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Ideenwettbewerb

Sie haben Ideen dazu,
welche Hilfen psychisch behinderte Menschen brauchen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, wie sie sich aber auch vor Gefahr und Schäden, die diese Teilnahme mit sich bringt, schützen können? Dann beteiligen Sie sich an diesem Ideenwettbewerb.

„Die Behindertenkonvention der Vereinten Nationen (BRK) verpflichtet die Vertragsstaaten (wie die Bundesrepublik Deutschland) geeignete Maßnahmen zu treffen, um Menschen mit Behinderung Zugang zu der Unterstützung zu verschaffen, die sie bei der Ausübung ihrer Rechts- und Handlungsfähigkeit gegebenenfalls benötigen.“ (Art. 12/3)
Die BRK geht in erster Linie von körperlichen Behinderungen aus. Wir alle kennen die Hilfen, die für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen erkämpft wurden – wie die Blindenleitstreifen auf Bahnsteigen, Nachrichten im Fernsehen in Gebärdensprache für gehörlose Menschen und vieles andere. Welche Erleichterungen stehen nun aber entsprechend für psychisch behinderte Menschen zur Verfügung? Welche Hilfen brauchen sie? Gibt es Forderungen, die noch nicht realisiert sind? Oder sind Unterstützungsmaßnahmen für diesen beeinträchtigten Personenkreis bisher noch kaum erarbeitet worden?
Offensichtlich besteht Nachholbedarf.

Die Anregung zu diesem Ideenwettbewerb ergab sich aus der Lektüre eines Artikels von Gottfried Wörrishofer in den Sozialpsychiatrischen Informationen 3/2018. Wenn möglich, lesen Sie den Text. Er kann Sie einstimmen auf die Schwierigkeit dieser Thematik.

Der Personenkreis von Behinderten, von dem wir hier reden, ist allgemein wenig bekannt und in vielen Fällen schwerer erkennbar als im Fall körperlicher Beeinträchtigung.
Darum sollten wir uns die besondere Situation dieser Menschen mit ihren Schwierigkeiten bei der gesellschaftlichen Teilhabe deutlich vor Augen führen, um über die Möglichkeiten notwendiger Unterstützungen nachzudenken zu können.

Wörrishofer schildert die Menschen, um die es geht, in dem genannten Artikel folgendermaßen:
“Durch die Erkrankung selbst, deren Medikation oder durch beides stellen wir die Absenkung des gesamten Energielevels fest. Minderung von Belastbarkeit, Interesse, Durchhaltevermögen, Freude am Tun, Schwinden von Sinnerleben und geistig-seelischer Präsenz bündeln sich zu einer »Barriere«, die sich als ›schwankende Leistungsfähigkeit‹ zeigt.
Uns allen – wirklich allen Betroffenen – ist gemeinsam, dass die Existenz gründlich entgleiste, ein gewisser Ausschluss aus der Gesellschaft und die Verweigerung mitmenschlichen Respekts.”
An anderer Stelle heißt es, dass diese Menschen “darin behindert sind, ihr Verhalten, ihr gesamtes Gebaren halbwegs in Einklang mit den Erwartungen normaler Bürger zu bringen, ja, sich vielleicht nicht einmal dessen bewusst sind, Normalität zu verletzen.”
Der Autor fährt fort:
“Nach meiner Beobachtung – und persönlichen Erfahrung – ist die psychische Behinderung im Kern eine Barriere im Bezug zu Menschen…”
“Die Barriere bildet sich erst in der sozialen Welt, türmt sich auf im Zwischen – euch und mir (….) Damit es zur Barriere kommt, braucht es zuallererst die beiden Seiten, um sie hervorzubringen. Es “steckt bereits im Wort ›Begegnung‹ ein Gegen, das in unserem Fall ein Potenzial zu signifikanter Widrigkeit einschließt. (…) Betroffene spüren das Gegnerisch-Widrige anders als die anderen. (…) Wir stehen sozusagen fassungslos vor einer unbegreiflichen Wirkmächtigkeit, die nicht zu sehen, umso mehr aber zu spüren ist.” Er spricht auch von einer “extremen Menschenscheu”.
Schließlich äußert der Autor noch – nur in einer Anmerkung – eine Vermutung:
“Im wiederholten Durchdenken von ›Begegnung‹ stellt sich die Frage, ob die Wirkmächtigkeit der Barriere nicht in der Wirkmächtigkeit von Normalität beruht.”

Soweit die Darstellung einiger “Barrieren”, bei denen Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen Unterstützung brauchen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können bzw. – man muss es vielleicht bei dieser Zielgruppe besonders betonen – sich vor Gefahr und Schäden durch die Teilnahme am Leben der Allgemeinheit schützen zu können.

EREPRO ruft mit diesem Ideenwettbewerb zu Beiträgen auf darüber, welche Hilfen psychisch behinderte Menschen brauchen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, und hofft, dass sich viele beteiligen. Daraus sollten klare, vermittelbare Forderungen an die Politik erarbeitet werden, die nicht nur den Charakter allgemeiner Appelle haben, sondern konkrete Maßnahmen betreffen, die konsequent erkämpft und durchgesetzt werden können.
Es ist den Versuch wert, jetzt den Kampf für offizielle Unterstützung bei der Überwindung von Barrieren für psychisch beeinträchtigte Menschen im gesellschaftlichen Leben zu führen, denn wir gehen möglicherweise Zeiten entgegen, die nicht besonders behindertenfreundlich sind.

Vorschläge und Diskussionsbeiträge (z.B. auch klärende Schilderungen der “Barrieren” und Stellungnahmen zu einzelnen Vorschlägen) können von EREPRO mit einem hilfe Heft Ihrer Wahl belohnt werden. Sie können Ihre Ideen in die Kommentarfunktion unter diesem Aufruf schreiben oder per E-Mail an erepro@gmx.net senden.
Deadline ist der 31.12.18, aber Anregungen sind natürlich immer sehr willkommen.

Nach der Depression ist (wie) vor der Depression

Mit diesem geflügelten Wort versuchen Mitglieder einer Frauen-Selbsthilfegruppe für Depressionen andere zu trösten, die es wieder erwischt hat. Die doppelte Bedeutung dieses Satzes ist jeder Teilnehmerin klar: Einmal die Übliche, eine Depression kommt selten allein. In diesen Gruppen für Frauen mit schweren, klinischen Depressionen, mit häufigen Klinikaufenthalten (so ist die Gruppe besetzt worden) hat niemand nur einmal eine Depression gehabt.

Zweite und wichtigere Aussage dieses Satzes: wenn die Depression vorbei ist, geht es dem  depressiven Menschen so gut wie vorher. Das heißt die Krankheit hinterlässt keine dauerhaften Schädigungen. Von den schweren Beeinträchtigungen der Stimmung und der Kognition in der akuten Depression bleibt nichts zurück.
William Styron schreibt: “Falls eine Depression nie zu Ende ginge, dann wäre der Selbstmord wirklich das einzige Heilmittel. Aber man sollte nicht solch einen falschen (vielleicht zum Denken anregenden) Hinweis  anklingen lassen, nur um dann zu betonen, dass eine Depression die Seele nicht auslöscht. Männer und Frauen, die sich von der Krankheit erholt haben, – und sie sind zahllos – bezeugen was wahrscheinlich die einzige rettende gute Eigenschaft ist: sie ist überwindbar”1

Der Slogan “Nach der Depression ist wie vor der Depression” wird Gruppenmitgliedern zugerufen, die in schrecklichen Depressionen untergehen. Sie können das nicht  glauben in ihrem Zustand, aber – das versichern sie nach Abklingen der Depression – es ist doch hilfreich. Auch wenn diese minimale soziale Intervention durch andere Gruppenmitglieder in der Regel genervt und ärgerlich abgewehrt wird, tief innerlich spürt derjenige scheint’s doch eine Verbundenheit.
“Und da die Gruppentreffen regelmäßig zu einem festen Termin stattfinden, werden die Frauen leichter motiviert zu kommen, auch wenn es ihnen schlecht geht. Sie raffen sich schließlich doch auf, weil sie erwartet werden, und ein Teufelskreis der Depression ist durchbrochen.”2
Insofern können unserer Erfahrung nach die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe für depressive Menschen in akuten Depressionen oft  hilfreicher sein als das Fachpersonal. Das gilt auch für die Situation nach Abklingen der Depression.

Phil Borges hat erst kürzlich – auf dem Kongress der DGVT3 2018 darauf hingewiesen, dass die Patienten mit psychischen Problemen „kommunikative Umgebungen“ brauchen und darin eine soziale Position, die ihnen Anerkennung bringt. Nachdrücklich hob er “Zugehörigkeit” hervor, unerlässlich für ein “erfülltes Leben”. Nachweise liefert er in seinem Film „Crazywise“ mit vorwiegend ethnopsychiatrischen Beispielen.4
Dazu kommt, dass wiederholte Depressionen in Selbsthilfegruppen weniger als “Rückfälle” betrachtet werden oder als persönliches Versagen, das nicht wieder vorkommen darf, sondern in der Gruppe als “normal” akzeptiert ist.5  Auch diesen Aspekt sieht Phil Borges als sehr heilsam an.

Was aber macht der Psychiater, der sich in seiner Sprechstunde verzweifelten, depressiven Menschen gegenüber sieht?
Er will und soll das Leiden abstellen. Er kann es nicht einfach akzeptieren, und sagen, “Warten wir mal ab, bis es Ihnen wieder besser geht, erst dann können wir darüber reden, dann können Sie ihre Problematik schildern” – was die sachlich angemessene Reaktion wäre angesichts einer akuten Unfähigkeit des Patienten, überhaupt Kontakt aufzunehmen.
Nein, der Psychiater versucht baldige Abhilfe zu schaffen durch Psychopharmaka.

4 Millionen Menschen nehmen in Deutschland Antidepressiva.

Wobei man wissen muss, die Depression gibt es nicht, viele unterschiedliche Zustände werden so bezeichnet.6 Die schlimmste Form der Depression, die “klinische“ beschreibt der  Schriftsteller William Styron in seinem Buch “Sturz in die Nacht” als “unglaubliche Folter”. Ein Buch, das tief beeindruckt. Es vermittelt großen Respekt vor dem Leiden der Menschen, die von solchen Depressionen betroffen sind.7
Die Situation eines jeden Patienten muss daher genau betrachtet werden. Gedankenlose Praxis-Routine mit wenigen Gesprächsminuten reicht nicht aus. Dabei können weder Psychopharmaka noch therapeutische Gespräche einfach gedankenlos bei „Depressionen“ eingesetzt werden.
Die Verschreibung von Antidepressiva verschafft wohl häufig  in erster Linie den Fachleuten Erleichterung, die Probleme haben das “Schicksal”8 des Patienten zu akzeptieren, immer verbunden mit der Angst vor einem drohenden Suizid.
Mit dem Argument, dass Antidepressiva Menschen mit unerträglichen Depressionen vielleicht doch entlasten könnten, wird die Kritik an ihrer Verordnung oft ausgehebelt.

Hier einige kritische Informationen über Antidepressiva.
Das Internetportal “Depression heute” schreibt:
„Im Jahr 2018 kann keiner mehr behaupten, er habe von nichts gewusst. Es ist mittlerweile bekannt:
x Die Biochemie der Depression ist unbekannt.
x Es sind keine Gehirnstoffe bekannt, die sich bei einer Depression in eine bestimmte Richtung verändern.
x Es gibt keinen biologischen Marker, der sich bei einer Besserung oder einer Verschlimmerung einer Depression ändert.
x Es gibt keine biologische Psychiatrie für Depressionspatienten.“9

Wer sich auf die Suche nach einigermaßen verlässlichem Wissen über Antidepressiva  begibt, trifft auf widersprüchliche Informationen.
Diese Unsicherheit steht in krassem Gegensatz zu der Situation in der psychiatrischen Praxis. Hier werden mit großer Selbstverständlichkeit Mengen dieser Psychopharmaka verschrieben, unreflektiert und mit einem impliziten Wirksamkeits-Versprechen verbunden, denn detaillierte medizinische Aufklärung der Patienten  von Seiten der verschreibenden Psychiater fehlt in der Regel. Das können sie vielleicht auch nicht leisten angesichts der widersprüchlichen Informationslage. Zweifel zu säen werden sie in der Praxis zudem für kontraproduktiv halten, da der heilsame Einfluss von Placebos nachgewiesen ist, und Antidepressiva im Zweifel wenigstens dementsprechend wirken.

