Gretas Geschenk

Asperger reloaded

Kennen Sie Greta? Al­lein hatte die heu­te 16-jäh­ri­ge Schwe­din ih­ren Schul­streik für mehr Kli­ma­schutz im Au­gust vo­ri­gen Jah­res be­gon­nen. Al­lein ist sie da­mit in­zwi­schen nicht mehr. De­mons­triert wird in Aus­tra­li­en und Ja­pan, in Ka­na­da, Bra­si­li­en und den USA, in Ni­ge­ria und Süd­afri­ka, und in na­he­zu je­dem Land Eu­ro­pas. El­tern ha­ben sich so­li­da­ri­siert als Par­ents for Fu­ture, Wis­sen­schaft­ler*in­nen sind als Sci­en­tists for Fu­ture da­bei….
Ei­ne Hier­ar­chie oder zen­tra­le Organisationsstruk­tur hat die Bewegung nicht, aber ein Zen­trum: Gre­ta Thun­berg. Man kennt sie.
Stark!
Dann las ich, dass Greta “Asperger” hat. Ich muss gestehen,  dass ich sofort dachte, das kann nicht sein. Man diskriminiert sie, und setzt solche Gerüchte in die Welt. Dann habe ich Erstaunliches gelesen.

Sie wird beschrieben als ei­ne jun­ge Frau, die von sich sagt, sie sei ihr gan­zes Le­ben lang das „un­sicht­ba­re Mäd­chen“ ge­we­sen, das hin­ten sitzt und nichts sagt: Heu­te ist sie ei­ne, der an­de­re dan­ken, weil sie ih­nen ei­ne Stim­me gibt.
Als Kind ha­be sie die Bil­der aus Fil­men über den Kli­ma­wan­del nicht mehr aus dem Kopf be­kom­men, sagt sie. Sie kön­ne Sor­gen nicht ver­drän­gen.
Die Taz schreibt “Mit elf Jah­ren er­krank­te sie an De­pres­si­on, konn­te zeit­wei­se nicht mehr zur Schu­le ge­hen, nicht mehr es­sen, sprach kaum noch.”
Sie selber sagt im Gespräch mit Anne Will1:
“‘Ich spreche nicht, außer es ist notwendig. Ich mag keinen Smalltalk. Wir bleiben heute zu sehr an der Oberfläche, wir kümmern uns zu sehr um triviale (shallow) Dinge….
Ich sehe die Dinge sehr schwarz/weiß.’  Man könne nicht halbe Dinge machen, sonst könne man sich selbst nicht mehr in die Augen schauen und überzeugend bleiben.”

In dem ICD „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“, auf deutsch: „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ wimmelt es nur so von Begriffen wie Unfähigkeit, Mangel, Verspätung oder vollständige Störung, relative Unfähigkeit, und – “heftig auf Reize reagieren”, “von starker Abneigung erfüllt” kann man unter der Dia­gno­se “As­per­ger Syndrom” finden.  Passt doch!2
Damit ein Bild entsteht, was dort mit “Asperger” gemeint ist, zitieren wir Auszüge aus dem Symptomkatalog ziemlich ausführlich, vor allem auch, um den Tenor der Symptom-Aufzählungen im ICD-10 deutlich zu machen:

