die zwei geschlossen Glastüren schließen. Ausgang hilft nicht, da die Angst, auf der „geschlossenen“ dort bleiben zu müssen, immer da ist.
Was ich positiv „mitbekommen habe“, ist eine unglaubliche Wertschätzung des Lebens „außerhalb der geschlossenen“. Und die Erfahrung, dass Freiheit und Selbstbestimmung für mich der höchste Wert sind.

Ich wurde am 26. März dort „untergebracht“, und bin im Juni, d.h. im Hochsommer entlassen worden. Mir fehlt das ganze Frühjahr. Ich nehme es als Erfahrung, sein Leben für eine Zeitlang zu verlieren. Nicht Neuroleptika, sondern das Leben, Liebe und Freiheit heilen.

Meine Schwester leidet, wie ich, ein ganzes Leben unter schwerer Neurodermitis. Noch dazu ist sie Lehrerin, muss also vor jungen Menschen auftreten. Eine schwere Last. Sie muss bei der Kasse darum kämpfen, dass alternative Behandlungen bezahlt werden. Mit Cortison kommt sie nicht weiter.
Ähnlich wie die Schizophrenie, der gegenüber die Schulmedizin ohne Neuroleptika hilflos ist. Bei mir hat eine Verlagerung von der Neurodermitis zur Schizophrenie stattgefunden, unter schwierigen Lebensverhältnissen: beruflicher Misserfolg und Bruch einer Beziehung. Daraufhin hatte ich die schwächeren Persönlichkeitsanteile abgespalten.
Dies lässt sich durch eine Psychotherapie  und menschliche Zuwendung behandeln. Sicher nicht durch schädigende Medikamente wie die Neuroleptika.
Das Misshandeln des hochsensiblen Nervensystems eines Neurodermitikers durch Neuroleptika, dazu gehört schon etwas.
Dieser Punkt wurde bei der Anamnese durch die Psychiater nie nachgefragt. Inzwischen habe ich Unverträglichkeiten auf fast alle Neuroleptika entwickelt. Eine klare Sprache der Seele. Ich reagiere auf fast alle Neuroleptika (z.B. das so hochgepriesene Zyprexa oder auch Zeldox, Haldol, Fluanxol, Risperidon und andere..) mit „Verlust der Ruhe“, als Nebenwirkung bei fast allen Neuroleptika beschrieben. Das heißt bei Fluanxol z.B. Krämpfe im Oberbauch, Tremor und Steifigkeit im Unterkörper, dazu der ruhelose Zwang zu laufen. Ich trinke 2 – 3 Liter Kaffee am Tag. Rauche unentwegt und laufe in der WG im Kreis herum.
Sehr förderlich für die „Resozialisierung“ in der WG! Die anderen können nicht schlafen, weil ich ruhelos bin. Dazu kommt, dass ich mich nicht konzentrieren bzw. Zeitung lesen kann, weil mir eben die Konzentration durch Neuroleptika abbricht. Ebenfalls kann ich den Sport Tischtennis nicht ausüben, den ich als Jugendlicher wettkampfmäßig und locker beherrschte, auf Grund der körperlichen Nebenwirkungen von Neuroleptika. Ein großer Verlust an Leben. Dies erleide nicht nur ich, sondern viele fehlbehandelte Schizophrene, Depressive oder andere an Persönlichkeitsstörungen leidende Menschen.

Bücher wie „Krankheit als Weg“ oder „Schicksal als Chance“ von Thorwald Detlefsen sind anscheinend spurlos am psychiatrischen Beruf vorbei gegangen.
Dass eine Krankheit auch Ausdruck der Seele ist, muss verstanden werden.  Das rein materielle Behandlungskonzept aus den 50/60 er Jahren ist durch eine ganzheitliche Entwicklung inzwischen überholt. Der „Gehirnstoffwechsel“ ist nur das Symptom, nicht die Ursache.
Die Ursache einer seelischen Erkrankung liegt in der Seele selbst. Der Gehirnstoffwechsel muss mit behandelt werden, ähnlich der Situation eines Alkoholikers. Chance auf Heilung hat nur eine umfassende Behandlung. Ein weiterer beschränkender Faktor der Neuroleptika: Ich kann nicht schreiben. Ohne den Laptop oder den Stift habe ich keinen Lebensinhalt.  Eine Psychose ist vorprogrammiert: Leerlauf.

In unserer WG wissen die anderen, dass ich nachts „schreibe“, respektieren dies und lassen mich in Ruhe. Soll ich die ganze Nacht im Kreis laufen, Kaffee trinken und rauchen…?
Ich schreibe seit 1 ½ Jahren an einem Buch über Schizophrenie, Bewußtheit und Spiritualität, und stand schon in Kontakt mit Verlagen. Auf Grund meiner Lebensschwierigeiten ruht das Buch zur Zeit. Dies hier ist wichtiger, und vielleicht habe ich etwas zu sagen. In der Tat kann ich „unter Druck“  schreiben, und das 3 -4 Stunden täglich. Dies ist meine Begabung und mein Handwerk, ebenfalls Psychologie. Nimmt man mir das, bricht mein Leben zusammen. Eine hohe Dosierung von Neuroleptika nimmt mir genau dies.
Neuroleptika können kurzfristig sinnvoll sein, um Schübe zu behandeln. Die meisten Psychiater, speziell im BKH, neigen zu Langzeit-Überdosierungen. Das ist massiv schädigend. Neuroleptika müssen auch wieder „runtergefahren werden“, und das verantwortlich, und nicht nur aus der Angsthaltung: „es könnte ja wieder etwas passieren“. Die Übernahme von Verantwortung gehört zum ärztlichen Beruf. Schief gehen kann immer etwas. Dies ist kein Grund, das Leben von vielen Menschen langfristig auf Null zu reduzieren und zu schädigen.

Ein Beispiel zu Schulmedizin und alternativer Behandlung: Eine Pflanze enthält 60 bis 150 wirksame Stoffe, die ganzheitlich und umfassend wirken. Neuroleptika, die meist nur das lebenswichtige Dopamin blockieren, enthalten  EINEN Wirkstoff. Dies ist im Vergleich zu Gottes Natur primitiv, wie viele Milliarden der Pharmaindustrie auch daran hängen mögen. Ein Beispiel für ein hochgefeiertes Neuroleptikum, das zuerst durch Milliarden-Gewinne der Firma Lilly auffiel, war Zyprexa. Die Nebenwirkungen stellten sich erst nach und nach ein. Dieses Mittel wird übrigens gerne noch immer überdosiert.
Die krankhafte Fixierung der Schul-Psychiatrie auf nur einen (oder 2 oder 3) Wirkstoffe ist geradezu primitiv und reduziert den Menschen auf die Chemie. Eine ganzheitliche Behandlung erfordert weit mehr Mühe. Die medizinische Leitung des BKH  halte ich für medizinisch (menschlich möchte ich mich dazu nicht äußern) für inkompetent. Geschlossene Psychiatrie und Gefängnis halte ich für ein Verbrechen. Psychiater üben massiv Macht aus.

Ein Beispiel zu Bipolaren. Ich bekam ein Konzert von erstklassigen Musikern im BKH mit. Alles Bipolare und hoch begabte Blues-Musiker, einer aus den USA. Es ist schön, so etwas in einer Klinik zu veranstalten, das ist ok. Einer der bipolaren schilderte das „Fehlen“ der hochbegabten manischen Phasen in seinem Leben. Er hatte seit 3 Jahren seine Gitarre nicht mehr angefaßt und war depressiv. Der Klinikchef legte daraufhin ein einfaches Diagramm auf, und erklärte, dass sich die bipolare Störung durch Medikamente ausgleichen ließe. Das Problem: es fehlen die Hochphasen. Was diese Menschen durch Medikamente verlieren, ist ihr Leben. Wie gesagt: dem Blues-Musiker fehlte die Intuition, um Musik zu machen, dafür war er „chemisch heil“. (Der Ausdruck ist von mir).

Vielleicht können sich Psychiater Gedanken zu Lebensfreude machen.  Das Leben ist ein Blues, mal hoch und mal niedrig. Die Menschen in ihren Ängsten und in ihrer Liebe zu erfahren, in Freud und Leid, ist menschlich. Jeder Mensch, dem Du auf der Straße begegnest, könnte Dein Bruder sein, Dein Vater oder Deine Mutter. Menschen in ihrem Suchen zu begegnen, in ihrer Hilflosigkeit und Angst, aber auch ihrem Lieben und Sehnen, auch mit dem, was sie verloren haben. Das ist menschlich.  Menschen sind viel mehr als nur ihre Chemie, sie sind fühlende und bewußte Wesen, mal mehr oder weniger. Mal angekommen, mal suchend. Aber immer lebendig, Ich selbst habe bipolare Anteile (im Schreiben). Das ist normal. Das Leben als eine Null-Linie, durch Neuroleptika bereinigt, das ist nicht normal.