Aber bei allem (notwendigen) Vertrauen zum eigenen Arzt besteht vermutlich bei vielen Patienten ohnehin ein Verdacht, mit Psychopharmaka betreibe die Pharmaindustrie in erster Linie Gewinnmaximierung, denn wie stark deren Lobby ist, weiß unterdessen jeder. Der irische Psychiater David Healy, der als Gutachter Zugang zu den Studienunterlagen der Pharmakonzerne hatte, berichtet über gezielte Ergebnisfälschungen der Konzerne.10

Schon zu Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts haben einige Autoren vor Antidepressiva gewarnt wie Marc Rufer11  und Josef Zehetbauer12.
Und die Zahl der kritischen Stimmen nimmt zu.
Vor kurzem hat Peter Grötsche, Direktor des Nordic Cochrane Centers in Kopenhagen eine systematische Sichtung von Versuchen mit psychiatrischen Medikamenten vorgenommen und unter dem Titel „It’s Unlikely That ‘Antidepressants’ Have a True Effect on Depression.“ darüber berichtet. Er diskutiert in dem Aufsatz verschiedene wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse und kommt zu dem Schluß, „that depression pills have no true effect on depression. What is being measured in most trials is likely bias.“13
In seinem Buch „Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen“14 hat Grötsche sich ebenfalls diesem Thema gewidmet.15

Auch in der Presse mehren sich die kritischen Berichte.
In einem Artikel in der Tageszeitung TAZ vom 29.2.2008 heißt es unter Rückgriff auf eine britische Studie „Antidepressiva meist wirkungslos“. Am 9.2.2013 folgte in dieser Tageszeitung „Pillen, an die man glauben soll“. 2017 erschien dort ein Artikel über die Wirkung von Antidepressiva mit dem Titel „Wenn die Welt verschwindet. Die Verordnungszahlen von Antidepressiva steigen. Scheinmedikamente wirken oft genauso gut. Besonders umstritten sind Langzeitbehandlungen.“
Der Berliner Tagesspiegel beteiligt sich ebenfalls am 5.12.2017 an der Aufklärung über Antidepressiva-Behandlung mit dem Beitrag „Mehr Präzision für die kranke Psyche“. Nachdem das Wissen unzureichend sei, auf welchen Wegen Psychosen oder Depressionen entstehen, so wird dort Peter Falkai, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in München, zitiert, sei es immerhin eine gute Nachricht, dass nur „ein Drittel der schweren und mittelgradigen Verlaufsformen schlecht oder gar nicht auf die gängigen Therapieansätze anspringen“.16 Sigfried Throm meine – so heißt es in diesem Artikel weiter, die Diagnose einer psychischen Erkrankung beruhe meist auf subjektiven EInschätzungen. Und wenn eine Krankheit schlecht definiert sei, lasse sich die Wirksamkeit neuer Medikamente statistisch nicht erkennen, weil die Patienten in einer Studie nur scheinbar an der gleichen Krankheit leiden. Das habe zur Unlust der Pharmafirmen beigetragen, weiter auf dem Gebiet der Psychiatrie in Arzneimittelforschung zu investieren .17
Der Spiegel  fragte am 22.2.2018 „Wie wirksam sind Antidepressiva?“18

„Depression heute“:
“Im Gegensatz zu Insulin, das nur bei Diabetes verwendet wird, werden Antidepressiva nicht nur gegen Depressionen eingesetzt, sondern auch gegen eine Vielzahl anderer Erkrankungen. Männer: Vorzeitige Ejakulation, Frauen: Prämenstruelles Syndrom. Männer und Frauen: Angststörungen, Zwangsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, … Es fällt schwer angesichts dieser Bandbreite an eine spezifische Wirkung zu glauben.“19

Bei Einnahme von Antidepressiva trifft unser Titel “Nach der Depression ist wie vor der Depression” eigentlich nicht mehr zu. Die Nebenwirkungen der Antidepressiva, die in der Regel auch nach Abklingen der Depression eingenommen werden sollen, können das Wohlbefinden auch nach der Depression stark beeinträchtigen – bis hin zu körperlichen Schäden. Insbesondere muss neben einer Abhängigkeit von diesen Psychopharmaka mit einer stark erhöhten Suizidgefahr gerechnet werden.20

Zusammenfassend hier noch einmal 14 gängige Irrtümer über Antidepressiva, die auf der Seite “Depression heute” jeweils ausführlich begründet werden21:

  • Antidepressiva beseitigen ein biochemisches Ungleichgewicht – falsch
  • Antidepressiva machen nicht abhängig – falsch
  • Antidepressiva wirken am besten in Kombination mit Psychotherapie – falsch
  • Antidepressiva senken das Suizidrisiko – falsch
  • Antidepressiva haben kaum Nebenwirkungen – falsch
  • Antidepressiva verändern die Persönlichkeit nicht –falsch
  • Eine medikamentöse Dauertherapie schützt vor Rückfällen – falsch
  • Antidepressiva wirken gegen Depressionen – falsch
  • Die richtige Diagnose für das richtige Antidepressivum –falsch
  • Die Diagnose Depression basiert auf Wissenschaft – falsch
  • Antidepressiva erhalten die Arbeitsfähigkeit – falsch
  • Depressionen sind kategorisierbar – falsch
  • Studien beweisen die Wirksamkeit von Antidepressiva – falsch
  • Mehr Serotonin beendet eine Depression – falsch

Die EInnahme von Antidepressiva ist demnach für viele depressive Menschen keine Option.

EREPRO plädiert für die Einrichtung von Selbsthilfegruppen für depressive Menschen. Derartige Angebote sind hilfreicher als Antidepressiva speziell für solche Menschen, die – anders als William Styron – sozial isoliert sind und sich gesellschaftlich in einer gewissen Außenseiter-Position befinden.23
“‘Gemeinschaft ist in einer individualisierten Gesellschaft ein rares Gut und es wird immer mehr zur Aufgabe des Einzelnen sich seine Gemeinde‘ zu schaffen. Hier ergeben sich für die  Gemeinde-Psychiatrie spezielle Aufgaben der Netzwerkförderung und der Förderung der Netzwerkbildung bei einzelnen’, sagt Heiner Keupp, (…)
Zugehörigkeit, Orientierung und Verantwortlichkeit können in diesen Gruppen wieder erlebt werden. (…) Gerade bei psychisch Kranken wird ein Zusammengehörigkeitsgefühl auf die Dauer zur seelischen Gesundheit und größerer Zufriedenheit beitragen. (…)
Ihre Wirkung geht viel weiter, indem sie als mikrosoziale Supportsysteme Angst, Depressivität und Suizidalität reduzieren, Freundschaft und Engagement vermitteln und hilfeabhängigen und verzweifelten Psychiatriepatienten die Gelegenheit bieten, wieder zu verantwortlichen Bürgern zu werden, die mit aktiven eigenen Bewältigungsstrategien dazu beitragen unser Gesundheitssystem – in dem Fall die psychiatrischen Kliniken, die Heime  und das Betreuungswesen – zu entlasten”.24

Unzählige Male praktiziert, haben sich diese Aussagen über Depressionsgruppen in der psychiatrischen Praxis bestätigt. Auch die Erfahrungen in dem Sozialistischen Patientenkollektiv, Heidelberg, liefern  Belege dafür.22
Beschreibungen der praktische Durchführung und Organisation von Selbsthilfegruppen für depressive Menschen – beispielsweise werden die Teilnehmer dort vom Fachpersonal gezielt zusammengestellt zu homogenen Gruppen hinsichtlich Alter, sozioökonomischem Status, Bildung und Interessen – liegen aus einem bayerischen Sozialpsychiatrischen Dienst vor, der jahrelang verschiedene Depressionsgruppen durchgeführt hat.
Der Aufbau solcher Angebote bedarf einer gründlichen Projektplanung. Man muss einige Mühe und Geduld aufbringen bis sie sich etabliert haben.25
Aber es lohnt sich.

Zum Abschluß zwei Berichte von Teilnehmerinnen solcher Depressionsgruppen:
1, “Wir, die an Depressionen leiden, gehen in die Selbsthilfegruppe, um eine Verbesserung unserer Krankheit zu erzielen und wollen alle Möglichkeiten nutzen.
In der Gruppe treffen sich Gleichgesinnte, die sich austauschen können, weil man dort die Möglichkeit hat, sich nicht krank, sondern ganz normal zu fühlen. Hier können wir von unserer Überforderung berichten, von Dingen berichten, die uns noch nicht gelingen, und vieles andere, was uns den Alltag so schwer macht. Hier erhalten wir Anregungen, können von den Erfahrungen der anderen profitieren und mehr eigenen Antrieb für uns selbst erlangen. Man lernt mit kleinen Schritten Erfolge, positive Erfahrungen wertzuschätzen.

Das Verhältnis der Gruppenmitglieder festigt sich untereinander mit der Zeit, sodass immer bei Notfällen oder Problemen zu jeder Zeit irgendjemand telefonisch erreichbar und hilfsbereit ist, natürlich im Rahmen unserer Möglichkeiten. Gemeinsame Unternehmungen in der Freizeit helfen uns dabei, Sicherheit und Selbstvertrauen zu verbessern. Das Vertrauensverhältnis der Gruppenmitglieder untereinander entwickelt sich immer stärker, so dass es uns hilft, dass wir uns öffnen.

Die Hilfe von Ärzten und Therapeuten alleine reicht nicht, um den Alltag zu bewältigen. Aus diesem Grund brauchen wir die Selbsthilfegruppe, um mit unserer Krankheit leben zu können.(Erarbeitet von der Selbsthilfegruppe für depressive Frauen in Gersthofen, 2004)”

2. “Durch die Begegnungen in der Frauengruppe (für Depressive, d.Red.) fand ich wieder das lang entbehrte Gefühl ‚gemocht zu sein‘. Eine ganz kleine Begebenheit kann das vielleicht erklären: Vor Kurzem hatte ich in der Bauernstrasse (im SPDI, d.Red.) einen Termin, er war wahrgenommen und ich am Verabschieden. Im Flur traf ich auf eine Frau aus der Gruppe, die sich zu einer Zusammenkunft eingefunden hatte, zu der ich auch hätte bleiben können – sollen.
Die spontane, echte Herzlichkeit, mit der sie mich bat: ‚…ach, bleib doch auch da, wenn du schon mal hier bist…‘ ging mir an den Nerv. Am liebsten wäre ich ihr um den Hals gefallen.

Die allgemein üblichen Einladungen haben meistens so eine Art Berechnung. Die macht dieses Empfinden – ‘sei da, bleib in meiner Nähe, du bist mir notwendig’, unmöglich.
In der Gruppe ist das anders. Da weiß jeder von jedem: der macht sich nichts vor, die bekennen sich alle zu ihrer Not. Sie sind bereit, durch Austausch des Erfahrenen einander beizustehen – und dann – das mitgeteilte Leid wiegt nur noch halb so schwer. Bei der Freude ist es umgekehrt; ich las es erst unlängst wieder…Freue Dich mit mir, es ist so traurig sich allein zu freuen.
(Aus: Alle in einem Boot 1979, S. 9” – Zeitschrift der Klienten des Sozialpsychiatrischen Dienstes)

 