“Es bestehen häufig einzelne spezielle Fertigkeiten, die sich meist auf abnorme Beschäftigung beziehen, aber sie sind für die Diagnose nicht relevant.
A.    Qualitative Abnormitäten: in der wechselseitigen sozialen Interaktion zeigen sich in mindestens zwei der folgenden Merkmale:
1.    Unvermögen, einen angemessenen Blickkontakt herzustellen und aufrechtzuerhalten, Mängel in Mimik und Körperhaltung, Mängel in der Gestik zur Regulierung der sozialen Interaktion;
2.     Unvermögen (in einer dem geistigen Alter entsprechenden Weise oder trotz ausreichender Gelegenheiten), Beziehungen zu Gleichaltrigen zu entwickeln, die das Teilen von Interessen, Aktivitäten und Emotionen betreffen.
3.     Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit, die sich in einer unzulänglichen oder von der Norm abweichenden Reaktion auf die Emotionen anderer Menschen zeigt; oder der Mangel an Verhaltensmodulation gemäß dem sozialen Kontext; oder eine geringe Integration der sozialen, emotionalen und kommunikativen Verhaltensweisen;
4.     fehlender spontaner Wunsch, mit anderen Menschen Vergnügen, Interessen und Errungenschaften zu teilen (zum Beispiel mangelndes Interesse, anderen Menschen Gegenstände, die dem Betroffenen wichtig sind, herzubringen oder darauf hinzuweisen).
B. Der Betroffene legt ein ungewöhnlich starkes, sehr spezielles Interesse oder begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten an den Tag, die sich in mindestens einem der folgenden Bereiche manifestieren:
1.      einer konzentrierten Beschäftigung mit stereotypen und begrenzten Interessensmustern, die in Inhalt oder Gebiet abnorm sind; oder eine oder mehrere Interessen, die in ihrer Intensität und ihrer speziellen Natur, aber nicht in Inhalt oder Gebiet begrenzt sind;
2.       offenkundige zwanghafte Befolgung spezifischer, nonfunktionaler Routinen oder Rituale;
3.     
stereotype und repetitive motorische Manierismen, die entweder das Flattern oder Drehen mit Händen oder Fingern oder komplexe Ganzkörperbewegungen mit einschließen;
4.     Beschäftigungen mit Teil-Objekten oder nonfunktionalen Elementen oder Spielmaterialien (wie den dazugehörigen Farben, dem Gefühl, das die Oberfläche vermittelt, oder dem Geräusch/der Vibration, das sie hervorrufen). Doch kommt es seltener vor, daß diese Merkmale motorische Manierismen oder Beschäftigungen mit Teil-Objekten oder nonfunktionalen Elementen der Spielmaterialien einschließen.”

Diese  Darstellungen –  wenn sie einem Kind zugeschrieben werden – können doch nur mutlos machen, sowohl die betroffenen Kinder als auch ihre Angehörigen.3
Wie können sie danach noch Schwung und Mut zur Eigenständigkeit aufbringen? Viel  Antrieb für einen solchen Prozess bleibt Betroffenen in psychiatrischer Behandlung in der Regel nicht, wenn sie selbst und das Umfeld so ein ICD-Negativbild von ihnen haben, denke ich mir. Das zieht doch nur runter.

Bei Greta ist es anders gelaufen.
“Manche Menschen verhöhnen mich wegen meiner Diagnose“, schreibt Greta Thunberg, „aber Asperger ist keine Krankheit, sondern ein Geschenk.“
Wäre sie „normal“ und “sozial”, meint sie, hätte sie sich einer Organisation angeschlossen oder eine Organisation gegründet. Aber da sie nicht so gut darin sei, sich mit Leuten zusammenzutun, habe sie eben alleine mit dem Schulstreik begonnen. Manchmal habe es einen größeren Effekt, etwas nicht zu tun. „Genauso wie ein Flüstern manchmal lauter ist.”
Anne Will befragt Greta im Interview dazu: “Wie wirkt sich Ihr Syndrom (das Asperger Syndrom) auf lhr Denken aus?”
“Es hat eine große Auswirkung, denn wenn ich nicht diese Diagnose gehabt hätte, wäre ich genauso gewesen wie alle anderen. Ich hätte genauso weitergemacht wie alle anderen, ohne zu bemerken, dass etwas nicht stimmt. Aber jetzt bin ich anders, ich denke anders, ich arbeite anders.”
Anne Will: ”Verstehen Sie auch anders?”
“Manche Menschen sagen, oh, Klimawandel ist doch so wichtig, und trotzdem machen sie einfach weiter wie vorher. Ich verstehe nicht, wie man eine solche Doppelmoral haben kann. Wenn ich denke, dass etwas wichtig ist, dann widme ich meine Energie zu 100 % dieser Sache, und ich kann nicht das machen und gleichzeitig das Gegenteil, so wie Menschen das heute tun“.
Wie kam diese positive Entwicklung zustande?