Unter den jetzigen Umständen und auf Grund der hohen Traumatisierung durch die geschlossene C 1 bitte ich, mir schnellstmöglich eine/n PsychologIn/TherapeutIn zur Verfügung zu stellen. Dies hilft mir weiter als eine hohe Medikamentendosis. Selbstverständlich bin ich selbst auf der Suche nach einem geeigneten Therapeuten.
Die 4-fach Dosierung von FLuanxol (im Vergleich zur offenen Station) durch den Oberarzt der C 1 wurde nicht mit mir besprochen, und ist als Zwangsmedikation anzusehen. Die Medikation sollte mit mir besprochen werden. Eine Zwangsmedikation traumatisiert den betroffenen Menschen langfristig und ist rechtlich fragwürdig. Ich wünsche mir eine Behandlungsqualität, die dem Rechnung trägt.

P.S.: Ich stelle die Diagnose „paranoide“ Schizophrenie als lebenslange Diagnose überhaupt in Frage. Es gab in Deutschland schon einmal diese „Stempel“, bei KZ-Insassen. Schubladen. Schizophrenie ist durchaus heilbar, nicht jedoch allein durch die Schulmedizin. 

 

Folgender Text, der auch an das Betreuungsgericht ging, wurde vom Autor am 27.6.2015 nachgereicht.

Auszüge aus seinem Anschreiben an EREPRO:
„Mit ‚meiner Betreuerin’ habe ich telefoniert. Sie hatte hinter meinem Rücken mit den für mich zuständigen WG-Betreuern telefoniert. Und auf einmal hieß es von Hr. F.: ‚Die Betreurin kommt morgen mit in die WG.’. Das hat Todesangst ausgelöst, ‚wieder eingewiesen zu werden’. Ich sah sie schon in der Küche sitzen, mit Polizisten und Sanitätern: ‚Hr. A., wenn Sie die Medikamente nicht nehmen, muss ich sie wieder in das BKH einweisen.’ Ich war nahe am nervlichen Zusammenbruch. Das kreiste eine Stunde lang in meinem Kopf. Die Frau ist ein rotes Tuch für mich, sie hat auch hinter meinem Rücken im BKH mit den Ärzten telefoniert. Als ich auf der geschlossenen C 1 Ausgang bekommen sollte. hieß es: ‚Ja, da müssen wir mit ihrer Betreuerin telefonieren, ob sie einverstanden ist.’
Das ist traumatisch, und das kreist bei mir im Kopf. Ich faßte mir ein Herz, und rief sie persönlich an. Ich wolle nicht, dass sie in die WG komme, sagte ich ihr klipp und klar. Ich habe Beschwerde eingelegt, und ich sagte ihr, dass ich die Betreuung ablehne.
Wenn – dann schon mit offenem Visier.
Ich schlug ihr ein Treffen auf ‚neutralem Terrain’ im SPDi vor, mit Hr. B., der mich seit Jahren kennt, als unabhängige Vertrauensperson. Meine Betreuerin war dann am Telefon immerhin so anständig, und sagte, sie wolle sich nicht ‚aufdrängen’ und hielte sich aus der WG heraus.

Die Frau kennt mich überhaupt nicht (zwei kurze Gespräche im BKH), und ich bin im betreuten Wohnen integriert, mit deren Betreuern ich seit 1 1/2 Jahren alles selbst bespreche. Ich habe also schon eine Betreuung im ‚ambulant betreuten Wohnen’, was will die Frau denn? Ja, sagte sie, aber rechtlich habe sie die Haftung für mich usw. Man einigte sich darauf, dass sie sich weiterhin nicht einmische, weil ich das nicht wolle (so anständig war sie).

Sie würde mir einen Brief mit rechtlichen Hinweisen schicken, das müsse sie, und natürlich: ‚Sie müssen Ihre Medikamente nehmen’. Dazu sage ich nichts mehr. Sie wird das Schriftstück vom Betreuungsgericht bekommen, und vielleicht denkt sie über Zwangsmethoden in der Psychiatrie etwas nach. Die Frau ist ‚Berufsbetreuerin’, und borniert und überheblich. Sie hat mich unterschätzt, und vielleicht schätzt sie mich nach dem Schriftstück, das ich verfaßt habe, etwas vorsichtiger ein. Jedenfalls mischt sie sich nicht mehr in die WG ein. Ein Teilerfolg. Sie wolle die Entscheidung des Landgerichts abwarten, und nicht weiter Einfluß nehmen. Immerhin. Unglaublich.“

Bericht zum Aufenthalt auf der offenen B1

Nach einer Woche auf der geschlossenen Station C 2 und kurzer Zeit auf der B 1 war ich weitestgehend  klar, ansprechbar und bewusst, obwohl ich bis dahin keine Medikamente (!) bekommen hatte. Der Schock und Leid führten durchaus zum aufwachen. (der Unterbringungsbeschluss!) Niemand braucht daraufhin wochenlang einen Aufenthalt auf einer geschlossenen oder eine hohe Medikamentendosis. Man ist sich der Situation sehr schnell bewußt. (Jedenfalls ist das bei mir so.)
Nach kurzer Klärung wurde für den nächsten Tag ein Gespräch mit der rechtlichen Betreuerin vereinbart. Ich hatte vor, ihr meine Situation nahezubringen, und wie es mir ging.
Die Begegnung verlief kurz: Als die rechtliche Betreuerin für meine Belange nicht ansprechbar war, stand ich aufgebracht vom Stuhl auf. Dies stufte sie sofort als „psychotisch“ ein, und brach das Gespräch ab. Meinen Vorstoß, mich „eine rauchen zu lassen“, und in 15 Minuten ruhig miteinander zu reden, blockte sie ab.„psychotisch“).
 

Ihre Reaktion war die einer Berufsbetreuerin. Es kam Personal von der B 1 auf mich zu, und forderten, dass ich auf Geheiß von der Betreuerin (sie war im Personalraum einige Meter davon anwesend), wieder Medikamente nehmen müsse, sonst „käme ich wieder auf die „geschlossene“.
Solche Methoden mögen in der Psychiatrie üblich sein. Ich jedoch möchte als menschliche Person auch in meinem Leid bewußt wahrgenommen werden. (der Unterbringungsbeschluss!). Ich ließ mich auf die Medikamente wieder ein, weil ich Angst vor der „geschlossenen“ hatte. Auch dies wieder ein Baustein zu meiner Ablehnung  gegen gesetzliche Betreuung und Unterbringungsbeschluss.
Die Situation klärte sich später in einer Gesprächsrunde aller Beteiligten, in der die Medikamente Thema waren. Siehe mein Bericht. Ohne die Betreuerin.
Die Unterbringung wurde demnach auf meinen Widerspruch und ein faires Gutachten vorzeitig aufgehoben. Warum ich jetzt noch mit einer rechtlichen Betreuung zu tun habe, muss mir erklärt werden.

Stationärer Maßregelvollzug: anders ist besser!

Hans ist ein warmherziger Mann von 30 Jahren. Er hat eine blühende Phantasie und ist kreativ. Er war jahrelang in einer psychiatrische Klinik untergebracht, nachdem er auffällig geworden war, weil er – in dem Wahn fliegen zu können – vor hatte vom Rathausturm zu springen. Daraufhin folgte die Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik .
Er hatte keine Angehörigen, die sich um ihn kümmerten. Seine Mutter war kurz nach seiner Geburt verschwunden, der Vater interessierte sich nicht für den lästigen Sohn und die Großmutter, bei der er aufgewachsen war, gestorben.
So wurde er in der Klinik praktisch vergessen und blieb sehr lange.