Anmerkungen
1  Übersetzung von EREPRO (T. Wolff). “If depression had no termination, then suicide would, indeed, be the only remedy. But one need not sound the false or inspirational note to stress the truth that depression is not the souls annihilation; men and women who have recovered from the disease  – and they are countless – bear witness to what is probably it’s only saving grace: it is conquerable.” William Styron, Depression,Vintage MInis, 2017. S. 78, Extracts from William Styron, Darkness visible, 1990. englisch, deutsch, Sturz in die Nacht, Die Geschichte einer Depression, 1991
2 hilfe Blätter von EREPRO Nr. 11. Sozialpsychiatrische Dienste, ein Luxus für reiche Zeiten? Zugehörigkeit, Orientierung, Verantwortlichkeit. 2004, S. 7
3 DGVT Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie
4 s. auf YouTube: “CRAZYWISE: A Traditional Approach to Mental Illness | Phil Borges | TEDxSanJuanIsland“
5  s. hilfe Blätter von EREPRO Nr. 11. Sozialpsychiatrische Dienste, ein Luxus für reiche Zeiten? Zugehörigkeit, Orientierung, Verantwortlichkeit. 2004, S. 7, 63 etc.
6 Statistische Aussagen über die Zahl depressiver Menschen sind  nicht sehr aufschlussreich, weil sie diese gravierenden Unterschiede in der Art der Störung nicht deutlich machen (können).
7 William Styron, Darkness visible, 1990. englisch, deutsch, Sturz in die Nacht, Die Geschichte einer Depression, 1991
s. auch ein Interview mit Styron über seine Depressionen auf YouTube (auf englisch)
8 s. hilfe Blätter von EREPRO Nr. 16, 2017, Grenze unserer Menschlichkeit. Wie gefährlich sind Gekränkte? S. 17 über „Schicksalslosigkeit“.
9 https://www.depression-heute.de/blog/journalistische-desinformationen-ueber-depressionen
10 Statt Antidepressiva schlägt Healy allerdings Elektrokrampftherapie für schwere Depressionen vor. Dieses Verfahren, das einen künstlichen epileptischen Anfall auslöst, hat umstrittene Nebenwirkungen und wird von vielen Betroffenen und Fachleuten abgelehnt.
https://www.depression-heute.de/blog/david-healy
11 s. Marc Rufer, Irrsinn Psychiatrie, 1988
12 Zehetbauer, J. Chemie für die Seele, 1991
und
hilfe Blätter von EREPRO, Mai/Juni 1997, „Zu Risiko und Nebenwirkungen fragen Sie lieber nicht Ihren Psychiater.“
13 https://www.madinamerica.com/2018/01/antidepressants-effect-depression/
Götsche berichtet hier über einen exemplarischen Versuch der Art, der im November 2017 in JAMA veröffentlicht wurde (Rosenbaum JF, Fava M, Hoog SL, et al. Selective serotonin reuptake inhibitor discontinuation syndrome: a randomised clinical trial. Biol Psychiatry 1998;44:77-87. Angabe nach Grötsche): „It studied 201 patients with chronic kidney disease and depression for 12 weeks. Sertraline had no effect. The QIDS-C16 score changed by −4.1 in the sertraline group and by −4.2 in the placebo group; between-group difference, 0.1 (95% confidence interval −1.1 to 1.3; P = 0.82). The authors reported that a difference of 2 points on the QIDS-C16 is equivalent to a difference of 3 points on the Hamilton Rating Scale. The least clinically relevant effect on the Hamilton scale is 5-6.“  Die Autoren dieser Studie führen dieses Ergebnis auf die niedrige Dosierung der Antidepressiva und die chronische Krankheit zurück, was G. begründet bezweifelt.
14 Grötsche, Peter, Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen, 2016
Interessant ist die Diskussion über eine Rezension dieses Buches bei Amazon, in der sich ebenfalls die gängigem Kontroversen über Antidepressiva zeigen: https://www.amazon.de/T%C3%B6dliche-Psychopharmaka-organisiertes-Leugnen-Pharmaindustrie/product-reviews/3868837566/ref=cm_cr_dp_d_hist_3?ie=UTF8&filterByStar=three_star&reviewerType=all_reviews#reviews-filter-bar
15 Grötsche legt seinen Lesern als einziges deutschsprachiges Internetportal das oben zitierte „Depression heute“ ans Herz.
https://www.depression-heute.de/blog/peter-gotzsche-empfiehlt-depression-heute
16  „Depression heute“ schreibt dagegen: „Nur ein Drittel der Patienten profitiert von der antidepressiven Medikation. Genauso hoch fällt die Besserungsrate bei placebo-behandelten Patienten aus.“
17 „Seit 2010 sind in Deutschland keine wirklich neuen Mittel mehr auf den Markt gekommen. Und nur in sieben klinischen Projekten werden derzeit Wirkstoffe gegen Depressionen getestet- dagegen laufen 237 solcher Studien in der Krebsmedizin.“
https://www.pressreader.com/germany/der-tagesspiegel/20171205/281968903015878
18 http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/antidepressiva-wie-gut-wirken-medikamente-gegen-depression-a-1194880.html
19 https://www.depression-heute.de/falschaussagen/antidepressiva-wirken-gegen-depressionen
20 https://www.depression-heute.de/falschaussagen/antidepressiva-haben-kaum-nebenwirkungen
21 https://www.depression-heute.de/falschaussagen/falsche-behauptungen
22 s. Der Film “Der SPK Komplex”, insbesondere die Diskussion mit den Protagonisten nach der Premiere bei der Berlinale 2018
https://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=201813089#tab=filmStills
Mitglieder des heutigen SPK/PF haben den Regisseur Gerd Kroske allerdings die Verwendung jeglicher SPK Dokumente verboten. http://spkpfh.de/Achtung_Gattungsgifter_am_Werk.htm
Informationen über die positiven Wirkungen der Gruppenzugehörigkeit beim SPK finden sich auch in dem Buch von Ch. Pross, Wir wollten ins Verderben rennen, 2016. S. 203 ff – auch wenn dieser Aspekt leider weder im FIlm noch im Buch über das SPK im Mittelpunkt steht.
23 Das trifft besonders auf Frauen zu – auch auf die vielen nicht berufstätigen Hausfrauen mit erwachsenen Kindern, die allein – mit oder ohne Ehemann – leben.
24  hilfe Blätter von EREPRO Nr. 11. Sozialpsychiatrische DIenste, ein Luxus für reiche Zeiten? Zugehörigkeit, Orientierung, Verantwortlichkeit. 2004, S. 8
25 s. hilfe Blätter von EREPRO, Nr. 12, 2007 Selbsthilfe und Selbständigkeit, Bitte nicht helfen, ich kann das selbst. S.21: Organisation von Selbsthilfegruppen in SPDis. etc.

Empathie und Mitleid -JA- aber auch für das Pflegepersonal in der NS-„Euthanasie“?

Vor kurzem brachte “Spiegel online” eine Kolumne „Faulheit der Herzen“ von Georg Diez.1 „Gesellschaftlicher Opportunismus“ nennt es dieser Autor, wenn man heute nicht klar zu den Überlegungen steht, welche “die moralischen Grundlagen dafür schaffen, dass die Menschen miteinander in Gerechtigkeit leben und verstehen, dass Solidarität zum Kern dessen gehört, was uns zu Menschen macht, dass Hilfe, Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit nichts ist, was man sich leisten kann oder nicht leisten kann, sondern der Ausgangspunkt für alles Zusammenleben.”.
Überrascht liest man bei Diez ein Zitat von Adam Smith2: “Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht, als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein. Ein Prinzip dieser Art ist das Erbarmen oder das Mitleid, das Gefühl, das wir für das Elend anderer empfinden, sobald wir dieses entweder selbst sehen, oder sobald es uns so lebhaft geschildert wird, dass wir es nachfühlen können.”

EREPRO plädierte im letzten hilfe– Heft ebenfalls für Mitleiden und Menschlichkeit, stellte aber fest: “Und doch – mit einem EInsatz für die Liebe, die Hilfe und Vernunft, von Recht und für Gerechtigkeit statt Kampf gegeneinander sowie Konkurrenz kann man sich heute wenig Lorbeeren verdienen.”3
Auch Diez spricht von einem “seit Jahren andauernden moralfeindlichen deutschen Diskurs, mit dem – speziell in der Frage des Umgangs mit Geflüchteten, aber auch darüber hinaus – eine Gesellschaft der Kälte institutionalisiert werden soll, durch eine Stigmatisierung von Positionen, die Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellen wollen.” Dazu EREPRO: “Mit kaltem Denken wähnt man sich besonders realistisch. Man meint, auf diese Art Gefahren zeitig zu bannen, und trotzt so seiner Angst. Oft ohne sie als solche zu erkennen. Auffällig ist, dass diesen Menschen nicht selten Gelassenheit und Abstand fehlen. Sie wirken immer angespannt und gar nicht flexibel. Sie neigen zu Voraussagen von Schrecklichem –
scheinbar ermächtigt und befähigt durch einen unbeteiligt kalten Blick auf alles – ohne ein eigenes Gefühl.”4
Sogar die unmenschlichen Nationalsozialisten wussten (mehr als wir heute?) um die spontane Menschlichkeit, von der Adam Smith spricht, und stellten sie – wenn auch mehr als verständliche Schwäche – bei den Mord-Anweisungen an ihre Anhänger in Rechnung.5

Zum Holocaust-Gedenktag 2018 möchten wir hier eine Lanze brechen für die
Psychiatrie-Pflegekräfte in der Zeit des Nationalsozialismus und an ihr Leiden erinnern.
Wir versuchen uns vorzustellen, wie es ihnen in dieser furchtbaren Zeit ergangen ist,

In dem Beitrag “Trauer”6 hat EREPRO vor kurzem auf eine “einfache, menschliche
Hilfsbereitschaft” dieser Pflegekräfte hingewiesen sowie auf die enge Verbundenheit mit den hilfsbedürftigen Opfern der NS-“Euthanasie”, mit denen sie zusammenlebten, oder ihnen jedenfalls sehr nah standen. Einsatz und Engagement dieser MitarbeiterInnen galt in der Regel dem Wohlergehen ihrer Schützlinge. Das war ihre berufliche Motivation. Und viele von uns, die in der Behindertenhilfe und der Psychiatrie arbeiten, kennen diese enge
Bindung und dieses Engagement.

Trotzdem werden diese Pflegekräfte immer wieder als “NS Komplizen”7 für die
(insbesondere die “wilden”) “Euthanasie”-Morde verantwortlich gemacht, zuletzt noch bei der T4-Gedenkveranstaltung 2017.8
Selten sieht man sie auch als Leidtragende der NS-”Euthanasie”, für die die Tötungen eine unerträgliche Katastrophe waren, ähnlich wie für die meisten Angehörigen der Getöteten.

Personalisieren wir mit so einer Vorwurfshaltung nicht zu sehr, statt das strukturelle Problem zu sehen?
Sollten wir uns nicht besser Gedanken machen über die bis heute ungebrochene Macht und häufig viel zu weit reichenden Entscheidungsbefugnisse über andere, die wir den Menschen zubilligen, die Medizin studiert haben, und deren eigentliche Aufgabe einfach die Krankenhilfe sein sollte?
Die Ausstattung dieser Menschen mit so außerordentlichem Einfluss kann ihre Mitleidsfähigkeit und Hilfsbereitschaft einschränken und bekommt vielen ärztlichen Helfern schlecht. Sie handeln vermeintlich im höheren Auftrag – das gesellschaftliche Ganze im Blick – und fühlen sich so bedeutend, dass sie leicht den einzelnen behinderten Mitmenschen aus dem Auge verlieren.

Während es Georg Diez nur um “Überlegungen” zur Moral geht (die allein schon
unzureichend erscheinen), erwarten wir von den Pflegekräften in der NS-Zeit ohne weiteres aktiven Widerstand gegen ärztliche Anweisungen und gegen staatliche Verordnungen – und sich damit in Gefahr zu begeben – als Konsequenz ihrer menschlichen Haltung. Setzt diese Kritik also falsch an?

lm Gegensatz zu den mächtigen Ärzten hätten die damaligen Pfleger sich als
Personengruppe ohnehin wenig Beachtung verschaffen können für Protest gegen die grausamen Anweisungen der Ärzte und zentraler oder regionaler staatlicher Stellen zu Maßnahmen der “Euthanasie”.
„Das berufliche Erziehungssystem der NS-Zeit dürfte in der Krankenpflege … die absolute Subordination der Pflegenden unter die ärztliche Anordnung in Deutschland auf die Spitze getrieben haben“, schreiben Wolff, H.-P. und Wolff, J.9 “Während der NS-Zeit wurden nicht nur erste professionelle Ansätze (in der Krankenpflege, EREPRO) rückgängig gemacht, sondern vielmehr verstand es der NS-Staat, eine willfährige Krankenpflege unter die Anordnung der Medizin zu stellen…”.10
Dieser rigorosen Einordnung in hierarchische Strukturen hatten die PflegerInnen in den Anstalten normalerweise wohl wenig entgegen zu setzen, auch wenn sie verzweifelten und unter Schuldgefühlen litten wegen der Bedrohung ihrer Schützlinge, denen sie kaum helfen konnten.

Die Internet-Recherche ergibt wenige spezifische Aussagen über die Tätigkeiten von Pflegepersonal im Rahmen der “Euthanasie”.
Einiges deutet darauf hin, dass eine ganze Reihe von PflegerInnen unter der Belastung ihren Beruf nicht mehr ausüben konnten.11 “Zum Teil wurden die Tötungen an besonders vertrauenswürdiges (nicht in Anführungsstrichen!! EREPRO) Pflegepersonal delegiert.” so heißt es wenig aussagekräftig in dem Wikipedia-Artikel “Aktion Brandt”.12  Weniger empathische PflegerInnen mussten extra von außen angefordert werden, um die Patienten-Tötungen durch Medikamentenüberdosierung durchzuführen, wie die Krankenschwester und Tötungs-”Expertin” Pauline Kneissler. Eine “gekränkte”, aus ihrer Heimat vertriebene Frau13, die von Tötungsanstalt zu Tötungsanstalt reiste. In dem Wikipedia-Artikel über sie liest man aber auch von der damals als “falsch” geltenden, “pflegeorientierten Arbeitsweise der zuständigen Ordensschwestern”, welche die “Diätanordnungen des Chefarztes” (als Hunger-„Euthanasie“, EREPRO) unterliefen und den verhungernden Kranken Brot zusteckten.14
Einigen Krankenschwestern wurde wohl durch die Zugehörigkeit zu einer kirchlichen Schwesternschaft so viel Würde vermittelt, dass sie mehr Mut zum Handeln fanden, besonders wenn dort gleichzeitig eine gewisse Distanz zu staatlicher Autorität bestand – wie in erster Linie bei katholischen Schwesternschaften.
Ingo Harms: “Widerstand aus der Pflege kam vor allem von konfessioneller Seite, und hier wiederum von katholischer Seite. Aller Widerstand erwies sich als wirkungslos: Die Krankenmorde nahmen zum Kriegsende hin immer größere Ausmaße an und dauerten sogar teilweise bis 1949 an.”15
Alfred Döblin berichtet ein “Detail” aus dem Gespräch mit einem Arzt der Berliner Irrenanstalt Buch in den vierziger Jahren.
“Man verlangte etwas Furchtbares von dem Pflegepersonal. Man wünschte, dass alle zum Abtransport bestimmten Kranken ihren Namen auf der Haut trügen. Die Kranken waren zu zeichnen – die Pfleger und Pflegerinnen sagten: wie Schweine. Die Pfleger und Pflegerinnen sind Menschen, und wenn die Jahre umgehen, sind sie mit den Kranken verwachsen wie mit Verwandten. Sie kennen jede Eigenart und Absonderlichkeit ihrer kleinen Herde. Und da tippen Sie dann den auf und ab marschierenden Kranken, der und jener vor sich hin starrenden grotesken Figur auf den Arm und helfen ihnen die Bluse ablegen, das Hemd über der Brust abstreifen. Und während eine Pflegerin vorn das Geschöpf, das sich ruhig alles gefallen lässt, bei der Hand hält und ihm zuspricht, muss es ‚den Buckel krumm machen‘, und die Pflegerin hinter ihm schreibt deutlich mit dem Farbstift einen Vor- und Zunamen auf Haut, Tränen in den Augen.”16

Die Qual der PflegerInnen sollte nicht vergessen werden.
Ganz im Sinne unserer Überlegungen beendete die bayerische Landtags-Präsidentin Barbara Stamm ihre Rede am 16.1.2018 beim zentralen bayerischen Trauerakt in der Einrichtung für behinderte Menschen, dem Sitz des Dominikus-Ringeisen-Werks im schwäbischen Ursberg, von wo auch 379 Menschen in den Tod geschickt wurden: “Es gab auch damals beherzte Menschen, Klosterfrauen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich der Grausamkeit entgegen stellten. (…) Für diesen Mut sind wir bis heute unendlich dankbar. Und sagen auch dafür in dieser Stunde ein herzliches “Vergelt’s Gott”.17

Es kann hier nicht Sinn der Sache sein, über das Ausmaß der “Schuld” damaliger
Pflegerinnen zu spekulieren. Entscheidender als “Schuldbekenntnisse von
Pflege-Verbänden”18 ist unserer Meinung nach heute eine intensive Auseinandersetzung über das Lebensrecht behinderter Menschen. Wollen oder brauchen wir sie, oder müssen wir nicht vielmehr alles tun, damit menschliche Behinderung möglichst gar nicht mehr vorkommt  – wie der Mainstream meint?
Im Zeitalter des “Leistungsrassismus”19 ist diese Thematik – keineswegs so überflüssig wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Sie läuft heute über unverfängliche Schienen wie “Wer wirklich will, der schafft es auch” “Arbeit für jeden”, und nahm in den 90ern wieder Fahrt auf unter dem Stichwort “leere Kassen”.
Aber – darauf weist Stefan Kaufmann hin – “Wer sich selbst und anderen die Schuld gibt, hat am herrschenden System nichts auszusetzen.” Es ist leichter das nationalsozialistische System zu kritisieren als unser heutiges „herrschendes System“ in seiner Einstellung zu behinderten Menschen.

