Ist diese Behandlung NORMAL?

Folgender Erfahrungsbericht wurde EREPRO vor einigen Tagen zugeschickt. Die Zeitangabe „vergangener Sonntag“ kann nicht auf das Datum dieser Veröffentlichung bezogen werden.

 

Ist diese Behandlung NORMAL?

Gewiss nicht: „Man könnte wahnsinnig werden!“

Folgend beschriebener Vorfall ereignete sich nicht vor 50 Jahren, sondern am vergangenen Sonntag, auf der geschlossenen Station des Bezirkskrankenhauses, in dem meine Tochter zur Zeit stationär untergebracht ist.

Meine Tochter darf für einige Stunden mit meinem Mann und mir zum Ausgang. Wir standen bereits vor der Tür und warteten auf eine Schwester, die noch mal überprüfen wollte, ob der Ausgang gewährt ist. Die Türe ging auf und es wurde ein „NEUZUGANG“ auf die Station gebracht. Auch ein Polizeibeamter kam hinterher. Das ist eigentlich kein Einzelfall. Die Patientin schrie um Hilfe. Aber jetzt kommt es ganz hart: Einige Pfleger und Schwestern standen um die Patientin, die sich wehrte, so setzte sich der Polizeibeamte mit den Knien auf den Oberkörper der Frau, die immer noch lauter schrie: „Sie tun mir weh! Tun Sie mir bitte nicht so weh! Lieber Gott – Hilfe!“ Es kam auch noch eine Ärztin dazu. Und nun kommt das Unglaubliche, das Pflegepersonal und auch die Ärztin – lachten! Auch einige Patienten, die ja das Ganze beobachten konnten, lachten. Worüber? Ist das lustig? Also – ich musste mich erstmal hinsetzen und jetzt überlege ich ganz im Ernst, ob nicht alle Beteiligten dieser „Vorstellung“ VERRÜCKT sind. Denn das ist doch keine normale Behandlung, die ein Patient ertragen muß. Schlimm genug, wenn man ans Bett fixiert werden muss, aber die Art und Weise ist doch abscheulich und verstößt gegen die Würde des Menschen. – Und dafür gibt`s noch eine Bezahlung! – Wie kann man das auch noch den anderen Patienten zumuten, die ja auch zusehen.

Eine junge Frau weinte und sagte: “Das kann ich nicht mehr aushalten, ich will raus.“ Ich habe sie getröstet so gut es möglich war. Leider musste ich schon allzu viele Misshandlungen von Patienten miterleben, aber dieser Vorfall berührt meine Seele, obwohl diese Patientin für mich eine Fremde ist. Mit all meiner Kraft kämpfe ich für diese kranken Menschen. Jeder Mensch hat das Recht auf eine menschenwürdige Behandlung. Das gehört in die Öffentlichkeit und auch angezeigt. Ganz dringend! Ich erzähle auch vielen Bekannten von solchen Vorfällen und oft schon kam die Antwort: „Das gibt`s doch nicht!“ Und da spricht ein Arzt von der Schonung des Patienten, indem man ihm anstatt einer Beruhigungsspritze eine solche Behandlung zukommen lässt. Das ist doch der größte Irrsinn, den ich mir vorstellen kann und zu gerne würde ich manche Pfleger oder Ärzte nur einen Tag und eine Nacht auf diese Weise „schonen“. Natürlich würde ich sie auch zwingen, ihre Notdurft im Bett zu verrichten. Nicht weil ich abartig veranlagt bin, sondern weil ich ihnen zeigen möchte, wie sich ein Mensch fühlt. Hilflos, krank, in Angst ausgeliefert und zutiefst gedemütigt.

DAS IST EINE SCHANDE!

NORMAL? – NEIN!

„Das ist der Wahnsinn!“

3 Gedanken zu „Ist diese Behandlung NORMAL?

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    diesen üblen Vorgang, über den hier berichtet wird,
    habe ich ebenfalls als Besucher miterleben müssen.
    Ich kopiere ganz einfach nachfolgend meine Schilderung,
    die ich anschließend verfaßt habe, an dieser Stelle ein.

    >Sonntag, 22. 4.:
    Abends, so gegen 17/17.30 Uhr: „Öffentliches Schaufixieren“
    Mitten in der Stationsöffentlichkeit, zwischen Stationszimmer und
    Raucherraum, wurde eine soeben von der Polizei eingelieferte Frau fixiert.
    Alle konnten, ob sie es wollten oder auch nicht, dem schlimmen
    ‚Schauspiel’ beiwohnen.Viele der Patienten,in der Mehrzahl Patientinnen,
    die solches bereits selbst, und oft nicht nur einmal, schon über sich
    ergehen lassen hatten müssen, fühlten sich dabei nicht besonders wohl:

    Aber darauf konnten die am Werk befindlichen zielstrebig Handelnden
    selbstverständlich keine Rücksicht nehmen, da ist ja allemal ‚Gefahr im
    Verzug’, auch wenn sich das Objekt der Bemühungen lediglich durch laute
    Angst- und/oder Schmerzensrufe ‚zur Wehr setzt’.

    Daß die, die da im tatsächlichen Wortsinne fröhlich werkelten,
    indem sie einerseits gewohnheitsmäßig routiniert fixierten,
    sich andererseits, über das Objekt ihrer Bemühungen hinweg,
    in lockerem Plauderton, lächelnd, wie nebenbei unterhielten
    – ohne Unterschied ob Ärztin, ob Pfegekraft –
    das gab der ganzen ‚Veranstaltung‘ ihre eigentliche,
    ihre widerliche und menschenverachtende Würze.<

  2. Eine Freundin und Mit-Herausgeberin der Erepro-Zeitschrift hat mich auf Ihren Artikel hingewiesen. Ich bin Autorin und Filmemacherin aus Berlin (s. auch http://www.sigrunschnarrenberger.de) und möchte zu Ihnen Kontakt aufnehmen. Es geht darum, dass ich eventuell ein Exposé über Ihre Lebensgeschichte schreiben möchte, das ich bei der Dokumentarfilmredaktion „Lebenslinien“ BR oder „Menschen Hautnah“ WDR einreichen möchte. Die Redaktionen würden im Falle einer Zusammenarbeit entscheiden, ob ein Film zustande kommt oder nicht. Ich verstehe Ihr Anliegen und sehe grundsätzlich eine Veröffentlichungsrelevanz des Themas „gesellschaftliche Akzeptanz von psychischen Erkrankungen“ und „Umgang mit Patienten in der Psychiatrie“. Allerdings geht es doch um sehr persönlichen Stoff dabei. Ich würde mich über Ihre Antwort freuen, mit freundlichen Grüßen, Sigrun Schnarrenberger

    1. Sehr geehrte Frau Schnarrenberger,

      ich freue mich über Ihre Idee,
      die Angelegenheiten speziell des Umgangs mit Menschen in der Psychiatrie näher zu betrachten, damit den Versuch zu machen,
      eine weitgehend eher uninformierte wie auch, leider,
      oft desinteressierte Öffentlichkeit besser zu unterrichten.

      Falls ich Ihnen dabei mit Kenntnissen und Erfahrungen
      mit psychischen Erkrankungen, sei es aus eigenem Erleben,
      sei es, insbesondere, aus dem Miterleben aus nahezu einem Jahr
      mit regelmäßigen Besuchen in den geschlossenen Intensiv-Stationen
      des lokalen psychiatrischen Krankenhauses, hilfreich sein kann,
      bitte ich Sie, sich an mich zu wenden.

      Mit freundlichem Gruß,
      Günter Brand.

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