Bei den regelmäßigen Besuchen des Sozialpsychiatrischen Dienstes in der 60 km von unserem Ort entfernten Klinik lernten wir ihn kennen. Es gelang uns ihn aus der Klinik zu holen. Er lebte dann in einem Raum auf einem verlassenen Fabrikgelände, den sein reicher Vater ihm zur Verfügung stellte. Eine Angestellte war beauftragt, sich um technische Dinge in der Wohnung zu kümmern. Dort konnte Hans laut Musik hören. Es gefiel ihm.
Hans kam täglich in unseren Begegnungsraum, wo er bis heute gut integriert ist und Freunde hat. Alle ein bis zwei Wochen führte er Gespräche mit einer Psychologin. Wir hörten fasziniert seinen fantastischen Geschichten über Gott, Goethe, Jesus, Allah und viele Themen des Bildungsrepertoires zu, das er sich angeeignet hatte.
Zwischendurch versuchten wir seine Größenideen im einzelnen etwas zu relativieren. Mit Humor akzeptierte er unsere Bemühungen. Er hatte einen ziemlich wilden Tanz erfunden,  den er mit seiner Freundin, einer Klientin von uns, und mit ehrenamtlichen Mitarbeitern des Sozialpsychiatrischen Dienstes übte. Mit dieser Freundin praktizierte er zeitweilig sadomaso Spiele. Wenn er ihre Wünsche bzw. Nicht-Wünsche nicht  ausreichend beachtete, teilte sie das ihrer Ansprechpartnerin in unserem Dienst mit, und die Mitarbeiterin, die mit Hans Gespräche führte, stellte ihn zur Rede. Über diese Korrekturmöglichkeit lief nichts aus dem Ruder.
Zu allen, die er im Sozialpsychiatrischen Dienst kannte, bestand eine stabile Vertrauensbeziehung und Kontakt auf gleicher Augenhöhe, was ihm sehr wichtig war.
Dass er regelmäßig Cannabis konsumierte, war uns natürlich ein Dorn im Auge. Aber er war nicht von der Befürchtung abzubringen, ohne eine kleine Dosis Haschisch seine atemberaubende Phantasie einzubüßen, die ihm so viel Bewunderung einbrachte.1 Neuroleptika verweigerte er aus dem gleichen Grund: er fühlte sich zu gedämpft – mit dieser Klage stand er natürlich nicht alleine.
Bei der engen Vernetzung innerhalb des Sozialpsychiatrischen Dienstes erfuhren wir es sofort, wenn sich Probleme anbahnten und konnten darauf eingehen. Klinikaufenthalte waren nicht mehr nötig. Unter diesen Umständen waren wir im Laufe der Zeit in der Lage sein Verhalten ziemlich verlässlich zu taxieren.

Eines Tages „zupfte er zum Spaß“ – wie er sagte – eines der beiden vor ihm laufenden Mädchen am langen Zopf. Er wurde angezeigt, und wegen seiner Psychiatrieakte erhielt der Klinikdirektor unserer Stadt, der ihn gar nicht kannte, einen Gutachtenauftrag. Verhängnisvoll war es vielleicht für Hans, dass seine Freundin mehrfach in der städtischen Klinik behandelt wurde, und dort wahrscheinlich ebenso mitteilungsfreudig über ihr Sexualleben mit ihm berichtete wie im Sozialpsychiatrischen Dienst.
Wir nahmen mit dem Gutachter Kontakt auf, berichteten über unsere engmaschige Betreuung und teilten ihm mit, dass wir einen unbegrenzten Aufenthalt in der stationären Psychiatrie (Maßregelvollzug)  „zur Besserung“ für überzogen hielten, sondern der normale Strafvollzug angemessen sei, da Hans „einsichtsfähig“ bedaure, gegenüber dem Mädchen zu weit gegangen zu sein .
Der Gutachter hatte keinerlei Interesse an einem Gedankenaustausch mit uns und verwies Hans als „gefährlich“ aber schuldunfähig in den Maßregelvollzug, wo er jahrelang blieb.
Bis er den offiziellen „Lockerungs-Stufenplan“ dieser Klinik, zur „Erprobung der Behandlungsfortschritte“ durchlaufen hatte, anders gesagt bis zum Beweis rückhaltloser Anpassungsbereitschaft und –fähigkeit. Laut seinem rechtlichen Betreuer gelang ihm das in dem üblichen Zeitrahmen.2
Hans war verzweifelt darüber, in der Forensik – weit weg von seinen Freunden – für unbegrenzte Zeit eingesperrt zu sein. Besuche waren – besonders zu Beginn – sogar für uns Mitarbeiter schwer möglich, auch wegen großer bürokratischer Hürden.
Schließlich war er wieder da, und es hatte keine Probleme mit der diagnostizierten „Gewalttätigkeit“ gegeben – weder in der Forensik noch später im Sozialpsychiatrischen Dienst  – bis heute.

Unsere Art sozialpsychiatrischer Betreuung – mit Schwerpunkt „Prävention“ – integriert Menschen mit psychischen Belastungen in eine Gemeinschaft, die sie hält und bei Problemen unterstützt.
So konnten mehrere, wegen Gewalttätigkeit in psychiatrischen Kliniken Eingesperrte, nachdem wir sie bei Klinikbesuchen kennengelernt hatten, auf diese Weise ambulant betreut werden, ohne dass sie wieder gewaltätig wurden.
Bei einigen war es zu Beginn nötig in mühsamer Kleinarbeit den Tagesablauf und die zwischenmenschlichen Erlebnisse genau im Einzelnen zu besprechen, um weniger impulsive Reaktionen zu „programmieren“ und zu üben.
Die Motivation, „es zu schaffen“ und in Freiheit zu bleiben, war in der Regel groß, auch weil man den Bekanntenkreis, die Gruppe in dem Sozialpsychiatrischen Dienst nicht missen wollte.
In einem Fall konnte der Dienst eine Frau aufnehmen, die einen Menschen getötet hatte. 
Erfahrung liegt weiterhin vor mit sog. kleptomanen Straftätern. Die Pflichtteilnahme an einer  „Selbsthilfegruppe“ unter psychologischer Leitung wurde von den Richtern in einer ganzen Reihe von Fällen als Strafe verhängt. Das erwies sich als sehr sinnvoll.3
Kommunikation und sozialer Integration sind auch für Persönlichkeiten, die zu Psychosen neigen, enorm wichtig. Es sei fast nicht möglich – wird immer wieder behauptet – diesen Menschen zu befriedigenden und dauerhaften Beziehungen zu verhelfen. Wir haben andere Erfahrungen.
Denn die Sozialpsychiatrie verfügt über entsprechende soziale Strukturen und fachliches Know-how. Seit vielen Jahren werden Menschen mit psychotischen Erfahrungen regelmäßige Gesprächsgruppen angeboten. Dadurch sind unter den Teilnehmern viele Freundschaften entstanden.4 Dass diese Menschen jemanden finden, der sich interessiert und ihnen zuhört, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, und ist in vielen Fällen entscheidend für den Verlauf ihres Lebens. Denn Isolation und das fehlende Korrektiv einer Gruppe befördern erfahrungsgemäß die Fehlsteuerung von Menschen, bei denen sich ein Wahnsystem entwickelt. Wenn in einer Beratungsstelle ein vertrauensvoller, stabiler Kontakt besteht, ist Fremd- und Selbstgefährdung in der Regel im Griff zu behalten.
Einem Straffälligen, dem 38-jährigen „Peter J.“, über den Gisela Friedrichsen im Spiegel berichtete, wünschte sein Verteidiger ein „therapeutisches Setting“, in dem „ein Dialog mit ihm möglich gewesen wäre.“ Der Suzid dieses Mannes, der mit einer Bombe ein „Zeichen setzen“ wollte, „damit sich endlich jemand mit ihm beschäftige“5 hätte dadurch vielleicht verhindert werden können. 
Achtet man einmal darauf, so kann man Medienberichten häufig entnehmen, dass durch Gewalttaten straffällig gewordene Menschen mit großen psychischen Beschwernissen sehr isoliert lebten und demzufolge nirgends Zuwendung und Gehör fanden.

Wenn auch die Angebote Sozialpsychiatrischer Dienste ab und zu von den Gerichten in Anspruch genommen werden, so könnte das viel häufiger geschehen, um die bekannten negativen Begleiterscheinungen des stationären Maßregelvollzugs zu vermeiden.
Dieser kann zwar unter Auflagen zur Bewährung ausgesetzt oder „gelockert“ werden. Der Betroffene hat dann einen rechtlichen Betreuer oder einen Bewährungshelfer.6 Auch die vielfach schon an Maßregelvollzugs-Kliniken angebundenen Forensischen Ambulanzen leisten eine wichtige Arbeit. Sie übernehmen ebenfalls die Betreuung bei „Lockerungen“7 des Maßregelvollzugs und später die Nachsorge nach der Entlassung. Sie können leichter als andere ambulante Einrichtungen in schweren Krisen des Klienten durch „befristete Wiederinvollzugsetzung“ eine erneute stationäre Behandlung in der Forensischen Klinik veranlassen.

Trotzdem halten wir eine enge Kooperation forensischer Kliniken und Ambulanzen mit den Sozialpsychiatrischen Diensten für angesagt, weil diesen die Integration des Straffälligen in die „Gemeinde“, in frühere Bezugssysteme und Bekanntenkreise besser gelingt. Zu wissen, dass man dort zurück erwartet wird, stellt einen Ansporn dar. Und diese Re-Integration schützt vor Hospitalisierung. Es kommt nämlich gar nicht selten vor, dass nach Abschluss des Maßregelvollzugs aus Routine Heimeinweisungen vorgenommen werden,8 und die Klienten so immer noch nicht ihre Freiheit zurück gewinnen.
Integrationsfähigkeit oder „Gefährlichkeit“ von Menschen mit großen psychischen Problemen sind verläßlicher einzuschätzen bei vielfältigen konkreten Erfahrungen im Umgang, wie sie in Sozialpsychiatrischen Diensten üblich sind. Wenn die zu Beurteilenden ausgiebig an den Angeboten teilgenommen haben, könnte dieses Wissen im Fall einer Straftat zur Entscheidung über ihre „Schuldfähigkeit“ heran gezogen werden und ausschlaggebend sein.