Natürliche Hilfsbereitschaft und Empathie bei jedem Menschen, ja, aber es ist gerade heute absolut unerlässlich diese Eigenschaften und Haltungen zu festigen durch Erziehung und Weiterbildung, Diskussion aller damit verbundener Aspekte sowie durch Kontakt der Bürger mit behinderten Menschen.

Anmerkungen
1 http://spon.de/ae6LB
2 Adam Smith (1723 -1790) ist weniger als Moralphilosoph bekannt denn als Ökonom. Die freie Marktwirtschaft des Kapitalismus bedeutet laut Smith, dass eigennütziges Handeln der Marktteilnehmer wie eine unsichtbare Hand für das Wohl aller sorgt.
3 hilfe Blätter von EREPRO Nr.16 mit den Titel “Grenze unserer Menschlichkeit. Wie
gefährlich sind Gekränkte?”, 2017,S. 59
4 hilfe Nr.16, 2017, S. 21.
5 s. Himmlers Posener Reden s. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Posener_Reden
s. 300 000 Menschen mit besonderen Belastungen getötet, www.erepro.de, Fachforum
6 https://www.erepro.de/psychiatrie-im-spiegel-von-erfahrung
7 In einigen wenigen Ausnahmefällen mag das zutreffen. s. Hilde Steppe, 2013, Krankenflege im Nationalsozialismus S. 144
8 s. Soziale Psychiatrie, 4/17, S. 43
s. der “Schwesternprozess” 1965 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46169641.html
und
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Krankenpflege_im_Nationalsozialismus
9 H.-P. Wolff und J. Wolff, Geschichte der Krankenpflege, Basel, 1994 S. 219 zitiert nach Martin Albert, Krankenpflege auf dem Weg zur Professionalisierung, 1998 S. 68
10 Martin Albert, aaO S. 69
11 Arbeitskreis Pflege in der DGSP, Günter Storck und Hilde Schädle-Deininger (Hrsg.) 75 Jahre Euthanasie-Erlass. Nachdenken über das, was wir in den
pflegerischen Berufen mit der Geschichte lernen können und was wir nachfolgenden Generationen weiter geben müssen und können. 2015. Pdf.
12 s. Wikipedia Aktion Brandt, https://de.m.wikipedia.org/wiki/Aktion_Brandt
13  “gekränkt” im Sinne der hilfe Blätter von EREPRO Nr. 16, 2017, Grenze unserer Menschlichkeit. Wie gefährlich sind Gekränkte?
14 https://de.wikipedia.org/wiki/Pauline_Kneissler
15 Ingo Harms, Die Rolle der Pflege in der NS Erbgesundheitspolitik und bei den
NS-Krankenmorden, 2014.
16  Aktion T4 1939 – 1945, Die “Euthanasie”-Zentrale in der Tiergartenstraße 4,
herausgegeben von Götz Aly, 1989, S. 211
17 s. Euthanasiedenkmal in Ursberg bei Günzburg, in hilfe Blätter von EREPRO Nr.13, 2008, S.50
Rede von Barbara Stamm – bis 20.1.2019 in der Mediathek des BR verfügbar:
https://www.br.de/mediathek/video/:5a27d60e40ab260018032395?sidebar=active
18 Hilde Steppe, 2013, Pflege im Nationalsozialismus S. 144
19 “Leistungsrassismus ist die moderne Variante des Nationalsozialismus…” Yasar Destan, Der Kirschbaum. 2017
https://books.google.de/books?id=75kzDwAAQBAJ&lpg=PT253&ots=6Ve4L1SaWz&dq=leistungsrassismus&hl=de&pg=PT239#v=onepage&q=leistungsrassismus&f=false
s. auch Stefan Kaufmann, Zehnfach verkehrt, in: Der Freitag, 50/2017 14.12.2017

Behindertenrechtskonvention in Panama und anderen Ländern. Bericht von Th. Degener

Seit einigen Jahren bekommt EREPRO regelmäßig Berichte über die Arbeit des VN (Vereinte Nationen)-Ausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (englisch – CRPD-Ausschuss) von Frau Prof. Dr. Degener, die selbst – ohne Arme – behindert ist. Sie engagiert sich (als einzige Frau in dem Ausschuss) besonders für die Rechte behinderter Frauen. In dem neuesten „Bericht aus Genf 14/2017 geht es um die sog. Staatenberichte zur UNBehindertenrechtskonvention der Länder Panama, Marokko, Montenegro, Lettland, Luxemburg und Großbritanien.
Diese UN Staatenberichte, angefertigt in einem langwierigen Verfahren mit vielen Beteiligten, rücken die Verhältnisse für behinderte Menschen in den jeweiligen Ländern oft erstmals ins Licht der Öffentlichkeit. Menschenrechtsverletzungen  gegenüber Menschen mit Behinderungen werden benannt und beanstandet. Die Auseinandersetzung darüber vermittelt ihre Ansprüche auf menschenwürdige Behandlung, wie sie die UN-Behindertenrechtskonvention vorsieht. Die Realisierung der Verbesserungsvorschläge wird später ebenfalls überprüft.
Der deutsche Staatenbericht wurde schon 2015 verfasst und mit 62 Empfehlungen ziemlich kritisch beurteilt. (s. http://www.erepro.de/2015/06/05/staatenberichtsprufung-deutschlands-zur-umsetzung-der-un-behindertenrechtskonvention-un-brk-durch-die-vereinten-nationen-abschliesende-bemerkungen/
s. zur Umsetzung in Deutschland http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/aktuell/news/meldung/article/die-umsetzung-der-un-brk-ist-laengst-nicht-abgeschlossen/

Die Lektüre dieses Berichtes von Frau Degener führt uns die Rechte behinderter Menschen noch einmal vor Augen. Es gibt einen link für alle Dokumente aus den einzelnen Länder, die natürlich sehr unterschiedlich mit beeinträchtigten Menschen umgehen.
Wir bringen hier eine Zusammenstellung einzelner Punkte aus dem neuesten Bericht für Leser, die nicht die Zeit haben, den ganzen Bericht zu lesen.

Zunächst einige Bemerkungen aus der 35. Sitzung des UN Menschenrechtsrats. Dort erklärte der „Sonderberichterstatter für den Genuss des Rechts auf den höchstmöglichen Standard an physischer und psychischer Gesundheit“, Danius Puras, das reduktionistische biomedizinische Verständnis psychischer Beeinträchtigungen habe weltweit zu Exklusion und Menschenrechts-verletzungen bei Menschen mit Lernschwierigkeiten und psychosozialen Beeinträchtigungen geführt. Dank der UN BRK (Behindertenrechtskonvention, EREPRO) und der damit verbundenenen verstärkten Sammlung von Daten und dank einer engagierten Zivilgesellschaft sei es immerhin gelungen, einen Paradigmenwechsel herbeizuführen. Puras forderte die Staaten auf sicherzustellen, dass Psychiatrienutzer* innen in Planung, Umsetzung und Evaluation von Diensten involviert werden, dass keine Ressourcen in stationäre Einrichtungen, sondern in gemeindenahe Dienste fließen, dass in psychosoziale Dienste so investiert wird, dass gemeindenahes und autonomes Leben möglich ist, sowie konkrete Maßnahmen zur Reduktion und Abschaffung von Zwangsbehandlungen zu ergreifen. Schließlich war es ein wichtiges Anliegen, die Staatenkonferenz darauf hinzuweisen, dass die Vereinten Nationen sich verstärkt für Barrierefreiheit und angemessene Vorkehrungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten und psychosozialen Beeinträchtigungen einsetzen müssen, indem sie entsprechende Standards entwickeln und umsetzen.
Mit großer Sorge beobachte der Ausschuss zudem den Entwurf für das Übereinkommen über Menschenrechte und Biomedizin des Europarats, das sogenannte Oviedo-Protokoll. „Mehrfach haben wir zwar darauf hingewiesen, dass der Entwurf den Allgemeinen Bemerkungen des Ausschusses zu Artikel 12 UN BRK widerspricht und auch den Richtlinien zur Umsetzung von Artikel 14 UN BRK“, so Theresia Degener. In diesen Dokumenten wie auch in der Rechtsprechung des Ausschusses wurden Standards gesetzt, die die Abschaffung des Systems der ersetzenden Entscheidungsfindung zugunsten der unterstützten Entscheidungsfindung fordern und Zwangsbehandlung und Zwangseinweisung in Widerspruch zur UN BRK sehen. Theresia Degener rief das OHCHR (Büro des Hohen Kommissars für Menschenrechte, EREPRO) und die Vereinten Nationen dazu auf, sich in diese Debatte einzumischen und zu engagieren.

Zum Staatenbericht Panama:
Im Dialog äußerte sich Theresia Degener besorgt, dass im Staatenbericht an vielen Stellen Prävention von Behinderung als Maßnahme zur Umsetzung der UN BRK genannt werde. Sie betonte, dass nicht Prävention, sondern die Rechte von Menschen mit Behinderungen Anliegen der Konvention seien (Art. 4 und 8 UNBRK). Sie wollte wissen, wie die Regierung diese stigmatisierende Politik erkläre und rechtfertige. Ähnlich besorgniserregend sei der Umstand, dass das medizinische Modell von Behinderung immer noch vorherrschend sei. So gebe es u.a. nach wie vor Spendenkampagnen, die auf Wohltätigkeit und Mitleid mit behinderten Menschen aufbauten. …
Im Zentrum stünden Barrierefreiheit und nichtdiskriminierende Sprache. Das Problem der Spendenkampagnen sei der Regierung wohl bewusst. Um es zu lösen, bat man den Ausschuss und die DPOs (Behindertenorganisationen, EREPRO) um technische Beratung. In ihren weiteren Fragen nahm Theresia Degener vor allem die Lage von Frauen und Mädchen mit Behinderungen in den Blick. In Bezug auf Art. 13 UN BRK (Recht auf Zugang zur Justiz) erkundigte sie sich, ob und wie Richter im menschenrechtlichen Modell von Behinderung geschult und welche Maßnahmen ergriffen würden, um insbesondere den behinderten Frauen Zugang zur Justiz zu ermöglichen. Außerdem merkte sie an, dass der Bericht wohl das Verbot von Zwangsbehandlung, Zwangsabtreibungen, Zwangssterilisation etc. festhalte, aber keine Aussage über die Praxis, die tatsächliche Umsetzung des Verbots enthalte. Das Projekt Familia Impresa, so die Antwort der Delegation, führe ein breites Schulungsprogramm durch, das insbesondere Gewaltschutz von Frauen mit Behinderungen und die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Frauen und ihrer Kinder in den Blick nehme. … 4 Frauenhäuser seien eingerichtet und 17 Staatsanwälte für Gewalt gegen Frauen berufen worden.

Im Bericht aus Marokko … (wurde kritisiert, dass) im Rahmengesetz 97–13 aus 2016 die Rechte von Menschen mit Lernschwierigkeiten sowie von Frauen und Mädchen mit Behinderungen nicht berücksichtigt würden. Besorgniserregend sei in Bezug auf diese Personengruppe die mehrfache Diskriminierung und Gewalt, der sie ausgesetzt ist. Eine nationale Studie aus 2011 hatte gezeigt, dass mehr als 62 Prozent der behinderten Frauen in Marokko Opfer von Gewalt wurden. …
Dazu gehöre auch die Schließung von Heimen für behinderte Kinder. Theresia Degener wies darauf hin, dass im Bericht Fragen der Behinderung mit Fragen geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung vermischt würden, so würden lesbische, homosexuelle, bisexuelle, Transgender- und intersexuelle Personen als geistig krank behandelt. Mit Blick auf Art. 12 UN BRK betonte sie, dass ein Familiengesetz, das Menschen mit Lernschwierigkeiten die rechtliche Handlungsfähigkeit abspricht und sie unter Betreuung stellt, im Widerspruch zur UN BRK stehe. Sie fragte, ob die Regierung Marokkos dies ändern und das System der unterstützten Entscheidungsfindung einführen wolle.