Die TAZ berichtet über Gretas Zeit  nach der Depression und der Diagnosestellung “Asperger”:  “Dann be­gann sie, sich selbst zu er­mäch­ti­gen, zu­erst ge­gen­über ih­ren El­tern. Die über­zeug­te Gre­ta Thun­berg, kein Fleisch mehr zu es­sen, ve­gan zu wer­den, nicht mehr zu flie­gen”…
Greta – auf die Frage, ob ihre Eltern die Aktion vor dem schwedischen Parlament erlaubt haben: “Ich habe gesagt, ‘es interessiert mich nicht, ob ihr einverstanden seid oder nicht’. Sie können mich nicht davon abhalten, das zu tun. Ich habe ihnen erklärt, warum ich es tue. Die Eltern fragten, ’bist du sicher, ob du das tun willst, gibt es nicht etwas anderes, das du tun könntest? Wenn ich mich entscheide, etwas zu tun, und wenn ich wirklich leidenschaftlich bin, dann tue ich es, es gibt gar keine Zweifel, gibt keine andere Wahl.”4
Schließlich haben die Eltern gesehen, dass ihre Tochter glücklich ist, weil sie etwas bewirken kann, weil sie einen Sinn gefunden hat.

So hat Greta sich also gerettet.
So kann Selbstermächtigung aussehen.
Gretas selbstsichere Haltung zeigt, dass auch oder gerade in dem Bewusstsein anders zu sein, ein erfülltes Leben möglich ist. Und aus der Diagnose Vorteile zu gewinnen sind, hier Handlungsfähigkeit aus einem Gefühl für ihre Individualität.

Sicher gelingt das ab und zu auch anderen Menschen, die als Asperger diagnostiziert wurden. Das Onlineportal www.autismus-kultur.de von Linus Müller leistet dazu einen relevanten Beitrag.

Wir sehen hier ein besonderes Geschenk von Greta Thunberg an die Psychiatrie. Sie hat ihren Entwicklungsprozess nicht versteckt sondern öffentlich gemacht.
Damit hat sie einen Ausweg aufzeigt aus der Diagnose-Falle. Sie zeigt, dass man sich selbst “bevollmächtigen” kann, wenn man entdeckt und ernst nimmt, wofür man brennt. Dass man sich dann nicht mehr ausbremsen lassen muss durch Anpassungsforderungen.
Dieses Geschenk von Greta Thunberg geht auch an die Mitarbeiter in der Psychiatrie  und kann sie darin bestärken, sehr persönliche und in ihrem Ausgang offene Entwicklungen zu unterstützen, und diese nicht durch Vorurteile, Ängstlichkeit und Anpassungsdruck zu behindern. Sich für den Erhalt von Vielfalt in der Psychiatrie einzusetzen.

Dass so etwas möglich ist, zeigt Greta auf breiter Ebene, und wirkt damit der Stigmatisierung durch psychiatrische Diagnosen entgegen.

Das ist Gretas Geschenk an uns in der Psychiatrie. Das ist eine Chance, uns aus der  Negativspirale der Diagnostik zu befreien.
Dazu müssen wir uns nicht verbiegen, oder wollen wir zulassen, dass konsequentes Verhalten, der Versuch, Übereinstimmung zwischen Worten und Taten herzustellen, wie bei Greta Thunberg, als pathologisch gilt?
Der junge Mann Birger Sellin mit riesigen psychischen Problemen als Autist, schaffte es, Bücher zu schreiben.5
Aber auch bei ihm, wie bei Greta mangelte es nicht an Versuchen, ihm die Leistung abzusprechen, und ihn als von anderen Manipulierten darzustellen.

Greta spricht über die Diagnose wie über eine Auszeichnung, durch die sie ihre Einzigartigkeit erkannte. Das ist doch mal ein positiver Aspekt der Diagnostik!
Wir erleben große menschliche Vielfalt in der Psychiatrie und Psychotherapie. Und doch wird regelmäßig versucht, per ICD 10 alles über einen Kamm zu scheren, über den Kamm der Normalität, der Angepasstheit.
Was hindert uns, die Originalität der Persönlichkeiten, die unsere Hilfe suchen, zu fördern und uns  darüber zu freuen? Statt mit Argusaugen nach Fehlern zu suchen und erbsenzählerisch Grade abzulehnender Störungen zusammen zu stellen.
Die meisten Praktiker arbeiten gerne in der Psychiatrie. Genau aus dem Grund, weil Ihnen die Vielfalt und Originalität der Mitmenschen trotz ihrer Probleme gefällt.
Stehen wir dazu!
Wehren wir uns gegen die dumpfe, miesepetrige Negativzeichnung von Menschen durch ICD-Diagnosen. Sie sind weder nötig noch “wissenschaftlich erwiesen” oder angemessen, meist nur niederschmetternd für die Betroffenen. Es reicht allerdings nicht, das Etikettieren den ängstlichen Nöglern in der  Psychiatrie zu überlassen, solange die Vergabe sehr vieler Sozialleistungen an dieses Diagnosesystem gebunden ist. Wir müssen andere Lösungen finden. Aber das ist eine andere Baustelle.

