Archiv der Kategorie: Fachforum

Betroffenheit. von Thomas Gerhardt

Unsere Welt wird kommunikativ immer kleiner. Durch Fernsehen Radio und Presse wird das ganze Weltgeschehen frei Haus geliefert. Die Reizwelt für Menschen nimmt immer mehr zu.

Aufgrund dieser Geschehnisse stumpfen unsere Mitmenschen immer mehr ab. Der Preis des Verdrängungsmechanismus der Ereignisse ist Unsensibilität und zwanghafte Gleichgültigkeit.

Auf der einen Seite können wir sicherlich nicht, bei allen Schicksalen und Geschehnissen, im Weltschmerz mitleiden und auf der anderen Seite sollten wir aufgrund unseres Glaubens nicht nur Mitgefühl, sondern Barmherzigkeit zeigen.

Da aber kein Mitgefühl vorhanden ist, kann Barmherzigkeit nicht ausgeübt werden. So ist Barmherzigkeit der aktive Akt des Mitgefühls. Da wir jedoch in einer gefühlskalten und emotional armen Welt leben, nehmen die Menschen sich nur das zu Herzen, was sie selbst direkt betrifft.

Was andere Menschen betrifft, interessiert viele Zeitgenossen nicht. So ist Gleichgültigkeit der Freund des Egoisten. Viele Menschen werden bei ihren Schicksalsschlägen meistens alleine gelassen. Aber Gott sei Dank gibt es auch noch mitfühlende Menschen, die Anteil am Schicksal anderer Menschen nehmen.

So ist eine latente Spaltung zwischen Menschen mit einem hohen   Intelligenzquotienten und Menschen mit einem hohen emotionalen Quotienten

vorhanden. Mitbürger mit einem hohen Intelligenzquotienten müssen nicht unbedingt gleich gefühlvoll sein. Viele Menschen verarmen emotional in ihrem irdischen Dasein.

Da in der Betroffenheit die Egoisten nur sich selber sehen und sich von anderen Menschen entfremden, wird hier ein Umfeld der globalen Unempfindlichkeit geschaffen.

Betroffenheit sollte mehr als nur ein verbaler Akt oder eine Geste sein. Sie sollte Zeugnis des Wohlwollens und der mitfühlenden Barmherzigkeit sein.

Was ist das für eine Welt in der Gleichgültigkeit und Gefühlskälte vorherrschen. Wenn es die Menschen nicht schaffen, sich emotional an den Schicksalsschlägen anderer zu beteiligen, dann werden wir in unserem materiellen Reichtum verelenden.

 

Thomas Gerhardt, Steppach, den 15.Februar 2000

Wer darf begutachten bei Zwangsbehandlung? Beschluss des BGH v. 8.7.2015 zum Betreuungsrecht

Liebe KollegInnen,
 
schon seit vielen Jahren gibt es verfassungsrechtlich ein großes Problem in der Psychiatrie (Betreuungsrecht): Die Bescheinigungen der selbst zwangsbehandelnden ÄrztInnen führen zu gerichtlich angeordneten Zwangsmaßnahmen für PatientInnen. Tatsächlich handelt es sich hier aber nicht um eine unabhängige Begutachtungen bzw. Aussagen, was bei Zwangsmaßnahmen und/oder freiheitsentziehenden Maßnahmen was aber höchst problematisch ist und oftmals rechtswidrig ist. Rolf Marschner (RA München, mein juristischer Berater für die Seite www.schweigepflicht-online.de) kritisiert das schon seit vielen Jahren immer wieder.
 
Nun hat der BGH die Problematik aufgegriffen und klarifiziert – was eigentlich immer schon klar war, aber in der Praxis oft nicht beachtet wurde.
 
Im Beschluß heißt es:
 
„Danach soll in Verfahren zur Genehmigung einer Einwilligung in eine ärztliche Zwangsmaßnahme oder bei deren Anordnung der zwangsbehandelnde Arzt nicht zum Sachverständigen bestellt werden. Nur in eng begrenzten Ausnahmefällen etwa bei besonderer Eilbedürftigkeit kann das Gericht hiervon abweichen und im Einzelfall auch den behandelnden Arzt zum Gutachter bestellen.“
(Beschluß v. 8.07.15: Seite 5)
 
Im vorliegenden Fall wurde aber nicht dargelegt, warum von dieser Regelung abgewichen wurde bzw. werden mußte.
 
Auf meiner Seite gibt es einen ausführlichen Beitrag dazu – auch mit dem Link zum Beschluß des BGH:
 
Liebe Grüße
Jürgen Thorwart
 
Urteil des Bundesgerichtshofs, Az.: XII ZB 600/14
 
Zum Nachlesen in der Ärzte Zeitung, 18.08.2015
 
Darin heißt es: 
Wer bestimmt nun als Gutachter für das Betreuungsgericht, ob diese (Zwangs-)Behandlung wirklich notwendig ist? Kann der behandelnde Psychiater begutachten, oder nur ein unabhängigerFachmann? Vielleicht sogar besser zwei, die in der Einschätzung des Patienten übereinstimmen müssen?  Welche Qualifikation des Gutachters garantiert seine Kompetenz als Sachverständiger in dieser wichtigen Angelegenheit? Der Gesetzgeber hat sich entschieden, die Ausbildung als Psychiater als ausreichend zu betrachten, und zunächst für 6 Wochen den behandelnden Psychiater als Gutacher zuzulassen. Erst bei Verlängerung der Zwangsmaßnahme wird ein außenstehender Gutachter gefordert. Hier ist Skepsis angebracht. 

Postoperative kognitive Dysfunktion und Psychopharmaka

Was weiß man über die Folgen von Vollnarkosen bei Operationen an Menschen, die Psychopharmaka einnehmen? Das häufige Vorkommen erschreckender Zustände von Verwirrtheit nach Vollnarkosen bei Operationen solcher Patienten lässt diese Frage bei Mitarbeitern von Sozialpsychiatrischen Diensten (SPDi) immer wieder aufkommen. Aber niemand kann über Gründe und Ursachen aufklären – weder die zuständigen Anästhesisten noch die behandelnden Psychiater (niedergelassen oder in den psychiatrischen Kliniken).
Häufig wird als Ursache eine Inkompatibilität der Psychopharmaka mit dem Narkosemittel  vermutet, wie in dem Beitrag über Patrizia auf dieser Website, wobei es auch um die eventuelle Unvereinbarkeit von Chemotherapie und Neuroleptika ging. Die Autorin – ebenso wie die Klientin Patrizia – ist inzwischen verstorben. Beide litten an schweren postoperativen kognitiven Dysfunktionen nach Vollnarkosen bzw. Chemotherapie.

“Gedächtnisprobleme nach einer OP: Normal oder gefährlich? Erfahren Sie mehr über das Krankheitsbild der postoperativen kognitiven Dysfunktion (POCD) und seinen Zusammenhang mit Demenz“.
Diese Einladung der „Langen Nacht der Wissenschaften“ in Berlin am 13. Juni 2015 haben wir aus dem Riesenangebot herausgesucht in der Hoffnung über diese Problematik mehr zu erfahren.

Wir versuchen hier kurz und allgemein die wichtigsten Aussagen des Vortrags darzustellen, dessen Inhalt Fachfremde nur schwer wiedergeben können. Vor allem fehlen uns natürlich die aufschlussreichen Infotafeln des Vortrags. Wir verweisen unsere Leser darum auf die Homepage des Forschungsprojektes, in dem die Referentin Frau Yürek arbeitet: www. biocog.eu “Entwicklung von Biomarkern zur Risikostratifizierung und Outcome-Prädikation für postoperative kognitive Störungen bei älteren Patienten.”
Die Aussagen der Referentin über das postoperative “Delir” (1) waren so alarmierend, dass wir beschlossen, hier auf die wichtigsten Ergebnisse umgehend hinzuweisen. Damit verbinden wir den Aufruf der Referentin, als Versuchspersonen an der dringend notwendigen wissenschaftlichen Untersuchung (in Berlin) teilzunehmen.

Hier ein Hinweis auf die Definition von „Delir“ im DSM V (2) aus einem Vortrag von Walter Hewer, wobei „Delir“ nicht immer mit „POCD“ gleichgesetzt wird: www.demenz-service-aachen-eifel.de/tl_files/aachen_eifel/PDF%20Dateien/Fachtagung%20Delir%20im%20Krankenhaus/Prof%20Hewer%20-%20Diagnostik%20und%20Therapie%20bei%20Delirverdacht%20-%2016.05.2013%20Aachen.pdf
Zur Differentialdiagnose von dementiellen Zuständen: 
http://www.aerzteblatt.de/bilder/2014/02/img77616948.gif

Um was geht es bei dieser Studie?
Goethe beschreibt in seinem Erlkönig ein solches Syndrom mit Halluzinationen, an denen das Kind in den Armen dann schließlich stirbt. Schon Hippokrates – im 4. Jahrhundert v. u. Z. – hat Symptome wie beim POCD beschrieben. Ein Konglomerat aus verschiedenen Symptomen, die im Kopf auftreten nach beliebigen – auch ganz kleinen – Operationen an verschiedensten Körperteilen.
Besonders ältere Patienten erleiden häufig nach einem operativen Eingriff mit Vollnarkose ein solches “Delir”, das mit Verwirrung und Angst einhergehen kann, aber auch mit längerfristigen Problemen bei der Merkfähigkeit, Konzentration oder der geistigen Leistungsfähigkeit, die dann nach solchen Operationen auftreten.
Die Symptome des Delirs können zurück gehen. Aber mit jedem Tag, den das Delir nach der OP länger als 3 Tage dauert, – so die Referentin – steigt auch die Sterberate der Patienten.

“In der Biocog-Studie werden wir insgesamt 1200 chirurgische Patienten hinsichtlich Veränderungen ihre kognitiven Leistungsfähigkeit vor und nach dem Eingriff untersuchen.” (3) Es geht um toxisch-metabolische Dysfunktionen nach Narkosen, wenn das Gehirn aufgrund seines Alters und anderer Einflüsse  (z.B. Substanzen mit Abhängigkeitspotential) nicht mehr die Belastung ausreichend kompensieren kann. Die Tiefe einer Narkose kann man nur feststellen, wenn man sie eigens misst. Es wurde dringend empfohlen, diese Untersuchung immer bei OPs mit Vollnarkosen durchzuführen. Das ist aber nicht in allen chirurgischen Kliniken Standard. Auch wenn die Sauerstoffsättigung gemessen wird, wie routinemäßig im Virchowklinikum Berlin, kann nicht immer vermieden werden, dass die Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff eintritt und ein Delir folgt.
Nur 13% der Patienten mit postoperativem Delir sind hyperaktiv in ihrer Verwirrung, 80% dagegen liegen ganz ruhig da, und das Delir bleibt häufig unerkannt und somit unbehandelt.

Auf der Intensivstation tritt bei 60 bis 87% dieser Patienten ein postoperatives Delir auf, das dann behandelt wird. Im Aufwachraum hat man bei noch bei 47% der Operierten ein Delir festgestellt, auf der Normalstation bei 21% und nach Entlassung dann erst zu Hause schließlich noch bei 41%.

Die Deutsche Alzheimergesellschaft berichtet, dass im Mai 2013 in dem Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge (KEH) in Berlin “ein pflegerisches Konzept mit dem Titel ‘Demenz – Delirpflege’ auf den Weg gebracht (wurde), das auf den Ergebnissen unserer postoperativen Delirstudie basiert, die 2011 und 2012 in der Chirurgie des Krankenhauses durchgeführt wurde.” In diesem Zusammenhang wurden Ansätze von speziellen Betreuungskonzepten sowohl für demenziell erkrankte Menschen als auch für Menschen, die an Verwirrtheit aufgrund von Delirzuständen leiden, eingeführt. Es geht darum, die Behandlung an den jeweiligen Bedürfnissen zu orientieren. Die Abläufe sollen so gestaltet werden, dass sie bei den Patienten keine Angst auslösen.” https://www.deutsche-alzheimer.de/unser-service/archiv-alzheimer-info/auf-dem-weg-zum-demenzsensiblen-krankenhaus.html

Zur Information über Hypothesen zu dieser postoperativen Erkrankung, muss hier eine Schautafel von der Homepage der Studie reichen:

(( EREPRO bittet um Verständnis, dass diese Schautafel erst später gezeigt wird, da die Genehmigung dafür von der Klinik noch nicht vorliegt.))

Es geht darum, dass das TNF Alpha (Tumornekrosefaktor) durch die Blut-Hirn-Schranke durchgelassen wird und somit die microgliale Inhibition nicht mehr funktioniert. 

Durch anticholinerge Medikamente – also auch Antipsychotika – kann ein neurodegenerativer Prozess initiiert werden, insbesondere bei Menschen mit beginnender Demenz. (4)
Dazu gehören auch Blutdruckhemmer, Diuretika und viele andere Medikamente, auch Psychopharmaka wie Benzodiazepine. (5) Benzodiazepine sind so schädlich, dass von der Referentin dringend empfohlen wird, sie als Beruhigungsmittel vor einer OP nicht mehr einzusetzen und statt dessen besser ein Gespräch mit dem Patienten zu seiner Information und Beruhigung zu führen. Der Entzug, der beim Absetzen dieses Suchtmittels entsteht, könnte für das Entstehen von POCD nicht minder gefährlich sein. Das trifft auf Antidepressiva weniger zu.

Das Auftreten des postoperativen Delirs liegt somit nicht immer an der Narkose-Chemie. Jeder Patient hat auch sein eigenes Risiko. Bei trockenen Alkoholikern scheint das Delirrisiko geringer zu sein.
Angst und Schmerz bei den OP Patienten sind Trigger für ein Delir, ebenso wie Fieber. Unklar ist, ob das statistische Ergebnis vermehrten Auftretens postoperativer Delire bei älteren Menschen auch daran liegt, dass diese häufiger operiert werden. 

Sehr lange, viel zu lange – meinte die Referentin – hat man sich ärztlicherseits wenig Gedanken gemacht über die Folgen von Operationen “im Kopf”. Jetzt will dieses Studienprojekt mit Hilfe des MMST (6)) den kognitiven Zustand der Operierten untersuchen. 

Das medizinische Wissen hinsichtlich des postoperativen Delirs ist dementsprechend noch sehr begrenzt und wenig gesichert. Mit einem Anästhesisten, der sich über POCD habilitiert hat, fanden wir endlich auch einen kompetenten Experten, der die verlässliche Aussage treffen konnte, dass es keine einzige wissenschaftliche Studie gibt über die Vereinbarkeit von Psychopharmaka mit Narkosemitteln.

Unserer Meinung nach ein weiterer unglaublicher Missstand in der Psychiatrie, zumal jedem Insider geläufig ist – und auch von diesem Anästhesisten als „erfahrungsbekannt“ bestätigt wurde, dass Menschen mit fortgesetzter Psychopharmakbehandlung unter besonders schweren Folgen von POCD nach Vollnarkosen zu leiden haben. Und zwar wohl nicht nur wegen höherer Anfälligkeit der Patienten durch ständige Medikamenteneinnahme, sondern möglicherweise auch wegen chemisch schädlichen Zusammenwirkens der verabreichten Substanzen. 

Quintessenz:
Gedächtnisstörungen nach Operationen mit Vollnarkose sind also nicht “normal” wie der Titel der Veranstaltung hätte suggerieren können, auch nicht nur “gefährlich”, sondern sehr gefährlich.
Sie müssen unbedingt diagnostiziert und dann behandelt werden. Spezielle Untersuchungen über die postoperativen Folgen bei Vollnarkose und Psychopharmaka-Einnahme sind dringend erforderlich.

 

Anmerkungen
1.  „Delir“ in dem Projekt verwendet als „zusammenfassender Fachbegriff für derartige postoperative Symptome“.
2. „DSM-5 ist die Abkürzung für die fünfte Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM;englisch für „diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“), eines Klassifikationssystems in der Psychiatrie. Das DSM wird seit 1952 von der American Psychiatric Association (APA; deutsch: amerikanische psychiatrische Gesellschaft) in den USA herausgegeben.“ Wikipedia (2.7.2015)
3. Zitat aus dem Flyer des Projektes, mit dem zur Zeit noch Teilnehmer an der Studie gesucht werden.
4. Über anticholinerge Arzneistoffehttp://www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=49072
5. Hager nennt folgende Pharmaka, die ein Delir auslösen oder verstärken können:
Neuroleptika z.B. Chlorpromazin, Promethazin, Trizyklische Antidepressiva z.B. Amitryptilin, Doxepin, Spasmolytika z.B. Butylscopolamin, Antihistaminika z.B. Diphenhydramin, H2-Blocker z.B. Cimetidin, Ranitidin, Ophtalmologica z.B. Atropin-haltige Augentropfen, Antiparkinsonmittel z.B: Anticholinergika, Dopaminagonisten, L-Dopa,  Analgetika z.B. generell Opioide und Opiate, Azetylsalizylsäure in höherer Dosierung, NSAR, Antikonvulsiva z.B. Phenytoin, Valproinsäure, Carbamazepin, Antibiotika z.B. Gyrasehemmer, Sulfonamide, Tuberkulostatika, Benzodiazepine z.B. der Entzug von Benzodiazepinen, andere z.B. Kortikosteroide, Lithium, Digitalisglykoside, Propanolol, Clonidin, Chinidin, Ciclosporin, Theophyllin, Lidocain, Mexiletin. K. Hager, 4.5.2011, Diagnose, Prävention und Therapie des postoperativen Psychosyndroms und des Delirs im Alter.
6. über den Test s. Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Mini-Mental-Status-Test (10.7.2015) 

Literatur
Wer sich genauer informieren will über das Krankheitsbild der POCD sei auf einen langen Artikel im Ärzteblatt hingewiesen: http://www.aerzteblatt.de/archiv/154793/Postoperative-kognitive-Dysfunktion

„REDUCE“ – Reduzierung von Neuroleptika?