Montengro. Mit Blick auf das Gesetz zum Schutz der Rechte von Menschen mit psychosozialen Beeinträchtigungen fragte sie (Degener, EREPRO), warum die Polizei in Montenegro Personen aufgrund eines Verdachts einer solchen Beeinträchtigung in Gewahrsam nehmen dürfe. …

Lage der Menschen mit Behinderungen in Lettland. … Erfolge der bewusstseinsbildenden Kampagne in 2011. Ein Viertel der Bevölkerung habe angegeben, infolge der Kampagne seine Meinung über Menschen mit Behinderungen geändert zu haben. Dennoch: Der „Löwenanteil“ in der Umsetzung der Konvention bleibe Aufgabe für die Zukunft, … Mit DPOs sei an der Reform des bürgerlichen Rechts gearbeitet und die vollständige Einschränkung der rechtlichen Handlungsfähigkeit abgeschafft worden. Er empfahl der Regierung, einen Nationalen Aktionsplan und ein Rahmendokument für die Deinstitutionalisierung zu entwickeln. Weitere Herausforderungen seien das immer noch vorherrschende medizinische Verständnis von Behinderung und der damit verbundene defizitorientierte Blick auf Menschen mit Behinderungen. … Beunruhigend finde der Ausschuss auch die hohe Zahl an Todesfällen in Einrichtungen für Menschen mit psychosozialen Beeinträchtigungen und Lernschwierigkeiten. Im Dialog stellte Theresia Degener fest, dass der Bericht nichts über Programme zur Förderung von Frauen mit Behinderungen sagt. … So gebe es noch 60 Sonderschulen in Lettland und der Bericht sage nichts über Pläne, diese zu schließen oder in inklusive Einrichtungen umzuwandeln. …

Der „Sonderbotschafter für Klimawandel und Menschenrechte des Außenministeriums“von Luxemburg, Marc Bichler, stellte den Bericht seines Landes vor. In den letzten 2 Jahren seien 5 Mio. Euro für selbstbestimmtes Leben und Inklusion investiert worden. Inklusion im Arbeitsmarkt habe dabei oberste Priorität. … Lobenswert hingegen fand Theresia Degener das erklärte Bestreben des Landes, bei der Reform des Betreuungsrechts die vollständige rechtliche Handlungsfähigkeit aller Menschen zu erhalten. Jedoch stehe die vorgeschlagene Reform nicht in Einklang mit der Konvention, die die Abschaffung der ersetzenden und die Einführung der unterstützten Entscheidungsfindung fordere. Zudem kritisierte sie, dass in den Reformprozess nur Jurist*innen involviert gewesen seien, aber keine Vertreter*innen von DPOs. … In Bezug auf Art. 19 UN BRK wies Theresia Degener darauf hin, dass auch das Leben in kleinen Wohngruppen immer noch ein Leben in einer Einrichtung bedeute und nicht gleichzusetzen sei mit einem individuellen, selbstbestimmten Leben. Von den Ausschussmitgliedern wurden Informationen gewünscht, wie die Gelder des Europäischen Sozialfonds (ESF) für Deinstitutionalisierung und gemeindenahe Assistenzdienste eingesetzt würden. …

Großbritannien … (Problem der) sozialen Kürzungen und deren teils katastrophalen Auswirkungen auf das Leben von Menschen mit Behinderungen. … (Man) beklagte, dass sich Dezentralisierung und Brexit negativ auf die Rechte von Menschen mit Behinderungen auswirkten … neue Strategie der Regierung für die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen. Es sei ein Beauftragter für  häusliche Gewalt eingesetzt worden, der darauf achten solle, dass auch lokal bedarfsgerechte Unterstützungsdienste verfügbar sind. … In Bezug auf Genitalverstümmelung, so die Delegation, gebe es eine Beschwerdestelle, die Anzeigen entgegennimmt und untersucht. Die Stelle diene auch der Vorbeugung, damit Kinder etwa zum Zweck eines Eingriffs nicht außer Landes gebracht werden können. Besorgt äußerte sich Theresia Degener zum Umgang mit Flüchtlingen mit Behinderungen. So seien bereits minderjährige Flüchtlinge abgewiesen worden, weil man mit ihnen nicht „umgehen“ könne. … Abschließend forderte Theresia Degener die Regierung Großbritanniens auf, die Vorbehaltsklauseln gegen die Konvention (z.B. gegen Art. 24 UN BRK) aufzuheben. Das Land sehe sich gern in der Vorreiterrolle. Führend in der Umsetzung von Behindertenrechten zu sein, bedeute aber auch, Verantwortung zu übernehmen.

Mehr zum Thema bei EREPRO:

UN überprüft Selbstbestimmung – auch in der Psychiatrie


http://www.erepro.de/2015/05/04/staatenprufung-deutschland s-durch-un-behindertenausschuss-hat-stattgefunden/

„Psychosen: Inzidenz schwankt international sehr stark“

Den Hinweis auf den entsprechenden Artikel im Ärzteblatt vom 7.12.2017 bekamen wir von Dr. Jürgen Thorwart. (https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/86905/Psychosen-Inzidenz-schwankt-international-sehr-stark)

Psychiater und Psychologen haben seit Jahrzehnten im Studium gelernt, dass Psychosen in allen Ländern etwa gleich häufig bei ca. einem Prozent der Bevölkerung auftreten. Wikipedia verkündet das auch, wenn auch etwas vorsichtiger: “Dabei scheint es zwischen verschiedenen Kulturen keine oder nur geringe Unterschiede in der Häufigkeit zu geben.” Diese “Erkenntnis” geht also nicht erst auf eine Studie der Weltgesundheits-Organisation von 1978 zurück, wie in dem Ärzteblatt-Artikel behauptet, sondern sie kursiert schon viel länger.
Wikipedia gibt für die Behauptung keine Quelle an. Andere Internetseiten zum Thema ebenfalls nicht:
http://www.psychose-psychotherapieforschung.de/ppp/?q=node/26, https://psylex.de/stoerung/psychose/haeufigkeit.html, http://psychiatriegespraech.de/psychische_krankheiten/schizophrenie/schizophrenie_epidemiologie/.
Letztere, d
ie Seite “Psychiatriegespräch”, spricht aber eine ernste Warnung aus hinsichtlich der “Fakten”:
“Achtung: Epidemiologische Daten in der Forschungsliteratur weisen oft erhebliche Schwankungen und Unterschiede auf. Dies liegt oft an unterschiedlichen Ein- und Ausschlusskriterien hinsichtlich Definition der Störung, Einbezug von Einzelphasen oder Gesamtverlauf, sämtlicher Manifestationen oder nur bestimmter Schweregrade etc.. Deshalb sind die nachfolgend genannten und aus der Fachliteratur zusammengestellten Zahlen und Daten zur Häufigkeit und Verteilung der Schizophrenie nur als grobe Anhaltspunkte zu werten und sind bei Bedarf persönlich durch eigene Beschäftigung mit der Literatur zu überprüfen!”
Diese Relativierung gilt auch für die im Artikel des Ärzteblatt beschriebene Untersuchung, die wir leider nicht selber nachlesen konnten, um eine fundierte Methodenkritik zu leisten.

Es geht dabei um eine Untersuchung des „European Network of National Schizophrenia Networks Studying Gene-Environment Interactions“ (EU-GEI).
“Ein Team um James Kirkbride vom University College London hat die Daten aus 17 Regionen in Großbritannien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Spanien und Brasilien zusammengetragen. Darunter waren Großstädte wie Paris und London, aber auch ländliche Regionen wie Cuenca in Spanien oder Ribeirão Preto in Brasilien.” (Ärzteblatt).

Festgestellt wurden deutliche Unterschiede in der Inzidenz der ersten psychotischen Episode (FEP). Man fand Stadt-Land Unterschiede (in London erkranken mehr Personen als in Santiago de Compostela), und ein Nord-Süd-Gefälle (in Palermo, Barcelona und Madrid sind Psychosen seltener als im Marnetal südlich von Paris). Neben den geographischen – stellte man fest – spielen auch soziale Faktoren eine Rolle. Wohlstand habe möglicherweise eine schützende Funktion, während Single Haushalte für eine soziale Vereinsamung stehen, die das Erkrankungsrisiko erhöhe.
Ethnische Minderheiten, die sich als Außenseiter fühlen, sind der Studie zufolge ebenfalls besonders gefährdet an einer Psychose zu erkranken. “Es sei denn sie leben in Gegenden mit einer hohen ethnischen Durchmischung.” “Der kulturelle Austausch scheint eine gewisse protektive Wirkung gegen gewisse mentale Probleme zu haben, meint Kirkbride. Die Studie zeigt seiner Ansicht nach, dass Umweltfaktoren insgesamt eine größere Bedeutung für die Entstehung psychotischer Störungen haben als vielfach angenommen.” (Ärzteblatt)

Die Studie wurde veröffentlicht in JAMA Psychiatry (2017; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2017.3554).

Zwei Seufzer

Diagnosen stehen an allen wichtigen Entscheidungspunkten  in unserem Gesundheitssystem. In der gültigen “Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme” (ICD 10) – entwickelt von der Weltgesundheitsorganisation – gibt es seit 1948 auch ein Kapitel über psychische Erkrankungen: Ohne spezifische Ursache werden hier Symptomkonstellationen (Syndrome) beschrieben, deren Ursachengefüge meist wenig aussagekräftig als “multifaktoriell” bezeichnet wird.

Das  Sozialgesetzbuch V (über Krankenversicherung) verpflichtet in Deutschland Vertragsärzte, Vertragspsychotherapeuten und Krankenhäuser zur Diagnoseverschlüsselung nach ICD 10.1

Bevor die ICD Klassifikation für psychische Störungen erarbeitet wurde, gab es nur Problembeschreibungen auf der Basis ganz unterschiedlicher Werte und Menschenbilder der jeweiligen Psychiater und Psychotherapeuten, die schwer vergleichbar waren. Insofern stellte ein Diagnoseinstrument wie ICD zweifellos in dieser Hinsicht einen Fortschritt dar.

Das ändert aber nichts daran, dass die Darstellung der Problematik eines Menschen ohne Betrachtung der Persönlichkeitsentwicklung und ihrer Dynamik die Hilfsmöglichkeiten einschränkt. Wobei diese statistische Klassifikation oft eine Differenziertheit und Genauigkeit der Erkenntnisse suggeriert, die der tatsächlichen Situation der hilfesuchenden Menschen nicht entspricht.

Auch wenn es utopisch erscheint, sich heute eine Psychiatrie ohne diese diagnostische Charakterisierung der Patienten vorzustellen, sollten wir die folgenden Seufzer eines Patienten und eines Mitarbeiters aus dem alltäglichen Psychiatriebetrieb über die Diagnosestellung nicht überhören. Sie müssen mit dieser Diagnostik leben, an die wir uns so gewöhnt haben.
Nicht jeder in der Psychiatrie wird diese Seufzer nachvollziehen können, sie beruhen aber alle auf nachgewiesenen Phänomenen.2

Zwei Seufzer über die Diagnostik in der Psychiatrie

Stell dir vor, du bist in der Psychiatrie, und es gibt keine Diagnosestellung mehr.
Ist dieser Spruch, der dem geflügelten Wort  “Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin” nachempfungen ist, ähnlich irreal wie dieser? Ja, das scheint so, aber – wie dieser Satz – kann er uns anregen, darüber nachzudenken, wie es vielleicht doch anders sein könnte …

 1  Als ich den Spruch hörte, war mein erster Gedanke, dann würde ich mir bei Gesprächsbedarf  in einer schwierigen Lebenssituation in einer psychiatrischen Einrichtung, die auf die routinemäßige Diagnosestellung verzichtet – einen interessierten, einfühlsamen Diskussionspartner suchen können, um meine Probleme zu besprechen…

… weil ich dann nicht mehr Gefahr laufen würde, dass meine Problem-Erzählung in eine plakative, “einsilbige” Kategorie mit ihren unklaren sozialen und politischen Implikationen gepresst würde, was weitreichende Konsequenzen haben könnte – und mit meiner Angelegenheit wenig bis gar nichts mehr zu tun hätte.3
Bei einer gewissen Erleichterung endlich zu wissen, „was mit mir los ist“ – könnte ich alle möglichen sachfremden Auswirkungen gar nicht überblicken.4

… weil ich dann weniger Gefahr laufen würde, dass mein Gesprächspartner in der Psychiatrie mir Entscheidungen abnehmen oder aufdrücken wollen würde.

… weil ich dann weniger Gefahr laufen würde, mit Erwartungen konfrontiert zu werden, die zu erfüllen sind, wenn ich als “psychisch gesund”  und “normal” gelten will, und bei mir nicht jeder Gag, Spaß und Blödsinn mit Argusaugen auf potentielle “Unvernunft” beäugt würde. Und weil auch ich selbst dann nicht mehr jedes Erleben darauf befragen müsste, ob es „normal“ ist.5

… weil ich dann nicht mehr Gefahr laufen würde, dass bei mir unerwünschte Entwicklungen eintreten im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung durch mir zugeschriebene “Symptome”, wie beispielsweise eine besondere Verletzlichkeit und Stressempfindlichkeit entsprechend der “Vulnerabilitätstheorie”.6

… weil ich dann nicht mehr Gefahr laufen würde, dass meine Angehörigen und Freunde einen Schock bekämen durch das Diagnose-Etikett an meiner Stirn, und sich ihr Verhalten mir gegenüber ändert, so dass die Beziehung nur noch durch diesen Filter erlebt würde.

