40 Jahre Sozialpsychiatrie – doch ein bisschen leise

Zum 40-jährigen Bestehen eines Sozialpsychiatrischen Dienstes in Bayern hat
Heiner Keupp, emeritierter Professor für Sozialpsychologie den Festvortrag gehalten mit dem Titel “Von der Gemeindepsychiatrie zur Inklusion?”
Dieser Titel weckte Hoffnung auf Hinweise zum besseren Verständnis der  Prozesse von Institutionalisierung und Verrechtlichung, die dem Aufbruch zu einer humaneren Psychiatrie in den 60er/70er Jahren folgten , und die diesen weitgehend zum Erliegen brachten.

Teilnehmen konnten wir an dem Festakt nicht, aber wir haben uns die PowerPoint Präsentation des Vortrages angeschaut.
Würde der Experte für Gemeindepsychologie zu der neueren Entwicklung der Sozialpsychiatrischen Dienste hin zu eher traditionellen Beratungsstellen für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen kritisch Stellung nehmen? Denn die Dienste verzichten heute weitgehend auf die Vielfalt der Angebote der ersten Generation, sind nur noch sporadisch Orte, wo psychiatrisierte, einsame Menschen mit überwältigenden Problemen, die sonst nirgends Ansprache finden, besonders willkommen sind.
Der Zusatz “sozial” zur Psychiatrie erfüllt somit aus unserer Sicht ohnehin nicht mehr diese ursprüngliche Zielsetzung. Keupp sagt mit Recht, dass die damals neue Bezeichnung den Mitarbeitern zunächst “Identität und kämpferische Perspektive” vermittelte. Aber Sozialpsychiatrie war auch mit Inhalten verbunden, die der heutige Ansatz kaum mehr garantieren kann. (im einzelnen dazu in den  hilfe Blättern von EREPRO)

Keupp erhebt den Anspruch auf eine “reflexive Sozialpsychiatrie”. Zunächst schildert er (in der bekannten eigentümlichen  Sprache) die Zustände in unserer Gesellschaft als ein wahres Horrorszenario anhand häufig beklagter Merkmale: “Fluide Gesellschaft” mit “Zonen der Verwundbarkeit”, Beschleunigung, Erschöpfung, ausgeliefert sein auch im Privat- und Gefühlsbereich, Tod des Selbst, keine Identität, Hoffnungslosigkeit, keine Alternativen, Arbeit um jeden Preis, gnadenlose Konkurrenz und Macht, Geld und Status, “Zwang als Selbsttechnologie”, Ökonomisierung, auseinander driftende Einkommensunterschiede, Exklusion statt Inklusion, Verlust des Glaubens an “traditionelle Meta-Erzählungen” etc..
Dabei bringt die Art der Darstellung dieser Befunde nicht mehr Erkenntnisgewinn, ebenso wenig wie die dargebotenen üblichen Statistiken zu Burnout, Depressionen und psychischer Erkrankung von Arbeitnehmern.

Wollen wir überhaupt – die Frage stellte sich daraufhin – per Inklusion (Vorschrift der  Behindertenrechtskonvention) behinderte Menschen in diese Gesellschaft “des globalisierten Netzwerk-Kapitalismus” integrieren? Die Frage bleibt so im Raum stehen.
“Eine wachsende Anzahl von Menschen (ist) von der Zugehörigkeit ermöglichenden Verwirklichungschance abgeschnitten, marginalisiert und aus dem Alltag von Arbeit, Politik, Konsum und Zivilgesellschaft ausgeschlossen (ist) oder erlebt sich so.”
Befähigungen und ihre Verwirklichungschancen im Sinne des “capability approaches” von Martha C. Nussbaum und Co. rückt Keupp im Verlauf des Vortrags in den Vordergrund: man müsse zwischen Lebensstilen wählen können, eine “selbstbestimmte Suche nach Lebenssinn, Identität und Eigensinn“ müsse „zentrales Mandat der Sozialpsychiatrie” sein.
Unklar bleibt, was aus denen wird, die weniger befähigt sind.