“Gretas Geschenk” zeigt uns, dass es anders geht.

In der Kunstszene ist man schon einen Schritt weiter gegangen als in der Psychiatrie, hat die Vielfalt zum Programm erhoben und einen Verein gegründet mit dem Namen DIE VIELEN e. V.. Der Verein befördert die Kunst genreübergreifend als Wegbereiterin einer gleichberechtigten, offenen Gesellschaft.
“Er steht für ein Miteinander, das mutig und großzügig ist.” Slogan: WIR SIND VIELE – JEDE*R EINZELNE VON UNS!6

“Mein Ziel ist, die Welt zu einem besseren Platz zu machen, ich habe nicht wirklich eine Mission, sagt Greta, “ich wollte tun, was ich kann, ich habe nicht direkt etwas erwartet.”
Sie will nichts vorschreiben, sie will die Leute informieren, sie will Ihnen zeigen, wie sie sich selbst erziehen können, dann können sie selber entscheiden, ob sie diese Opfer auf sich nehmen können, wollen…”.
Mit einer solchen Haltung kann auch die Psychiatrie offener werden.
Diese Ausrichtung wird jedem einzelnen Hilfesuchenden vermitteln, “du kannst Verantwortung übernehmen, dein eigenes Leben leben, einen Sinn finden, dich für deine Ziele einsetzen und wirst respektiert, auch ohne dich an unsere Wünsche anzupassen.”
Vergessen wir Greta und ihr Geschenk nicht, dann kann das auch bei uns klappen.  W.O.

 

Anmerkungen
1./information/talk/anne-will/videosextern/streiken-statt-pauken-aendert-die-generation-greta-die-politik-100.html
2. html#fruhkindlicher-autismus-diagnosekriterien-im-icd-10.
s. auch https://autismus-kultur.de/autismus/icd-diagnosekriterien.html
3.https://autismus-kultur.de/autismus/nach-der-diagnose.htmlhttps://autismus-kultur.de/autismus/nach-der-diagnose.html
4. “Durch den Prozess der Sprache
       entsteht Abstand zur Welt,
       der es ermöglicht sie uns anzueignen
      und unsere eigene Persönlichkeit zu finden,
      die eigne Lebensform mit Leidenschaft zu leben,
      die nicht begründet ist, nicht wesentlich vernünftig,
      genauso wenig wie vorhersehbar:
      grundloses Leben jenseits von Berechtigung
Aus:
Blätter von EREPRO hilfe 16, Grenze unserer Menschlichkeit. Wie gefährlich sind Gekränkte? S.11.
5.https://de.m.wikipedia.org/wiki/Birger_Sellin
6. https://www.dievielen.de/erklaerungen/

Ein Gedanke zu „Gretas Geschenk

  1. Die Diskussionen unter Künstlern bieten der Psychiatrie und der Psychotherapie nicht nur Anregung die Vielfalt der Hilfesuchenden ausdrücklich zu begrüßen, sondern auch Aussicht und Anleitung, mit sehr unterschiedlichen konzeptionellen Ansätzen zu leben.
    Der Gedanke kam uns, als wir die Ankündigung einer Veranstaltung der Akademie der Künste Berlin lasen:
    „Wo kommen wir hin? Ein künstlerisches Forschungslabor.“

    „Alle reden von einer Öffnung der künstlerischen Disziplinen. Aber wie verhalten sich zeitgenössische künstlerische Konzepte tatsächlich zueinander? Komponieren, Schreiben, Hör- und Konzeptkunst, die Gestaltung von Raum und Bühne, die Befragung des Individuums und des Sozialen, Partizipation: die Strategien künstlerischen Handelns definieren sich innerhalb und außerhalb der Institutionen immer neu. Diese verschiedenen Ansätze exemplarisch sichtbar zu machen, ihnen in einer experimentellen Versuchsanordnung Raum zu geben, (Hervorhebung von EREPRO) das ist die Ausgangssituation von „Wo kommen wir hin.“

    Entsprechendes könnten wir in der Psychiatrie und Psychotherapie auch versuchen – und damit „Gretas Geschenk“ erweitern und ergänzen.

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