… weil ich dann nicht mehr mehr Gefahr laufen würde, dass meine Bezugspersonen im Wissen um meine Diagnose durch gelegentliches „ungewöhnliches“ Verhalten von mir beunruhigt und verängstigt werden, und beginnen den Kontakt zu mir zu meiden, sondern – im Gegenteil – beruhigt sein könnten, weil sie im Gespräch mit meinem Therapeuten feststellen, dass er/sie mir (ohne Diagnose-Klischee im Kopf) respektvoll und auf Augenhöhe begegnet.

… weil ich dann nicht mehr Gefahr laufen würde, aus dem weiteren Ablauf meines Lebens heraus zu fallen durch eine unverhältnismäßig lange Auszeit in einer psychiatrischen Klinik, wie bei bestimmten Diagnosen üblich. Und meine Arbeitsstelle nicht gefährdet wäre durch diese Art von “Hilfe”.

… weil ich dann nicht mehr Gefahr laufen würde, wegen der Diagnose als “psychisch krank” bezeichnet zu werden – wenn nicht gar als “gefährlich”, und so zu einer randständigen gesellschaftlichen Gruppen gehören würde, was mich wahrscheinlich Ansehen bei meinen Mitmenschen kosten würde, und wohl im Laufe der Zeit einen sozialen Abstieg bedeutete.

… weil ich dann nicht mehr Gefahr laufen würde, dass man eine “Prognose” erfände über meine zukünftige Entwicklung, obwohl niemand über prophetische Fähigkeiten verfügt.

…  weil ich dann nicht mehr Gefahr laufen würde, dass mir die zu der Diagnose “passenden” Medikamente verordnet würden.

… weil ich dann nicht mehr Gefahr laufen würde, wegen der “Allmachtsvorstellung einer leidenslosen Gesellschaft”6 in der Psychiatrie meine „Symptome“ nicht behalten zu dürfen, weil ich mich mit ihnen wohler fühle als in dem trostlosen Zustand nach Einnahme von Psychopharmaka. Denn welcher Psychiater macht sich schon die Mühe, die Medikation so niedrig wie möglich zu halten, und sie gemeinsam mit mir genau auf meine Person und meine wechselnden Zustände auszurichten.

… weil ich dann nicht mehr Gefahr laufen würde, dass ich mir am Ende sogar das schwer zu löschende Stigma “chronisch” einhandle – wenn sich mein Problem nicht in einer absehbaren Zeit erledigt, oder sich gar wiederholt – wegen dieser ausgeprägten “Fortschritts-Fixierung” in der Psychiatrie mit der möglichen Folge, dass ich  wegen dieser diagnostischen Einordnung die psychiatrischen „Retter“ nie wieder los werde.

2 Als ich den Spruch hörte, war mein erster Gedanke, ich könnte dann als Mitarbeiter in einer psychiatrischen Einrichtung ohne Routine-Diagnosestellung bessere Arbeit leisten, z.B. leichter eine gute Beziehung aufbauen im Gespräch mit Menschen über ihre Anliegen…

… weil ich dann nicht gezwungen wäre, mich über meine Gesprächspartner*in zu stellen, indem ich sie/ ihn beurteile und über Persönlichkeit und Entwicklung entscheide in der üblichen “Oben-Unten-Beziehung” (Groth).

… weil ich dann weniger gezwungen wäre, mich bei solchen Gespächen an die Leitlinienn für bestimmte Diagnosen zu halten, die meine Unvoreingenommenheit erheblich einschränken, wenn sie beispielsweise ethnische Minderheiten per se als besondere Risikogruppe beschreiben.7

… weil ich dann weniger gezwungen wäre, besonders Berührendes im zwischenmenschlichen Gespräch in meinem Bericht weg zulassen, weil die Fragebögen in den Handbüchern das nicht vorsehen.

… weil ich dann nicht gezwungen wäre, während des Gespräches, beim Kennenlernen schon nach möglichen Symptomen zu fahnden, die in Diagnostik-Handbüchern  beschrieben sind, anstelle einer ergebnisoffenen Einstellung zu dem Patienten. Und durch die geforderte Differenzierung der Diagnose entsprechend der Checklisten, könnte ich meine Aufmerksamkeit nicht genügend auf die eigentliche Thematik des Gesprächspartners lenken.

… weil ich dann nicht gezwungen wäre, den Kennenlernprozess in die vorgegebene Richtung des Anamneseschemas zu lenken, wie die “psychopathologische Exploration” es vorsieht, sondern mehr der lebendigen Entwicklung des Gesprächsverlaufs folgen könnte.

… weil ich dann nicht gezwungen wäre, in offiziellen Verlautbarungen über meinen Gesprächspartner, der Hilfe sucht, Ungenauigkeiten, Missverständnisse und Einseitigkeiten in Kauf zu nehmen durch den Gebrauch von vorgeschriebenen Diagnosen-Klischees.8

… weil ich dann nicht mehr gezwungen wäre (wenn mir die offizielle Diagnose von Hilfesuchenden bekannt ist), gegen meine eigenen Erwartungen und Vorurteile über diese Menschen ankämpfen zu müssen, denn das erschwert natürlich eine gute Beziehung.

… weil ich dann nicht mehr gezwungen wäre, aufklärende Anti-Stigma Arbeit zu leisten, die zum großen Teil erst durch das Diagnostizieren nötig wird.9

… weil ich dann nicht mehr gezwungen wäre, immer wieder damit zu rechnen, dass die offiziellen Diagnosen sogar von Fachleuten wie unhinterfragbare, eindeutige Eigenschaften, die jemand „hat“,  behandelt werden.10

… weil ich dann nicht mehr gezwungen wäre, Vorstellungen von „funktionieren“ und angepasstem Verhalten11 entgegen meinen Überzeugungen als Maßstab für Normalität von meinem Gesprächspartner zu fordern, anstatt sein Schicksal akzeptieren zu dürfen.12

… weil ich dann nicht mehr gezwungen wäre, die Ablehnung von Sozialleistungen für die Betroffenen (wie die Finanzierung von Ausbildungen, Beförderungen etc.) in Kauf zu nehmen, wenn ich konsequent keine Diagnosen stellen würde. Beispielsweise eröffnet eine Diagnose erst die Möglichkeit für eine kassenfinanzierte Psychotherapie.13

… weil ich dann nicht mehr gezwungen wäre, bestimmtem Verhalten einen Krankheitswert zuzuschreiben und Symptome zu benennen, die daraufhin Gegenstand von Veränderungs-Wünschen insbesondere der Psychotherapeuten werden könnten. Die würden sich dann auch weniger gezwungen fühlen, die persönlichen Entwicklungsprozesse und die Wünsche der Klienten zu übergehen, und könnten ihnen selbst die Frage überlassen, was sie ändern wollen, und wie viel Leiden ihnen selbst akzeptabel erscheint.14

… weil ich dann weniger gezwungen wäre die Psychiatrie als medizinisches Teilgebiet aufzufassen, sondern mich mit mehr Aussicht auf Erfolg dafür einsetzen könnte, dass sie eines Tages in erster Linie sozialwissenschaftlich begründet ist.15

 

Dieser kurze Beitrag ist keine grundlegende Erörterung des Themenkomplexes Diagnostik in Psychiatrie und klinischer Psychologie. Er will aber daran erinnern, welche Probleme mit der Diagnosestellung zwangsläufig verbunden sind – ob die Diagnose sich nun auf Selbstbeschreibungen bzw. Selbstbeurteilungen der Hilfesuchenden (wie beim Freiburger Persönlichkeitsinventar) oder auf Verhaltensbeobachtung (wie beim ICD) bezieht.
Auch wenn Diagnostik und Tests allen Regeln der Testkonstruktion entsprächen, die bei der Einordnung nach ICD oder DSM in der Praxis ohnehin sträflich vernachlässigt werden, ist die Kritik an der psychiatrischen Diagnostik auch von wissenschaftlicher Seite sehr deutlich vernehmbar.16

Die Seufzer derjenigen, die in der psychiatrischen Praxis mit dieser Diagnostik zu tun haben, die ihre Folgen und Wirkungen immer wieder erleben, dürfen nicht überhört oder vergessen werden, weil dadurch in der Psychiatrie doch sehr viel “Un-heil” angerichtet wird.

 

Anmerkungen:
1 Wikipedia https://de.m.wikipedia.org/wiki/Internationale_statistische_Klassifikation_der_Krankheiten_und_verwandter_Gesundheitsprobleme
http://www.icd-code.de/
2 Die Sendung Frontal 21 zeigte einige Beispiele : Fatale Falschdiagnose. Abgestempelt. 10.10.2017 (Viodeo verfügbar bis 10.10.2018) https://www.zdf.de/politik/frontal-21/frontal-21-vom-10-oktober-2017-100.html

3 Katja Diefenbach, Von Schrebers Seite. Die Schwierigkeit, die Vern1unft von der Unvernunft zu trennen. NDR, Kulturjournal Sonntag 21.06 1998
4 s. Anm. 2
s. Manfred Wiesner, Eugene Epstein & Lothar Duda, Wilhelmshaven: SPRACHEMACHTSINN – Die Krise der Psychotherapie und der Weg zu einer posttherapeutischen Zukunft. http://systemagazin.com/sprachemachtsinn-die-krise-der-
psychotherapie-und-der-weg-zu-einer-posttherapeutischen-zukunft
5 Henning Burk, Befreiung des Wahnsinns von der Knechtschaft der Normalität. Frankfurter Rundschau 18. September 2001

6 Karsten Groth, Die unendliche und die endliche Psychiatrie. Über den Umgang mit Chronizität, Zeit und Verantwortung und die Opfer alter und neuer Krankheitskonzepte. Soziale Psychiatrie, 4/2004 S. 2.
zur Vulnerabilität: DGPPN Leitlinie Schizophrenie, C. Kurzversion. S3_Schizo_Kurzversion-6.pdf
7 Zitat aus DGPPN Leitlinie Schizophrenie, C. Kurzversion: „Prognostische Faktoren, die den Verlauf der Schizophrenie ungünstig beeinflussen, sind eine familiäre Vorbelastung, d. h. psychische Erkrankungen in der Familie, männliches Geschlecht, eine lange Prodromalphase bzw. ein verzögerter Krankheitsbeginn, kognitive Dysfunktion, niedrige prämorbide Intelligenz (IQ) und Negativsymptomatik, eine schlechte prämorbide soziale Anpassung und eine fehlende stabile Partnerschaft, psychosozialer Stress und ein belastendes familiäres Klima (High-EE), Geburtskomplikationen sowie ethnischer Minderheitenstatus oder -ursprung.“ S.186
8 Was heißt schon schizophren? FAZ vom 17.7.2017:  “Schizophrenie sei eigentlich nur ein Sammelbegriff für eine bunte Mixtur ganz verschiedene Syndrome, die in der Regel völlig verschiedene Ursachen hätten”, Ludger Tebartz van Elst, Freiburger Neuropsychiater.
s. auch Kellmann, M. Teilhabenichtse, Sozialpsychiatrische informationen 47. Jahrgang 4/2017, S. 44
s. auch Hubert, Martin Zudröhnen oder Ausschleichen.Die neuen Pfade der Psychiatrie. www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/dok5/download-psychiatire-psychopharmaka-100.html (abgerufen aam 10.10.2017).
s. Radiointerview mit Martin Zinkler, Oktober 2017, http://vielfalter.podspot.de/files/VielFalter-02-10-17.mp3
9 Jana Hauschildt,  Das Unbehagen bleibt. Millionen Euro werden in den vergangenen Jahren in Kampagnen gegen Stigmatisierung psychisch kranker Menschen investiert… SZ 8.4.2014
10 wie Beispielsweise im Interview Josef Bäuml  SZ vom 15.06 Juli 2017,
s. auch Markus Jäger, Diagnostik aus Sicht des Psychiaters – eine kritische Auseinandersetzung. Sozialpsychiatrische Informationen 4/2016, S. 9
11 Schlimme, Jan E., Birgit Hase, Amelie Palmer, Was sollen eigentlich Diagnosen? Nachteil und Nutzen eine Schizophrenie-Diagnose im Genesungsverlauf. Sozialpsychiatrische Informationen  4 /2016, S. 40
12  s. hilfe Blätter von EREPRO Nr. 16, 2017, S. 19 u.a.
s. auch Helmut Stolze, Grenzen des Heilens – heilende Grenzüberschreitungen. Gedanken aus der psychotherapeutischen Praxis. Prax Psychother und Psychosom 1989, 34:297 – 303
13  sChristian Weber, Irrsinn ist menschlich. SZ 22./23.Juni 2013
14  s. Fast ein Streitgespräch. Klaus Dörner trifft Peter Brieger. Sozialpsychiatrische Informationen 4/2016, S 12
15 Rechlin, J. Vliegen ,  2013, Die Psychiatrie in der Kritik: Die antipsychiatrische Szene und ihre Bedeutung für die klinische Psychiatrie heute. Umfassende – wenn auch nicht unbedingt posotive – Darstellung antipsychiatrischer Ansätze in der Psychiatrie.
16 Wikipedia, Testtheorie. https://de.wikipedia.org/wiki/Testtheorie_(Psychologie)
Wikipedia, Freiburger Persönlichkeitsinventar, https://de.wikipedia.org/wiki/Freiburger_Pers%C3%B6nlichkeitsinventar
s. TBS-TK Rezension: Freiburger Persönlichkeitsinventar Prof. Dr. Sonja Rohrmann, Goethe Universität Frankfurt am Main & Prof. Dr. Frank M. Spinath, Universität des Saarlandes
http://www.bdp-verband.de/psychologie/testrezensionen/FPI_R.pdf

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Zudröhnen oder Ausschleichen? Die neuen Pfade der Psychiatrie

Dr. phil. Dipl.-Psych. Jürgen Thorwart, Psychoanalytiker schreibt an EREPRO:
Liebe KollegInnen, das scheint mir ein interessanter Beitrag zu sein.
Herzliche Grüße

Jürgen

WDR 5 Dok 5 – Das Feature, 50:13 Min.