Schauen wir uns weitere Forderungen des Referenten an:
Grenzziehung als Identitätsarbeit, sich dem Anpassungsdruck widersetzen, nicht employability oder Nützlichkeitsdenken sollte Kriterium von Zugehörigkeit sein, sondern Würde. Das “unternehmerische Selbst” sollte kritisch hinterfragt werden, ebenso wie das Ziel maximaler Selbstkontrolle. Ein Ich, eine “ganze” Persönlichkeit trotz aller Widersprüchlichkeit fordert Keupp unter Rückgriff auf Bleuler.
Nötig sei eine „differenzierte Gesellschaftsdiagnostik“, die „im öffentlichen Raum kommuniziert wird“, entschlüsselt aus den „individualisierten Problem- und Leidenszuständen der Subjekte“, um subjektives Leiden nicht zu “klinifizieren” und zu “medikalisieren” und damit den Tatbestand des “Befriedungsverbrechens” zu erfüllen.
Na ja.
Kritische Reflektion der Beteiligungsgerechtigkeit bedeute, zur Gerechtigkeitsperspektive müsste die Grundsicherungsperspektive kommen, um Zugang zu materiellen und immateriellen Verwirklichungschancen zu bieten. Auch die Salutogenese a la Antonovsky kommt nicht zu kurz. Abschließend wird noch gefordert, die „aktive Umsetzung der Inklusion und der Grundideen der Gemeinde- und Sozialpsychiatrie zu stärken“.

Man sieht, es gibt in dieser Festrede viele wichtige und richtige Zutaten, von allem etwas. Und der Vorschlag Gemeinde- und „Sozialpsychiatrie wieder als Teil einer gesellschaftlichen Oppositionsbewegung zu begreifen“  ist dann das Sahnehäubchen – und die erbauliche Rede ist fertig. Jeder kann das wohlige Gefühl haben, dabei sinnvoll tätig werden zu können.
Eine verpasste Gelegenheit das Festpublikum aufzurütteln und für die “chronischen” Patienten, die selbständig leben möchten, eine Lanze zu brechen? Das war ja die ursprüngliche Bestimmung Sozialpsychiatrischer Dienste! Und – schreckliche Tatsache – die Chancen dieser Menschen haben sich keineswegs verbessert.
Offiziell heißt es zwar noch:
“Durch (…) ein niederschwelliges Setting können sie (die Sozialpsychiatrischen Dienste) mit ihren sozialpsychiatrischen Leistungen insbesondere chronisch psychisch kranke Menschen erreichen. Ein möglichst hohes Maß an aufsuchender Hilfeleistung ist dabei genauso ein konzeptionelles Kennzeichen der Dienste wie eine Gemeinwesenorientierung und der Auf- und Ausbau regionaler Netze und fallbezogener Netzwerke in der Region.” (Bayerischer Bezirketag, Psychiatrische Versorgung, 2013)
Aber, auch wenn es in den offiziellen Verlautbarungen der Geldgeber noch steht, Trägervertretern und wohl auch einer Mehrzahl der Mitarbeiter liegt diese Zielgruppe offenbar nicht besonders am Herzen.
Der erhoffte kritische Appell , der laut und deutlich die Realisierung einer menschlicheren Psychiatrie – wie sie vor 40 Jahre versucht  wurde – verlangt, war diese Jubiläumsrede nicht. Einige der fortschrittlichen Thesen und Theorien anzutippen, die nach dem Aufbruch damals entstanden,  reicht dafür nicht aus.

Lauter und deutlicher – wenn auch in ziemlich verquaster Sprache – äußerte sich Ernst von Kardorff auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie 2016 zum Thema “40 Jahre gesellschaftspolitisches Projekt ‚Psychiatriereform‘ – Was ist daraus geworden?”
Abschließend hier einige Kostproben aus dem Referat:
”der Erfolg (der Psychiatriereform) wurde jedoch mit einer unkritischen Übernahme des gesellschaftlichen Auftrags zur Organisierung eines möglichst reibungslosen Umgangs mit psychischem Leiden und den Ver-rückten erkauft.”
“Mit der Ausdifferenzierung der Gemeindepsychiatrie ist eine sozialpsychiatrische Selbstgenügsamkeit und eine vorwiegend nach innen auf die ‚gemeindepsychiatrische Szene‘ gerichtete Nabelschau aller beteiligten Akteure entstanden.”
Das “Versorgungssystem ist nicht nur intransparent, sondern weist Mängel in Kooperation und Koordination und Vernetzung auf und hat Wirksamkeitsdefizite.”
Und last but not least, “wissenschaftliche Studien (…) belegen (…) die fortdauernde Diskriminierung besonders schwer erkrankter psychisch beeinträchtigter Menschen, sei es in der Öffentlichkeit in Schule und Ausbildung und innerhalb des Versorgungssystems, bei der Wohnungssuche und im Geschäftsverkehr, sowie auf dem Arbeitsmarkt.” (s. Soziale Psychiatrie 02/2017, S. 4 – 8).
W. Ohnesorge

Ein Gedanke zu „40 Jahre Sozialpsychiatrie – doch ein bisschen leise

  1. Kritik am großen GURU??? – welche Freude sowas mal zu lesen und die chronisch psychisch kranken Menschen bleiben immer noch „auf der Strecke“…..

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