Liebe KollegInnen,
sehr erfreulich, daß nun eine Studie in Auftrag gegeben wurde, die sich mit den Möglichkeiten der Reduzierung von Neuroleptika bei Menschen mit schizophrener Erkrankung beschäftigt und so die jahrzehntelang ausgetretenen Pfade der pharmakologischen Forschung verlässt. 
Die Studie wird unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Leucht von  Maximilian Huhn (Assistenzarzt, R.d.I.) durchgeführt.
Link zur Seite der TUM/MRI: Forschung – Evidenzbasierte Medizin: (http://drupal.psykl.mri.tum.de/evidenzbasierte-psychiatrie). Siehe den Flyer in der Anlage.
 
Mit herzlichen Grüßen
Jürgen Thorwart
 
 
 
Sent: Monday, April 20, 2015 12:49 PM
Subject: Information REDUCE-Studie
 

Liebe Vereinsmitglieder der MüPE,
wir möchten Euch heute auf eine Forschungsarbeit aufmerksam machen, die all jene interessieren wird, die ernsthaft mit dem Gedanken „spielen“, Neuroleptika zu reduzieren oder abzusetzen. Wir haben das Thema in der Vergangenheit ja mehrfach im MüPE-Forum diskutiert.

Das Klinikum Rechts der Isar bewegt sich nun mit ihrer Studie REDUCE in diese Richtung. Nach unserem Kenntnisstand ist es das erste Mal, dass die Schulpsychiatrie überhaupt in Erwägung zieht, dass Reduzieren möglich ist. Bisher hatte man immer Angst, dass es zwangsläufig schief gehen muss. Wer also Interesse an der Studie hat, sollte erstmal den Flyer im Anhang sorgfältig lesen. Weiter unten stehen auch noch wichtige Informationen. Man kann auch unkompliziert im Klinikum bei Herr Huhn anrufen und sich weiter informieren, darüber z.B., ob man die Voraussetzungen erfüllt oder wie es mit den Risiken steht; ob man evtl. später an einem Reduktionsprogramm teilnehmen kann, auch wenn man zur Kontrollgruppe ausgelost wurde etc. Die Verantwortlichen sind Dr. Maximilian Huhn und Prof. Leucht. 

Viele Grüße
Gottfried Wörishofer 

PS.: Prima wäre natürlich, wenn uns die, die sich zur Teilnahme entschlossen haben, Rückmeldungen geben, wie das Ganz abläuft und ob Ihr mit allem zufrieden seid.

 ——————————

Münchner Psychiatrie-Erfahrene (MüPE) e. V.
Thalkirchner Str. 10, 80337 München
Tel.: 089/260 230 25, Fax: 089/260 230 84
Offene Tür: jeden Dienstag 16 – 18 Uhr
E-mail: muepe-selbsthilfe@t-online.de
Webseite: http://www.muepe.org

 

Neue Studie und neue Studienergebnisse zur Reduktion der Medikation bei Menschen mit stabiler Schizophrenie.
Aktuelle wissenschaftliche Befunde legen nahe, dass bei schon länger stabilen Patienten mit einer schizophrenen Erkrankung eine Medikamentenreduktion möglich sein kann. In einer Studie aus den Niederlanden (Wunderink et al, JAMA Psychiatry 2013, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23824214) wurden stabile Patienten mit einer Schizophrenie in zwei Gruppen aufgeteilt. In der einen Gruppe wurde die Medikation vorsichtig reduziert, in der anderen Gruppe hingegen unverändert fortgeführt. Dabei zeigte sich in der Reduktionsgruppe zunächst eine höhere Rückfallrate. In der Langzeituntersuchung nach sieben Jahren war die Anzahl der Rückfälle jedoch in beiden Gruppen annähernd gleich. Interessanterweise fanden die Forscher, dass nach den sieben Jahren die Patienten der Reduktionsgruppe eine bessere soziale Leistungsfähigkeit hatten.

Im Rahmen einer aktuellen Studie am Klinikum rechts der Isar wollen Forscher nun herausfinden, ob sich diese Ergebnisse wiederholen lassen. Hierbei soll vor allem die Rückfallrate und die soziale Leistungsfähigkeit untersucht werden. Während der Studie („REDUCE“) besteht, nach sorgfältiger Auswahl der Studienteilnehmer in Vorgesprächen, die Möglichkeit unter engmaschiger ärztlicher Aufsicht langsam die Medikation zu reduzieren.

Für weitere Informationen und falls Sie selbst (oder ein Angehöriger) an einer Schizophrenie oder schizoaffektiven Störung leiden, seit mindestens drei Jahren nicht mehr stationär behandelt worden sind und nun ihre Medikation reduzieren möchten, können Sie sich gerne per Email (maximilian.huhn@lrz.tum.de) oder telefonisch 089-4140-6466 an Maximilian Huhn oder Prof. Leucht (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Technischen Universität München – Klinikum rechts der Isar) wenden.
Maximilian Huhn, Assistenzarzt, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU-München Klinikum rechts der Isar Ismaningerstr. 22, 81675 München, Germany, Tel.: +49-89-4140-6466, e-mail: maximilian.huhn@lrz.tum.de

DURST! von Angelika Kurella

Hilflos laufe ich über einen langen Gang. Da sind viele Türen, die öffne ich. In den Zimmern sind Menschen, die ich nicht kenne.

Ich frage sie, „Wo bin ich?“ Ihre Antwort ist: „Im Irrenhaus.“ Die letzte Türe, die ich öffne, zeigt mir, dass es stimmt. Da liegt ein Mensch in einem Krankenbett, mitten im Raum. Ich gehe ganz nah an das Bett und sehe, der Mann ist mit Gurten an das Bett gebunden. Er sagt: „Durst“. Ich frage ihn, warum er so armselig da liegen muss. Seine Antwort: „Durst“. Eine Krankenschwester kommt ins Zimmer und schreit: „Was machen Sie hier?“  Sie packt mich und schiebt mich aus dem Zimmer. Ich sage ihr: „Der Mann hat Durst.“ Sie antwortet: „Das geht sie überhaupt nichts an.“ Richtig! Aber der Mann hat Durst!

Jetzt weiß ich, dass ich in einem Nervenkrankenhaus bin, aber ich weiß nicht warum. Meine Gedanken wirbeln in meinem Kopf. Ich suche meinen Geldbeutel, meine Papiere, mein Handy, ich habe gar nichts mehr. Ich merke erst jetzt, dass ich einen lilafarbenen Anzug trage, der mir gar nicht gehört. Ich gehe barfuß. „Wo sind meine Schuhe?“ Ich laufe zu einer großen Glastür und will sie öffnen. Die Tür ist verschlossen. Ich bin eingesperrt. WARUM??  
Ich schreie um Hilfe. Ich renne über den Gang und schreie weiter. Immer lauter. 5 Pfleger packen mich. – STILLE –

Ich wache auf und merke, dass ich im Bett liege, fixiert, und ich habe Durst!

 

Dieser Text stammt von unserer verstorbenen Mitarbeiterin Angelika Kurella. Sie schrieb dazu im März 2014: Sende Ihnen anbei die Schilderung „DURST“, die ich mir ausgedacht habe, Das könnte durchaus passiert sein.

Integration verschiedener Auffassungen durch Betrachtung der subjektive Seite?

1999 wurde erstmals eine Tagung zu dem Thema “Die subjektive Seite der Schizophrenie”  in Hamburg organisiert, an der auch Angehörige und Betroffene teilnehmen konnten.1 Bis heute findet jährlich eine Tagung zu dem Thema statt. In der ersten Einladung der Initiatoren von der Universität Hamburg-Eppendorf zu einer Pressekonferenz hieß es: “Schizophrenien markieren für die Betroffenen einschneidende Lebenskrisen und oft bleibende, grundlegende Veränderungen der individuellen Biographien. Ähnliches gilt für die Familien, die Partner und Freunde. Diese Erfahrungen, ebenso wie ihre Konsequenzen interferieren mit der Einstellung zur Behandlung und mit der individuellen, subjektiven Sicht auf das Geschehen. So ist trotz nachgewiesener positiver Effekte medikamentöser Therapie die Haltung der Familie gegenüber dem Hilfesystem häufig überwiegend skeptisch und trägt zum Abstand und zur Abwehr aktiver gemeinsamer Anstrengungen bei.” …

“Die individuelle Lebensqualität und ihre Beschränkungen sind die Eckpunkte der Bewertung für oder gegen eine Kooperation im Therapieprozeß.  Die Forschungen zur Bedeutung der subjektiven Seite und ihre entsprechende Berücksichtigung im Rahmen therapeutischer Konzepte werden von Klinikern und Wissenschaftlern aus den USA und Europa vorgestellt.”2

Die folgenden jährlichen Tagungen zur „Subjektiven Seite der Schizophrenie“- meistens in Hamburg, aber auch in Wien, Stralsund/Greifswald, Berlin und Zürich und unter Beteiligung von Angehörigen und Betroffenen –  hatten jeweils ein besonderes Thema.

2015 fand dieses Treffen zum 17ten Mal statt.

Es handelt sich dabei um ein ganz besonderes Phänomen. Denn unter dieser Überschrift des “Subjektiven” finden sich Vertreter der beiden bis heute eher verfeindeten Fraktionen der Psychiatrie zusammen. Na ja, “verfeindet” ist vielleicht etwas übertrieben. Man hat sich in den letzten Jahren etwas angenähert. Aber es bleiben grundlegende Differenzen.3
Hier sei diese Spaltung, die die Psychiatrie durchzieht, kurz skizziert unter Rückgriff auf einen schönen Artikel des Psychiaters Elgeti, in dem er  diese beiden Ausrichtungen als “Aufklärung” und “Romantik” charakterisiert und sie auf ihre kulturhistorischen Ursprünge zurück führt.4 Er weist darauf hin, dass die “Aufklärung (…) schnell ihr kritisches Potential (verliert), wenn sie die Kritik der Romantik an den Auswüchsen ihres Machbarkeitswahns ignoriert.” Die “Romantik” sieht er in Gefahr, sich in esoterischen, dunklen Spekulationen zu verlieren, reaktionäre Züge anzunehmen, und im schönen Schein des großen Ganzen keine Einzelheiten mehr zu untersuchen, und dass verschiedene Ansichten darüber nicht mehr ausgetauscht werden dürften.
“Am Ende beschimpfen selbsterklärte Aufgeklärte alles Romantische als schwärmerisch, weltfremd und rückwärtsgewandt, während vermeintliche Romantiker gegen eine flache und seichte Aufklärung polemisieren.”

Unter dem Motto “Die Subjektive Seite der Schizophrenie” treffen sich also beide Fraktionen seit so vielen Jahren jedes Jahr einmal. Ein Blick auf die Programme der Veranstaltungen hat uns sofort klar gemacht, dass wir als “Romantiker”, denen die Fragestellung der Subjektivität sehr vertraut ist, hier nicht unter uns sein würden. (s.u.)  Einige Hamburger Tagungen fanden mit „freundlicher“ Unterstützung der Pharmaindustrie statt. Die Firmen konnten sogar Satellitenprogramme durchführen.

Wir haben im Internet nach einer Berichterstattung über diese Treffen gesucht, um etwas mehr darüber und die eventuelle Entwicklung einer Verständigung zu erfahren. Leider war die Ausbeute für eine solche Fragestellung nicht ergiebig genug, und diese Thematik erfordert auch viel Arbeitsaufwand, den EREPRO zur Zeit nicht leisten kann.5

Das Interesse der Tagungsteilnehmer an der subjektiven Seite der Schizophrenie reicht jedenfalls von der Hoffnung, über die Beachtung der subjektiven Seite bei den Patienten mehr Compliance für die Medikamenteneinnahme zu erreichen bis hin zu einem großen Interesse an den Wahninhalten der Schizophrenie, um die Verständigung mit den Patienten zu verbessern.

Es wäre natürlich sehr reizvoll, wenn eine Annäherung der beiden Fraktionen der Psychiatrie in einer der folgenden Tagungen thematisiert und zur Diskussion gestellt werden könnte.

Wichtig ist uns, auf den Vortrag von Peter Lehmann bei der diesjährigen Tagung hinzuweisen und ihn zu empfehlen.6 Eine Referentin von der anderen Fraktion gestand dabei im Vorfeld, dass sie früher regelrecht Angst vor P.L. hatte, er jetzt aber Gesprächspartner geworden sei. Immerhin.

Zum Abschluss eine Preisfrage (leider ohne Preis!):
Die Vertreter der oben zitierten beiden Richtungen der Psychiatrie, die sich bei den Tagungen über die subjektive Seite der Schizophrenie seit vielen Jahren treffen, formulierten 2015 entsprechend unterschiedliche Einladungstexte:

  1. Einladung
    “Der Begriff der “personalisierten Medizin” fragt, wie sehr ist der Mensch vorhersagbar aus seinem Genom? Ist die Biologie der Schlüssel zur Verbesserung der Behandlung? Soweit, dass die Medizin personalisiert würde? Personalisiert, Persönlichkeit, das Persönliche hat natürlich auch die andere Seite, die aus der Vielfältigkeit des Lebens, eine Vielfältigkeit von Bedürfnissen entstehen lässt. Alles sind zentrale Aspekte für Entwicklung, Therapie und Recovery und die subjektive Seite.”

  2. Einladung
    “Die psychiatrische Versorgungslandschaft hat sich in den letzten Jahren stark           gewandelt. Immer wieder wird dabei die Aufmerksamkeit auf einen personenzentrierten Ansatz gelenkt. Dahinter verbirgt sich eine Reihe von Bedürfnissen, die es zu beachten gilt – und die für die Genesung von zentraler Bedeutung sind. Spätestens seit der UN-Behindertenrechtskonventionen ist das Thema »Personalisierte Medizin« hochaktuell.
          Im Fokus der Fachtagung stehen Bedürfnisorientierung, Gewaltfreiheit und Therapieziele,  die von den Betroffenen selbst festgesetzt werden. Aber auch Kritiker des Ansatzes äußern ihre Bedenken.”

Frage:
Welche Einladung stammt von den “Romantikern”, welche von den “Aufklärern”?

Antwort:
Die Einladung Nr. 1 haben die “Aufklärer”, die Mediziner der Hedwigskliniken Berlin verfasst, die zweite, die Einladung der “Romantiker”, findet sich in einem Text des Psychiatrieverlages.7
W.O. 