Zudröhnen oder Ausschleichen? Die neuen Pfade der Psychiatrie

Von Martin Hubert

Pharmafirmen versprachen psychische Krankheiten mit Medikamenten zu heilen – und sind gescheitert. Jetzt steigen sie aus der Forschung aus. Studien zeigen: frühzeitiges Ausschleichen der Psychopharmaka hilft Patienten besser, als sie langfristig einzunehmen. Die Psychiatrie auf neuen Wegen?

Ausstrahlung am 8. Oktober 2017, Wiederholung am 9. Oktober 2017
Von: Martin Hubert
Redaktion: Dorothea Runge
Produktion WDR 2017

Das Feature steht nach der Sendung befristet zum kostenlosen Download hier zur Verfügung:

www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/dok5/download-psychiatire-psychopharmaka-100.html

Zuerst erstellt der Psychiater eine Diagnose. Dann verordnet er Psychopharmaka, die den Geist herunter regulieren oder stimulieren. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass eine zusätzliche Psychotherapie sinnlos sei, wenn der Patient seine Medikamente nicht längerfristig einnimmt. Das ist Standard in der psychiatrischen Behandlung von Psychosen und anderen schweren psychischen Leiden.

Lange hat die Pharmaindustrie davon profitiert. Doch inzwischen nagen wissenschaftliche Studien am Fundament der Standardtherapie. Weil keine besseren chemischen Substanzen in Sicht sind, haben sich wichtige Pharmafirmen aus Forschung und Vermarktung verabschiedet. Mit Milliardengeldern der EU sollen sie zurück ins Boot geholt werden, und neue Studiendesigns werden entworfen. Können die dafür sorgen, dass Psychopharmaka Menschen nicht nur zudröhnen, sondern ihnen langfristig helfen? Oder ist ein grundsätzlich anderer Umgang mit Medikamenten nötig: Verzicht oder schnellst mögliches Ausschleichen und empathische Begleitung?

Sendung nachhören:

www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/dok5/download-psychiatire-psychopharmaka-100.html

40 Jahre Sozialpsychiatrie – doch ein bisschen leise

Zum 40-jährigen Bestehen eines Sozialpsychiatrischen Dienstes in Bayern hat
Heiner Keupp, emeritierter Professor für Sozialpsychologie den Festvortrag gehalten mit dem Titel “Von der Gemeindepsychiatrie zur Inklusion?”
Dieser Titel weckte Hoffnung auf Hinweise zum besseren Verständnis der  Prozesse von Institutionalisierung und Verrechtlichung, die dem Aufbruch zu einer humaneren Psychiatrie in den 60er/70er Jahren folgten , und die diesen weitgehend zum Erliegen brachten.

Teilnehmen konnten wir an dem Festakt nicht, aber wir haben uns die PowerPoint Präsentation des Vortrages angeschaut.
Würde der Experte für Gemeindepsychologie zu der neueren Entwicklung der Sozialpsychiatrischen Dienste hin zu eher traditionellen Beratungsstellen für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen kritisch Stellung nehmen? Denn die Dienste verzichten heute weitgehend auf die Vielfalt der Angebote der ersten Generation, sind nur noch sporadisch Orte, wo psychiatrisierte, einsame Menschen mit überwältigenden Problemen, die sonst nirgends Ansprache finden, besonders willkommen sind.
Der Zusatz “sozial” zur Psychiatrie erfüllt somit aus unserer Sicht ohnehin nicht mehr diese ursprüngliche Zielsetzung. Keupp sagt mit Recht, dass die damals neue Bezeichnung den Mitarbeitern zunächst “Identität und kämpferische Perspektive” vermittelte. Aber Sozialpsychiatrie war auch mit Inhalten verbunden, die der heutige Ansatz kaum mehr garantieren kann. (im einzelnen dazu in den  hilfe Blättern von EREPRO)

Keupp erhebt den Anspruch auf eine “reflexive Sozialpsychiatrie”. Zunächst schildert er (in der bekannten eigentümlichen  Sprache) die Zustände in unserer Gesellschaft als ein wahres Horrorszenario anhand häufig beklagter Merkmale: “Fluide Gesellschaft” mit “Zonen der Verwundbarkeit”, Beschleunigung, Erschöpfung, ausgeliefert sein auch im Privat- und Gefühlsbereich, Tod des Selbst, keine Identität, Hoffnungslosigkeit, keine Alternativen, Arbeit um jeden Preis, gnadenlose Konkurrenz und Macht, Geld und Status, “Zwang als Selbsttechnologie”, Ökonomisierung, auseinander driftende Einkommensunterschiede, Exklusion statt Inklusion, Verlust des Glaubens an “traditionelle Meta-Erzählungen” etc..
Dabei bringt die Art der Darstellung dieser Befunde nicht mehr Erkenntnisgewinn, ebenso wenig wie die dargebotenen üblichen Statistiken zu Burnout, Depressionen und psychischer Erkrankung von Arbeitnehmern.

Wollen wir überhaupt – die Frage stellte sich daraufhin – per Inklusion (Vorschrift der  Behindertenrechtskonvention) behinderte Menschen in diese Gesellschaft “des globalisierten Netzwerk-Kapitalismus” integrieren? Die Frage bleibt so im Raum stehen.
“Eine wachsende Anzahl von Menschen (ist) von der Zugehörigkeit ermöglichenden Verwirklichungschance abgeschnitten, marginalisiert und aus dem Alltag von Arbeit, Politik, Konsum und Zivilgesellschaft ausgeschlossen (ist) oder erlebt sich so.”
Befähigungen und ihre Verwirklichungschancen im Sinne des “capability approaches” von Martha C. Nussbaum und Co. rückt Keupp im Verlauf des Vortrags in den Vordergrund: man müsse zwischen Lebensstilen wählen können, eine “selbstbestimmte Suche nach Lebenssinn, Identität und Eigensinn“ müsse „zentrales Mandat der Sozialpsychiatrie” sein.
Unklar bleibt, was aus denen wird, die weniger befähigt sind.

Schauen wir uns weitere Forderungen des Referenten an:
Grenzziehung als Identitätsarbeit, sich dem Anpassungsdruck widersetzen, nicht employability oder Nützlichkeitsdenken sollte Kriterium von Zugehörigkeit sein, sondern Würde. Das “unternehmerische Selbst” sollte kritisch hinterfragt werden, ebenso wie das Ziel maximaler Selbstkontrolle. Ein Ich, eine “ganze” Persönlichkeit trotz aller Widersprüchlichkeit fordert Keupp unter Rückgriff auf Bleuler.
Nötig sei eine „differenzierte Gesellschaftsdiagnostik“, die „im öffentlichen Raum kommuniziert wird“, entschlüsselt aus den „individualisierten Problem- und Leidenszuständen der Subjekte“, um subjektives Leiden nicht zu “klinifizieren” und zu “medikalisieren” und damit den Tatbestand des “Befriedungsverbrechens” zu erfüllen.
Na ja.
Kritische Reflektion der Beteiligungsgerechtigkeit bedeute, zur Gerechtigkeitsperspektive müsste die Grundsicherungsperspektive kommen, um Zugang zu materiellen und immateriellen Verwirklichungschancen zu bieten. Auch die Salutogenese a la Antonovsky kommt nicht zu kurz. Abschließend wird noch gefordert, die „aktive Umsetzung der Inklusion und der Grundideen der Gemeinde- und Sozialpsychiatrie zu stärken“.

Man sieht, es gibt in dieser Festrede viele wichtige und richtige Zutaten, von allem etwas. Und der Vorschlag Gemeinde- und „Sozialpsychiatrie wieder als Teil einer gesellschaftlichen Oppositionsbewegung zu begreifen“  ist dann das Sahnehäubchen – und die erbauliche Rede ist fertig. Jeder kann das wohlige Gefühl haben, dabei sinnvoll tätig werden zu können.
Eine verpasste Gelegenheit das Festpublikum aufzurütteln und für die “chronischen” Patienten, die selbständig leben möchten, eine Lanze zu brechen? Das war ja die ursprüngliche Bestimmung Sozialpsychiatrischer Dienste! Und – schreckliche Tatsache – die Chancen dieser Menschen haben sich keineswegs verbessert.
Offiziell heißt es zwar noch:
“Durch (…) ein niederschwelliges Setting können sie (die Sozialpsychiatrischen Dienste) mit ihren sozialpsychiatrischen Leistungen insbesondere chronisch psychisch kranke Menschen erreichen. Ein möglichst hohes Maß an aufsuchender Hilfeleistung ist dabei genauso ein konzeptionelles Kennzeichen der Dienste wie eine Gemeinwesenorientierung und der Auf- und Ausbau regionaler Netze und fallbezogener Netzwerke in der Region.” (Bayerischer Bezirketag, Psychiatrische Versorgung, 2013)
Aber, auch wenn es in den offiziellen Verlautbarungen der Geldgeber noch steht, Trägervertretern und wohl auch einer Mehrzahl der Mitarbeiter liegt diese Zielgruppe offenbar nicht besonders am Herzen.
Der erhoffte kritische Appell , der laut und deutlich die Realisierung einer menschlicheren Psychiatrie – wie sie vor 40 Jahre versucht  wurde – verlangt, war diese Jubiläumsrede nicht. Einige der fortschrittlichen Thesen und Theorien anzutippen, die nach dem Aufbruch damals entstanden,  reicht dafür nicht aus.

Lauter und deutlicher – wenn auch in ziemlich verquaster Sprache – äußerte sich Ernst von Kardorff auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie 2016 zum Thema “40 Jahre gesellschaftspolitisches Projekt ‚Psychiatriereform‘ – Was ist daraus geworden?”
Abschließend hier einige Kostproben aus dem Referat:
”der Erfolg (der Psychiatriereform) wurde jedoch mit einer unkritischen Übernahme des gesellschaftlichen Auftrags zur Organisierung eines möglichst reibungslosen Umgangs mit psychischem Leiden und den Ver-rückten erkauft.”
“Mit der Ausdifferenzierung der Gemeindepsychiatrie ist eine sozialpsychiatrische Selbstgenügsamkeit und eine vorwiegend nach innen auf die ‚gemeindepsychiatrische Szene‘ gerichtete Nabelschau aller beteiligten Akteure entstanden.”
Das “Versorgungssystem ist nicht nur intransparent, sondern weist Mängel in Kooperation und Koordination und Vernetzung auf und hat Wirksamkeitsdefizite.”
Und last but not least, “wissenschaftliche Studien (…) belegen (…) die fortdauernde Diskriminierung besonders schwer erkrankter psychisch beeinträchtigter Menschen, sei es in der Öffentlichkeit in Schule und Ausbildung und innerhalb des Versorgungssystems, bei der Wohnungssuche und im Geschäftsverkehr, sowie auf dem Arbeitsmarkt.” (s. Soziale Psychiatrie 02/2017, S. 4 – 8).
W. Ohnesorge

Es fehlt etwas in der Gedenkrede von Norbert Lammert

Wir brauchen die Schwachen unbedingt! (zugegeben: Das ist auf Anhieb schwer zu kapieren.)
Das ist einer von zwei Aspekten, die in der Rede von Norbert Lammert zum Holocaust Gedenktag im Bundestag am 27.1.2017 gefehlt haben.

Menschen guten Willens sind nett zu Behinderten. Klar. Man lässt sie auch mal öffentlich dies und das machen, zum Beispiel am Holocaust Gedenktag im Bundestag vortragen oder musizieren und hat ein gutes Gefühl dabei. Aber häufig ist die Herablassung der nicht beeinträchtigten Menschen unübersehbar: “dass wir die Schwachen dringend benötigen, das kann man doch beim besten Willen nicht sagen.” Das meinen diese Wohlwollenden in der Regel.
„Oh doch, wir brauchen beeinträchtigte Menschen“.sagen wir von EREPRO mit vielen anderen.

Und daran sollte man sich immer wieder erinnern.  Autoren wie Lukas Bärfuss1, auch Botho Strauss2 und der kürzlich verstorbene Imre Kertesz3 haben deutlich darauf hingewiesen. Um nur einige bekannte Namen zu nennen.

Bundestagspräsident Lammert (oder seine RedenschreiberIn) scheint weniger dieser Auffassung zu sein. In seiner Rede zum Holocaust Gedenktag im Bundestag4 bringt er zwar korrekt die üblichen Gedankengänge des Euthanasie-Narrativs, diesen wichtigsten Aspekt der Unentbehrlichkeit  schwacher Menschen aber betont er aber eben nicht.
Er spricht über die Morde an 300.000 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Er nennt die grotesken, unmenschlichen Argumente der Nationalsozialisten:  Kurzfassung: „Unheilbare“ Menschen sind „lebensunwert“ und „nutzlose Esser“, die keine Leistung erbringen für die Gesellschaft, sondern nur Kosten verursachen, Gelder, die man lieber für „die Förderung der Gesunden und Starken“ ausgegeben hätte.