Die in der Regel praktizierte Begutachtung ist nämlich ein zweischneidiges Schwert.
Die Spiegel-Journalistin Gisela Friedrichsen schildert, wie Straftäter, die als psychisch krank gelten, von dem Gutachter Hans-Ludwig Kröber, Chef der Forensik der Berliner Charité, ohne den nötigen Respekt, der jedem Menschen zukommt, mit pseudowissenschaftlichen  Begriffen wie “ dissozial“ beziehungsweise den unwissenschaftlichen Alltagsbegriffen „egozentrisch“ und „dickfällig“ bezeichnet werden. Das disqualifiziert diesen Gutachter10, von einem psychologischen Verständnis für die Verhaltensweisen der Probanden – gewonnen durch vertrauensvolle Gespräche – gar nicht zu reden.
Das Bemühen um eine zusammenhängende Charakterisierung anstelle solcher klischeehafter Etikettierungen ist doch eine Selbstverständlichkeit menschenwürdiger Behandlung bzw. Begutachtung. Kann man bei einer solchen Begrifflichkeit nicht sogar von einer Missachtung des Gerichtes durch den Gutachter reden?
Der Proband im Artikel von Friedrichsen fand nicht nur keine hilfreichen Gespräche , sondern alle seine Forderungen – nach einem zweiten Gutachter in seinem Prozess, und nach einem neuen Verteidiger für die Wiederaufnahme – wurden ihm von zwei Gerichten verweigert. Man muss sich nicht wundern, dass dieser Mann, der sich für unschuldig hielt, verzweifelte und im Gefängnis schreckliche Tobsuchtsanfälle bekam. Und das möglicherweise bei einem Grundgefühl existenzieller Bedrohtheit – wie oft bei Menschen mit psychotischen Störungen.
Die Diagnose „Psychose“ hatte der Gutachter Kröber zwar auch gestellt. Solche menschlich verständlichen Reaktionen – wie das Toben des Peter J. – werden  aber ohne das Bemühen um einen Verständniszusammenhang von Sachverständigen gerne als „Charakterfehler“ missverstanden, mit der Konsequenz: die psychischen Belastungen finden möglicherweise nicht genügend Beachtung und man wird der persönlichen Situation des Angeklagten nicht gerecht.
Friedrichsen zitiert einen weiteren Gutachter des Peter J., der angemessener formulierte: „Die scheinbare Rücksichtslosigkeit in der Durchsetzung der Ideen und die Vernachlässigung berechtigter Anliegen anderer gehören ebenso zu dieser Störung wie das überstarke Misstrauen, die oft situationsunangemessene Neigung zum Beharren auf eigenen Ansichten oder Rechten, die soziale Isolierung und die permanenten Probleme, befriedigende Beziehungen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten.“9
Das Bemühen, Verhalten von straffällig gewordenen Menschen in Zusammenhänge zu stellen, muss übrigens nicht automatisch – wie von vielen Bürgern befürchtet – „mildernde Umstände“ für den Straftäter bedeuten! Sie sollten aber in die Überlegungen bei der Urteilsfindung des Gerichtes eingehen und gewichtet werden.

Idealerweise – übrigens – ohne diese radikale Unterscheidung von „schuldfähigen“ oder „nicht schuldfähigen“ Angeklagten.
Grundsätzlich sollten wir die Zweigliedrigkeit unseres Strafverfahrens11, das von den Nationalsozialisten 1933 in Deutschland eingeführt wurde, in Frage stellen. Zweigliedrigkeit heißt, das Strafgericht beschließt einerseits Strafen mit zeitlicher Begrenzung für „Tatschuld“, oder andererseits Zwangsunterbringungen in einer psychiatrischen, forensichen Klinik ohne zeitliche Begrenzung als „Besserung“ für kranke und behinderte Menschen, deren „Schuldunfähigkeit“ psychiatrische Gutachter bestimmt haben.
Maßregelvollzug in dieser Form brauchen wir u.E. nicht: ein Strafverfahren genügt, dem alle Bürger, die gegen Gesetze verstoßen, unterliegen – unter jeweiliger Berücksichtigung besonderer Belastungen und unter Einsatz der vielen verschiedenen Hilfsmöglichkeiten im nicht-stationären Bereich.
Das würde weniger Ungerechtigkeit mit sich bringen.

Anmerkungen
Dieser Artikel bezieht sich nicht auf Suchtpatienten, für die der Maßregelvollzug anders geregelt ist. (§64 StGB)

   Marihuana macht kreativ, und das ist der Beweis – http://huff.to/WGfP16 (mit einem Augenzwinkern!)
2    Genauere Schilderung dieses Verfahrens in der SZ vom 26.8.2014, „Der Straftäter als        Patient.“
Zitat: „Grundsätzlich gibt es in allen Kliniken in Bayern die gleichen vier    Lockerungstufen A, B, C, und D. Hat ein Patient die Erlaubnis für Stufe A, darf er in Begleitung eines Klinikmitarbeiter die Station verlassen, muss aber innerhalb der Klinikmauern bleiben. Hat er Stufe D erreicht, darf er sogar auswärts übernachten. Will ein Patient von einer zur anderen Stufe wechseln, stellt er einen Antrag. Daraufhin treffen sich alle Therapeuten, Pfleger und Ärzte, die den Patienten behandeln, und diskutieren über seinen Wunsch. Die Entscheidung liegt letztendlich beim Leiter der Maßregelvollzugsanstalt. Kommt es zu einem Wechsel in eine neue Hauptstufe, wird auch die Staatsanwaltschaft gefragt.

Wie die Kliniken entscheiden, wer welche Lockerung erhält, ist ihnen selbst überlassen, funktioniert aber überall ähnlich: Diskutiert wird anhand einer von der Klinik selbst erstellten Checkliste. ‚Grundlage für diese Entscheidung ist eine Prognose’, sagt Michael Wertmüller von der Ansbacher Forensik. Ob der Patient ein Sicherheitsrisiko darstellt, wird ausgehend von verschiedenen Punkten ermittelt: dem Ausgangs Delikt, dem Lebenslauf des Patienten bis hin zur Tat, der Entwicklung danach und den sozialen Umständen, die den Patienten außerhalb der Klinik erwarten.“
3.
zur Charakterisierung dieser Gruppe s. „Wir wollen das Ruder herumreißen“ in hilfe Blätter von EREPRO Nr. 12, 2007
4
. Information über die Arbeit der ambulanten Sozialpsychiatrie bieten die hilfe  Blätter von EREPRO: http://www.erepro.de/hilfe-blatter-von-erepro/liste-der-hilfe-blatter-von-erepro/  u.a. über sog. Psychosegruppen. (abgerufen 15.8.14)
5.
Spiegel 30/2014 S. 46/47
6.
s. Bündnis 90/Die Grünen, Kurzgutachten zum Maßregelvollzug von Dr. Rolf Marschner.
Marschner berichtet, dass Aufgaben des Maßregelvollzugs in Bayern nicht auf private Einrichtungen übertragen werden können, und fordert eine gesetzliche Regelung für freie Träger. S.24 u. 28.
Die Sozialpsychiatrischen Dienste in Bayern (fast alle in Trägerschaft der Wohlfahrtsverbände) werden – ebenso wie die Forensik-Kliniken – von den Bayerischen Bezirken, einer kommunalen Körperschaft, finanziert.
7.
s. Anmerkung 2
8.
Marschner, a.a.O. S. 30
9.
Spiegel, a.a.O.
10.
Der Verteidiger von Gustl Mollath, Gerhard Strate, belegt auf seiner Homepage anhand einer von Kröber verfassten Glosse in einer forensischen Zeitschrift sehr detailliert, wie die ungenaue Darstellung von Kröber „die Wahrheit verfälscht“.
http://www.strate.net/de/dokumentation/Mollath-Anmerkung-der-Verteidigung-2013-11-16.pdf (abgerufen am 7.8.14)
11. s. Wikipedia Stichwort Maßregelvollzug. http://de.wikipedia.org/wiki/Ma%C3%9Fregelvollzug#Geschichtliche_Hintergr.C3.BCnde (abgerufen am 10.8.14)


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Fachforum:
Psychiatrische Gutachten unter dubiosen Umständen Ch. Kruse, 18.8.2014

Patrizia I

Manchmal frage ich mich, warum einige Menschen, die wirklich nichts (außer Gutes) getan haben, so sehr leiden müssen. Die Leiden meiner Freundin, mit ihrer Erlaubnis schreibe ich diesen Bericht, der der Wahrheit entspricht.