 

Anmerkungen
1 http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/47786/
2 Kallert, T.W.: Rehabilitationsvorstellungen gemeindepsychiatrisch betreuter schizophrener Patienten. Vortrag, Kongress „Die subjektive Seite der Schizophrenie – Subjekt und Psychose“, Hamburg, 11.03.1999. Abstractband S. 24
http://www.psychiatrische-versorgungsforschung-tu-dresden.de/cms/wp-content/uploads/2008/03/publikationen-kallert-bis-2007.pdf
3 Geplant ist, dass sich EREPRO zu einem späteren Zeitpunkt mit dieser Thematik befasst
4 http://www.psychiatrie-verlag.de/fileadmin/storage/dokumente/Zeitschriften/SI/SI_11-3_Inhalt_Editorial_Artikel.pdf
5 Wir stellen Ihnen unten die gefundenen Informationen dazu zur Verfügung
6 http://www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/recht/ppt/lehmann_recht-auf-psychose.pdf
7 http://www.alexianer-berlin-hedwigkliniken.de/fileadmin/user_upload/alexianer-berlin-hedwig-kliniken.de/SHK/Flyer/SuSe_Die_subjektive_Seite_der_Schizophrenie_Programm_und_Anmeldung_2015_.pdf

http://www.psychiatrie-verlag.de/startseite/news/date/2014/december/16/news-article/die-subjektive-seite-der-schizophrenie.html

 

 

_____________________________________________________________________________________________________________________________________________________

Fundstücke und -orte aus unserer kleinen Internet Recherche über die Tagungen „Die subjektive Seite der Schizophrenie“. 
(Bibliographische Hinweise kursiv gedruckt, Links abgerufen aus dem Internet April 2015)
Bitte an die Leser um Ergänzung und Korrektur der sehr lückenhaften Zusammenstellung

1999
10. -12. März Hamburg. Einladung zur Pressekonferenz:
ttp://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/47786/
Vortrag Kallert, T.W.: Rehabilitationsvorstellungen gemeindepsychiatrisch betreuter schizophrener Patienten. Vortrag, Kongress „Die subjektive Seite der Schizophrenie – Subjekt und Psychose“, Hamburg, 11.03.1999. IN: Rehabilitation Nr. 39, S. 268-275, 2000, Deutsche Gesellschaft für Rehabilitation

2000
Die subjektive Seite der Schizophrenie“, 2. Tagung, Hamburg. 1. – 3. März 2000
http://www.social-psychiatry.org/detext.html Vortrag, als Poster vorgestellt im Universitätskrankenhaus Eppendorf, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Hamburg, Korrespondenz-Adresse: Dr. med. N. Nowack, Zentrum für Soziale Psychiatrie Salzwedel, Hoyersburger Str. 60, D – 29410 Salzwedel, eMail: psych-ph-saw@t-online.de

2001
Die subjektive Seite der Schizophrenie 28.02. – 02.03.2001, Hamburg
Medikation-Selbstmedikation. Familiäre Bewältigungsstrategien und Familientherapie. Die Stärken der Versager – Therapie als Hilfe bei der Selbstheilung? Ressourcenorientierung in der Therapie. Krise und Kontext. Trauma. Trauerbewältigung und Entwicklung, Behandlungsphilosophie, Subjektbegriff und Menschenbild in Psychotherapie und Psychiatrie, Workshops. Satellitensymposia. Freie Beiträge.
http://www.my-medical-education.com/cms/mme/index.php?page=veranstaltung&field=&event=104a342b-bdca-3c49-c077-42cab4d851df
Gemeinhardt, B., Gottwalz, E.: Familientherapie mit Psychotikern. Workshop abgehalten zu der III.Tagung „Die Subjektive Seite der Schizophrenie“, Hamburg 2002.
Gemeinhardt, B., Gottwalz, E. (2001) Familientraditionen und Familiengeheimnisse und ihre Rolle bei der Konfliktregulation. Vortrag gehalten bei der III. Tagung : Die Subjektive Seite der Schizophrenie, Hamburg 2001.
http://dr-brigitte-gemeinhardt.de/klinische-themen-seminare-vortraege-workshops/
Volkmar Aderhold / Yrjö Alanen / Gernot Hess / Petra Hohn (Hg.) 2003, Psychotherapie der Psychosen – Integrative Behandlungsansätze aus Skandinavien.
“Dieses Buch beinhaltet auch Texte, mit denen auf den Tagungen die Subjektive Seite der Schizophrenie die skandinavischen Ansätze bekannt gemacht wurden.” 
http://www.antipsychiatrieverlag.de/versand/titel/aderhold.htm

2002
Die subjektive Seite der Schizophrenie. 20. – 22.02.2002 in Hamburg … Traumatisierung und Psychose/ Lebensgeschichte und Krankheitsverlauf als Rahmen von Hilfe und Selbsthilfe/ Tauma – Dissoziation – Psychose/ Umgang mit Traumatisierung/ Psychose und Gewalt/ etc.
Bericht im Ärzteblatt. “Neuseeländisches Trainingsprogramm für Klinikpersonal: Nach Mißbrauch fragen. “Das Thema Missbrauch soll zum festen Bestandteil der psychosozialen Anamneseerhebung bei psychisch Kranken werden. Ziel ist unter anderem, die Aufdeckungsrate bei Missbrauch zu erhöhen, um gezieltere Therapien anbieten zu können.” http://www.aerzteblatt.de/archiv/33654/Neuseelaendisches-Trainingsprogramm-fuer-Klinikpersonal-Nach-Missbrauch-fragen
Mundt, A. (2002) Kasuistik aus der Verhaltenstherapie-Tagesklinik. Darstellung einer Patientin mit Zwangsstörung und psychotischer Exacerbation nach einem Trauma. Poster auf der IV. Tagung – „Die subjektive Seite der Schizophrenie“ 20.-22. Februar 2002 
s. dazu: http://www.dr-a-mundt.de/site/uebermich/uebermich.php

2003
26. – 28.2.2003, Die subjektive Seite der Schizophrenie V. Tagung in Hamburg: Empowerment und Ressourcenorientierung/ Alternative oder Ergänzung zum/im psychiatrischen System. parchman@uke.uni-hamburg.de
Wielant Machleidt  (Herausgeber), Garlipp (Herausgeber), & 1mehr, Schizophrenie: Behandlungspraxis zwischen speziellen Methoden und integrativen Konzepten Taschenbuch – September 2003.
http://www.janssen-cilag.com/content/congresses/psychiatry24x7.com/21138402.xml

2004
25. – 27.02.2004 in Hamburg (6. Tagung). Ankündigung: „Subjektive Seite affektiver Psychosen/ Therapie mit viel Emotion/ Schizophrenie als affektive Störung? – Theoretische und klinische Konzepte zum Zusammenhang von Denken und Fühlen/ Symptom, Syndrom, Emotion.“
http://www.my-medical-education.com/cms/mme/index.php?page=veranstaltung&field=&event=3ce9ee74-76c2-8382-a8d3-bf34ca8a84e0
Ein Vortragstext: Michael Dümpelmann, Tiefenbrunn, Kontingenzerfahrungen und Affektentwicklung. Entwicklungspsychologische Ansätze in der Psychotherapie von Psychosen.
https://wwwalt.hs-magdeburg.de/fachbereiche/f-sgw/master/Psychiatrie/duempelmann_2004.pdf
7.4.2004:  “Mit dem atypischen Antipsychotikum Ziprasidon behandelte Patienten profitieren von Verträglichkeitsvorteilen und aufklarender Wirkung, konstatierten Experten auf einem Symposium anlässlich der VI. Tagung ‚Die subjektive Seite der Schizophrenie‘. Das Medikament sei aus internistischer Sicht sicher, fasste Professor Dr. med. Eberhard Windler die Datenlage zusammen. Dank der aufklärenden Wirkung seien die Patienten wieder kommunikationsfähig und bereit für ergänzende Therapieverfahren, wie Dr. med. Thomas Messer anhand einer Kasuistik veranschaulichte.” http://www.journalmed.de/newsview.php?id=4033

2005
VII. Tagung – Die subjektive Seite der Schizophrenie: Krankheitskonzept, das Bild in den Köpfen – Brücke oder Mauer? 23. – 25.02.2005 in Hamburg. „Subjektive Krankheitskonzepte und ihr Einfluss auf die Bewältigung/ Krankheitskonzept und therapeutisches Vorgehen – Behandlungsphilosophien als Grundlage klinischer Konzepte/ Der Beitrag zur Psychoanalyse zum Verständnis der Psychosen/ Der Beitrag der Biologie zum Verständnis der Psychosen/ Patientenorientierte Integration – integrative Schizophrenietherapie, Floskel oder Modell?
Schizophrenie: wissenschaftlich-rationale und therapeutische Praxis. Aderhold stellt vor und setzt auf das in Finnland erfolgreich erprobte ’need adapted model‘. Hilfe wenn nötig.“
Ausführlicher Bericht aus Anlass der Tagung 2005 von Peter Weinmann: Krankheitskonzept, das Bild in den Köpfen – Brücke oder Mauer?“ Atypische Depottherapie als Baustein einer modernen Langzeittherapie der “Schizophrenie” – die Sicht der Betroffenen. http://mut-zum-anderssein.de/PDF/AtypNeurolHom05.pdf
Kurzbericht von Michael Schuldt. 2005: Krankenhäuser auflösen. http://www.bpe-online.de/verband/rundbrief/2005/1.pdf

2006
Die subjektive Seite der Schizophrenie: Stimmen hören oder Symptome ersten Ranges
Phänomen – Bewertung – Behandlung. Hamburg, 8.-10.3.2006
Das Programm:
http://www.uke.de/kliniken/psychiatrie/downloads/klinik-psychiatrie-psychotherapie/Programm_Schizo_2006.pdfProgramm_Schizo_2006.pdf
“Zur VIII. Tagung „Die subjektive Seite der Schizophrenie“ fuhr ich Anfang März 2006 in die Freie und Hansestadt Hamburg. Mittlerweile findet dort jährlich ein Austausch von Professionellen, Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen zu Themen ‘rund um’ psychische Störungen statt. In diesem Jahr war das ‘Phänomen’ Stimmenhören Schwerpunkt der Tagung. Fachleute aus Deutschland, Europa und Übersee diskutierten gemeinsam bzw. zu Fragen der Entstehung und Therapie von Stimmenhören. (…) Es zeichnet sich seit einigen Jahren ein Paradigmenwechsel ab – d.h., die akademische Psychiatrie nimmt stärker als bisher geschehen subjektive Erklärungsmodelle und individuelle Coping-Strategien der Betroffenen wahr und integriert sie in ein ganzheitliches Behandlungskonzept.” http://www.muentzer-wohnheim.de/index.php?n=Aktuelles&b=berichte/2006/Tagung-Hamburg

2007
14. bis 16. Februar 2007 in Wien. Die subjektive Seite der Schizophrenie: Das Ende der Unheilbarkeit?! – Hoffnung – Macht – Sinn. „Der Verlauf der Schizophrenien beschäftigt die, die es angeht, schon über ein Jahrhundert. Der Mythos der Unheilbarkeit und zwangsläufigen Chronifizierung haftet den Schizophrenien noch heute an. Ist so eine Sichtweise berechtigt oder auch das Ergebnis einseitiger und verengter Perspektiven der Psychiatrie? Um die Behandlung und ihren Einfluss auf den Verlauf gibt es ebenso anhaltend viele Kontroversen.
Das Ludwig Boltzmann Institut für Sozialpsychiatrie veranstaltet in Kooperation mit den Psychiatrischen Kliniken der Universitäten Hamburg, Zürich und Greifswald, sowie der Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie Wien die inzwischen neunte Tagung. Dieser Kongress bietet spannende Möglichkeiten dazu, eherne Gewissheiten zu erschüttern und das Koordinatensystem des Verstehens und der Modellbildung neu zu ordnen und zu erweitern. Ludwig-Boltzmann-Institut für Sozialpsychiatrie.“
http://www.gsund.net/cms/beitrag/10081716/2505936/_1
Über diese Tagung ist ein Buch erschienen (Hoffnung macht Sinn: schizophrene Psychosen in neuem Licht. Hrsg. M. Amering, M. Krausz und H. Katschnig, 2008), das in der Rezension bei Amazon von xianzai87 folgendermaßen beschrieben wird:
„Dieses Buch besteht aus verschiedenen Beiträgen von Betroffenen und Nicht-Betroffenen der 9. Tagung zur subjektiven Seite der Schizophrenie und vor allem zitieren alle Autoren ihre Quellen. Es geht unter anderem um Neuoleptika, ihre Risiken, und wie sie richtig eingesetzt werden sollten, es geht um Sinn oder Nicht-Sinn von Psychosen, Schizophrenie und ihren Verlauf……für mich als Psychosebetroffene sehr hilfreich und auch informativ, obwohl ich schon sehr viel über das Thema wusste.“
s. auch http://www.sozialpsychiatrie-mv.de/PDF/Aderhold_Neuroleptika_in_Amering.pdf

2008
27. Februar bis 29. Februar 2008 Universität Hamburg. Tagungstitel “Die subjektive Seite der Schizophrenie”: Evidenzbasierte Therapien, Psychosetherapien in Wirkungen, Nebenwirkungen und Verfügbarkeit?
Programmflyer: http://www.uke.de/kliniken/psychiatrie/downloads/klinik-psychiatrie-psychotherapie/Download.Flyer_Schizo_2008.pdf
„Kontroversen in der Schizophrenietherapie, Frühbehandlung wann und wie? Evidenz in der Psychopharmakotherapie, Wann und wem schadet Therapie? Wieviel Klinik ist nötig?
Therapeutische Prinzipien.“ http://www.my-medical-education.com/en/mme/index.php?page=veranstaltung&field=&event=5b8501a3-d0e1-9afa-7190-1a8aeae59eac
Schriftliche Fassung des Referates „Machen Städte psychisch krank? Von der Schwierigkeit der Prävention bei seelischen Krankheiten“. von Prof. Dr. Leonhard Hajen, PDF, 14 S., 2008 auf der X. Tagung „Die Subjektive Seite der Schizophrenie“ am 28. Februar 2008 in der Universität Hamburg, . http://www.hag-gesundheit.de/uploads/docs/53.pdf

Bei der Tagung (2008??) „Die subjektive Seite der Schizophrenie“ des Universitätskrankenhauses Hamburg-Eppendorf (UKE): Hier wurde die Wander-Ausstellung „Bilder einer Stadt – Salzwedel menschlich gesehen“ gezeigt: Mit Darstellung wissenschaftlicher Therapie-Ergebnisse und Hinweis auf die zusätzliche Anti-Stigma-Intention der Ausstellung (etwa wenn in Schule oder Rathaus ausgestellt), die aus dem Fotoprojekt hervorging. http://www.grips-reha.de/fachpublikationen/
(Zu dem interessanten Projekt: http://www.impuls-psychiatrie.net/82.0.html?&tx_feuserlisting_pi1%5BshowUid%5D=145) 

2009
Die subjektive Seite der Schizophrenie vom 25. bis 27. Februar 2009: Beziehungsgestaltung und Psychose, Hamburg http://www.uke.de/kliniken/psychiatrie/index_51376.php
Das Programm dieser Tagung:
Die gelungene therapeutische Beziehung –  Welche Faktoren verhindern, welche wirken…
Kann man Beziehung messen?  Die wissenschaftliche Untersuchung von Beziehungen
Therapeutische Beziehung, Behandlung und der Rest des Lebens. Wie spezifisch sind Patientenbewertungen? Shared Decision Making.  Wie wirkt es sich auf therapeutische Beziehungen aus? Therapeutische Beziehungen im Wandel der Zeit.
Satellitensymposium  Unterstützt von Firma JANSSEN-CILAG GmbH
Beziehungsgestaltung in akuten Krisen –  Zwischen Mischinjektion und Soteria
Wenn Sexualität die Beziehung stört.
Scham, Schuld und Verstehen. Beziehung aus der Sicht der Familie.
Behandlungsvereinbarungen als Basis der Beziehungsarbeit (Dr. Raoul Borbé)
Beziehungen mit den Schwierigsten.  Beziehungsfallen und ihre zerstörerischen Folgen
Kinder von Eltern mit Psychosen
Stellenwert der Beziehung in der kognitiven Verhaltenstherapie
Was heißt hier therapeutisch?  Was wollen Betroffene von Professionellen?
Die Bedeutung des ersten Kontaktes mit der Psychiatrie
Medikamente als Beziehungsmediator.  Beziehung als Erfolgsfaktor?
Therapeutische Beziehungen zu Widerspenstigen
Der Einfluss der Patienten auf die therapeutische Beziehung im institutionellen Umfeld
Veränderung der therapeutischen Beziehung durch Home-Treatment
Partnerschaft und Psychose
Arbeiten in Gruppen – korrektive Beziehungserfahrungen
Beziehungsgestaltung und Recovery
Traumasensible Therapie – Setting als Beziehungserfahrung
Welche Art von Beziehung braucht ein Mensch in der Krise? Folgerungen aus der Bindungstheorie
Beziehungen in der Institution:  Zwischen Geborgenheit und Zwang
Pflegsam, pfleglich, Pflege – wie nah wie fern
Das Arzt-Patientenverhältnis in der ambulanten Behandlung – Ergebnisse einer Umfrage zu beiden Perspektiven
Der subjektive Sinn von Psychosen und die Bedeutung für Beziehungen.(Hamburger SuSi-Projekt)
Workshops: Paar/Familientherapie,  Ex-In, Training,  Paarbez. u. Sexualität,  Vertrauen in die Ressourcen
http://www.uke.de/kliniken/psychiatrie/downloads/klinik-psychiatrie-psychotherapie/Download.Flyer_Schizo_2009.pdf

2010
Die XII. Tagung „Die subjektive Seite der Psychiatrie“ fand vom 24. – 26. Februar 2010 in Wien statt: Schizophrenie in Bewegung. (1. Bewegung durch die Lebensstadien, 2. Bewegung in der Psychiatrie, 3. Bewegung innerhalb und zwischen den Kulturen, http://lubis.lbg.ac.at/webfm_send/55).
Das Programm im Einzelnen: ttp://www.uke.de/kliniken/psychiatrie/downloads/klinik-psychiatrie-psychotherapie/Flyer_Schizophrenie_in_Bewegung.pdf
Die Referate dieser Tagung stehen im Internet zur Verfügung:
– in Zusammenfassung (http://lubis.lbg.ac.at/webfm_send/58)
– und als PowerPoint Präsentation
(http://lubis.lbg.ac.at/de/termine/subjektive-seite-schizophrenie-schizophrenie-bewegung)
Audiodatei des Vortrags eines Stimmenhörers:
http://www.mikus.at/own_domains/www.stimmenhoeren.info/antje.mp3

