Diese Scheinwelt, die nur aus dahin-Vegetieren und sinnlosem dahin-Dämmern am Rande der Gesellschaft besteht, die muss aufhören.

Der folgende Text wurde uns im Januar 2013 von dem Autor Gert Springmann zugeschickt – mit einigen Anmerkungen. Den Text – verfaßt im Jahr 1998 – sei als Vortrag in einem Sozialpsychiatrischen Dienst gedacht gewesen. Er habe ihn nicht überarbeitet, somit sei er überholt und entspreche nicht dem Stand der Dinge.

Wir halten ihn trotzdem für lesenswert und veröffentlichen ihn hier mit kleinen Veränderungen.


Akzeptieren statt Ausgrenzen

Am Samstag, den 23. September 1997 ( ? ) von 10 – 16 Uhr, stellten sich auf dem Rathausplatz 71 Selbsthilfegruppen vor, um eine interessierte Öffentlichkeit über ihren Daseinszweck aufzuklären  und aus ihrer Verborgenheit aufzutauchen.

Der normale Bürger ahnt ja nichts von der Existenz solcher Gruppen, deren Bedeutung für Betroffene bei Fachleuten und Eingeweihten inzwischen unumstritten ist. Diese Mauer des Schweigens einmal demonstrativ zu durchbrechen, das Ziel hatte der Tag auf dem Rathausplatz, der sich „Smiley-Tag der Selbsthilfegruppen“ nannte, was so viel bedeutet wie: Selbsthilfegruppen übermitteln allen Interessierten lebenspraktische Informationen.

„Wir wollen Nicht-Betroffene aufrütteln und Betroffene können ohne Vorbehalte schauen und sich informieren“, sagte Petra Seidel von der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen. Schirmherr war der Oberbürgermeister Dr. Peter Menacher.

Der Tag fand heuer zum dritten mal auf dem Rathausplatz statt. Das Angebot war vielfältig. Es reichte von „A“ wie Anonyme Alkoholiker bis „Z“ Zwänge-Gruppe.

Die Anonymen Alkoholiker sind eine der ältesten Selbsthilfegruppen am Lech. Doch nicht nur Gruppen für Krankheiten, sondern auch viele Selbsthilfegruppen im Psychosozialen Bereich sind noch sehr unbekannt, entwickeln sich aber langsam, obwohl ihre Existenz für die Bevölkerung ein Tabu darstellt.

Auch die Arbeitsgemeinschaft für psychische Gesundheit, der Sozialpsychiatrische Dienst der Diakonie, hatte einen Stand auf dem Rathausplatz. Das Echo auf dem Info-Markt war gut. Viele Besucher holten sich Broschüren, Adressen oder Ratschläge.

Gleichzeitig legten die meisten Wert auf gute Tarnung: Am Stand für hyperaktive Kinder kamen zum Beispiel auffällig viele junge Frauen vorbei, die „für eine Bekannte“ Unterlagen mitnahmen. Die Mitarbeiterinnen der Selbsthilfegruppe wissen:  „Für viele Eltern ist es schwer, dazu zu stehen, dass ihre Kinder Schwierigkeiten haben.“ Dabei ist die Problemgruppe groß. Erika Jänike nennt Schätzungen, wonach weit über 10% der Deutschen Aufmerksamkeitsstörungen haben, die oft mit Hyperaktivität verbunden sind. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene seien betroffen.

Die Presse, muss man sagen, verhält sich etwas zurückhaltend, will das „heiße Eisen“ nicht so richtig anpacken und berichtet im Grunde nur oberflächlich über Selbsthilfegruppen.

Die Bevölkerung müsste besser informiert werden, und es müssten Ängste und Sorgen genommen werden, die das Zusammenleben behindern.

Die Arbeit der Selbsthilfegruppen versteht sich auch als Aufklärungsfunktion und will Behinderten helfen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Wer kennt schon den „Deutschen Psoriasis Bund e.V.“ (DPB) oder weiß was Psoriasis ist (Psoriasis ist Schuppenflechte). Psoriasitiker werden in der Öffentlichkeit diskriminiert und ausgegrenzt. Diese Reaktion erfolgt in der Regel aus Unwissenheit und Sorge um die Gesundheit und nicht aus bösem Willen.

Oder wer weiß schon, was Aphasie ist. Aphasie ist eine erworbene Sprechstörung. Sie tritt bei verschiedenartigen Krankheiten des Gehirns auf. Eine solche Schädigung des Gehirns kann verursacht sein durch Schlaganfälle, Hirnblutungen, Schädel-Hirn-Verletzungen (z.B. durch einen Unfall), Hirntumore oder entzündliche Prozesse im Gehirn. Aphasie hat nichts mit geistiger Behinderung zu tun. Wie bei der Epilepsie ist es schwer, die Leute davon zu überzeugen.

Das ist ein Punkt, der mich sehr beschäftigt, und mit dem ich mich gerne auseinander setzen möchte. Daher die folgende Darstellung:

Was denkt die Öffentlichkeit über eine psychische oder geistige Behinderung, und was unterscheidet einen körperlich Behinderten von einem psychisch oder geistig Behinderten? Welche Rolle spielen sie im öffentlichen Leben? Wie werden sie behandelt?