Nach einem Jahr voller Sorge um meine Tochter Ariane ist meine Freundin Patrizia auch Patientin einer „geschlossenen“ Station der Nervenklinik, in der Ariane behandelt wurde. Ariane ist entlassen, aber meine Sorge um sie wird wohl für mich ein lebenslanger Begleiter sein. Patrizias Schicksal berührt meine Seele. Die gute Patrizia kenne ich durch eine Gruppe, in der sich mit mir mehrere Frauen alle zwei Wochen treffen. Wir alle teilen ein Schicksal. Wir waren an einer Psychose erkrankt, sind aber „stabil“.
Patrizia ist genau wie wir alle um die 50 Jahre alt, sie hat ihren Sohn alleine groß gezogen, er ist etwas über dreißig. Patrizia war bis zu ihrer jetzigen Erkrankung berufstätig, und das trotz der Medikamente, die sie einnehmen musste, um „stabil“ zu bleiben. Medikamente nehmen wir alle ein. Ich bin stabil mit einer Mini-Dosis. 

Leider wurde Patrizia vor kurzer Zeit eine niederschmetternde Diagnose mitgeteilt: BRUSTKREBS. Eine OP – eine Brust wurde entfernt. CHEMOTHERAPIE und – erneut kam die Psychose.
So besuche ich Patrizia immer mittwochs in der Nervenklinik. Ein Jammer! Ihre wundervolle Haarpracht hat sie verloren. Sie ist blass und teils verwirrt, aber sie erkennt mich, und ich versuche ihr zuzureden. Wie sehr mich das Leiden von Patrizia berührt, kann ich schwer beschreiben.

Patrizia ist, als es ihr noch gut ging, fast jeden Tag in die Nervenklinik gefahren und hat Patienten besucht. Vor Jahren war sie auch bei Ariane und stets hatte sie ein kleines Geschenk für meine Tochter. Damals kannte ich Patrizia nur durch die Besuche bei Ariane.
Patrizia ist eine Seele von Mensch und jetzt wird sie gleich von zwei schweren Erkrankungen geplagt. Der KREBS und die Psychose, so muss sie zur Zeit zur Behandlung – Bestrahlung – in eine Klinik, danach gleich wieder zurück in die Nervenklinik.

Patrizia erzählt mir Dinge über die Behandlung dort, die ich normalerweise nicht glauben würde, aber ich weiß ganz genau, dass Patrizia die Wahrheit erzählt. Das ist die schrecklichste Art und Weise einer Behandlung, die eine Misshandlung ist. Darüber habe ich schon oft berichtet, und ich wäre der zufriedenste Mensch, wenn man sicher sein könnte, dass sich diese Missstände verändern würden – in eine ganz „normale“ Behandlung von psychisch Kranken in dieser Klinik. Aber das ist nicht leicht, denn es sind zu Wenige, die sich beklagen. Ich alleine kann nur schreiben, was da so vorfällt und Zeugen gäbe es unzählige, aber wer sagt das in der Öffentlichkeit? ICH!

Unglaublich, was da mit den Kranken gemacht wird. Da kann man doch nie gesund werden, das machte einen ja erst krank! Das Zusehen fällt mir unsagbar schwer. WER WILL HELFEN? WER KANN HELFEN?

Patrizia II

Wir wollen das Beste für Patrizia!
Als ich Patrizia das letzte Mal persönlich treffen konnte, war sie noch auf der offenen Station. Sie war ganz still, ihr Gesichtsausdruck war starr und sehr ernst. Sie war eher traurig und sie antwortete nur mit „ ja“ oder „nein“. Es ist ihr sichtlich schwer gefallen mir zuzuhören.
Sie ist abgelenkt!

Ich denke, Patrizia ist schwer beeinflusst von einer „inneren Stimme“. Diesen Zustand kenne ich aus eigener Erfahrung, Man hat Angst vor sich selbst. Man verfällt dem Trugbild seines Innersten und verliert das normale Denken. Der Wahn steht im Vordergrund.
Patrizia freut sich über Besuche und doch ist sie froh, wenn man wieder geht.
Sie sagt, ihr geht’s gut, und es geht ihr eher schlecht. Sie steht im Bann einer Stimme!

Patrizia ist – wenn sie stabil ist – ein eher ruhiger Mensch, freundlich, aber sie spricht nicht viel. Sie ist eine gute Zuhörerin, und sie zeigt ein Herz für Andere. Sie hat sich immer treu an den Besuchen von Patienten in der psychiatrischen Klinik beteiligt.

Jetzt hat Patrizia Krebs und ist psychisch krank. Sie ist schon viel zu lange in Behandlung und sie leidet darunter. Immer wieder wird sie verlegt und wechselt zwischen offener und geschlossener Station.
Patrizias Zustand ist zur Zeit schlimmer denn je. Sind’s die Medikamente? (Es wird vermutet, dass die Kombination der Chemotherapie und/oder der Narkosemittel mit den Psychopharmaka diese negativen Auswirkungen haben – EREPRO)
Wieder auf der Geschlossenen, zeigt sich die hebephrene Phase, in der sie auch wahnhaft ist. Jetzt denkt sie, alles sei überstanden, und sie komme bald zurück in ihre Wohnung. Ich lasse sie in dem Glauben, denn ich will sie nicht schädigen. Sie hat Pläne und ist sehr aktiv und doch schwer krank.
Ich denke, Patrizia hat Angst vor der Zukunft. Wie soll sie es schaffen alleine zu leben? Ihr Sohn ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und lebt bei seiner Freundin. Patrizia kann die Miete für ihre Wohnung nicht bezahlen. Diese soll bald gekündigt werden, und sie müßte dann umziehen. Alleine kann sie nicht leben, aber ein Heim wie Lauingen wäre nicht gut für Patrizia.

Sie braucht eine gute Pflege und eine Therapie, nur so kann man hoffen, dass Patrizia stabil wird. Ich würde es nicht wagen, Patrizia aus ihrer Traumwelt herauszuholen, aber es muss entschieden werden, wo sie untergebracht wird. Wir – ihre Freundinnen aus der Selbsthilfegruppe –  können Patrizia besuchen, aber die Zeit drängt, der Klinikaufenthalt wird bald nicht mehr durch die Krankenkasse finanziert.

Wohin soll Patrizia?
Bitte nicht einfach in ein Heim, in ein „Gefängnis für psychisch Kranke“ abschieben. Die Gruppe bangt um Patrizias Zukunft, und hofft, dass sie bald zurückkommt. Aber das wird wohl noch lange dauern. Patrizia ist hilflos und sie träumt von einem Leben in Freiheit. Ich hoffe, dass Patrizias rechtlicher Betreuer eine gute Entscheidung trifft; und auch ihr Sohn sollte mit entscheiden dürfen. Patrizia ist „nur“ Kassenpatient, aber für uns ein wertvoller Mensch, den man nicht einfach irgendwo „einpflanzt“, wo er nicht hingehört.

Eine OP steht ihr bevor. Die (entfernte) Brust soll wieder so hergestellt werden, dass Patrizia wieder als Frau zufrieden sein kann. Das bezahlt die Krankenkasse. Das wäre wunderbar, aber Patrizia ist einfach zu krank, und so ist diese OP zu belastend für die Psyche. Das müßten aber doch die Ärzte im BKH einräumen. Die OP sollte nicht das Wichtigste sein, sie müßte erst mal psychisch stabiler sein, und dann die OP angehen.

Jetzt kann Patrizia nicht entscheiden, was ihr wichtig ist. Sie ist sehr wankelhaft und – wie ich es einschätze – sehr wahnhaft, sehr leicht aus der Ruhe zu bringen,. Sie hat die Kontrolle über sich zeitweise verloren. Man sollte sie nicht zu sehr belasten, denn sie könnte aggressiv werden, und dann würde sie fixiert werden.
Ich bin kein Mediziner nur ein Mensch, der sieht, wie Patrizia leidet. Ich bin sehr traurig. Patrizia braucht Hilfe. Ihr Sohn möchte auch, dass seine gute Mama wieder stabil wird. Alle, die Patrizia kennen, haben diesen Wunsch.
Ich bin selbst stabil geworden, weil es Menschen gab , die mich nicht aufgegeben haben, und ststs an meiner Seite standen. Das verdient auch unsere gute Freundin Patrizia.

Eingeliefert heißt ausgeliefert!

Kein Einzelfall: Verwahrung psychisch Kranker!
Meiner Erfahrung nach werden psychische Kranke nicht selten behandelt wie Straftäter. Sie werden eingesperrt. Das nennt man „geschlossene Unterbringung“ in einer Nervenklinik.
Wenn der Kranke eine Straftat begangen hat, wird er in einer Spezial-Klinik oder -Abteilung der Psychiatrie, der Forensik, untergebracht. Aber die Kranken, die „nur“ psychisch erkrankt sind, werden auch eingesperrt, um sie vor sich selbst und die Allgemeinheit vor ihnen zu schützen. Eingeliefert heißt ausgeliefert.