2011
Hamburg  23. bis zum 25. Februar. Aus der Einladung zur Pressekonferenz:
“’Die subjektive Seite der Schizophrenie‘ – Tagung zu integrierter Versorgung als Zukunftsmodell. Gesprächspartner: die Veranstalter Prof. Dr. Dieter Naber aus Hamburg (UKE), Prof. Dr. Michael Krausz aus Vancouver, Prof. Dr. Michaela Amering aus Wien, Professor Martin Lambert aus Hamburg, Professor Thomas Bock aus Hamburg (UKE) und Priv.-Doz. Dr. Anne Karow aus Hamburg (UKE).“
„Wie können knapper werdende Ressourcen darüber hinaus in einem möglichst guten Kosten-Nutzen-Verhältnis eingesetzt werden? Zu dieser Frage existieren wichtige erste Daten aus verschiedenen Modellen der Integrierten Versorgung. Auf der Grundlage dieser Daten kann eine sinnvolle Diskussion über effektive und wirtschaftliche Versorgungsstrukturen stattfinden. Wie werden die strukturellen Entwicklungen aus der Sicht von Betroffenen und Behandlern, aus der Sicht von niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten sowie aus wissenschaftlicher Sicht und aus der Sicht von Krankenkassen und der Gesundheitspolitik beurteilt?
Darüber hinaus sind Beziehungsaspekte und individuelle Auswirkungen moderner Versorgungsstrukturen zu berücksichtigen. Welche Bedürfnisse liegen bei allen Beteiligten vor? Was sind die Gemeinsamkeiten? Wo liegen die Unterschiede? Wie muss/kann sich die therapeutische Beziehung verändern? Wie flexibel ist z.B. Psychopharmakotherapie und wo liegen die Grenzen einer individuellen Anpassung der Behandlung? Wichtige Diskussionen beziehen sich dabei auf die Frage, inwieweit eine integrierte Versorgung den Bedürfnissen nach individueller Therapie entspricht und sich im Alltag für Betroffene, ihre Angehörige und Professionelle bewährt.
Konzepte wie die der Zu-Hause-Behandlung sind bereits seit vielen Jahren State of the Art und werden dennoch weiterhin ungenügend umgesetzt. Wie sehen die konkreten Erfahrungen von Betroffenen, Angehörigen und Behandlern mit einer zu Hause stattfindenden Behandlung aus? Fühlen sich Angehörige anders zuständig und anders betroffen oder belastet, wenn die Behandlung immer weniger in der Klinik stattfindet? Wie muss sich die Psychiatrie auf dem Weg nach draußen verändern?
Zu diesen und anderen aktuellen Themen werden wieder kompetente Referenten berichten, Betroffene, Angehörige und Professionelle. Es wird viel Zeit geben für Diskussion und Austausch, zu speziellen Themen finden Workshops statt.
Zu dieser Tagung erwarten wir 350 und mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Klinik und Forschung.”
http://www.archiv.medizin-aspekte.de/-Die-subjektive-Seite-der-Schizophrenie-Tagung-zu-integrierter-Versorgung-alsZukunftsmodell_14056.html

2012
Vom 22. bis 24. Februar 2012 fand in Stralsund die XIV. Tagung „Die subjektive Seite der Schizophrenie“ statt, ausgerichtet von der Universitätsmedizin Greifswald.
Zitat aus dem Programm: „Auf der XIV. Tagung Die subjektive Seite der Schizophrenie möchten wir Orientierungspunkte in dieser Bewegung setzen und eine Diskussion um den „richtigen Kurs“ anregen. Dafür haben wir drei inhaltliche Schwerpunkte ausgewählt: In der Fortsetzung einer Debatte unserer letzten Tagungen fragen wir, wohin die Reise in der Versorgung gehen kann – und betrachten innovative Therapiemodelle in verschiedenen europäischen Ländern. Eine Rückschau auf unsere unterschiedlichen Traditionslinien in Deutschland bietet der Vergleich der jüngsten Psychiatriegeschichte in den beiden deutschen Staaten zur Zeit der Teilung.“…
http://www.uni-greifswald.de/informieren/kalender.html?no_cache=1&tx_cal_controller%5Bview%5D=event&tx_cal_controller%5Btype%5D=tx_cal_phpicalendar&tx_cal_controller%5Buid%5D=6779&tx_cal_controller%5Blastview%5D=view-list%7Cpage_id-141&tx_cal_controller%5Byear%5D=2012&tx_cal_controller%5Bmonth%5D=02&tx_cal_controller%5Bday%5D=22&cHash=e9b7ac5fde

Auf einen ausführlicher Bericht von Ute Maria Krämer über diese Tagung wurden wir 2016 vom „Trialog-Forum seelische Gesundheit – Das Psychose-Seminar im Landkreis Peine“ dankenswerterweise hingewiesen: http://trialog-forum-peine.de/?page_id=1405.

2013
Die Tagung „Die subjektive Seite der Psychiatrie“ fand vom 27. Februar bis 01. März 2013 in Hamburg statt mit dem Titel: Zeit für Wandel. Das Programm im EInzelnen:
http://www.uke.de/kliniken/psychiatrie/downloads/klinik-psychiatrie-psychotherapie/Flyer_Subjektive_Seite_der_Schizophrenie_2013.pdf
Vortrag von Asmus Finzen: „Die Psychiatrie eine Zumutung für die Familie“, http://www.lvbwapk.de/Finzen.pdf

2014
Die Tagung „Die subjektive Seite der Schizophrenie – Schaden begrenzen, Risiken mindern, Chancen mehren“ fand vom 19. – 21. Februar 2014 in Wien statt.
„Die Abwägung von Risiken und Chancen des Tuns und Nichttuns gegenüber Psychosen ist komplizierter als viele Richtlinien glauben machen. Die Tagung greift diesbezüglich kontroverse Fragen auf. Wer hat Verantwortung wofür? Wie viel Unsicherheit ist auszuhalten? Keine Chance ohne Risiko?“
Programm: http://www.hpe.at/fileadmin/media_data/Inhalt-Dokumente/Dokumente-extern/2013/Die_subjektive_Seite_Schizophrenie_2014.pdf
http://www.psychotherapie-wissenschaft.info/index.php/psy-wis/article/viewFile/1015/1013:
Evelin Gottwalz-Itten war jahrelang als psychologische Forscherin im Bereich der Familientherapie im Universitätskrankenhaus Eppendorf tätig und ist, zusammen mit ihrem damaligen Oberarzt, V. Aderhold, eine Mitbegründerin der Tagungen Die subjektive Seite der Schizophrenie. Heuer fand diese zum 16. Mal statt, unter dem Motto „Schaden begrenzen, Risiken mindern, Chancen mehren“.  …
http://www.psychotherapie-wissenschaft.info/index.php/psy-wis/article/viewFile/1015/1013 

2015
Die Tagung fand statt vom 18.–20. Februar 2015 in Berlin mit dem diesjährigen Titel “Persönlich und bedürfnisorientiert, Prävention und Behandlung nach Wunsch und Evidenz?“. Ein Tagungsbericht:
http://www.ddpp.eu/news-meldung/bericht-von-der-tagung-die-subjektiven-seite-der-schizophrenie.html
Die PowerPoint Darstellung des Vortrags von Peter Lehmann mit dem Titel “Das Recht auf Psychose” auf dieser Tagung:
http://www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/recht/ppt/lehmann_recht-auf-psychose.pdf

Frage nach versteckter Schuld der Diakonie.

Was für ein reißerischer Titel – Schuld der Diakonie? Abwegig – im Gegenteil, dort sind bekanntlich Menschen mit Hilfebedarf besonders gut aufgehoben.
Ganz so abwegig ist die Frage aber vielleicht doch nicht. Vor weniger als 80 Jahren widersetzten sich kirchliche Behinderteneinrichtungen der staatlich verordneten Sterilisierung und Ermordung ihrer Schutzbefohlenen nicht entschieden genug. Daraufhin wurden sehr viele hilfsbedürftige Menschen dort sterilisiert oder sogar dem sicheren Tod ausgeliefert.

Damals wie heute genossen kirchliche diakonische Einrichtungen besonderes Vertrauen bei der Bevölkerung. Zur Zeit des Nationalsozialismus erwies sich  das aber als ein gefährlicher Irrtum.
Schuld war nicht in erster Linie das persönliche Versagen einzelner Mitarbeiter der kirchlichen Dienste. Denn man stützte sich auf eine Weisung, eine Grundsatz-Orientierung der Evangelisch-lutherischen Kirche in Deutschland, deren Gültigkeit bzw. Ungültigkeit bis heute nicht abschließend geklärt ist.

In einem EREPRO-Artikel zur Ausstellung über NS-Euthanasie 2014 (1) wurde diese “Richtlinie” kurz erwähnt. Einige Leser sind darüber gestolpert und haben Klärungsbedarf. Den können wir hier leider auch nicht befriedigen, wir können hier nur die Forderung nach Klärung verstärken.

Es geht um die sogenannte „Zwei Reiche Lehre“.
Zitat aus unserem Artikel:

„Er (Rektor LAUERER von Neuendettelsau, die Red.) weiß, dass es vor Gott kein ‚lebensunwertes Leben’ gibt, schreibt aber 1939: ‚Wir Lutheraner können nicht anders, als grundsätzlich bejahend zum Staat, zu unserem Staat stehen (hervorgehoben von EREPRO). Von diesem Standpunkt aus haben wir kein Recht es zu beanstanden, wenn der Staat die Tatsache minderwertigen Lebens konstatiert und dann auch handelt.’ Diese Haltung erlaubt es, dass 1941 aus den Neuendettelsauer Anstalten von 2‘137 Bewohnern 1‘911 abtransportiert werden.” (2)

Es ist nicht zu fassen:
Sind/waren die Forderungen von nationalsozialistischen, unmenschlichen Politikern und Ärzten nach Tötung “unwerten Lebens” für Lutheraner gültiger als die Aussage des Christentums, dass es kein lebensunwertes Leben geben kann? Welche Geltung kommt dann dem 5ten Gebot “Du sollst nicht töten” noch zu? 

Wir haben in den 1990er Jahren mit dem Sohn des in der NS-Zeit verantwortlichen Leiters der Pflegeabteilung Neuendettelsau Pfarrer Ratz, damals ebenfalls dortiger Pfarrer, über die Verantwortung seines Vaters für die Auslieferung zur Tötung von mehr als tausend BewohnerInnen der Neuendettelsauer Anstalt gesprochen. Pfarrer Ratz jun. hat sich – genau wie sein Vater auf diesen Grundsatz berufen:
Man könne als Christ nicht anders als die Befehle (auch) des (nationalsozialistischen) Staates auszuführen.
Die Thematik dieser sog. Zwei-Reiche(/Regimenter)-Lehre geht zurück auf eine Diskussion, die seit der Reformation, der Zeit Martin Luthers, über die Beziehung zwischen Kirche und Staat geführt wird. Inhaltlich (für Nicht-Theologen) ein verwirrendes, historisches Puzzle. Wer sich etwas genauer darüber  informieren möchte, kann einiges nachlesen. (3)

Haben sich die lutherische Kirche und ihre Diakonie nach ihrem dadurch bedingten Tod bringenden Fehlverhalten deutlich von dieser “Lehre” distanziert und eine unmissverständliche Klarstellung für zukünftige Konflikte mit staatlichen Vorgaben erarbeitet – zur Orientierung für “richtiges” Verhalten kirchlicher Mitarbeiter in diesem Tendenzbetrieb?
Nach einer Recherche im Internet haben wir zunächst gelernt, dass diese Unterordnung unter den Staat nicht für alle Christen galt/gilt. Karl Barth, der reformierte Schweizer Theologe hatte sich anders geäußert, er fordert, “den Staat daran zu messen, inwieweit er seiner Aufgabe, durch Frieden und Recht in der menschlichen Gemeinschaft auf Christus hinzuführen, gerecht wird.”(4)

In nationalsozialistischen Publikationen wurde seinerzeit dieser Standpunkt der lutherischen Kirche gerne aufgegriffen. Wir zitieren hier ausführlich aus der Publikation “Schulungsbrief, Staat und Kirchen im 19. Jahrhundert” von Gauleiter Schmidt, Leiter des Hauptschulamtes der NSDAP (5):

„Die protestantische Staatsauffassung ist nicht einheitlich. Nach L u t h e r hat die weltliche Obrigkeit göttliche Autorität, da in der Obrigkeit Gott gebietend und richtend dem Menschen gegenüber wirkt. Dabei ist es nicht nötig, dass diese Obrigkeit ihre Legitimität nachweist, um Obrigkeit sein zu können. ‘Es liegt Gott nichts daran, wo ein Reich herkommt, er will’s dennoch regiert haben!’ Das ist Luthers patriarchalische Auffassung von der Obrigkeit. Sie gehört in den ‘Vatersstand’ und soll daher ein ‘väterlich Herz gegen die Ihren tragen’. Da die Obrigkeit unmittelbar von Gott um der Sünde willen gesetzt ist und ihm unmittelbar untersteht, darf sich ihr gegenüber niemand außer Gott allein als Richter aufschwingen. Empörung gegen die Obrigkeit, Revolution würde ein Eingriff in die Richtergewalt Gottes sein. Diese Gehorsamspflicht gilt daher auch dann, wenn die Obrigkeit Unrecht tut. Die Obrigkeit bleibt dessen ungeachtet für Luther dennoch anzuerkennen, auch dann, wenn sie etwas zu tun befiehlt, was Sünde wider Gott ist. In diesem Falle darf ihr der Gehorsam v e r w e i g e r t werden, ohne jedoch a k t i v e n Widerstand zu leisten. Man muss dann aber auch bereit sein, die Folgen des Ungehorsams zu tragen, d. h. die Strafe der Obrigkeit zu erdulden, falls man es nicht vorzieht, auszuwandern. Selbst einer Obrigkeit, die Land und Volk zugrundegerichtet, muss gehorcht werden; sie muss erlitten werden als eine Strafe Gottes, die wir dann eben angesichts unserer vielen Sünden längst und immer verdient hätten.

Die Kirche hat nach Luther k e i n e r l e i  i r d i s c h e  M a c h t a n s p r ü c h e  zu stellen. Ihre Aufgabe ist allein die Verkündigung des Wortes Gottes. Der Staat soll hierbei für eine ungehinderte Wortverkündigung die staatsrechtlichen Voraussetzungen schaffen. Mehr zu tun und mehr zu sein, steht nach Luther dem Staat nicht zu.

Wenn C a l v i n mit Luthers Staatsauffassung auch in vielem übereinstimmt, so begegnen uns bei ihm, also dem r e f o r m i e r t e n  P r o t e s t a n t i s m u s doch z w e i  b e d e u t s a m e Unterschiede:
Der eine Unterschied von Luther ist der, dass nach Calvin der Staat gegenüber der Kirche nicht selbständig ist. Weiterhin fordert Calvin Gehorsamsverweigerung gegenüber dem ‘tyrannischen’ Staat. Auf Grund dieser Anschauungen bedeutet der reformierte Protestantismus leicht eine Quelle des Konflikts mit der Staatsgewalt.“

Soweit der Gauleiter Schmidt in einer nationalsozialistischen Publikation.

Wie also steht die evangelisch-lutherische Kirche heute dazu?
Man liest von “Schulderklärungen” der evangelischen Kirche: die Stuttgarter von 1948, dazu gerechnet wird die Barmer Erklärung von 1934 (vor der NS-Euthanasie!), und das “Darmstädter Wort zum politischen Weg unseres Volkes” von 1947 (mit einem Kommentar), das der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) jedoch nicht als seine Position übernahm. (6)
Die Stuttgarter Schulderklärung wurde 1948 abgegeben – auf massiven Druck aus dem Ausland, durch den Weltkirchenrat. Sie schafft u.E. wenig Klarheit und beschäftigt sich primär mit der Schuld an dem Krieg, der von Deutschland ausging.(7)
“Gravierendste Schwäche des Darmstädter Wortes ist die vollständige Ausblendung des Judenmordes, eine Leerstelle, die die Grenzen kirchlicher Schuldeingeständnisse im historischen Kontext der unmittelbaren Nachkriegszeit markiert.“(8) Auch die Mitwirkung kirchlicher Einrichtungen bei der Zwangssterilisation und Tötung behinderter Menschen wird in diesen kirchlichen Schulderklärungen mit keinem Wort erwähnt. Das ist ebenso befremdlich wie das Ausblenden des Holocausts.

Es scheint über die Beteiligung der lutherischen Kirche an der Zwangssterilisierung und Tötung behinderter Menschen bis heute keine öffentliche Debatte und Auseinandersetzung der Leitungen von Kirche und Diakonie zu geben, nachdem sich allerdings viele einzelne kirchliche Einrichtungen mit ihren Verfehlungen intensiv beschäftigt haben. Und natürlich gab es im christlich-kirchlichen Bereich nicht nur „Verfehlungen“. Über Hilfsbereitschaft und Einsatz christlicher Persönlichkeiten in der NS-Zeit wird oft berichtet. 

