Machen Sie auch Hausbesuche?

oder
Patricia Braun leistet sich Verrücktheit

Sie fühlt sich verfolgt von der Securitate und der Stasi,
und mutet mir zu, den Unsinn anzuhören.
Sie ist ein Medium – ich bin für sie eine „deutsche Gänseliesel“.
Sie braucht Hilfe, ich darf abwaschen, eigentlich
braucht sie das Gespräch und will nicht den Abwasch.

Aber kann ich ihr folgen?
Sie nimmt keinen Kontakt auf und quatscht vor sich hin,
das idiotischste Zeug, was noch alles mit was zusammenhängt.
In den Büchern steht es auch: das Psi-Phänomen.
Bei mir nicht der leiseste Hauch von Faszination.

Als ich ankomme, murmelt sie den Namen meines Mannes,
den sie nicht kennen kann, ich verstehe den Satz nicht genau und frage nach,
sie murmelt und weiß nicht, was ich meine,
wie eine Träumende, die aus dem Tiefschlaf heraus
nach ihren unbewussten und unbeabsichtigten Äußerungen gefragt wird.
Sie zeigt ihre Nacktheit,
sie will einen Mann – nach zwei Jahren Abstinenz,
sie ist hübsch trotz ihrer 40 Jahre,
aber völlig erschöpft, mit schwarzen Rändern der Ausgemergelten unter den Augen.
Das mitgebrachte Wienerwald Huhn verschlungen,
wie man es in unserem Luxusland noch nicht gesehen hat.

Verschwörung und Böses überall, Vorwurf – an nicht vorhandene Freunde, jammerig, niemand hilft.
Selbstverständliche Erwartung der Verantwortlichkeit von imaginären Freunden.
Ich bin nur professionell, aber danke.
Sie hat ein schlechtes Gewissen, wegen ihrer Unfreundlichkeit.

Sie ist sonst sauber, putzt gerne.
Ich glaube es ihr, man merkt ihre Routine im Haushalt,
aber sie kann jetzt nicht.
Sie ist ordentlicher als ich, besser in Haushaltsdingen. Das schimmert durch.
Sie kann das Haus nicht verlassen. Klar.
Sie ruft mich an, weil wir vor Monaten einen Termin ausgemacht hatten,
für ihr Referat in einem Kurs.
Sie weiß genau um ihre Verpflichtungen, das Datum.
Sie sagt, „es ist keine Psychose, ich nehme allerdings alles auf, bin wie durchlässig“,
eine Wiederholungskonstellation erkennt sie allerdings –
wie bei der ersten Psychose.
Sie will so lange so weiter leben bis sie stirbt. Ihr hilft keiner.
Will sie aktiv sterben? Nein, aber sie kann nicht mehr. So geht es nicht weiter.

Vor einem Jahr kam sie und verkündete nach einer „Kur“:
Jetzt keine Neuroleptika mehr. Ich lebe selbstbestimmt, mein eigenes Leben.
Ich nehme keine Rücksicht mehr auf die Umwelt.
Schöne, interessante Bilder entstanden, englische Gedichte.
Die Bekannten, Freundinnen aus der Psychiatrie zu blöd, andere zu spießig,
ihre Schwester ist mit 30 gestorben, sie wird auch sterben.
Wurde ihre Schwester ermordet?
Alle um sie herum sind aus Rumänien, was sagt uns das?
Das Gesicht des Popstars auf dem CD-Cover ist ihr Vater,  als er jung war,
und von der Seite sieht er aus wie sie, sie ist es als er,
im Grunde sind sie dieselbe Person.
So geht es fast ununterbrochen.
Ich halte das nicht aus,
wenn ich darauf bestehe und klar und praktisch rede, geht’s.
Praktische Anforderungen – wo ist der Staubsauger – können unterbrechen,
dabei ist sie praktisch, zielgerichtet und kompetent.
Wir waschen eine Ladung Wäsche in der Maschine,
sie sortiert die Wäsche sachkundig.

Nach dem Hausbesuch bin ich total geschlaucht. Wieso?
Sie ist eine genau und klar denkende, sehr kompetente Frau, wer ist diese Spinnerin?
Nur noch in Anklángen die Kollegin Erika, die sich seit einem Jahr Patricia nennt.
Jetzt ist sie verrückt – was jeder Mitarbeiter früher oder später erwartet hätte, da sie nichts mehr einnehmen wollte.
Sie hat in ihrem nicht-verrückten Zeiten mit gutem Grund
gegen Neuroleptika gesprochen.
Jetzt schmettert sie jeden Vorschlag – Klinik, Arzt, Medikamente – ab.
Ihre jetzt erlebte Eigenständigkeit und Unabhängigkeit ist ihr wie eine Offenbarung.
Jetzt aufgeben? Niemals. Auch wenn nichts mehr geht.

