Es fehlt etwas in der Gedenkrede von Norbert Lammert

Wir brauchen die Schwachen unbedingt! (zugegeben: Das ist auf Anhieb schwer zu kapieren.)
Das ist einer von zwei Aspekten, die in der Rede von Norbert Lammert zum Holocaust Gedenktag im Bundestag am 27.1.2017 gefehlt haben.

Menschen guten Willens sind nett zu Behinderten. Klar. Man lässt sie auch mal öffentlich dies und das machen, zum Beispiel am Holocaust Gedenktag im Bundestag vortragen oder musizieren und hat ein gutes Gefühl dabei. Aber häufig ist die Herablassung der nicht beeinträchtigten Menschen unübersehbar: “dass wir die Schwachen dringend benötigen, das kann man doch beim besten Willen nicht sagen.” Das meinen diese Wohlwollenden in der Regel.
„Oh doch, wir brauchen beeinträchtigte Menschen“.sagen wir von EREPRO mit vielen anderen.

Und daran sollte man sich immer wieder erinnern.  Autoren wie Lukas Bärfuss1, auch Botho Strauss2 und der kürzlich verstorbene Imre Kertesz3 haben deutlich darauf hingewiesen. Um nur einige bekannte Namen zu nennen.

Bundestagspräsident Lammert (oder seine RedenschreiberIn) scheint weniger dieser Auffassung zu sein. In seiner Rede zum Holocaust Gedenktag im Bundestag4 bringt er zwar korrekt die üblichen Gedankengänge des Euthanasie-Narrativs, diesen wichtigsten Aspekt der Unentbehrlichkeit  schwacher Menschen aber betont er aber eben nicht.
Er spricht über die Morde an 300.000 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Er nennt die grotesken, unmenschlichen Argumente der Nationalsozialisten:  Kurzfassung: „Unheilbare“ Menschen sind „lebensunwert“ und „nutzlose Esser“, die keine Leistung erbringen für die Gesellschaft, sondern nur Kosten verursachen, Gelder, die man lieber für „die Förderung der Gesunden und Starken“ ausgegeben hätte.

Unterstellt wird vom Festredner – wie immer bei solchen feierlichen Gedenkstunden, dass diese Überlegungen von den Zuhörern als moralisch verwerflich geteilt werden, und selbstverständlich nur Entsetzen und Ablehnung hervorrufen.
Das ist aber nicht unbedingt der Fall. Darum wirken solche Reden – auch die von Lammert – auf mich immer ziemlich heuchlerisch. Meine Erfahrung als Psychiatrie-Mitarbeiterin sieht ganz anders aus.

1. Die Ablehnung von Schwäche und Leistungsunfähigkeit ist weit verbreitet. Wir sind es doch alle gewohnt, durchaus pragmatisch  Vor- und Nachteile abzuwägen – auch unter dem Gesichtspunkt des „allgemeinen Wohls“. Warum dominieren hier aber in erster Linie finanzielle Gesichtspunkte?
2. Oder: dass nachweislich erblich belastete Menschen besser keine Kinder bekommen, die wiederum behindert sind oder sein könnten. „Es ist doch unvernünftig, nicht produktiv, eine vermeidbare Belastung und sinnlos diesen Menschen mit Behinderungen die völlig freie Entscheidung in Sachen Kinderwunsch zu überlassen,“ heisst es normalerweise.  Man will den betroffenen Menschen mit Beeinträchtigungen keineswegs bei Kinderwunsch die freie Wahl lassen – wie damals, als man sie sterilisiert hat.

Diese Gedanken sind im Jahre 2017 genauso verbreitet wie früher, wenn auch vielleicht nicht so offen ausgesprochen. Darauf hinzuweisen, das fehlt ebenfalls in der Rede von Norbert Lammert.

Sigrid Falkenstein teilt in ihrem Vortrag bei dem Holocaust Gedenken im Bundestag mit, dass es bis heute nicht erlaubt ist, die Namen der von den Nationalsozialisten getöteten psychisch Kranken zu nennen, weil die Angehörigen sich diskriminiert fühlen könnten – und sich schämen?

WAS ALSO? Ist es nun eine Schande, dass es unfähige und hässliche Menschen und Versager, die Mist bauen, immer noch gibt, trotz aller Fortschritte der Wissenschaft, oder sind diese Schwachen eine Bereicherung und notwendiger Teil der Gesellschaft – vielleicht sogar Garanten unserer Menschlichkeit?

Manch ein anstelliger und patenter Mensch mag Schwäche und Behinderung sogar als bedrohlich empfinden. Ich denke, das sind bei uns nicht wenige. Sie fordern: „Fürsorge und und Therapie sollen in gesonderten Bereichen spezialisierter Einrichtungen professionell durchgeführt werden, um Schwäche und Behinderung zu beheben.“

Einige dieser tüchtigen Leistungswilligen und -fähigen planen in der Konsequenz ihrer Haltung sogar, sich im Alter das Leben zu nehmen, wenn auch sie selber schwach sind und anderen zur Last fallen könnten.
Ist es nicht erschreckend, dass Menschen in unserer Gesellschaft so denken (müssen)?

Vielfalt, Offenheit und eine bunte Gesellschaft werden heute immer wieder beschworen. Geht es da nur um die Flotten, Schönen und Witzigen, oder genauso um die, die anders sind, die Hässlichen, Unattraktiven und Verrückten?
Auch Alter, Einfältigkeit, und Bedürftigkeit gehören dazu und müssen sichtbar bleiben, damit unser Menschenbild nicht eindimensional wird. Menschliche Grenzen sollten sichtbar bleiben, was dann vielleicht sogar allgemein die Beanspruchung jedes Einzelnen mindern könnte.
Berührungsängste der Gesunden mit schwachen Menschen können natürlich besser abgebaut werden, wenn Kontakt zu den Belasteten besteht. Ohne Gelegenheit zum Mitleiden und ausüben von Barmherzigkeit verlieren wir unsere typisch menschlichen Vorzüge. „Der Schutz der Schwachen ist die Würde der Gesunden“, sagt der Volksmund.

Es geht um unsere Selbstinterpretation:
Schwäche, Abhängigkeit, Hilfsbereitschaft, auch Verzicht und Enthaltsamkeit, ebenso wie Träume beanspruchen dabei Spitzen-Plätze, wenn wir nicht in ein kaltes Universum von rational pragmatischer Zweckmäßigkeit abgleiten wollen, in dem  Schmerz, Tragödie und Mysterium völlig ausgegrenzt sind.6
Darum brauchen wir die Schwachen unbedingt in unserer Mitte.
Wilhelmine Ohnesorge

 

Anmerkungen

1 Bärfuss, Lukas, Interview mit Julian Weber. “Nur Mitleid kann etwas ändern.”, TAZ 28.11.2015

2 Botho Strauss: Lichter des Toren: Der Idiot und seine Zeit, 2013

3 Imre Kertesz, Die exilierte Sprache. Darin: Der Holocaust als Kultur, 2003, S. 82

4 https://www.bundestag.de/parlament/praesidium/reden/2017/002/490682

5 https://www.bundestag.de/blob/490396/f543299bb20f65a9fe09ee7969c4ca7c/kw04_de_gedenkstunde_sfalk-data.pdf

6 in dem Film “la la land” gibt es einen schönen Song dazu: Auditio (The fools who dream):

Here’s to the ones who dream
Foolish as they may seem
Here’s to the hearts that ache
Here’s to the mess we make…

 

 

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