Auf der Homepage der Bundes-Diakonie heißt es unter “Geschichte”:

“Zu zentralen Herausforderungen für die Innere Mission wurden die Sterilisierungspolitik und die Vernichtung ‚lebensunwerten Lebens‘. In der Folge des ‚Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses‘ (1934) wurden auch in diakonischen Einrichtungen zahlreiche Zwangssterilisationen durchgeführt. ‘Für den Zeitraum vom 01.01.1934 bis zum 30.06.1935 wies die evangelische Gesamtstatistik folgende Zahlen aus: In den Pflegeanstalten (total 32.401 Betten) erfolgten 3.317 Unfruchtbarmachungen. In den Krankenhäusern (total 37.516 Betten) betrug die Zahl 5.539. Das ergab im Zeitraum von eineinhalb Jahren die Gesamtziffer von 8.856 Sterilisationen.’  Insgesamt wurde in allen staatlichen und anderen Einrichtungen in den Jahren von 1934 bis 1939 etwa 350.000 Menschen die Fortpflanzungsfähigkeit geraubt.

Seit 1940 setzten systematische Euthanasie-/Krankenmord-Aktionen ein, denen auch Tausende geistig behinderter und psychisch kranker BewohnerInnen aus christlichen Einrichtungen bis 1945 zum Opfer fielen. Die Reaktionen und Verhaltensmuster innerhalb der Verbandsstruktur, sowie der Einrichtungen der Inneren Mission, wiesen eine erhebliche Bandbreite auf. Insofern kam es nicht zu einer einmütigen Haltung der Ablehnung oder gar einer konzertierten Protestaktion.”(9) 

Mehr nicht.
Uwe Kaminsky schreibt auf derselben Homepage:(10)

“Hier gilt die Feststellung Kurt Nowaks, dass das Problem nicht ein ‘ethisch-moralisches Versagen des Protestantismus an sich, sondern ein kirchlicher Verhaltensstil war, welcher die Eindeutigkeit der ethischen Grundentscheidung in der Praxis nicht durchzuhalten vermochte’. Die größte Eindeutigkeit der Ablehnung (der NS-Forderungen, d. A.) fand sich dann dort, wo keine direkte Konfrontation mit den Krankenmorden stattfand und keine institutionelle Verantwortung getragen werden musste. Dies spiegelte sich in den Beratungen und Beschlüssen der Bekenntnissynoden der Evangelischen Kirche der Altpreussischen Union in den Jahren 1940, 1941 und 1943 oder bei Stellungnahmen der ‘Theologischen Societät’ der Württembergischen Landeskirche unter Pfarrer Hermann Diem sowie bei einzelnen  Predigten von Pastoren, die nicht innerhalb der Inneren Mission tätig waren (z.B. Pfarrer Ernst Wilm aus Mennighüfen). Diese Stellungnahmen waren alle eindeutige und kompromisslose Ablehnungen der Krankenmorde. (…)

Der Präsident der Hauptgeschäftsstelle von Innerer Mission und Hilfswerk, Friedrich Münchmeyer, gab im Oktober 1960 eine jegliche Entschädigung von Zwangssterilisierten ablehnende Stellungnahme gegenüber dem Bundesfinanzministerium ab. Zugleich initiierte er einen neuen Eugenischen Arbeitskreis, der von 1959 bis 1968 tagte und sich intensiv mit der Frage der freiwilligen Sterilisation, der Abtreibung und der Meldepflicht für behinderte Kinder befasste. Erst in den 1980er Jahren wandelte sich die Haltung gegenüber den Opfern der Zwangssterilisation in Kirche und Diakonie grundsätzlich, und es wurde für eine Entschädigung dieser vergessenen Opfergruppe plädiert.”

Das alles wäre u.E. doch Grund genug zur öffentlichen Beschäftigung mit dieser Thematik – auch heute noch.

Die Berufsverbände der Psychiater (DGPPN) haben sich sehr spät (2014), die der Kinderärzte 2013 und der Gynäkologen und Chirurgen 1995 in aller Öffentlichkeit zu den Verbrechen vieler ihrer Mitglieder in der NS-Zeit bekannt.
Halten die zentralen Verbände von EKD und Diakonie bzw. Evangelischer Behindertenhilfe solche Bekenntnisse für überflüssig?
Warum äußert sich die Kirche öffentlich nur zu ihrer Schuld bei Kindesmisshandlungen in kirchlichen Heimen und Behinderteneinrichtungen (10a) der Nachkriegszeit, aber zu Zwangssterilisationen und Tötungen behinderter Menschen einige Jahre zuvor nicht?

In einem “Oldenburger Schuldbekenntnis” von 1945 heißt es „Wir haben uns abgewendet, wenn unserem Nächsten an Leib und Leben und an seiner Freiheit Schaden und Leid geschah. Darum erhob sich in unserem Land Gewalttat und Mord, wie es nun vor aller Welt offenbar ist.“
Der “Oldenburger Stachel” fragt dazu: “Auch dieser Formulierung fehlt es an Konkretisierung und dem erkennbaren Willen zur Umsetzung in die Tat. Denn was tat die Kirche für die Opfer des Naziterrors im Oldenburger Land, deren Zahl weit in die Tausende ging? Und in welchen Fällen bekannte sie ihr Stillhalten bei den Verbrechen gegen Menschlichkeit, Leib und Leben? Wo gar verlangte sie Untersuchungen oder setzte sie selbst in Gang?”(11)

Leitende Pfarrer haben in der NS-Zeit zwar protestiert, aber nicht in der Öffentlichkeit:
”… wenn Wurm oder andere evangelische Kirchenführer protestierten, es immer nur intern, auf dem Dienstweg geschah, daß sie also Briefe schrieben, die im Volk nie bekannt wurden. Es erfolgte auch kein einziges klärendes Kanzelwort. Auch die Bekennende Kirche konnte sich nicht entschließen: Auf der 9. Bekenntnissynode am 12. Oktober 1940 in Leipzig wurde lediglich beschlossen, ein theologisches Gutachten über die Euthanasie ausarbeiten zu lassen. (…) Vom mutigen Handeln einzelner Personen abgesehen blieben die Kirchen aber weitgehend stumm und nahmen die Euthanasie als unabwendbar hin. Ihre Haltung in dieser Frage darf als ein besonders dunkles Kapitel deutscher Kirchengeschichte betrachtet werden.“(12)

Die Rezeption Dietrich Bonhoeffers in der Nachkriegszeit und die  ablehnende Haltung der Kirche ihm gegenüber verweisen auf ihre problematische Einstellung zu einer politischen Betätigung von Christen überhaupt.(13) Sogar Bonhoeffer selbst sah ein “richtiges christliches Leben” als unvereinbar mit dem Widerstand gegen Hitler an. Auch nach dem Scheitern der nationalsozialistischen Regierung hat die evangelische Kirche lange gebraucht, diese Haltung zu revidieren.
Das kann natürlich nicht unabhängig von der allgemeinen politischen Situation in der damaligen BRD gesehen werden. So  lehnte man zwar eine politische Betätigung nicht generell ab, aber ein prinzipielles gesetzliches Recht auf Widerstand, als Recht jeden Bürgers gegenüber dem Staat war nicht konsensfähig.(14)

In einer von dem Bundesverband evangelischer Behinderteneinrichtungen (BeB) herausgegebenen Zeitschriftenreihe „Orientierung“ gab es 1993/94 ein Heft “erniedrigt, ermordet, verbrannt, verscharrt”, das aber vergriffen und trotz vielfältiger Bemühungen nicht zu finden ist.

1997 erhebt eine psychiatrieerfahrene Frau, die selber die Zwangssterilisierung in Bethel erlitten hatte, Dorothea Zerchin-Buck, schwere Vorwürfe wegen des Schweigens der Kirchenleitungen über ihre Verbrechen in der NS-Zeit in einem Brief an den Bevollmächtigten der EKD, Herrn Dr. theol. Klaus Engelhardt, – auch wegen ausbleibender Wiedergutmachungen.(15)
2011 schreibt sie erneut einen offenen Brief – an den Ratsvorsitzenden der EKD Nicolaus Schneider: „Ihnen und dem Bethel-Vorstand möchte ich einen ebenso offenen Umgang mit der NS-Vergangenheit vorschlagen wie der Präsident der DGPPN Professor Dr. Frank Schneider ihn in seiner beeindruckenden Berliner Gedenkveranstaltung am 26. November 2010 für die Psychiatrie einleitete und dazu die dpa zur öffentlichen Verbreitung hinzuzog“.(16)

Klaus Dörner spricht bei einem “Kirchentagsdialog” 2005 mit Jugendlichen über die kirchlichen Verfehlungen: “die erste Versammlung seit 1945 überhaupt (…), die in bundesweiter Öffentlichkeit dieser ausgegrenzten verfolgten Gruppe gedenken will”, und forderte sie auf, besser als seine eigene Generation aus diesen Verbrechen zu lernen. Es gab zum Kirchentag in Hannover eine Gedenkveranstaltung und eine Begleitausstellung “Psychiatrie im Dritten Reich in Niedersachsen”.

Berichte über diese zaghaften Versuche und Aufforderungen zur Auseinandersetzung findet man nicht etwa auf kirchlichen Internetseiten, sondern beim Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen.(17)
Auch in den Denkschriften und Orientierungshilfen der EKD, die bis heute erschienen sind, haben wir nichts dazu gefunden, so erfreulich „modern“ einige dieser Texte anmuten. Sie wenden sich beispielsweise gegen die “Genitalverstümmelung” (als ob die Kirche nicht im Glashaus säße!). (18)

Der BeB und der Diakonie Bundesverband haben sich dem sog. Kontaktgespräch Psychiatrie, ein Treffen 12 verschiedener Sozialverbände, angeschlossen  und 2012 deren Stellungnahme zur Behindertenrechtskonvention unterstützt.(19) Damit nimmt man eine behindertenfreundliche Position ein. Das Kontaktgespräch Psychiatrie hat im September 2013 das Begleitprogramm zur Gedenkveranstaltung für die Opfer von “Euthanasie” und Zwangssterilisation gestaltet.

Die Orientierungshilfe der EKD zur Familie von 2013 ist in ihrer Akzeptanz der Vielfalt von Formen familiären Zusammenlebens menschenfreundlich formuliert. Das blieb in kirchlichen Kreisen nicht unumstritten. Die “Kommentare” zu dieser Familien-Orientierungshilfe dokumentieren dementsprechend eine große Bandbreite von Meinungen in der Kirche, die sich in weiten Teilen auch deutlich von dem Text der Orientierungshilfe unterscheiden.(20)

Der Göttinger Theologieprofessor Reiner Anselm ist skeptisch: “Protestantisches Engagement ist durch das Streben nach umfassender Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Inklusion gekennzeichnet. Differenzen, gar Hierarchien oder Ausschlüsse werden mit äußerster Skepsis betrachtet. Im Bemühen aber, möglichst keinen auszugrenzen und allen ihren Platz zu ermöglichen, kommt es zu einer so ungekannten ‚Fundamentalliberalisierung‘ (Jürgen Habermas), in der nicht mehr Traditionen, Überzeugungen und vorgegebene Werturteile als Herausforderung und als Bedrohung der eigenen Freiheit wahrgenommen werden, sondern das Fehlen von Orientierungsmaßstäben, die unendlichen Möglichkeiten, aber auch die neuen Zwänge, sich zu entscheiden. Eine evangelische Ethik des Politischen wird die hier drohende neue Paradoxie in den Blick zu nehmen haben: Aus dem Bemühen umfassender Inklusion entsteht ein Kursverlust der Freiheit, der politisches Engagement überflüssig erscheinen und zugleich die Sehnsucht nach Orientierung wachsen lässt. Das darin liegende Bedürfnis gilt es aufzunehmen, ohne die gesellschaftliche Pluralisierung zurückdrehen zu wollen. Ein Spagat, der in den nächsten Jahren viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen dürfte.” (21)

Setzen wir dem eine positivere Äußerung aus den “Kommentaren” zur Familien-Orientierungshilfe der EKD entgegen: ”Wir könnten in der evangelischen Kirche den Weg bereiten: weg von der Integration, die Ausgrenzung voraussetzt, hin zur Inklusion; von der Wohlfahrt und Fürsorge zur Selbstbestimmung; vom Objekt zum Subjekt; von den Problemfällen der Gesellschaft zu gleichberechtigten Trägerinnen und Trägern der Menschenrechte. (…) Menschen sollen leben, wie es ihnen beliebt. Entscheidend sind für die Orientierungshilfe allerdings die Haltung und der Umgang miteinander in den jeweiligen Lebensformen. Sie fordert Liebe, Verlässlichkeit, Vertrauen, Fürsorge, Verantwortung. Ihren Kritikern und Kritikerinnen passt das nicht ins Feindbild.”

Soweit so gut.
Aber was geschieht mit Behinderten in kirchlichen Einrichtungen, wenn der Wind politisch mal wieder anders weht? Wird man dann auf die Zwei-Reiche-Lehre zurückgreifen können?

Dabei muss die Beschäftigung mit früheren Verfehlungen gar nicht so angstgeleitet sein. Christian Gaedt, als Leiter der Evangelischen Stiftung Neuerkerode, in der auch NS-Meldelisten ausgefüllt worden waren, warnt nachdrücklich vor dem generell großen Risiko für die Psychiatrie missbraucht zu werden für fachfremde, auch politische Zwecke. Er fordert in einem Vortrag die Thematisierung damaliger diakonischer Positionen: „Sie wissen, dass diese Vorstellungen genau wie der Nationalsozialismus als weitgehend überwunden gelten”, und erklärt dann, “warum ist es trotzdem wichtig (ist), sich heute mit dieser Frage auseinanderzusetzen?“(22)
Heute brauchen wir keine Meldelisten mehr: es sei nur auf die Möglichkeit umfassender Datenerhebung durch die neue Gesundheitskarte hingewiesen. Die öffentliche Aufarbeitung von Zwangssterilisation und NS-Tötungen könnte zu dem dringend erforderlichen kritischen Bewusstsein über Datenschutz beitragen.
“Die Überzeugung, daß die Gesellschaft in der internationalen Öffentlichkeit besser dasteht, wenn sie sich vorbehaltlos mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt, statt sie zu verschweigen, setzt sich erst in jüngster Zeit durch”, schreibt Carola Sachse 2001.(23)

Wir halten eine öffentliche Debatte für notwendig:

  • einen allgemein verständlichen Klärungsversuch des Verhältnisses der lutherischer Kirche zum Staat,
  • mit Diskussion über die Gültigkeit der “Zwei-Reiche-Lehre”
  • über die durchaus unterschiedlichen Vorstellungen vom Umgang mit behinderten Menschen, die sich damals hinter der „Staatstreue“ der kirchlich-diakonischen Mitarbeiter verbargen, und die sicher ähnlich bis heute fortbestehen – vor allem hinsichtlich Zwangssterilisation und Selbstbestimmung
  • und vielleicht sogar mit Aussagen der Kirchenleitung über ein Recht von Christen auf politischer Betätigung  und Widerstand
  • dabei wird das damalige Bemühen der Kirche um Neutralität kritisch hinterfragt werden müssen, ebenso wie die Meidung der Öffentlichkeit bei Protesten gegen das NS-Unrecht.

So kann der Wandlungsfähigkeit kirchlicher Positionen infolge des jeweiligen Zeitgeistes endlich etwas Substantielles entgegengesetzt werden. Die christliche Behindertenhilfe wird auf diese Weise glaubwürdiger und verlässlicher in der Menschlichkeit ihrer Einrichtungen.

Diese Debatte würde möglicherweise bewirken, dass Mitarbeiter in diakonischen Einrichtungen sich bewusster um Humanität bemühen, vor der Folie der real vor Augen stehenden furchtbaren Alternativen, nämlich wie man in der NS-Zeit mit behinderten Menschen umging: „Die Einsicht in Versagen und Schuld der Vergangenheit schärft das Gewissen“, so heißt es in anderem Zusammenhang in dem Leitbild der Diakonie.(25)
Humanes Verhalten würde somit nicht mehr als selbstverständlich unterstellt bei jedem, der sich “christlich” nennt.
Humanes Verhalten von Mitarbeitern würde vielleicht endlich auch als besondere Anstrengung anerkannt, um die man sich zu jedem Zeitpunkt neu bemühen muss, die zeitaufwändig zu erarbeiten und immer wieder zu hinterfragen ist.

Diese öffentliche Auseinandersetzung sollte dazu beitragen, die Abschottung diakonischer Einrichtungen weiter zu lockern und arbeitsrechtliche Nachteile aufzuheben.(26) Die Berufung der Diakonie auf die im Grundgesetz verankerte Autonomie der Kirchen – zusammen mit einer geforderten, aber unklaren christlichen Identität belasten nämlich die Mitarbeiter dieser Tendenzbetriebe erheblich.(27)
Es erstaunt immer wieder, dass die hier vorgeschlagene öffentliche Schuldanerkennung durch Diakonie und evangelische Behindertenhilfe zur Beteiligung an der NS-Euthanasie nicht häufiger thematisiert wird. Die Diakonie erfreut sich – so scheint es – immer noch in der Bevölkerung eines untadeligen Rufes: weil sie Erwartungen und Bedürfnissen der Bevölkerung nach einer besonderen Autorität – mit dem ganz kurzen Draht nach oben – nicht widerspricht?(28) Um so wichtiger, sich endlich ehrlich als fehlbar (und bei Gelegenheit gefährlich) zu outen.