Ist psychisch krank zu sein denn ein Verbrechen? Psychisch Kranke in Verwahrung – haben sie das Recht auf menschenwürdige Behandlung irgendwie verspielt? Diese Frage würde ich gerne der Klinikleitung stellen!
Hinter diesen verschlossenen Türen werden Menschen untergebracht, die keine Straftat begangen haben, und diese Kranken werden von dem Pflegepersonal teils so schlecht behandelten, dass deren Verhalten eher einer Straftat gleichkommt. Ist es gesetzlich erlaubt Patienten zu misshandeln?
Das Recht auf eine menschenwürdige Behandlung wird in ielen Fällen nicht geachtet. Davon werden die Patienten kränker als sie schon sind.

Schlimm ist auch, dass ihnen niemand glaubt. So können sie sich nicht wehren und nicht beschweren. Wenn sie es versuchen, riskieren sie an ihr Bett fixiert zu werden. In der fixierten Situation sieht die Misshandlung der Menschen so aus, dass sie ihre Notdurft ihäufig im Bett verrichten müssen, weil sich niemand um sie kümmert. Für die Patienten ist es die Hölle auf Erden.

Gewalt bei der Krankenpflege ist in einigen Kliniken an der Tagesordnung. Wer sich wehrt, wird fixiert, also im Bett entweder an Armen, und/oder Beinen und/oder Bauch festgebunden, und dann beginnt für den Patienten eine Qual, die ich als unzumutbar bezeichne.
GRAUENVOLL! Alle Patienten; die so „behandelt“ wurden, berichten von Todesangst. Ich selbst habe die Hilfeschreie aus den Zimmern gehört, in denen die Fixierten untergebracht waren.
Bei bei meinen Anrufen auf Station meldeten sich zwei Männer am Patiententelefon mit „KZ Augsburg“ oder „ Narrenhaus“!!!

Das sollten die Richter, die die Genehmigung zur Fixierung erteilen, auch erfahren. Aber den Kranken glaubt man nicht. Die wenigen Angehörigen, die als Besucher auf diese Stationen kommen, sehen zwar, dass die Behandlung mehr als schlecht ist, aber KEINER außer mir hatte bisher den Mut sich zu beschweren.
Für die verzweifelten Patienten gibt es in der Klinik einen Patienten-Fürsprecher, aber die meisten Kranken wissen es nicht. Sie sind hilflos ausgeliefert.

Als Psychiatrieerfahrene und als Angehörige einer psychisch Kranken bemühe ich mich um eine bessere Behandlung der Patienten in der Klinik – ohne Erfolg!
Ein Bericht in der Lokalzeitung über diese Klinik, in dem ich über die Pflegemissstände berichtete, hat zwar kurzfristig für Aufregung gesorgt, aber auf den geschlossenen Stationen hat sich nichts geändert. Unglaublich aber wahr!

Weil ich vor Jahren selbst erkrankt war, will man mich ruhig stellen, indem man mich als psychisch Kranke abstempelt. So greift man mich an, nur weil ich die Wahrheit an die Öffentlichkeit gebracht habe.
Allerdings greife ich nicht nur die Klinik an, sondern auch die Betreuungsstelle, die gesetzliche Betreuer einsetzt, welche kein Fachwissen aufweisen können.
Der Fall Gustl M. zeigt ganz klar, dass auch die Gerichte falsch entscheiden können.

Um den Patienten zu helfen, konnte ich für kurze Zeit mit einer Selbsthilfegruppe Psychiatrieerfahrener als Besucherin auf die Geschlossenen Stationen kommen.
Es gab Patienten, die meine Besuche als Stütze gerne annahmen, und ich bekomme immer noch Briefe von einer Patientin, die mich als ihre Lebensretterin bezeichnet. Sie war am Ende ihrer Kräfte und wollte nicht mehr leben. Mit viel Geduld und mit aller Vorsicht konnte ich sie davon überzeugen, dass jeder Mensch irgendwann einmal in seinem Leben an den Punkt kommt, wo er verzagt und verzweifelt ist. Und psychisch krank zu sein ist kein Verbrechen, aber sich selbst das Leben zu nehmen, ist nicht der richtige Ausweg. Weil diese Frau sehr gläubig ist, habe ich sie erinnert, dass ihr Leben Gottes Geschenk ist, und Selbstmord eine Sünde. Sie war schwer erkrankt, und doch hat sie mich verstanden, und wir sind gemeinsam den Weg gegangen, Schritt für Schritt. Man braucht kein Studium, man muss nur Mensch sein, mit Gefühl und mit Respekt vor dem Kranken.

Ich persönliche wurde ausgerechnet in dieser Klinik – in der Institutsambulanz – hervorragend behandelt. Stationär war ich aber „Gott sei Dank“ dort nicht.
Es ist schon IRRE, wenn ich in der Klinik im ambulanten Bereich gut behandelt wurde, jetzt aber „gezwungen“ bin, diese Klinik anzugreifen.

Ich gebe nicht auf, denn ich kann nicht zusehen, wie man psychisch Kranke so abscheulich behandelt. Ich stehe auf ihrer Seite!

Psychisch krank? Sie sind nicht allein.

Warten Sie bitte nicht bis ein Klinikaufenthalt nötig ist! Es gibt Hilfe, aber Sie müssen den „ersten Schritt machen“. Eine Möglichkeit, schließen Sie sich einer Gruppe „Selbsterfahrener“ an!

In Augsburg bietet die Arbeitsgemeinschaft für psychische Gesundheit (AGPG), ein Sozialpsychiatrischer Dienst, psychisch Kranken Hilfe an.
Ich war vor vielen Jahren – nach einem langen Klinikaufenthalt – zu dem Sozialpsychiatrischen Dienst gekommen, und habe erkannt, dass meine Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis nichts Einmaliges ist. Denn bei den Treffen in unserer Selbsthilfegruppe habe ich erlebt, wie ähnlich unsere Erfahrungen mit der Erkrankung sind. Keiner musste sich schämen, über das zu sprechen, was man sonst niemals erzählen würde. Aber unsere Gespräche betrafen nicht nur unsere Krankheit, sondern wir erzählten uns auch von unseren ganz „normalen“ Schwierigkeiten und den schönen Erlebnissen. So wurden wir Freundinnen. In den 20 Jahren, die wir uns nun schon treffen, sind leider zwei Damen bereits gestorben. Aber es kamen neue Teilnehmer dazu.

Ich selbst bin seit 23 Jahren stabil, und zwar nicht mehr in der Klinik. Ich habe den Schritt zur AGPG nie bereut. Die Mitarbeiter sind geschult im Umgang mit psychisch Kranken. Man wird stets freundlich empfangen.

Auch Einzelgespräche werden angeboten. Man fühlt sich nicht behandelt, sondern man wird respektiert, und man spürt ganz deutlich die Menschlichkeit. Mit viel Einfühlungsvermögen versuchen die Sozialpädagogen die Besucher der AGPG zu stützen und so zu beraten, dass der Patient, selbst zur Behandlung in eine Nervenklinik geht, wenn es nötig ist. Wenn er es wünscht, wird er von einer Vertrauensperson begleitet und auch in der Klinik besucht.

Für diese Hilfe muss man nicht bezahlen, aber Spenden sind willkommen. Durch die Diakonie ist die Arbeitsgemeinschaft für psychische Gesundheit eine Anlaufstelle für Menschen, die auf der Suche nach Hilfe sind. Und so sollte man die AGPG und auch andere derartige Gemeinschaften finanziell unterstützen, damit sie erhalten bleiben.

Für manche Besucher ist die AGPG eine neue Heimat geworden. Unzählige Angebote wie Handarbeiten und Basteln, Englisch lernen, Kegelabende und Sport sind im Programm. Man fühlt sich wohl und gut aufgehoben.

Immer mehr Menschen werden psychisch krank, um so wichtiger ist es, dass solche Organisationen vom Staat bezuschusst werden. Auch in meinem Wohnort – außerhalb der Stadt – ist eine Außenstelle der AGPG, in der man ebenfalls hervorragend versorgt ist.

Ziehen Sie sich nicht zurück, sondern haben Sie den Mut, den Schritt zu wagen, Und Sie werden sehen, dass diese Hilfe dazu beiträgt wieder festen Halt zu finden.
Ich persönlich habe es geschafft und wünsche Ihnen psychische Gesundheit und alles Gute.
Angelika Kurella

Medikamentöse Fehlbehandlung

Folgendes hat uns ein Leser mitgeteilt:
 
Zurzeit läuft bei der Gutachterstelle der bayerischen Landesärztekammer München ein Gutachten wegen medikamentöser Fehlbehandlung (bei mir) in den Jahren 1998 bis 2009 in einer Nervenklinik.
Ein gewisser Rechtsanwalt Seitz aus München hat bei mir über dem Bundesverband deutscher Psychiatrieerfahrene bisher Rechtsbeistand geleistet. Grundlage für eine gerichtliche Klage gegen das Bezirkskrankenhaus (Psychiatrische Klinik, EREPRO), ist ein Gutachten vor Gericht.
Der Oberarzt Dr. X berichtete mir im Bezirkskrankenhaus im Jahre 2008, dass ich zehn Jahre lang falsch behandelt worden bin.
An meiner Diagnose der Schizophrenie ändert sich nichts, aber ich wurde im Bezirkskrankenhaus mit 80 verschiedenen Psychopharmaka behandelt.
 
