Kritische Bemerkungen zu „Patientenberater“ und „Integrierte Versorgung“

von Dr. Jürgen Thorwart
Es geht hier um die Tendenz der KK (Krankenkasse, EREPRO) mit PatientInnen Kontakt aufzunehmen, um sie so intensiv zu ‘betreuen’ – durch sogenannte Patientenberater. Das heißt, diese rufen an und fragen nach, was die Versicherten brauchen, ob die laufenden Maßnahmen (auch Psychotherapie) zufriedenstellend laufen bzw. ausreichend sind.
Abgesehen von der (mangelnden) Qualifikation der KK- (oder externen) MitarbeiterInnen geht es hier (soweit eine Psychotherapie bereits läuft) um einen höchst problematischen Eingriff in die therapeutische Arbeitsbeziehung.
Schon vor einiger Zeit ist mir in diesem Zusammenhang die Seite der AWOLYSIS (www.awolysis.de), Gesellschaft für innovatives Gesundheitsmanagement aufgefallen, hier findet sich auch der SeGel-Vertrag (siehe unten).
Die MitarbeiterInnen kümmern sich um Versicherte mit besonderer Problemlage (psychische Erkrankungen). Bei dem Programm SeGel (Netzwerk psychische Gesundheit/Seelische Gesundheit leben) handelt es sich um einen speziellen Vertrag (mit den KK) zur integrierten Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen (nach § 140 SGB V). Die Betreuung/Vernetzung erfolgt über die regionalen Koordinationsstellen (Vincentro). Dazu heißt es:
“Das vincentro ist als Koordinationsstelle für die in das Versorgungsnetz eingeschriebenen Patienten/-innen täglich 24 Stunden erreichbar. Zudem erhält jede/r Patient/in eine/n Fallmanager/in, der/die dauerhaft als feste/r Ansprechpartner/in für die Versicherten zur Verfügung steht.”
Die FallmanagerInnen (ein schrecklicher Begriff, aber genau darum geht es: Management) sind MitarbeiterInnen des Projekts. Deshalb erfolgt eine Einwilligung zur Übermittlung personenbezogener Daten an das SeGel und eine Einwilligung in den Informationsaustausch zwischen SeGel und TherapeutInnen im Krankenhaus (die Daten werden nicht an die KK weitergegeben).
Wer MitarbeiterIn im SeGel ist, weiß ich nicht (auf der Webseite werden sozialpsychiatrische Fachkräfte:  Dipl.-SozialpädagogenInnen, FachkrankenpflegerInnen der Psychiatrie und Dipl.-PsychologenInnen gesucht). Zufälligerweise habe ich erfahren, daß auch Ex-In-BeraterInnen (Psychiatrieerfahrene mit einer ‘Ausbildung’ zur Beratung anderer Betroffener) dort tätig sind – ich werde eine solche Mitarbeiterin, die ich kenne, gelegentlich kontaktieren.
Ich halte das Projekt aus verschiedener Sicht für problematisch.
Nur soviel: Wir haben Sozialpsychiatrische Dienste (in Bayern, EREPRO), die bislang von den KK nur minimal (mit-)finanziert werden, aber genau das Aufgabenspektrum abbilden und das entsprechende Personal vorhalten.
Bei der Vernetzung werden ‘ÄrztInnen’ genannt, nicht aber (ärztliche/nicht-ärztliche) PsychotherapeutInnen.

Ein Gedanke zu „Kritische Bemerkungen zu „Patientenberater“ und „Integrierte Versorgung“

  1. Ich kenne Vincentro und muss sagen, dass ich hier sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht habe. Es gab nette „Fallmanager“ und weniger nette. Einige riefen sehr zuverlässig zurück und man hatte das Gefühl, dass sich in gewisser Weise gekümmert wurde, andere sagten nicht einmal Bescheid, wenn sie in den Urlaub gingen und kümmerten sich auch ansonsten nicht wirklich.
    Leider muss ich daher sagen, dass mir das Ganze nur sehr bedingt geholfen hat, da ich mir meist dann doch eher wie ein „Fall“ vorgekommen bin. Zur überwiegenden Zahl der Ansprechpartner war der Aufbau einer Beziehung leider nicht möglich, was gute Gespräche schwierig machte. Auch kam in den Gesprächen wirkliche Empathie nur relativ selten rüber.
    Nachdem es auch insgesamt relativ viele unterschiedliche Ansprechpartner waren (wechselnde Fallmanager und auch wechselnde Vertretung derselben, ständig wechselnde Mitarbeiter des Krisentelefons) hatte ich auch das Problem, dass ich insgesamt mit relativ vielen verschiedenen Menschen über privateste Dinge sprechen musste, was mir dann nicht so wirklich angenehm war.

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