In der Praxis der diakonischen Arbeit mit Menschen, die Unterstützungsbedarf haben,  gibt es heute sehr unterschiedliche Auffassungen bei den verantwortlichen Leitern der Diakonischen Werke vor Ort. Sie sind primär durch persönliche Wertorientierungen der jeweiligen Persönlichkeiten bestimmt. Da jedes lokale Diakonische Werk rechtlich unabhängig ist von der Kirche und von der Bundes-Diakonie, ist eine direkte Einflussnahme schwierig.  
Eine öffentliche Debatte über den Umgang mit Behinderung, der sich keiner entziehen kann, könnte dabei hilfreich sein Die Medien würden die Argumente bis in den letzten Winkel der Republik tragen: alle möglichen Positionen (auch die – und vielleicht sogar in erster Linie – aus der Zeit des Nationalsozialismus) zum Umgang mit Menschen mit Einschränkungen – besonders in ihren praktischen Konsequenzen – könnten allgemein bewusst werden und zur Diskussion stehen.

Der Verdacht, in der Diakonie werde “Gutmenschentum” geheuchelt, würde hinfällig. Der könnte allerdings aufkommen angesichts der Tatsache, dass sogar die Psychiatrieerfahrenen, die 2009 “8 Forderungen, wie mit der Erinnerung an die Opfer des systematischen ärztlichen Massenmordens von 1939 bis 1949 und den Tätern umgegangen werden sollte”(29) aufstellten, die kirchlichen Täter nicht einmal erwähnen.
Auch in der Wander-Ausstellung „erfasst, erfolgt, vernichtet“ im Jahr 2014 werden u.E. Kirchen und Diakonie geschont.(30) Bei dem neuen T4 Mahnmal zur “Euthanasie” in Berlin ist von kirchlich-diakonischem Versagen kaum die Rede.

Trotzdem und um so mehr: Die evangelisch-lutherische Kirche muss ihre häufig beschworene „Verantwortlichkeit“ genauer erläutern, damit niemand in ihren Einrichtungen Angst haben muss. Immerhin erklärte sie, „es bestünde ’nicht nur ein Recht, sondern sogar eine sittliche Pflicht zur Sterilisierung aus Nächstenliebe und der Verantwortung, die uns nicht nur für die gewordenen, sondern auch für die kommenden Geschlechter auferlegt ist.'“ (31)

Das war in der NS-Zeit.
Im April 2015 geht es auf einer Tagung des Bundesverbandes evangelischer Behindertenhilfe wieder um „Verantwortung“.(32)
Ch. Kruse

bitte beachten Sie die Kurzinfo zur „Zwei Reiche Lehre“ nach den Anmerkungen.

Anmerkungen
1
300 000 Menschen mit besonderen Belastungen getötet.

2 s. E. KLEE, Die SA Jesu Christi, a.a.O., S. 180 ff,
s. auch http://www.theologe.de/euthanasie.htm.
Andere Quellen sprechen von 1238 Getöteten. http://www.dasdenkmaldergrauenbusse.de/images/stories/NEUENDETTELSAU/infoschild_neuendettelsau_RZ.pdf
Zu dem unten erwähnte Abteilungsleiter Ratz s. auch der EREPRO-Artikel 
http://www.erepro.de/2014/05/12/300-000-menschen-mit-besonderen-belastungen-getotet/
s. Kurzinfo zur „Zwei Reiche Lehre“ nach diesen Anmerkungen

3 Max W. Richardt, 2013, Abiturwissen Evangelische Religion: Kompetent evangelisch im Abitur
s. auch Kurzinfo „Zwei-Reiche(/Regimenter)-Lehre“ von A. Tuitjebült nach diesen Anmerkungen

4 In:  Max W. Richardt, 2013, a.a.O., S. 167
s. auch http://images.buch.de/leseproben/9783786343028.pdf

5 Herausgeber der Reichsorganisationsleiter der NSDAP, August 1937, 4. Jahrgang,  8. Folge, 1937 S. 312 „Staat und evangelische Kirche im neunzehnten Jahrhundert.“

6 „’Das Darmstädter Wort’ ist vor dem Hintergrund der sich 1947 abzeichnenden Restauration in Kirche und Gesellschaft und dem beginnenden Kalten Krieg zu sehen. Es steht in der Kontinuität zweier vorangegangene Schuldbekenntnisse des Bruderrats (Exekutivorgan und oberste Instanz der EKD, d. A.).  Die Barmer Theologische Erklärung von 1934 wurde zur theologischen Grundlage für den Kampf gegen die Weltanschauung und die Einflussnahme des NS-Staates auf die Kirche; sie diente zugleich der Abgrenzung (der Bekennenden Kirche, der vorwiegend reformierte Christen angehörten, d.A.) gegenüber den staatstreuen ‚Deutschen Christen‘. (Hauptverfasser sind Karl Barth und Hans-Joachim Iwand, d.A.)“ Torben Fischer und Matthias Lorenz Hrsg., 2009, Lexikon der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945, 2009, S. 39

7 http://www.ekd.de/glauben/abc/stuttgarter_schulderklaerung.html

8 Torben Fischer und Matthias Lorenz Hrsg., 2009, Lexikon der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945, 2009, S. 40

9 http://www.diakonie.de/20-jahrhundert-9114.html

10 Kaminsky, Uwe, Eugenik, Zwangssterilisation und „Euthanasie“, o.J. http://www.diakonie.de/eugenik-zwangssterilisation-und-euthanasie-9226.html

10a s. TAZ 4.2.2014 Mittel aus Fond Heimerziehung West reichen nicht.

11 http://www.stachel.de/00.09/9LKH.html   

12 http://www.lpb-bw.de/publikationen/euthana/euthana19.htm

13 s. FR 7.4.2005 Karl Martin, Die Wendung des Christentums zum Zeitgenossen. Dietrich Bonhoeffer entschloss sich “kein Heiliger” zu werden, sondern dem NS Staat Widerstand zu leisten.

14 Das zeigt der Versuch des Staatsanwalts Fritz Bauer, der seit 1952 bis in die sechziger Jahre ein solches Widerstandsrecht einzuführen versuchte – zumindest ein passives.
s. FR 20.7.1998 Claudia Ahrens, Der 20. Juli kommt vor Gericht, Der Remer-Prozess und Fritz Bauers Kampf um eine neue politische Kultur in Deutschland.

15 Dorothea S. Buck-Zerchin, Brief an den Bevollmächtigten der EKD, Herrn Dr. theol. Klaus Engelhardt, 9.2.1997

16 http://www.bpe-online.de/. Lesen Sie hier den offenen Brief.

17 Rundbrief des Bundesverbandes der Psychiatrieerfahrenen 3/2005

18 http://www.ekd.de/EKD-Texte/42888.html

19 http://www.psychiatrie.de/fileadmin/redakteure/dgsp/Texte__Anmeldecoupons_als_PDF/Kontaktgespraech_Psychiatrie_Stellungnahme_zur_UN-Konvention.pdf

20 http://www.ekd.de/download/dokumentation_debatte_orientierungshilfe_ehe_familie.pdf

21 http://www.ekd.de/reformation-und-politik/reformation/staat_und_protestantismus.html

22 Geistige Behinderung und psychische Störungen, Vorlesung 1994/95, Medizinische Hochschule Hannover. S. 12.

23 Ärzte Zeitung, Interview, 7. Juni 2001, zitiert nach Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Hallervorden

24 http://www.diakonie.de/diakonie-in-der-ns-zeit-9224.html
zum Thema Selbstbestimmung s. hilfe Blätter von EREPRO Nr. 14, Wer kann selbstbestimmen? 

25 http://www.diakonie.de/media/Leitbild.pdf

26 s. Brüning, F., Anspruch und Wirklichkeit, SZ 25.10.2011, S. 35

27 s. Diakonie: Kirche – Sozialverband – Unternehmen. Korrespondenzblatt Nr. 3 März 2002

28 unsere Erfahrung nach Jahrzehnten diakonischer Arbeit

29 http://www.zwangspsychiatrie.de/?s=8+forderungen

30 s. http://www.erepro.de/2014/05/

31 „Der Wert des Menschen und die Bewertung menschlichen Lebens von 1914 bis 1934 – Welche Rolle spielt der Erste Weltkrieg?“ – Susanne Doetz, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité- Universitätsmedizin Berlin
http://www.der-paritaetische.de/fachinfos/artikel/news/gedenkveranstaltung-psychiatrieverbaende/

32 “Verantwortung in der Region übernehmen – Soziale Psychiatrie in Zeiten von Umbrüchen.”
http://www.beb-ev.de/inhalt/verantwortung-in-der-region-uebernehmen/

________________________________________________________________________________

 

Kurzinfo zur Zwei Reiche(/Regimenter) Lehre

von A.Tuitjebült,Theologe

Luthers Welt- und Gesellschaftsbild ist mittelalterlich geprägt:

Gottes Reich und das Reich des Teufels (die Macht des Bösen) kämpfen gegeneinander und der Teufel versucht die Menschen, Gottes Geschöpfe, von ihrem Schöpfer abzubringen, so dass sie sich und ihre Schöpfung zerstören.

 In diesem dualistischen  Kampf verfügt Gott über zwei Regimenter:

1. Das geistliche Regiment Gottes
Es kämpft zum Schutz gegen die Macht des Bösen in geistlicher Hinsicht.
Seine Waffen:Verkündigung des Wortes, Evangelium (Kirche) und Gesetz Gottes.

2. Das weltliche Regiment Gottes
Es schützt gegen die Macht des Bösen in leiblicher Hinsicht und bewahrt vor Bedrohungen der äußeren Welt (staatliche Anordnungen der Obrigkeit sind genauso gottgewollt wie die kirchliche Verkündigung).

Beide Regimenter sind von Gott eingesetzt und streng zu trennen.

 

Luther reflektiert hiermit die früheren negativen Erfahrungen der Einheit von staatlicher und religiöser Macht. Für Luther war die Formulierung dieser beiden getrennten  Regimenter im Kampf gegen den Bösen eher unproblematisch, weil sich die damalige Obrigkeit, die Landesherren und Landesfürsten, zum Christ-Sein bekannten.

Es ist problematisch und wissenschaftlich unredlich, wenn heute diese, im damaligen historischen Kontext evtl. stringente Theorie, die späteren Veränderungen im „weltlichen Regiment“ ignoriert: 

  • den dem Christentum gegenüber feindlichen Staat
  • den demokratischen, weltanschaulich neutralen Staat
  • den Staat, der Menschenrechte verletzt


Karl Barth
(evangelisch-reformiert) sieht das Problem der Zwei Reiche(/Regimenter) Lehre darin, dass man nicht versäumen darf, das „weltliche Regiment“ daran zu messen, welchen Beitrag es bringt, die menschliche Gemeinschaft durch Vermittlung von Frieden und Recht  so zu gestalten, dass sie sich der „Königsherrschaft Christi“  annähert und so seinen Beitrag zur Erlösung und Befreiung der Menschen aus Zwängen bewirken kann.

In diesem Sinne hat die Kirche ein „Wächteramt“, wenn die Menschenwürde und die Menschenrechte massiv bedroht sind. (Vgl. Barmer Bekenntnis, 1934, u.a. initiiert von Karl Barth)
 

Vgl. Lit.: Martin Luther, Von weltlicher Obrigkeit. 1523
Karl Barth, Christengemeinde und Bürgergemeinde. 1946

Ich wurde in der NS-Zeit zwangssterilisiert.

Eine Leserin stellte uns die Broschüre „Ich klage an“ zur Verfügung, die vom Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten e.V. 1987 herausgegeben und 1997 ergänzt wurde. Sie enthält „Tatsachen- und Erlebnisberichte der ‚Euthanasie‘-Geschädigten und Zwangssterilisierten in der Zeit des Nationalsozialismus. Alle Berichte beruhen auf Tatsachen, wie die Herausgeberin Klara Nowak versichert. 

Wir haben hier einen der Berichte (S. 18f) mit dem Titel „Schizophrenie“ kopiert. 
Sie können den Text vergrößern mithilfe der Tasten Strg +.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Psychiatrie trifft auf Kunst: Variationen über Wirklichkeit

Es gibt ein Gefühl der Unsicherheit gegenüber der Wirklichkeit. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass gleich zwei große Projekte in Berlin versuchen sich dem Phänomen zu nähern?
Im Theater HAU in Berlin stand 2013 im Programm „Phantasma der Wirklichkeit“. Intellektuelle, Künstler und Soziologen trafen sich unter diesem Motto mehrfach und diskutierten mit dem Theaterpublikum.
Außerdem läuft in der Hauptstadt eine Ausstellung der Akademie der Künste: „Schwindel der Wirklichkeit“. Sie war ein Jahr lang mit wöchentlichen Veranstaltungen und Diskussionen gemeinsam mit dem Publikum vorbereitet worden.
Sporadisch konnten wir von EREPRO daran teilnehmen, und haben uns dabei dann überrascht gefragt: Ist das nicht auch unser Thema in der Psychiatrie – auch im Doppelsinne des Scharnier-Wortes „Schwindel“ (einerseits als Irreführung und andererseits als Taumel) der Wirklichkeit? Aber von Psychiatrie war in den vorbereitenden Veranstaltungen keine Rede.

Hat die Psychiatrie mit der Diskussion über Wirklichkeit und Kunst nichts zu tun?
Wir haben nachgefragt. Hier ist der E-Mail Austausch mit der Akademie der Künste (AdK) in Berlin:
11.3.13 EREPRO:
Ich frage mich, ob Sie in Ihrem „Vorbereitungsbüro“ für die Ausstellung „Schwindel der Wirklichkeit“ im Herbst auch Kunst von Menschen vorgesehen haben, die Ihrem erklärten Ziel der „Durchlässigkeit“ zu nahe gekommen sind, und dabei die Kontrolle über ihr Leben verloren haben. Häufig bekommen sie durch ihre Kunst die Wirklichkeit wieder in den Blick. Viele schaffen es aber nicht. Ihre Kunst beeindruckt uns am meisten vor der Desintegration ihrer Persönlichkeit.
Findet die Nähe Ihres Themas zur Frage „Kunst und Psychiatrie“ Berücksichtigung? Nur zwei Beispiele: Paul Celan und van Gogh. Jedenfalls ist für Künstler mit Erfahrung in der Psychiatrie ein Schwindel der Wirklichkeit oft schöne, aber auch bittere Realität, zu deren Darstellung ihre Kunst jedenfalls etwas beiträgt.
16.3.14 AdK, Manos Tsangaris:
Dank für Ihre Mail, die um ein paar Ecken bei mir ankam.
Sie haben völlig Recht. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt, nicht nur was sehr bekannte bis populäre Fälle wie Paul Celan und Vincenth van Gogh angeht, sondern auch die unzähligen Menschen, denen der Boden unter den Füßen wegrutscht, was sie als „bittere Realität“ bezeichnen.
Jetzt denken wir darüber nach, in welcher Form wir uns diesem Aspekt des Themas nähern sollten und könnten.
Ich bin seit vielen Jahren gut bekannt mit einigen Leuten, die im Zusammenhang der Heidelberger Prinzhorn-Sammlung arbeiten und forschen.
Da sehe ich evtl. einen Ansatz. Oder … was würden Sie vorschlagen?
NB: Durchlässigkeit geht vielleicht nur dann, wenn überhaupt etwas da ist (oder immer wieder neu entsteht) durch das hindurch sie geschieht. Sonst fliegen wir ja auseinander.
24. 3.14  EREPRO:
Es freut mich, dass Sie die Anregung aufgreifen und die Psychiatrie in der geplanten Ausstellung noch Beachtung finden soll. Ich selber bin keine Spezialistin für das Thema, obwohl es mich interessiert. Ich habe mich etwas umgehört und schicke Ihnen einige Informationen. Viel habe ich nicht gefunden.
Thomas Röske (Leiter der Prinzhorn Sammlung) ist, wie Sie sagen, ein wichtiger Ansprechpartner. Er wird immer wieder genannt.
Die Wanderausstellung „Zeige Deine Wunde“ der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Evers-Meier, an der Ch. Schlingensief und Klaus Staeck beteiligt waren – aus dem Jahr 2006 – ist Ihnen sicher bekannt. 
Die Berliner Galerie „Art crue“ hat letztes Jahr Werke von Jutta Jentges (geb. 1961) ausgestellt, eine ausgebildete Künstlerin. Im Katalog der Ausstellung sind Äußerungen von Jentges über Ihre Arbeit kurz zitiert. Aufschlussreicher ist ein Film von Arte über ihre Kunst: Arte Themenabend „Wahnsinnsfrauen“, 2000. https://www.facebook.com/media/set/?set=a.564606030242950.1073741829.256391511064405&type=1
http://www.neues-deutschland.de/artikel/835903.die-malerische-erforschung-des-inneren.html?action=print