Es ist ein Verbrechen ohne Ende, und ich kam mir vor wie ein Versuchskaninchen. Auch das hat für das Bezirkskrankenhaus seine Konsequenz.
Ich möchte eine finanzielle Entschädigung und bin bereit dafür zu kämpfen. Aufgrund meiner finanziellen Lage bekäme ich beim Prozess gegen das Bezirkskrankenhaus Prozesskostenbeihilfe.

Wer hilft nach Klinikentlassung? von Angelika Kurella

Ich möchte mit diesem Bericht darstellen, wie in einer psychiatrischen Klinik die Patienten zum Teil entlassen werden – ohne richtig stabil zu sein. Ein Irrgarten!
Im letzten Moment konnte ich die frühzeitige Entlassung meiner Tochter verhindern, aber das war kein Einzelfall.
Da gibt es Patienten, die ich 2011 auf der einen Geschlossenen gesehen habe, die sehe ich jetzt auf der zweiten geschlossenen Station.

Nun, es ist klar, dass manche Kranke stabil werden und nach einiger Zeit wieder psychisch krank auf den Stationen ankommen, aber es sind auffallend viele. Man könnte gut sagen – Stammkunden.

Für die Pfleger ein Vorteil, sie wissen, mit wem sie es zu tun haben. Für die Ärzte ein schon bekannter „NEUER“ Patient.

Ich selbst bin aus der Nussbaumklinik entlassen worden und war nicht so stabil wie man sich’s gewünscht hat, aber ich bin daheim stabil geworden, und war seit 22 Jahren nicht mehr in stationärer Behandlung.

Man müsste Patienten und deren Angehörige darauf hinweisen, dass man nach der Entlassung eine Hilfe bekommen kann, zum Beispiel im Sozialpsychiatrischen Dienst.

Ich weise bei meinen Besuchen in der psychiatrischen Klinik darauf hin, gerne auch auf den Sozialpsychiatrischen Dienst der Diakonie hin, denn da hatte ich durch eine Sozialpädagogin die beste Unterstützung.

Wenn man jedoch nichts von diesen Hilfen weiß, steht man alleine da, und manche fallen in die Erkrankung zurück. Die Angehörigen sind auch meist ratlos.

Ich verstehe nicht, dass diese Hilfe so einfach gar nicht genannt wird. Man sollte mehr dafür werben. Ich mach das.

Diese Scheinwelt, die nur aus dahin-Vegetieren und sinnlosem dahin-Dämmern am Rande der Gesellschaft besteht, die muss aufhören.

Der folgende Text wurde uns im Januar 2013 von dem Autor Gert Springmann zugeschickt – mit einigen Anmerkungen. Den Text – verfaßt im Jahr 1998 – sei als Vortrag in einem Sozialpsychiatrischen Dienst gedacht gewesen. Er habe ihn nicht überarbeitet, somit sei er überholt und entspreche nicht dem Stand der Dinge.

Wir halten ihn trotzdem für lesenswert und veröffentlichen ihn hier mit kleinen Veränderungen.


Akzeptieren statt Ausgrenzen

Am Samstag, den 23. September 1997 ( ? ) von 10 – 16 Uhr, stellten sich auf dem Rathausplatz 71 Selbsthilfegruppen vor, um eine interessierte Öffentlichkeit über ihren Daseinszweck aufzuklären  und aus ihrer Verborgenheit aufzutauchen.

Der normale Bürger ahnt ja nichts von der Existenz solcher Gruppen, deren Bedeutung für Betroffene bei Fachleuten und Eingeweihten inzwischen unumstritten ist. Diese Mauer des Schweigens einmal demonstrativ zu durchbrechen, das Ziel hatte der Tag auf dem Rathausplatz, der sich „Smiley-Tag der Selbsthilfegruppen“ nannte, was so viel bedeutet wie: Selbsthilfegruppen übermitteln allen Interessierten lebenspraktische Informationen.

„Wir wollen Nicht-Betroffene aufrütteln und Betroffene können ohne Vorbehalte schauen und sich informieren“, sagte Petra Seidel von der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen. Schirmherr war der Oberbürgermeister Dr. Peter Menacher.

Der Tag fand heuer zum dritten mal auf dem Rathausplatz statt. Das Angebot war vielfältig. Es reichte von „A“ wie Anonyme Alkoholiker bis „Z“ Zwänge-Gruppe.

Die Anonymen Alkoholiker sind eine der ältesten Selbsthilfegruppen am Lech. Doch nicht nur Gruppen für Krankheiten, sondern auch viele Selbsthilfegruppen im Psychosozialen Bereich sind noch sehr unbekannt, entwickeln sich aber langsam, obwohl ihre Existenz für die Bevölkerung ein Tabu darstellt.

Auch die Arbeitsgemeinschaft für psychische Gesundheit, der Sozialpsychiatrische Dienst der Diakonie, hatte einen Stand auf dem Rathausplatz. Das Echo auf dem Info-Markt war gut. Viele Besucher holten sich Broschüren, Adressen oder Ratschläge.

Gleichzeitig legten die meisten Wert auf gute Tarnung: Am Stand für hyperaktive Kinder kamen zum Beispiel auffällig viele junge Frauen vorbei, die „für eine Bekannte“ Unterlagen mitnahmen. Die Mitarbeiterinnen der Selbsthilfegruppe wissen:  „Für viele Eltern ist es schwer, dazu zu stehen, dass ihre Kinder Schwierigkeiten haben.“ Dabei ist die Problemgruppe groß. Erika Jänike nennt Schätzungen, wonach weit über 10% der Deutschen Aufmerksamkeitsstörungen haben, die oft mit Hyperaktivität verbunden sind. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene seien betroffen.

Die Presse, muss man sagen, verhält sich etwas zurückhaltend, will das „heiße Eisen“ nicht so richtig anpacken und berichtet im Grunde nur oberflächlich über Selbsthilfegruppen.

Die Bevölkerung müsste besser informiert werden, und es müssten Ängste und Sorgen genommen werden, die das Zusammenleben behindern.

Die Arbeit der Selbsthilfegruppen versteht sich auch als Aufklärungsfunktion und will Behinderten helfen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Wer kennt schon den „Deutschen Psoriasis Bund e.V.“ (DPB) oder weiß was Psoriasis ist (Psoriasis ist Schuppenflechte). Psoriasitiker werden in der Öffentlichkeit diskriminiert und ausgegrenzt. Diese Reaktion erfolgt in der Regel aus Unwissenheit und Sorge um die Gesundheit und nicht aus bösem Willen.

Oder wer weiß schon, was Aphasie ist. Aphasie ist eine erworbene Sprechstörung. Sie tritt bei verschiedenartigen Krankheiten des Gehirns auf. Eine solche Schädigung des Gehirns kann verursacht sein durch Schlaganfälle, Hirnblutungen, Schädel-Hirn-Verletzungen (z.B. durch einen Unfall), Hirntumore oder entzündliche Prozesse im Gehirn. Aphasie hat nichts mit geistiger Behinderung zu tun. Wie bei der Epilepsie ist es schwer, die Leute davon zu überzeugen.

Das ist ein Punkt, der mich sehr beschäftigt, und mit dem ich mich gerne auseinander setzen möchte. Daher die folgende Darstellung:

Was denkt die Öffentlichkeit über eine psychische oder geistige Behinderung, und was unterscheidet einen körperlich Behinderten von einem psychisch oder geistig Behinderten? Welche Rolle spielen sie im öffentlichen Leben? Wie werden sie behandelt?

Einem psychisch oder geistig Behinderten traut man im Allgemeinen nichts zu. Bei einem Körperbehinderten besteht mehr Hoffnung oder ein besserer Ansatz, ihn auf irgendeine Weise in die Gesellschaft zu integrieren. Psychische oder geistige Behinderungen sind unheimlicher und schwerer fassbar.

In der Landesarbeitsgemeinschaft „Hilfe für Behinderte in Bayern e.V.“ sind 70 Mitgliedsverbände vertreten (Stand September 1998: Heute: „Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihrer Angehörigen in Bayern e.V.“ mit 105 Mitgliedsorganisationen.)

Bei den Körperbehinderten sind es z.B. der „Landesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V.“ und die „Selbsthilfe Körperbehinderteer, Landesverband Bayern e.V.“. Bei den psychisch und geistig Behinderten ist es z.B. die „Bayerische Gesellschaft für psychische Gesundheit e.V.“. Es gibt die „Deutsche ParkinsonVereinigung, Landesverband Bayern e.V.“ und die „Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung, Landesverband Bayern e.V.“.