Einem psychisch oder geistig Behinderten traut man im Allgemeinen nichts zu. Bei einem Körperbehinderten besteht mehr Hoffnung oder ein besserer Ansatz, ihn auf irgendeine Weise in die Gesellschaft zu integrieren. Psychische oder geistige Behinderungen sind unheimlicher und schwerer fassbar.

In der Landesarbeitsgemeinschaft „Hilfe für Behinderte in Bayern e.V.“ sind 70 Mitgliedsverbände vertreten (Stand September 1998: Heute: „Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihrer Angehörigen in Bayern e.V.“ mit 105 Mitgliedsorganisationen.)

Bei den Körperbehinderten sind es z.B. der „Landesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V.“ und die „Selbsthilfe Körperbehinderteer, Landesverband Bayern e.V.“. Bei den psychisch und geistig Behinderten ist es z.B. die „Bayerische Gesellschaft für psychische Gesundheit e.V.“. Es gibt die „Deutsche ParkinsonVereinigung, Landesverband Bayern e.V.“ und die „Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung, Landesverband Bayern e.V.“.

Das soll nur eine kurze Auswahl sein, eine Andeutung der tatsächlichen Verhältnisse. Immerhin gibt es in Augsburg, wie Dr. Jürgen Bruggey, Gesundheitsreferent der Stadt Augsburg berichtet, etwa 250 Selbsthilfegruppen und nicht wenige stammen aus dem psychosozialen Bereich. Darüber möchte ich schreiben, und ich hoffe, dass ich die Geduld meiner Leser nicht überstrapaziere.

 „Aufmerksamkeit erregen, ein Erinnerungsrest, der bleibt.“ (Dr. Lothar Lindstedt, Leiter der Abteilung Sozialpsychiatrie des städtischen Gesundheitsamtes)

Ich meine, dass ein Körperbehinderter nicht denselben Repressalien ausgesetzt ist wie ein psychisch oder geistig Behinderter. Natürlich gibt es auch gegenüber Körperbehinderten Vorurteile. Auch sie werden abgelehnt. Unsere Gesellschaft ist auf Leistung, Kraft, Durchsetzungsvermögen etc. aufgebaut. Man muss voll funktionieren, nur dann hat man eine Chance.

Früher hatte man Berufe, die ein Körperbehinderter nicht ausführen konnte, aber durch die technische Modernisierung und Automatisierung ist ein Körperbehinderter heute in fast allen Bereichen einsetzbar. D.h. ein Körperbehinderter hat fast die selben Chancen wie ein „gesunder“ Mensch. Natürlich gibt es Ängste gegenüber körperbehinderten Menschen. Keiner möchte unvollständig und z.B. auf den Rollstuhl angewiesen sein. Man denkt, man könne nicht alles mitmachen und sei ausgeschlossen.

Es ist das Menschenbild des Nationalsozialismus überliefert, wo man stark und kräftig sein und zupacken musste,. Dieses strahlende Ideal: groß, stark, wendig, beweglich, effektiv und allen anderen Überlegen. Teilweise erlebt dieses Menschenbild heute eine Renaissance. Es ist doch so, dass viele Menschen einen Körperbehinderten, der im Rollstuhl sitzt, Prothesen trägt, auf Krücken geht, als minderwertig, gering, abhängig, unmenschlich armselige Kreatur, als völlig abartig, entartet betrachten. Er wird nicht anerkannt und im besten Falle muss man ihn bedauern.

Vielfach wird ein Behinderter als niedere Kreatur betrachtet.

In einer besonderen Situation befinden sich, neben den Körperbehinderten, auch noch die psychisch und geistig Behinderten, die man nicht vergessen darf. Auch deren Rechte müssen anerkannt werden.

Eine psychische Behinderung entwickelt sich im Laufe der Zeit und kommt nicht von Anfang an zum Vorschein. Auch eine geistige Behinderung muss nicht unbedingt angeboren sein. Es gibt viele geistig und psychisch Behinderte, die eine ganze Zeit lang ziemlich normal funktioniert haben. Man konnte nicht erkennen, dass sie behindert sind. So haben sie, und es gibt zahlreiche Beispiele dafür, einen ganz normalen Weg eingeschlagen, der nicht unterbrochen und gestört wurde und der an ein bestimmtes Ziel gelangt ist. Es gibt viele Behinderte, die einen Beruf und eine Schulbildung haben, und die einen gewissen Platz in der Gesellschaft erworben haben.

Es ist sinnlos, einen psychisch oder geistig Kranken einfach abzulehnen und rundweg in Frage zu stellen. Er hat etwas geleistet, und er kann stolz darauf sein.

Psychisch Kranke wirken oft etwas dünnhäutig und verletzlich, und viele ihrer Erfahrungen und Auffassungen sind in gewisser Weise überzogen und übertrieben und dem tatsächlichen Geschehen nicht angemessen.