Einige kurze Notizen zum Thema Psychiatrie im Kontext des Themas „Schwindel der Wirklichkeit“.
Bei Menschen in besonders schwierigen psychischen Situationen besteht die Integrationsleistung ihrer Kunst darin, Chiffren und Symbole zu schaffen, und erlebte Bedrohungen und Ängste mitzuteilen und dadurch zu bewältigen.
„Die Vollkommenheit des Unvollkommenen fasziniert Jutta Jentges…“ hieß es in der Ausstellungseinladung der Galerie „Art crue“. Jentgens will „das Uewusste zu Wort kommen lassen“. Man könnte sagen, dass es  „in dieser Kunst darum (geht), die ‚Vernunft zu erobern‘. Dem ‚Abgrund der Unvernunft‘ (…) muss jede Kultur einen Status verleihen, indem sie ihn entsprechend aufnimmt und umwandelt, damit das Leben stattfinden kann. Ein solcher Status wird sozial konstruiert, er impliziert die ästhetische Vermittlung“ (P. Legendre, Über die Gesellschaft als Text. 2012, S. 111).
Dabei gilt es besonders für Künstler, die mit schweren seelischen Verletzungen und Kränkungen sowie mit zu großer seelischer „Durchlässigkeit“ fertig werden müssen, zu beachten: „Wer nur auf sich selber zählt“ und „gegen die Menschen lebt, ist zum Untergang verurteilt. Er betritt die abschüssige Bahn des Mutwillens, und indem er sich aus der Ordnung der Gemeinschaft stürzt, stürzt er sich unvermeidlich aus dem Leben selbst. Auch wenn er einen ungerechten Beschluss der Gruppe bekämpft, darf der Mensch sich nicht von ihr ausschließen.“ (Starobinski, J., Besessenheit und Exorzismus. 1978. Über die Tragödie von Sophokles‘ „Ajax“)
Über die somit  persönlich und sozial integrative Funktion dieser Kunst im Umgang mit dem Chaos und der „tierischen Raserei“ in der Natur des Menschen, können für den Betrachter Grenzen der Zuträglichkeit von „Durchlässigkeit“ erlebbar und ein „Schwindel der Wirklichkeit“ vermittelt werden. In einer Grafik von Dieter Kühn, die ich Ihnen evt. zur Verfügung stellen könnte, wird das sehr deutlich.
Durch Respektieren der „‚repressiven‘ Regeln, die die Humanität des Menschen ausmachen“ (Starobinski S. 35) können diese Künstler versuchen, sich selbst wieder in den Griff bekommen.  Für Heike Schulz (Wohlgemuth-Archiv  Bayreuth) zeigt sich das am Beispiel von Hildegard Wohlgemuth in klaren Linien, in einer eher zweidimensionalen Darstellung und strengen Konturen, die sich auflösen bei Kunstwerken, die in psychotischen Phasen entstanden. Sie schreibt: „Die Konturen geben Halt, schaffen Distanz und Kontrolle über eine im Wortsinne „verrückte“ Erlebniswelt, der die Malerin bisher hilflos ausgeliefert war“. (In „Hildegard Wohlgemuth und ihre Kunst“, demnächst veröffentlicht auf unserer Homepage www.erepro.de.)
17.4.14 AdK, Manos Tsangaris:

Vielen Dank für Ihre ausführliche und informative Mail!
Ich antworte erst jetzt, weil ich erst einmal ein Operchen zu Ende schreiben musste und von den Menschen weggeschlossen war.
Es geht, was meinen Teil betrifft, weniger um die Ausstellung (*closed circuits*) zum Schwindel der Wirklichkeit – die wird von der Sektion Bildende Kunst kuratiert – sondern mehr ums so genannte Metabolische Büro zur Reparatur von Wirklichkeit.  Und hierbei halte ich es für unbedingt geboten, Wirklichkeitsfragen auch in dem Sinne und unter den Gesichtspunkten anzusprechen, wie Sie es aufzeigen. Auch ich bin kein Fachmann darin, aber bezüglich Prinzhorn kenne ich mich ein wenig aus, weil ich vor ca. 25 Jahren ein Stück mit Texten von Hyazinth Freiherr von Wieser geschrieben habe.
Wenn Sie unsere Arbeit ein bisschen verfolgen, hoffe ich, dass Sie auch dabei sein werden, wenns ans Metabolische geht.
Es folgte am 30.10.14  eine Mail mit einem Veranstaltungshinweis von der AdK, Manos Tsangaris:
Kolumba zu Gast im Metabolischen Büro.
Nächste Woche, vom 4.-8.11., wird Kolumba, das Kölner Kunstmuseum, im Metabolischen Büro zur Reparatur von Wirklichkeit in der Akademie der Künste Berlin am Hanseatenweg zu Gast sein (täglich 11-19 Uhr).
Dies bietet die Möglichkeit, einen Ausschnitt der vielfältigen Museumsformate zu diskutieren und sich mit eigenen Fragen einzubringen. Dazu wird Kolumba mit Werken der eigenen Sammlung u.a. von Kurt Benning, Thomas Böing, Felix Droese, Olaf Eggers und Thomas Rentmeister anreisen (…) www.schwindelderwirklichkeit.de.

Der hier genannte Felix Droese setzte Erfahrungen während seines Zivildienstes in einer psychiatrischen Klinik Anfang der siebziger Jahren (vor der Psychiatriereform!) um in den graphischen Zyklus „Grafenberg – die Welt hinter der Welt“ (Fotos/ Filme)1. Manos Tsangaris hat mit Stefan Kraus im Metabolischen Büro dazu ein Gespräch geführt  unter dem Motto „Warum bin ich hier? –  ein Gastspiel aus der Rheinprovinz.2 Wir von EREPRO bedauern, an diesem Beitrag des Metabolischen Büros zur psychiatrischen Thematik nicht teilgenommen zu haben, da keiner von EREPRO in Berlin sein konnte.

Worum geht es?
Die Akademie der Künste will mit dem Gesamtangebot Ausstellung“Schwindel der Wirklichkeit“ und „Metabolisches Büro zur Reparatur der Wirklichkeit“ „Navigationshilfe für das intellektuelle und emotionale Erfassen der Welt“ anbieten! „Die tief greifenden Veränderungen der Kunstpraxis durch die Neuen Medien, insbesondere durch die Digitalisierung“, heißt es weiter auf der Internetseite, „haben zu immer neuen Strategien geführt, in und mit den Künsten Wirklichkeit zu konstruieren oder zu dekonstruieren, um im Sinne einer kritischen Reflexion einen Beitrag zur Aufklärung und zum Widerstand zu leisten.“3
Große Worte.
Die Frage nach der „Wirklichkeit“ beschäftigt auch die Psychiatrie – notgedrungen. Wie oft stehen wir Mitarbeiter vor dem Dilemma nicht zu wissen, was ist Wahn, und was ist Wirklichkeit – besonders bei Menschen mit der Diagnose Verfolgungswahn (Paranoia).
Kurz ein Beispiel aus der Praxis: der Schwindel hat uns gepackt, als sich die Frage stellte, ist es möglich, ist es real, dass die CIA eine kurdische Mutter Aiza Cetik (geänderter Name) beobachtet, deren Ehemann in Deutschland im Gefängnis sitzt, und sie Angst haben muss, ihr Kind könne auf dem Schulweg entführt werden? Wer will beurteilen, ob das der Wirklichkeit entspricht! Diagnostizierende Psychiater haben Aizas Ängste für “nicht real” erklärt, deren Ursache nicht wirklich ernst genommen und sie damit den psychisch Kranken zugeordnet. Das ging so weit, dass das Jugendamt ihr Kind in einem weit entfernten Heim unterbrachte.
Wir, Mitarbeiter in der ambulanten Sozialpsychiatrie, haben die Frage „Wahn oder Wirklichkeit“ offen gelassen und uns um Aiza gekümmert, da sie offensichtlich Unterstützung benötigte. Und wir sorgten dafür, dass der Kontakt zwischen Mutter und Tochter bestehen bleiben konnte.
Woher hat die Psychiatrie die Autorität, Wirklichkeit in der Weise festzulegen? Die Macht dazu hat sie offensichtlich.

Ergänzend oder parallel zur Ausstellung „Schwindel der Wirklichkeit“ der AdK gibt es also das „Metabolische Büro zur Reparatur von Wirklichkeit“ unter Leitung des Komponisten Manos Tsangaris. „Reparatur, wegen der Vorstellung irgendwas funktioniert nicht mehr.“ Man will sich darum kümmern, dass es wieder funktioniert. „Wir können nur in einer Wirklichkeit reparieren“. Das ist einer der wichtigsten Sätze.
Das Büro organisiert u.a. Workshops dazu. Wir haben an einem Workshop teilgenommen.
Um der Vorstellungswelt des Komponisten Manos Tsangaris vom „Metabolische Büro zur Reparatur der Wirklichkeit“ bei der Ausstellung „Schwindel der Wirklichkeit“ etwas näher zu kommen, zitieren wir aus einem seiner Werke „Poesie in Bewegung“ (einige Worte und Sätze aus dem Zusammenhang gerissen): “unfinshed”, “das Unfertige durchlassen”, “selber durchlässig sein und nicht diese völlig fertige abgepackte überall gegenwärtige Undurchlässigkeit das abgesicherte wasserdichte völlig fertige gefinishte und Schluss?“ “Im Gewerke wirken alle Meisterhaftigkeiten lächerlich und öde fertig angesichts des Werdens”. Natürlich muss man den Text hier im Ganzen lesen.

Ganz pragmatisch und nah an der Wirklichkeit
Ein mehrere Disziplinen übergreifender Master -Studiengang  an der Züricher Hochschule der Künste „spannt einen Raum auf für andere künstlerische Fächer, aber auch für kunstfernere Bereiche wie ‚Naturwissenschaften, Ökonomie‘ „. Warum nicht auch für Psychiatrie, Psychotherapie?
Spielen wir es doch einmal durch: anstelle von „Kunstwerk“ werden wir (psychiatrisch/therapeutisches) „Gespräch“ einzusetzen und prüfen, ob sich auch dafür ein Reparaturbedarf ergibt. Die Wirklichkeit unserer (Gesprächs-)Situation wird sich wie unter einem Vergrösserungsglas (http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg) zeigen. Vielleicht wird unsere Wahrnehmung des Gesprächs und damit unserer Arbeitssituation in der Psychiatrie tatsächlich geschärft. Wir haben diese Übertragung auf das psychiatrische Gespräch erst nachträglich vorgenommen und während des Workshops im  „Metabolischen Büro zur Reparatur von Wirklichkeit“ nicht zur Debatte gestellt.
„Metabolisch“ bedeutet, man beschäftigt sich mit dem Verarbeitungs-, dem Verdauungsprozess. (Metabolismus=Stoffwechsel). Dieser spielt für die Aneignung von Wirklichkeit eine große Rolle. Wie hat man sich diese „Verdauung“ vorzustellen? Es gibt keine fertige Antworten, man sollte sich dem Prozess überlassen.
Wir bleiben in dem Workshop auf der praktischen Ebene. Tsangaris formuliert in einem Interview im Katalog „Schwindel der Wirklichkeit“ die Frage: „Wie kann man mit ganz einfachen Mitteln die Räume so gestalten, dass neue Wirklichkeiten entstehen, phänomenologische Untersuchungen von Grundsituationen. Was ist ein Mensch in einem Raum mit einem anderen Menschen ihm gegenüber …“
http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg: Ganz unser Thema in der Psychiatrie! So können wir uns der Befragung anschließen.

Aushänge im Worshop

  

Es sind „15 Studierende und Lehrende, die in der Werkstatt mit Wirklichkeit arbeiten. Die   Studierenden haben sich in drei Gruppen aufgeteilt.
Die 1. Gruppe macht ‚Wirklichkeitsaufnahmen‘ aus verschiedenen Perspektiven, bzw. sie produziert solche Aufnahmen im Rahmen kleiner Versuchsanordnungen.
Diese Aufnahmen werden dann der zweiten Gruppe ins Büro geliefert und dort als ‚Rohmaterial‘ möglicherweise zweckentfremdet, neu behandelt, kombiniert und komponiert.
Daraus entsteht der Versuch, eine gemeinsame Wirklichkeit zu erzeugen und zu verhandeln als work in progress – es geht um die Prozesse einer  gemeinsamen Verarbeitung eher als um die Herstellung eines fertigen Produkts.“

Hier folgen nun Bemerkungen, in denen wir nachträglich ein (fiktives) Zusammentreffen von Psychiatrie und Kunst arrangieren. Wir haben einige selbst protokollierte Aussagen und Untersuchungssituationen im Fortgang dieses Workshops hergenommen (zum Teil auch Zitate aus dem Katalog „Schwindel der Wirklichkeit“ und von www.schwindelderwirklichkeit.de), um wie in einem Vergrößerungsglas das psychiatrische Gespräch besser zu erkennen.

  1. „Es geht um eine Anleitung zu ‚undiszipliniertem‘ (= Disziplinen übergreifendem) Denken und Vorgehen.“
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg : Das wäre für die Psychiatrie eine ungewohnte Zielsetzung. Da sie sich grundsätzlich um ganz eigene, feste Standards, Festlegung methodischer Verfahren, Prinzipien und Leitlinien bemüht – und versucht, sich damit als seriös und professionell zu beweisen. Ein  ziemlich entgegengesetztes Vorhaben, denn auch bei lebendigem, flexiblen Kontakt im Gespräch mit Hilfesuchenden setzt diese eher dogmatische Grundausrichtung der Kreativität Grenzen und verursacht Fachkräften die „undiszipliniert“ vorgehen, schnell ein schlechtes Gewissen.

  1. Die Züricher wollen sich „in Kontexte vorwagen, in denen (das) Selbstverständnis (der Kunst) auf dem Spiel steht.“
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg : Aus Sicht der Psychiatrie wird das Ziel des Vorgehens so immer abenteuerlicher! Können wir es uns leisten, unser Selbstverständnis in Frage zu stellen? Die Psychiatrie  – eine nicht unumstrittene Disziplin – versucht nämlich im Gegenteil ihren Ruf (besonders als Naturwissenschaft) mit allen Mitteln zu festigen.

  1. „Was lebt und tut ist zu vielfältig dimensioniert, um sich in Schubladen zu fügen. Was aber bedeutet das für die Kunst“, wenn man in dieser Ausstellung und indem Metabolischen Büro „neue Versuchsanordnungen erstellt, in denen sich das Individuum mit seiner Wahrnehmung oder seinen Vorstellungen von Wirklichkeit in Frage gestellt sieht und sich immer neu bestimmen muss?“
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg: „Was lebt und tut“ ist auch unser Metier. Wir aber pflegen Vielfältigkeit und neue Dimensionen zu kappen durch psychiatrische Diagnose-Schubladen. Was würde sich ändern, wenn wir mehr Vielfältigkeit zuließen und Differenz positiver sehen würden?
    Eigentlich ist ja in vielen therapeutischen Situationen eine “Neubestimmung des Individuums” auch unser Ziel, oder geht es doch viel mehr um das Definieren der Individualität des Klienten als abweichend und seine Verpflichtung auf vorgefertigte Bilder von “Normalität”? Es ist eine Gratwanderung für die Mitarbeiter in der Psychiatrie: einerseits kreative Unterstützung von Menschen bei der Suche nach ihrer Identität im Bemühen um Wiedererkennbarkeit im Kontakt mit Anderen, andererseits deren Fremdbestimmung insofern, dass vermittelt wird, wie eine in die Gemeinschaft integrierte Individualität auszusehen hat. Leider neigt die Psychiatrie oft mehr zu Letzterem.

  1. Jetzt zum Ablauf des Workshops. Alle sind auf Beobachterposten. Manos Tsangaris leitet den Prozess durch Nachfragen. Lehrende und Studenten beschreiben konzentriert und sehr detailliert einen Vorgang, der schließlich (Tage später) in einem Kunstwerk gipfeln wird. Dabei kommt es exemplarisch auf das Verfahren an.
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg: Hätten wir je die Muße für eine so genaue Beobachtung der Vorgänge bei einem therapeutischen  Gespräch? Sollten wir? Ist uns das Verfahren gegenüber dem Ergebnis wichtig genug?

  1. Zunächst wird die Frage nach den Gegenständen gestellt. Wer hat was aus welchen Gründen gesammelt?
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg: Auch wir fragen uns, aus welchem Grund wir einen Gesprächsgegenstand gewählt haben. In erster Linie ist das Problem des Hilfesuchenden unser Gegenstand. Woher haben wir ihn? Übernehmen wir das Problem  einfach von ihm, oder interpretieren wir: welches Problem hat er „wirklich“? Könnten wir den Kontext beschreiben, den Ort, wo er gefunden wurde? Was wissen wir über seine Geschichte?
     Wir können Leute, die mit dem Klienten zu tun haben oder hatten, befragen und würden so ein vielfältiges, oft schillerndes Bild des Gegenstandes „Problem“ erhalten, ergänzt durch die Recherche des Kontextes und der Geschichte.
    Aber wer geht so vor?