Unterstellt wird vom Festredner – wie immer bei solchen feierlichen Gedenkstunden, dass diese Überlegungen von den Zuhörern als moralisch verwerflich geteilt werden, und selbstverständlich nur Entsetzen und Ablehnung hervorrufen.
Das ist aber nicht unbedingt der Fall. Darum wirken solche Reden – auch die von Lammert – auf mich immer ziemlich heuchlerisch. Meine Erfahrung als Psychiatrie-Mitarbeiterin sieht ganz anders aus.

1. Die Ablehnung von Schwäche und Leistungsunfähigkeit ist weit verbreitet. Wir sind es doch alle gewohnt, durchaus pragmatisch  Vor- und Nachteile abzuwägen – auch unter dem Gesichtspunkt des „allgemeinen Wohls“. Warum dominieren hier aber in erster Linie finanzielle Gesichtspunkte?
2. Oder: dass nachweislich erblich belastete Menschen besser keine Kinder bekommen, die wiederum behindert sind oder sein könnten. „Es ist doch unvernünftig, nicht produktiv, eine vermeidbare Belastung und sinnlos diesen Menschen mit Behinderungen die völlig freie Entscheidung in Sachen Kinderwunsch zu überlassen,“ heisst es normalerweise.  Man will den betroffenen Menschen mit Beeinträchtigungen keineswegs bei Kinderwunsch die freie Wahl lassen – wie damals, als man sie sterilisiert hat.

Diese Gedanken sind im Jahre 2017 genauso verbreitet wie früher, wenn auch vielleicht nicht so offen ausgesprochen. Darauf hinzuweisen, das fehlt ebenfalls in der Rede von Norbert Lammert.

Sigrid Falkenstein teilt in ihrem Vortrag bei dem Holocaust Gedenken im Bundestag mit, dass es bis heute nicht erlaubt ist, die Namen der von den Nationalsozialisten getöteten psychisch Kranken zu nennen, weil die Angehörigen sich diskriminiert fühlen könnten – und sich schämen?

WAS ALSO? Ist es nun eine Schande, dass es unfähige und hässliche Menschen und Versager, die Mist bauen, immer noch gibt, trotz aller Fortschritte der Wissenschaft, oder sind diese Schwachen eine Bereicherung und notwendiger Teil der Gesellschaft – vielleicht sogar Garanten unserer Menschlichkeit?

Manch ein anstelliger und patenter Mensch mag Schwäche und Behinderung sogar als bedrohlich empfinden. Ich denke, das sind bei uns nicht wenige. Sie fordern: „Fürsorge und und Therapie sollen in gesonderten Bereichen spezialisierter Einrichtungen professionell durchgeführt werden, um Schwäche und Behinderung zu beheben.“

Einige dieser tüchtigen Leistungswilligen und -fähigen planen in der Konsequenz ihrer Haltung sogar, sich im Alter das Leben zu nehmen, wenn auch sie selber schwach sind und anderen zur Last fallen könnten.
Ist es nicht erschreckend, dass Menschen in unserer Gesellschaft so denken (müssen)?

Vielfalt, Offenheit und eine bunte Gesellschaft werden heute immer wieder beschworen. Geht es da nur um die Flotten, Schönen und Witzigen, oder genauso um die, die anders sind, die Hässlichen, Unattraktiven und Verrückten?
Auch Alter, Einfältigkeit, und Bedürftigkeit gehören dazu und müssen sichtbar bleiben, damit unser Menschenbild nicht eindimensional wird. Menschliche Grenzen sollten sichtbar bleiben, was dann vielleicht sogar allgemein die Beanspruchung jedes Einzelnen mindern könnte.
Berührungsängste der Gesunden mit schwachen Menschen können natürlich besser abgebaut werden, wenn Kontakt zu den Belasteten besteht. Ohne Gelegenheit zum Mitleiden und ausüben von Barmherzigkeit verlieren wir unsere typisch menschlichen Vorzüge. „Der Schutz der Schwachen ist die Würde der Gesunden“, sagt der Volksmund.

Es geht um unsere Selbstinterpretation:
Schwäche, Abhängigkeit, Hilfsbereitschaft, auch Verzicht und Enthaltsamkeit, ebenso wie Träume beanspruchen dabei Spitzen-Plätze, wenn wir nicht in ein kaltes Universum von rational pragmatischer Zweckmäßigkeit abgleiten wollen, in dem  Schmerz, Tragödie und Mysterium völlig ausgegrenzt sind.6
Darum brauchen wir die Schwachen unbedingt in unserer Mitte.
Wilhelmine Ohnesorge

 

Anmerkungen

1 Bärfuss, Lukas, Interview mit Julian Weber. “Nur Mitleid kann etwas ändern.”, TAZ 28.11.2015

2 Botho Strauss: Lichter des Toren: Der Idiot und seine Zeit, 2013

3 Imre Kertesz, Die exilierte Sprache. Darin: Der Holocaust als Kultur, 2003, S. 82

4 https://www.bundestag.de/parlament/praesidium/reden/2017/002/490682

5 https://www.bundestag.de/blob/490396/f543299bb20f65a9fe09ee7969c4ca7c/kw04_de_gedenkstunde_sfalk-data.pdf

6 in dem Film “la la land” gibt es einen schönen Song dazu: Auditio (The fools who dream):

Here’s to the ones who dream
Foolish as they may seem
Here’s to the hearts that ache
Here’s to the mess we make…

 

 

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Inklusion – wie soll das gehen? Ein Vorschlag.

Zum 10-jährigen Jubiläum der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) erhielten wir einen neuen “Bericht aus Genf” (11) von Theresia Degener, die ein differenziertes Bild der Fortschritte internationaler Akzeptanz der BRK zeichnet, Probleme und Rückschläge dabei aber nicht auslässt. PDF-Dokument (639,1 KiB)

Frau Professor Degener begrüßt es, dass erstmals auch Menschen mit Lernschwierigkeiten im UN-BRK-Ausschuss vertreten sind. (kleine Anmerkung von EREPRO: von “behinderten” Menschen aus der Psychiatrie gar nicht zu reden …)

Aber:

… „auch im 10. Jahr des Bestehens der UN-BRK haben viele Vertragsstaaten das Menschenrechts-Modell von Behinderung noch nicht verstanden. Das Ausmaß der Verpflichtungen aus der UN-BRK ist vielen Vertragsparteien nicht bekannt. Wie bei anderen Menschenrechtskonventionen kommt es für die Umsetzung ganz wesentlich auf die Einmischung der Zivilgesellschaft in den Umsetzungsprozess an.

Diese “Beteiligung der Zivilgesellschaft” vermisst Volker Conrad ebenfalls, der sich in einem Artikel „Exklusion in Zeiten der Inklusion“ in der Zeitschrift Soziale Psychiatrie 3/2016 S.4f mit der Situation der Inklusion in der Psychiatrie befasst- nachdem er festgestellt hat, dass die Situation für psychisch kranke Menschen hierzulande als „desaströs“ bezeichnet werden müsse, wenn “man die Wirksamkeit der Eingliederungshilfe am Ziel der sozialen Integration festmachen” würde.

Insbesondere sieht er eine große  Benachteiligung von „Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen und mit herausfordernden Verhaltensweisen, deren sozial nicht als angemessen empfundene Lebensführung auf klare Ablehnung stößt“. Um hier weiter zu kommen, und Inklusion von Psychiatriepatienten etwas mehr zu realisieren, fordert er ähnlich wie Degener, aber etwas konkreter:

„Wir müssen auf mehreren Ebenen ansetzen. Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie fordert unterschiedliche Akteure; Gemeinden, die bezahlbare Wohnmöglichkeiten im Quartier schaffen; Nachbarschaften, die sensibilisiert werden; Bildungseinrichtungen und kirchliche Organisationen; Betroffene und Angehörige, die in Planungsprozesse einbezogen werden müssen; Arbeitgeber, die Menschen eine Chance geben und mit gelungenen Beispielen zur Nachahmung motivieren und  ‚Experten aus Erfahrung’, die in die Arbeit einbezogen werden müssen.“ Und: “Andersartigkeit als Bereicherung verstehen”!

Diese Zielvorstellungen entsprechen haargenau den Orientierungspunkten, die uns 1977 leiteten beim Aufbau eines Sozialpsychiatrischen Dienstes in Bayern. Wir nannten es nicht Inklusion, die Absicht war aber die gleiche. Wir verabredeten damals mit dem Stadtentwicklungsreferenten, dass die verschiedensten städtischen Gruppen aufgefordert werden sollten sich für psychisch kranke Menschen zu öffnen. Das war der völlig falsche Ansatz, der nicht funktionieren konnte. Eine Zumutung – vor allem für die von vorne herein etikettierten Neuankömmlinge in den Gruppen! Im Laufe der Jahre erschien uns ein Ziel wie diese Inklusion zu undifferenziert. Denn – psychisch krank oder nicht – niemand kann einfach so überall oder irgendwo dazu gehören.

Heiner Keupp kritisiert, dass Inklusion psychisch kranke Menschen der freien Wildbahn unserer Leistungsgesellschaft ausliefere. http://www.dgsp-ev.de/fileadmin/dgsp/pdfs/Artikel_Soziale_Psychiatrie/Verworfenes_Leben__H._Keupp_.pdf
Ein solches Ziel allein – auch in guter Absicht positiv formuliert – kann nicht Intention der Behindertenrechtskonvention sein und wäre sinnlos. Es sollte stattdessen um einen entsprechend bestimmter Regeln strukturierten Vorgang der Inklusion Einzelner gehen.
Keupp fährt fort: “Die Normen für Anerkennung und Zugehörigkeit heißen »employability« [Beschäftigungsfähigkeit] und ökonomischer Nutzen.“
Auch das ist in der Allgemeinheit Unsinn. Inklusion kann ja nicht heißen, dass alle überall die gleichen Werte vertreten. Die Normen für Anerkennung und Zugehörigkeit variieren natürlich je nach sozialer Gruppierung. Und nachdem bekanntlich jeder im Prinzip von psychischer Erkrankung betroffen sein kann, geht es um eine riesige Vielzahl unterschiedlicher Menschen und ihre Vorlieben und Interessen.

Wir müssen uns von der Vorstellung befreien, psychisch kranke Menschen immer als ausgeschlossen zu sehen und dagegen anrennen zu müssen. Niemand will und kann überall dazu gehören. Von uns würde es keiner als “Exklusion” oder “Stigmatisierung” betrachten, wenn wir als Therapeuten nicht in einem Banker Club zugelassen sind.

Wir im Sozialpsychiatrischen Dienst bemühten uns damals, “Zugehörigkeit” aktiv herzustellen. Zugehörigkeit von psychisch kranken Menschen zu durchgehend an festen Zeitpunkten stattfindenden ziemlich homogenen Gruppen (hinsichtlich Bildung,  beruflicher Ausrichtung, sozioökonomischem Status, Familienstand etc.), an denen sie regelmäßig teilnehmen sollten, und wo sie im Laufe der Jahre Freunde und Bekannte finden konnten.
Diesen Prozess der Entwicklung von Zugehörigkeit als Unterstützungsangebot der Psychiatrie hatten wir genau geplant und fachlich korrekt durchgeführt. Der Sozialpsychiatrische Dienst bot dazu eine sehr große Zahl von Gruppen an, so dass jeder Gelegenheit hatte, sich eine passende auszusuchen und dort auf Gleichgesinnte treffen konnte. Sogar “Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen und mit herausfordernden Verhaltensweisen, deren sozial nicht als angemessen empfundene Lebensführung auf klare Ablehnung stößt“, ebenso wie nicht besonders kontaktfreudige Psychotiker können auf diese Art “Freunde” finden, denn diese Gruppen entwickeln eine bemerkenswerte Toleranz und tun einiges für ihren Zusammenhalt.

Dass diese Gleichgesinnten in den Gruppen eines Sozialpsychiatrischen Dienstes häufig vergleichbare psychische Probleme haben, liegt nahe und muss nicht verwundern. Man versteht sich daraufhin gut und kann sich gegenseitig unterstützen.Diese Gruppen deshalb aber als kleine “Ghettos” im ambulanten Bereich zu bezeichnen, verabsolutiert die Kennzeichnung “psychisch krank” im Sinne einer schweren Stigmatisierung.
Diese Gruppen und Bekanntschaften lösten sich in vielen Fällen ab vom Ursprungsort Sozialpsychiatrie und bestehen zum Teil bis heute weiter – noch 30 bis 40 Jahre danach. Eine praxisorientierte Beschreibung diese Art von Inklusion haben wir in hilfe Blätter von EREPRO Ausgabe Nr. 12;  Mai 2007 angeboten.

Was meint Frau Degener genau mit “Einmischung der Zivilgesellschaft in den Umsetzungsprozess” der BRK”? Und Herr Conrad fragt zu Recht, “wie schwer ist es (…), Andersartigkeit (von Menschen  mit psychischen Erkrankungen) als Bereicherung zu verstehen”!
Grundsätzlich wird (fast) jeder „JA“ zu diesen Sätzen sagen, aber auch „zu anstrengend beim gemütlich entspannten Zusammensein mit Freunden und Bekannten nach Feierabend“. Klar.

Solche Forderungen und moralische Appelle sind gut. Realisierbare, konkrete Angebote zur Teilnahme und Zugehörigkeit in Gruppen Gleichgesinnter aber sind besser für Menschen mit psychischen Problemen.
Ch. Kruse