Das soll nur eine kurze Auswahl sein, eine Andeutung der tatsächlichen Verhältnisse. Immerhin gibt es in Augsburg, wie Dr. Jürgen Bruggey, Gesundheitsreferent der Stadt Augsburg berichtet, etwa 250 Selbsthilfegruppen und nicht wenige stammen aus dem psychosozialen Bereich. Darüber möchte ich schreiben, und ich hoffe, dass ich die Geduld meiner Leser nicht überstrapaziere.

 „Aufmerksamkeit erregen, ein Erinnerungsrest, der bleibt.“ (Dr. Lothar Lindstedt, Leiter der Abteilung Sozialpsychiatrie des städtischen Gesundheitsamtes)

Ich meine, dass ein Körperbehinderter nicht denselben Repressalien ausgesetzt ist wie ein psychisch oder geistig Behinderter. Natürlich gibt es auch gegenüber Körperbehinderten Vorurteile. Auch sie werden abgelehnt. Unsere Gesellschaft ist auf Leistung, Kraft, Durchsetzungsvermögen etc. aufgebaut. Man muss voll funktionieren, nur dann hat man eine Chance.

Früher hatte man Berufe, die ein Körperbehinderter nicht ausführen konnte, aber durch die technische Modernisierung und Automatisierung ist ein Körperbehinderter heute in fast allen Bereichen einsetzbar. D.h. ein Körperbehinderter hat fast die selben Chancen wie ein „gesunder“ Mensch. Natürlich gibt es Ängste gegenüber körperbehinderten Menschen. Keiner möchte unvollständig und z.B. auf den Rollstuhl angewiesen sein. Man denkt, man könne nicht alles mitmachen und sei ausgeschlossen.

Es ist das Menschenbild des Nationalsozialismus überliefert, wo man stark und kräftig sein und zupacken musste,. Dieses strahlende Ideal: groß, stark, wendig, beweglich, effektiv und allen anderen Überlegen. Teilweise erlebt dieses Menschenbild heute eine Renaissance. Es ist doch so, dass viele Menschen einen Körperbehinderten, der im Rollstuhl sitzt, Prothesen trägt, auf Krücken geht, als minderwertig, gering, abhängig, unmenschlich armselige Kreatur, als völlig abartig, entartet betrachten. Er wird nicht anerkannt und im besten Falle muss man ihn bedauern.

Vielfach wird ein Behinderter als niedere Kreatur betrachtet.

In einer besonderen Situation befinden sich, neben den Körperbehinderten, auch noch die psychisch und geistig Behinderten, die man nicht vergessen darf. Auch deren Rechte müssen anerkannt werden.

Eine psychische Behinderung entwickelt sich im Laufe der Zeit und kommt nicht von Anfang an zum Vorschein. Auch eine geistige Behinderung muss nicht unbedingt angeboren sein. Es gibt viele geistig und psychisch Behinderte, die eine ganze Zeit lang ziemlich normal funktioniert haben. Man konnte nicht erkennen, dass sie behindert sind. So haben sie, und es gibt zahlreiche Beispiele dafür, einen ganz normalen Weg eingeschlagen, der nicht unterbrochen und gestört wurde und der an ein bestimmtes Ziel gelangt ist. Es gibt viele Behinderte, die einen Beruf und eine Schulbildung haben, und die einen gewissen Platz in der Gesellschaft erworben haben.

Es ist sinnlos, einen psychisch oder geistig Kranken einfach abzulehnen und rundweg in Frage zu stellen. Er hat etwas geleistet, und er kann stolz darauf sein.

Psychisch Kranke wirken oft etwas dünnhäutig und verletzlich, und viele ihrer Erfahrungen und Auffassungen sind in gewisser Weise überzogen und übertrieben und dem tatsächlichen Geschehen nicht angemessen.

Ein normaler Mensch achtet nicht auf sein Gegenüber und ignoriert dessen Reaktionsweise, denn es ist doch offensichtlich, dass der „normale“ Mensch auf seinen Vorteil bedacht ist, und seine egoistischen Interessen im Auge hat. Er kommt nicht auf den Gedanken, dass es für verschiedene Dinge auch verschiedene Sichtweisen gibt, und dass man Menschen auch anders SEHEN KANN:

Der normale Mensch in Bayern wählt CSU und zieht nicht in Zweifel, ob sein Verhalten auch angemessen ist und den wahren Tatsachen entspricht. Jemand der darüber nachdenkt und abwägt, wo die Wahrheit und Ehrlichkeit zum Vorschein kommt, der wird einfach als Spinner und Neurotiker abgetan, weil es als anormal angesehen wird. 
In Bayern hat man feste Regeln und Vorstellungen, die niemals in Frage gestellt werden und einer stabilen Vorstellungswelt entsprechen: Job, Familie, Haus, Geld, Einfluss – dies alles konservativ, bewahrend und fest gefügt, also Werte, an denen man nicht rütteln darf, eherne Gesetze, die jeder anerkennt.

Alle diejenigen, die in dieses Schema nicht hineinpassen, aus der Rolle fallen, werden als nicht ganz zurechnungsfähig und vielleicht noch als absonderlich angesehen. Es kommt vor, dass man sie als geisteskrank betrachtet. Wie leicht sagt sich der Satz, wer arbeiten will, der findet auch Arbeit. Man muss nur guten Willen haben und motiviert sein. Vor allem muss man sich anpassen können, also sich unterordnen und Verzicht leisten, also entbehren. Den psychische Kranken wird oft vorgeworfen, sie seien selbst schuld an ihrer Krankheit. Warum mussten sie auch auffallen?

Natürlich sieht man es den psychisch und geistig Kranken manchmal auch an, dass da irgendetwas nicht stimmt. Ihre Stimmung ist oft wechselhaft, und sie sind zu Tode betrübt, wenn etwas nicht klappt. Diese dünne, verletzliche Haut wirkt manchmal absonderlich, seltsam, weil sie allem Bekannten widerspricht.

Natürlich achtet ein „normaler“ Mensch kaum auf seine Mitmenschen und übersieht sie, denn jeder ist sich selbst er Nächste. Depressionen z.B. werden erst bekannt, wenn etwas passiert ist, also wenn jemand einen Selbstmordversuch macht. Da erschrickt der „normale“ Bürger und fragt „warum?“. Er kann es nicht begreifen. Die Motive liegen im Dunkeln. Eine akute Psychose führt eben zu Komplikationen. Der „normale“ Bürger reagiert darauf hysterisch. Er will es nicht wahr haben.

Wie gesagt: viele Körperbehinderte können fast alle Berufe ausüben, denn es gibt die technischen Mittel dazu. Man müsste dieselben Maßstäbe auf geistig und psychisch Behinderte anwenden. Sie sind zu mehr fähig als der „normale“ Mensch glaubt. Die Vorurteile, die da existieren, sind irrsinnig. Warum sollte man denn die psychisch Behinderten zu überflüssigen, unnützen Fressern und Schmarotzern erklären, die man nur so durchfüttern muss? Das Bewusstsein der Bevölkerung hat da eklatante Defizite und verkennt die wahre Entwicklung. Es ist einfach hinter dem Stand der Dinge und der wissenschaftlichen Erkenntnis zurückgeblieben.

Das verlangt einen Staat, der seine Bürger ernst nimmt und sich für deren Wohl einsetzt. Diese gegenwärtige Gleichgültigkeit und Indifferenz ist nicht nur ärgerlich: sie macht betroffen. So kann man wertvolle, produktive Menschen nicht einschätzen.

Die Interessenverbände der Körperbehinderten nehmen für sich Artikel 3 des Grundbesetztes in Anspruch:

„niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Darum geht es: dass auch psychisch Behinderte sich anerkennen und von ihren Fähigkeiten überzeugt sind, dass sie Mitglieder dieser Gesellschaft sein und sich integrieren wollen, dass sie die selben Rechte und Pflichten haben wie die normalen Menschen, dass sie nicht in Hoffnungslosigkeit und Resignation verfallen und sich nicht aufgeben.

Diese Scheinwelt, die nur aus Dahinvegetieren und sinnlosem Dahindämmern am Rande der Gesellschaft besteht, die muss aufhören.

Was ein Körperbehinderter kann, der auch oft zu großen geistigen und gestalterischen Taten fähig ist, das muss auch für einen psychisch und geistig Behinderten gelten!

Warum sollte man dieses enorme kreative, geistige, schöpferische gestalterische, prägende, phantasievolle und einfach kompetente, fähige Potential, das da besteht, einfach verschleudern.

Eine Gesellschaft., die Zukunft und Chancen, die überleben und im internationalen Maßstab konkurrieren will, die was auf sich hält, kann sich das nicht leisten, nämlich diffamieren, verfolgen, ausgrenzen und missachten.