  1. Verschiedene Gegenstände werden im weiteren Verlauf kombiniert. Man lässt die Kombination auf sich wirken.  Das geht nur, wenn zunächst alles gleichrangig zugelassen wird, um gleichzeitig zu selektieren. „Verschiedene Wahrnehmungen schaffen eine neue Wirklichkeit“.
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg:  An dem Punkt zögern wir wieder. Wie können wir „alles zulassen“ angesichts der vorgefundenen, meist riesigen Schwierigkeiten des Klienten, dem Anlass des Gesprächs? Sind wir nicht zu einer schnellen Änderung verpflichtet?
    Effizienz- und Leistungsdruck verhindern häufig das Kombinieren des Gegenstandes “Problem des Hilfesuchenden” mit anderem. Zum Beispiel mit Themen wie „besondere Fähigkeiten“ und „Hobbys und Vorlieben“ und verhindern eine neue Wahrnehmung des Klienten.

  1. Wir lernen in dem Workshop, die Gegenstände, die wir beschreiben, haben immer einen narrativen Aspekt, ohne den ein Bild der Wirklichkeit nicht denkbar ist. Diese Interaktion ist wesentlich. Es geht um den sozialen Aspekt von Wirklichkeit durch das “Mit-teilen”. „Durch Wahrnehmung wird der Rest der Welt isoliert“: „Der Mensch funktioniert einfach so beim  Schritte machen“. „Im Metabolischen Büro wird (…) an solchen Verschaltungen gearbeitet, in Bezug gesetzt zu einer Wirklichkeit, die täglich vor unseren Füßen liegt – und, wo sie nicht schubladisiert ist, ausgeprägten Schwindel provozieren mag.“
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg : Wahrnehmungspsychologisches Wissen, das uns in der Psychiatrie natürlich auch bekannt sein sollte, und nicht ignoriert werden kann, und seien die zu lösenden praktischen Schwierigkeiten  noch so dringend.
    Aber bei welcher Gelegenheit beschäftigen wir uns damit? Denken wir in der Alltags-Routine noch daran, Klienten ausreichend Gelegenheiten zum interaktiven Erzählen zu bieten und damit zur Stabilisierung ihrer Wahrnehmungen, um Desorientierung und Angst zu vermeiden?

  1. Damit sind wir im Workshop schon beim „Verdauungsprozess“ angelangt. Stichworte: Verständigung durch Sprache, Mentalisierung, Protokolle, Etikettieren von Dingen, Bezeichnungen, Verabredungen. Ein ständiger Prozess.
    Wie geschieht die Dokumentation von Wirklichkeit? Aus der Ethnologie – so heißt es – kennen wir die Objektivierung – im Workshops geschieht sie durch andauerndes einfaches Draufhalten der Filmkamera. Das wird kritisch gesehen: „Kommunikation geht aber nur durch Festhalten am eigenen Wirklichkeitsfilter“ (der natürlich reflektiert werden kann).
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg : Muss diese Kritik an der (objektivierenden) Ethnologie gleich gesetzt werden mit Kritik an der Psychiatrie?
    Dokumentation ist in der psychiatrischen Arbeit ein problematisches Thema. Wo sie – wie so oft – eins zu eins (pseudo-„objektiv“) durchgeführt wird, reduziert sie in der Regel Sinn und Verständnis. Deren Vermittlung, Verdauung für den Leser, klappt nur beim Offenliegen eigener Wahrnehmungsfilter des Verfassers, die nicht zugunsten seiner Schein-Neutralität unterdrückt werden sollten. Denn gerade die verfälscht die Wirklichkeit.

  1. Die „Kunstwelt soll dem Menschen wieder etwas bringen“. „Sich einen Reim machen – nur so funktioniert Wahrnehmung, nur so kann man sich auf das Chaos einlassen“ und „die jeweilige Perspektive verdauen“.
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg : In der Psychiatrie besteht unausgesprochen Konsens über mehr Gültigkeit der Mitarbeiterwahrnehmung als Standard für „Normalisierung“  seines Gegenübers, des Patienten. Ein Konzept, das aus der Psychiatrie nicht wegzudenken ist. Wie kann man sich dann aber auf Chaos überhaupt einlassen (wollen) – und sei das noch so hilfreich, um die Perspektive des Klienten ansatzweise zu verdauen? Es ist anzunehmen, dass der unabdingbare Verdauungsprozess – und damit gelungene  Kommunikation (sich einen Reim machen) – für beide Gesprächspartner bei dieser Gemengelage leicht störbar ist!

  1. Das Wohlgefühl Wirklichkeit erkannt zu haben, des Verstehens und Realisierens, tritt leichter ein bei einem Vortrag, der durch eine Powerpoint Darstellung begleitet wird. Schon alte Künstler arbeiteten mit diesem Prinzip ein Bild in einen „Fließtext“ einzubinden, darauf verweist Tsangaris. Dabei werden für den Verdauungprozess des Partners verschiedene Sinne angesprochen.
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg : Man kennt dieses Prinzip, aber haben wir im therapeutischen Gespräch Gelegenheiten, das Wohlgefühl von „Wahrheit“, des Verstehens auf diese Weise zu fördern? Wir haben immer wieder festgestellt, dass es sinnvoll ist, auf bereitliegenden Notizzetteln Thema und Gedankengang des Gesprächs nebenbei, wie zufällig, bildlich zu skizzieren. Gesprächspartner greifen gerne diesen zweiten Kommunikationsweg auf und gestalten ihn weiter, indem sie selbst der Skizze etwas hinzufügen. Im Wohlgefühl der Erkenntnis hat mancher schon den voll gekritzelten Zettel mit nach Hause genommen. Einige Klienten springen auch während des Gespräches auf und spielen spontan die erzählte Geschichte. Der Einsatz von Figuren und Puppen, die zur Verfügung stehen, hat eine ähnlich sinnstiftende, verstärkende Wirkung.

  1. In der Züricher Projektgruppe gab es Beauftragte für Warten und für Stille. Es führt hier zu weit, deren Beobachtungen im Einzelnen wiederzugeben. Nur so viel: Den Workshop-Teilnehmern wurde konkret die Erfahrung vermittelt, wie anhaltende Stille wieder einen stärkeren Selbstbezug herstellt – mit geänderter Wahrnehmung. Nur mit Rückzugsmöglichkeiten gelingt übrigens – so eine weitere Erkenntnis – die Orientierung im Chaos der Eindrücke, die verdaut werden müssen.
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg : Wie oft denken wir im therapeutischen Gespräch an Warten und die wohltuende Wirkung von Stille? Mitarbeiter haben die Chance, durch den introvertierten Blick ihres Gegenübers darauf aufmerksam zu werden. Der Klient ist dann zurückgezogen mit sich selbst beschäftigt und nimmt nichts um sich herum mehr wahr. Wer nicht wartet, bis dieser Blick sich ändert, und der Gesprächspartner „zurückkommt“, vertut eine enorme Stoffwechselchance und behindert den Erkenntnisprozess des Gegenübers.

  1. Diese Betonung des Workshops auf Verarbeitungs- und Stoffwechselprozesse, denen auch in einer improvisierten Inszenierung ein großer Raum zugewiesen wurde, führte einprägsam vor Augen, welche Bedeutung diesen Vorgängen zukommt. Insbesondere wurde klar: Verdauung dauert – zwangsläufig. Viel Zeit muss für diese ergebnisoffenen Rezeptionsvorgänge eingeräumt werden.
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg : Wir wissen auch das in der Psychiatrie. Trotzdem – fürchte ich – fehlt uns in der Regel die Zeit. Dabei steht oft auch eine ausgeprägte Ergebnisorientierung im Wege. Finanzierungsdruck tut ein Übriges. Ich glaube aber nicht, dass in der Psychiatrie so besonders viele Aktivisten unterwegs sind, die „Ergebnisse“ nicht abwarten könnten. Gesellschaftlich wird der Kunst wohl doch mehr Gelegenheit zur „Ergebnisoffenheit“ eingeräumt als der Psychiatrie mit ihrer Aufgabe sozialer Kontrolle und ihrer Korrekturfunktion. Und die Kunst hat auch ihre Probleme beispielsweise mit Ranglisten und ähnlichen Erfolgskriterien, welche einer Ergebnisoffenheit nicht gerade förderlich sind.

  1. Eine der Studentinnen aus Zürich verschaffte sich interessante, neue Blicke auf die Wirklichkeit und ihre Variationen, indem sie durch eine der durchsichtigen Plastikdosen mit Struktur blickte, in denen Obst oft verpackt ist. Horizont erweitern, Neues erfahren!
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg :  Gibt es diese Haltung auch im Gespräch bei den psychiatrischen Fachkräften?
    Fachlich gefordert ist sicher eine interessierte Arbeitshaltung gegenüber den subjektiven Wahrnehmungen der Patienten. Aber das kann auch nur unbeteiligte, leicht gelangweilte Sympathie bedeuten. Und es liegt nahe, dass Mitarbeiter die Öffnung für neue und andere Erlebnisse ihrer Klienten tunlichst vermeiden, da ihr Job darin besteht, so etwas als unerwünschte Abweichung zu verhindern. Faszination an neuen interessanten Blicken auf die Wirklichkeit verflüchtigt sich schon deshalb, weil solche Phänomene in der Regel mit mehr Arbeit für Mitarbeiter und nicht selten mit einem ihnen zugeschriebenem Scheitern an der allseits geforderten Normalisierungsaufgabe verbunden sind.
    An dem Gebrauch des Begriffs “Durchlässigkeit” wird in unserem Vergrößerungsglas der Unterschied zwischen den beiden Disziplinen besonders deutlich. Von dem Künstler Tsangaris, in dem kurzen Gedankenaustausch per E-Mail (s.o.) eher positiv bewertet und zur Verhinderung von Verfestigungen wünschenswert, fürchtet EREPRO ein Zuviel davon bei psychotischen Zuständen.

  1. Jetzt zeigt sich ein wesentliches Kennzeichen des Metabolischen Büros in Bezug auf    die Wirklichkeit: es finden sich dort keinerlei Tendenzen, die Wirklichkeit bestimmter     „Subjekte“ zu bevorzugen oder abzulehnen. Im Gegenteil, man variiert sie und verschafft sich dadurch neue Erlebnisse. Dementsprechend sind für diese Kunst alle subjektiven Wirklichkeiten gleichwertige Ausprägungen der einen Wirklichkeit.
    http://www.conet.de/C1257822003AF551/CurrentBaseLink/W28FEFDX052CCHEDE/%24FILE/Web-Lupe-300x200.jpg : Die Psychiatrie dagegen behauptet die Nicht-Gültigkeit der Wahrnehmung einiger Menschen. Das wird in der Regel mit dem Vorkommen definierter Merkmale begründet: zum Beispiel stehen neben dem “Wahn”, Selbstbezogenheit4, Affektverflachung, Antriebsminderung, Gedanken laut werden, Negativismus, Stupor, Erregung, Haltungsstereotypien, Gedankenabreißen oder -einschiebungen in den Gedankenfluss auf dem Index5. So wird die Wahrnehmungswirklichkeit eben der Personen abgelehnt, die ohnehin Probleme im Umgang mit ihren Mitmenschen haben. Und ihnen werden die wenigen Gelegenheiten genommen, ihre Wahrnehmungen durch mitteilende Interaktion mit Anderen zu stabilisieren. Sie haben auch kaum Gelegenheit für ein “wohltuendes Verstehen der Wirklichkeit”. Das muss bei diesen sozial Abgelehnten einen großen Schwindel (Taumel) auslösen, verbunden mit Angst und Unsicherheit. Wie inhuman ist dieses Vorgehen eigentlich?

Diese Notizen aus einem Workshop des “Metabolischen Büros zur Reparatur der Wirklichkeit“ haben uns mehr als deutlich gezeigt, dass das Denken und Vorgehen der Künstler, die an dem Prozess der Entstehung eines Kunstwerks arbeiteten, ganz anders, und ungewohnt ist für Mitarbeiter in der Psychiatrie. Wir ertappen uns dabei, im Denken unbeweglicher zu sein und zur (undurchlässigen) definierten Eindeutigkeit zu neigen. Fest umrissene klare, strukturierte Vorstellungen haben anscheinend auf uns eine beruhigende Wirkung. So (nur?) können wir uns dem Chaos stellen, mit dem wir es bei Gelegenheit in der Psychiatrie zu tun haben. Getoppt wird diese Haltung noch von einem unausgesprochenen Nützlichkeitsdenken, das echter Ergebnisoffenheit entgegen stehen kann.
Wie sollen wir in der Psychiatrie Menschen auf die Sprünge helfen, die sich hoffnungslos in die Zwänge ihrer Lebenswelt verkeilt haben, wenn wir selber ziemlich festgefahren leben? Können wir ihnen ein freieres Leben vermitteln, ohne dass sie eine gewisse Freiheit bei uns erleben?

Die Teilnahme an diesem Künstlerworkshop war eine seltene Gelegenheit über unseren Tellerrand hinauszuschauen. Kunst und Psychiatrie  bemühen sich beide um die Darstellung und das Verständnis des Lebens in seinen verschiedenen Ausprägungen, und unterliegen damit beide der Gefahr von Machtausübung und Manipulation. Darum ist die Frage nach Reparatur- und Korrekturbedarf für beide wichtig, und sollte nicht ausgeklammert werden.

Wir haben erkannt
1. Dem psychiatrischen Gespräch würde weniger Vereinnahmung von “vorhandener Vielfalt”  gut tun. Die Beachtung von Subjektivität des hilfesuchenden Gesprächspartners bietet Ausblicke auf neue, faszinierende Aspekte der Wirklichkeit. Mut und Interesse an Neuem sind dabei förderlich, ebenso ein „Verbergen des didaktischen Zeigefingers zu gunsten des Spielerischen”. Die persönliche Situation des Therapeuten wird seine Wahrnehmung bestimmen, darum wird er nicht von seiner Objektivität und Neutralität ausgehen. Der Irrtum einer derartigen Annahme birgt Gefahren und kann dazu verleiten eigene Werte und Lebensauffassungen zur Norm zu erheben, und den Gesprächspartner daran anpassen zu wollen. Relativieren von Wahrnehmung ist daher heilsam für Psychiatriemitarbeiter.

2. Zulassen und unvoreingenommenes Akzeptieren verschiedener, vielfältiger Erscheinungen wird damit leichter möglich. Eine gute Gelegenheit bietet sich, indem dem Gesprächspartner viel Zeit zum Erzählen eingeräumt wird. „Zielführende“ Bestimmtheit relativiert und verflüchtigt sich dabei, und kreative Kommunikation zwischen zwei Menschen kann entstehen.
Das Wissen um eine Welt (und in diesem Sinne eine Wirklichkeit) für alle Menschen – Männer und Frauen (entsprechend dem philosophischen Axiom des französischen Philosophen Alain Bardiou) ist Voraussetzung für echte Wahrnehmungsoffenheit.

3. Stille und Rückzugsmöglichkeiten für Hilfesuchende werden im therapeutischen Gespräch den ganz persönlichen Bewältigungs- und Verdauungsprozess des Klienten erst ermöglich und dürfen darum nicht zu kurz kommen. Auch wenn das psychiatrische Gespräch unter großen Belastungen steht durch Problemdruck, Zeitdruck, Leistungs- sowie Ergebnis- und Normalisierungdruck. Es ist gut, wenn wir darauf immer mal wieder mit der Nase gestoßen werden.

Es ging hier um die Reparatur der Wirklichkeit von Kunst, um „Neudefinition von Beziehungen zwischen Betrachter und Welt, von Wahrnehmung und Wissen, von Ohnmacht und Verantwortung“,  und darum, das psychotherapeutisch-psychiatrische Gespräch gleichermaßen wie das Kunstwerk unter die Lupe zu nehmen.
Mitarbeiter in der Psychiatrie sind keine Künstler. Das beweist schon dieser Text. Aber es macht Spass bei den Anderen mal reinzuspitzeln. Und das Metabolische Büro von Manos Tsangaris bot uns viele Anregungen.
In der Ankündigung eines weiteren Workshops heißt es: “Es geht auch um die Reflexionspotenziale, die dabei erfahrbar werden. Dies alles deutet auf einen kreativen Prozess, der ins Offene, Unvordenkliche oder Unsichtbare mündet. Und der – so die Ausgangsthese des Projekts – einen „Schwindel der Wirklichkeit“ erzeugt, um aus eingefahrenen Gleisen des (nicht nur) künstlerischen Tuns herauszuführen.”
Ch. Kruse

 

Anmerkungen
1 http://www.worldcat.org/title/felix-droese-die-welt-hinter-der-welt-der-grafenberg-197172-der-container-hamburg-zuerich-vorwaerts-6121985-kunstmuseum-dusseldorf-8-april-bis-20-mai-1990/oclc/715194769?ht=edition&referer=di#reviews.

2 http://www.kolumba.de/?language=ger&cat_select=1&category=1&artikle=582

3 http://www.schwindelderwirklichkeit.de/Ausstellung/

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Paranoide_Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung

5 https://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/kurzversion-leitlinien/s3-praxisleitlinien-bd1-schizophrenie.pdf