Ein normaler Mensch achtet nicht auf sein Gegenüber und ignoriert dessen Reaktionsweise, denn es ist doch offensichtlich, dass der „normale“ Mensch auf seinen Vorteil bedacht ist, und seine egoistischen Interessen im Auge hat. Er kommt nicht auf den Gedanken, dass es für verschiedene Dinge auch verschiedene Sichtweisen gibt, und dass man Menschen auch anders SEHEN KANN:

Der normale Mensch in Bayern wählt CSU und zieht nicht in Zweifel, ob sein Verhalten auch angemessen ist und den wahren Tatsachen entspricht. Jemand der darüber nachdenkt und abwägt, wo die Wahrheit und Ehrlichkeit zum Vorschein kommt, der wird einfach als Spinner und Neurotiker abgetan, weil es als anormal angesehen wird. 
In Bayern hat man feste Regeln und Vorstellungen, die niemals in Frage gestellt werden und einer stabilen Vorstellungswelt entsprechen: Job, Familie, Haus, Geld, Einfluss – dies alles konservativ, bewahrend und fest gefügt, also Werte, an denen man nicht rütteln darf, eherne Gesetze, die jeder anerkennt.

Alle diejenigen, die in dieses Schema nicht hineinpassen, aus der Rolle fallen, werden als nicht ganz zurechnungsfähig und vielleicht noch als absonderlich angesehen. Es kommt vor, dass man sie als geisteskrank betrachtet. Wie leicht sagt sich der Satz, wer arbeiten will, der findet auch Arbeit. Man muss nur guten Willen haben und motiviert sein. Vor allem muss man sich anpassen können, also sich unterordnen und Verzicht leisten, also entbehren. Den psychische Kranken wird oft vorgeworfen, sie seien selbst schuld an ihrer Krankheit. Warum mussten sie auch auffallen?

Natürlich sieht man es den psychisch und geistig Kranken manchmal auch an, dass da irgendetwas nicht stimmt. Ihre Stimmung ist oft wechselhaft, und sie sind zu Tode betrübt, wenn etwas nicht klappt. Diese dünne, verletzliche Haut wirkt manchmal absonderlich, seltsam, weil sie allem Bekannten widerspricht.

Natürlich achtet ein „normaler“ Mensch kaum auf seine Mitmenschen und übersieht sie, denn jeder ist sich selbst er Nächste. Depressionen z.B. werden erst bekannt, wenn etwas passiert ist, also wenn jemand einen Selbstmordversuch macht. Da erschrickt der „normale“ Bürger und fragt „warum?“. Er kann es nicht begreifen. Die Motive liegen im Dunkeln. Eine akute Psychose führt eben zu Komplikationen. Der „normale“ Bürger reagiert darauf hysterisch. Er will es nicht wahr haben.

Wie gesagt: viele Körperbehinderte können fast alle Berufe ausüben, denn es gibt die technischen Mittel dazu. Man müsste dieselben Maßstäbe auf geistig und psychisch Behinderte anwenden. Sie sind zu mehr fähig als der „normale“ Mensch glaubt. Die Vorurteile, die da existieren, sind irrsinnig. Warum sollte man denn die psychisch Behinderten zu überflüssigen, unnützen Fressern und Schmarotzern erklären, die man nur so durchfüttern muss? Das Bewusstsein der Bevölkerung hat da eklatante Defizite und verkennt die wahre Entwicklung. Es ist einfach hinter dem Stand der Dinge und der wissenschaftlichen Erkenntnis zurückgeblieben.

Das verlangt einen Staat, der seine Bürger ernst nimmt und sich für deren Wohl einsetzt. Diese gegenwärtige Gleichgültigkeit und Indifferenz ist nicht nur ärgerlich: sie macht betroffen. So kann man wertvolle, produktive Menschen nicht einschätzen.

Die Interessenverbände der Körperbehinderten nehmen für sich Artikel 3 des Grundbesetztes in Anspruch:

„niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Darum geht es: dass auch psychisch Behinderte sich anerkennen und von ihren Fähigkeiten überzeugt sind, dass sie Mitglieder dieser Gesellschaft sein und sich integrieren wollen, dass sie die selben Rechte und Pflichten haben wie die normalen Menschen, dass sie nicht in Hoffnungslosigkeit und Resignation verfallen und sich nicht aufgeben.

Diese Scheinwelt, die nur aus Dahinvegetieren und sinnlosem Dahindämmern am Rande der Gesellschaft besteht, die muss aufhören.

Was ein Körperbehinderter kann, der auch oft zu großen geistigen und gestalterischen Taten fähig ist, das muss auch für einen psychisch und geistig Behinderten gelten!

Warum sollte man dieses enorme kreative, geistige, schöpferische gestalterische, prägende, phantasievolle und einfach kompetente, fähige Potential, das da besteht, einfach verschleudern.

Eine Gesellschaft., die Zukunft und Chancen, die überleben und im internationalen Maßstab konkurrieren will, die was auf sich hält, kann sich das nicht leisten, nämlich diffamieren, verfolgen, ausgrenzen und missachten.

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