Wie soll es weitergehen? Keiner weiß es.
Es ist immerhin seit mindestens drei Monaten so.
Warum muss jetzt etwas geschehen?
Besteht eine Gefahr für sie?
Wie soll man das wissen.
Wahrscheinlich nicht.
Wenn sie stirbt, haben wir Hilfe unterlassen?
Sie will nicht aufgeben – Psychiatrie geht gegen ihren Stolz.
Niemand versteht das so gut wie ich.
Kann sie da heraus kommen?
Müssen wir ihr helfen? Ja – aber wie?
Sie will Haushaltshilfe und Gesprächspartner.
Okay: aber Else (meine Kollegin aus dem Spdi) ist zu „physisch“, nicht geistig genug.
Ich nur eine deutsche Gänseliesel.
Wir stehen in unserer Arbeitszeit zur Verfügung.
Die durch tägliche Hausbesuche immer überschritten wird.

Danke, sagt sie. Und kuschelt sich zur Umarmung hin.
Sie sei – sagt sie – solange von niemandem in den Arm genommen worden.
Ich habe mit einer solchen Umarmung kein Problem, ich mag sie.
Sie ist eine Kollegin. In der Psychologen Szene respektiert,
teilweise bewundert. Sprachlich brillant.

Jetzt kommen, wie in einem gelebten andauernden Alptraum, ihre Ängste zum Ausdruck. Ängste wegen tiefliegender Statusunsicherheit.
Die Aufbauleistung des Vaters nach Kriegswirren und Vertreibung,
das alles ist plötzlich da und belastet.
Früher haben wir alles besprochen, versucht, eine positive, konstruktive Variante für ihre Geschichte zu finden.
Vergeblich? Alles ist schlimm und bedrohlich gefährlich und extrem erschreckend geblieben.
Muss sie es noch einmal erleben? Jammer und Unglück, an dem immer andere schuld sind.
Positiv: Verwandtschaften, Ähnlichkeiten mit Stars.
Viel über Fotos der Schwester, der Eltern. Wer sieht wem ähnlich?

Müssen wir sie zwangseinweisen, statt diesem anstrengenden Verwirrungszustand zuzusehen?
Ist es für sie Verrat, das Gesundheitsamt zu holen?
Und wenn sie dem Amtsarzt vernünftig erscheint?
Das könnte sie – wenn sie wollte – eine Zeitlang durchhalten.
Warum muss sie eingewiesen werden, wenn sie so spinnt?
Sie will ihr Unglück und hat ein Recht darauf.
Die Erfahrung sagt, dass Patienten über einen Eingriff,
der diesem Zustand ein Ende setzt, 
später froh sind.
Noch nie war jemand dem Einweisenden böse.
Diese Leute haben aber nicht so vehement im klaren Zustand die Psychiatrie
und die Dämpfung durch Medikamente abgelehnt.


Das ist die ungefilterte Momentaufnahme der Befindlichkeit einer SpDi- Mitarbeiterin beim Hausbesuch.
Aus: Sozialpsychiatrische Dienste, ein Luxus für reiche Zeiten? Zugehörigkeit, Orientierung, Verantwortlichkeit, hilfe Blätter von EREPRO Nr.11, 2004, S. 55

Ein Gedanke zu „Machen Sie auch Hausbesuche?

  1. Die Schilderung bildet den Alltag von Psychiatrie-Involvierten, die ansprechbar sein wollen und den Betroffenen eine Schmalspur-Lobby bieten möchten, wie ich, zutreffend ab.
    Gerade in Corona-Zeiten ist allerdings für mich die Frage von Selbstbestimmung – z.B. bezogen auf Neuroleptika oder Kontaktbeschränkung – sehr in Frage gestellt. Bereitschaft zu sinnvoller Ansprechbarkeit bedarf eines gewissen Spielraums von Selbstbestimmung. Als wie selbstbestimmt erlebe ich mich in meiner Funktion als Gesprächspartner eigentlich?
    Aushalten oder weg ducken – wer hält welche Variante für sinnvoll?

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