Ich lebte das Leben anderer. Rosa Klimm

Als ich so tief gefallen war, wurde mir langsam bewusst, dass in meinem Leben einiges gewaltig schief lief. Bisher lebte ich meist das Leben anderer, nicht mein Leben. Nur, was war mein Leben? Das musste ich herausfinden. Und so begann ich Stück für Stück mein Leben umzukrempeln. 

Immer war ich ein Verstandesmensch gewesen. Doch plötzlich kam ich damit nicht mehr weiter. Ich begann auf mein Herz und Gefühl zu hören.

Als erstes musste ich lernen, mich auszuhalten in meiner Verzweiflung, in meiner Verletzlichkeit, in meiner Angst, in meiner Ungeduld. Ich übte ständig meine Angst auszuhalten, und dass Panikattacken mich nicht umbrachten.

Mein Tag wurde durchstrukturiert mit Disziplin und Regelmäßigkeit, mit viel Bewegung an der frischen Luft bei jedem Wetter. Und es waren die ganz banalen Dinge des Alltags, die ich hart durchzog: früh aufstehen, einen Plan machen für den Tag und ihn auch einhalten.

Das erste halbe Jahr wollte ich mit niemandem reden. Ich musste für mich einen Weg finden, der begehbar wurde. Dann begann ich mit den Gesprächen in dem Sozialpsychiatrischen Dienst, den ich von meiner ehrenamtlichen Tätigkeit her kannte. Dort konnte ich wirklich über alles reden und bekam viele neue Aspekte aufgezeigt. Ich glaube, ohne diese vielen Gespräche hätte ich es nicht so leicht alleine geschafft.

Schon lange wollte ich meine Wohnung umgestalten. So begann ich diese von Grund auf zu renovieren. Praktische Arbeit hat mich schon immer abgelenkt. Ich hatte ja alle Zeit der Welt. Meinen ersten Urlaub alleine (ohne meinen Partner) musste ich planen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen alleine zu fahren. Das hatte ich zuvor noch nie gemacht.
So fuhr ich zu meiner Tante, zwei Jahre hintereinander und war dort für ein paar Wochen gut aufgehoben. Danach konnte ich wieder klar denken.

Bald schon fing ich an Tagebuch zu schreiben, und nach kurzer Zeit war dieses Aufschreiben ein fester Bestandteil meines Tages. Mein ganzes Leben ackerte ich dabei durch.

Mindestens ein Jahr lang habe ich geheult und geschrien, wann immer ich alleine war.

Im Laufe der Jahre habe ich so eine Menge Kladde-Bücher vollgeschrieben, die ich im letzten Jahr mit einer Wonne durch den Reißwolf gejagt habe. Es war ein Freudenfest. Am Schluss verbrannte ich einen Rest mit Zugabe von Weihrauch in einem alten Topf. Das war vielleicht ein gewaltiger Abschluss!

Die Natur mit ihrem Werden und Vergehen und wieder Werden wurde mir zu einer ganz großen Lehrmeisterin. Da kapierte ich, dass nichts verloren ist und immer wieder Neues entsteht.
Ich setze mich mit meinem inneren Schweinehund auseinander. Dieser sollte nicht mehr die Oberhand behalten. Dabei begann ich so etwas wie innere Streitgespräche mit diesem zu führen.

In Unordnung war ich geraten, und ich entwickelte einen eisernen Willen, da wieder herauszukommen – ohne Arzt und ohne Pillen.
Ich füllte mein Leben mit ganz neuen Aktivitäten, die ich mir vorher nicht hätte vorstellen können, richtete alle meine Sinne danach aus, etwas zu finden, was mich ausfüllen könnte.

Jetzt ist es beileibe nicht so, dass alles nur so flutscht, als sei nie etwas gewesen. Meine Strategien, mein Leben zu gestalten, wende ich nach wie vor an.

 

Den folgenden Text habe ich im Jahr 2003 in mein Tagebuch geschrieben:

Auf meinem Weg.

Anfangs war er schrecklich, er bestand aus Hürden, die unüberwindlich waren. Dieser Weg war so schmal, dass ich keinen Platz darauf hatte. Es gab nur ein Tasten. Kann ich dieses Stück Weges wagen, stürze ich wieder ab, und wie tief geht es hinab? Schaffe ich dann den Aufstieg wieder? Es war eine Gratwanderung. Alles war so kantig, so spitz um mich herum. Es gab nur Verletzungen. Überall bin ich angestoßen und blutete oft.

Doch ich konnte nicht liegen bleiben, sonst wäre ich erstarrt. Es galt dieses bisschen Leben zu erhalten, nicht erfrieren zu lassen.

Und so war es anfangs nur ein Fallen und Aufstehen, Fallen und Aufstehen. Bis ich langsam das Laufen wieder lernte. Vorsichtig tastend, nach allen Seiten schauend, ob nicht wieder etwas im Weg war, ging es vorwärts. Und wehe, wenn ich nicht genau hinschaute, lag ich schon wieder auf der Schnauze.

Es lauerten so viele Gefahren auf diesem Weg und es gab keine Wegweiser. Nirgends stand die Richtung angeschrieben. Ist er überhaupt richtig dieser Weg, führt er ins Verderben, führt er ans Licht?
Niemand kann ich fragen, nirgends nachschlagen. Ich kann nur gehen, nur nach vorne schauen, denn das da vorne ist weniger schrecklich, als alles was dahinter liegt.

Das Fallen wird weniger und ich lerne mich umzusehen und einen sicheren Halt auf dem Boden zu finden und einen neuen Schritt zu wagen. Und so langsam entsteht Sicherheit. Ich merke, ich stürze nicht mehr so leicht, ich habe Halt gefunden.  Am Rand erscheint ein Geländer, an dem ich mich festhalten kann, hochziehen, wenn ich wieder mal ausgerutscht bin.

Eine Stütze ist da, eine Richtschnur, an der ich mich festklammern kann. Sie war immer da, ich sah sie nur nicht mehr. Zu sehr war ich damit beschäftigt, den Aufprall zu mindern, denn die Verletzungen bei diesen Stürzen wurden immer schlimmer.

Dann begriff ich, wenn ich mich festhalte, rutsche ich zwar aus, aber ich falle nicht mehr so tief. Ich kann den Aufprall mindern, abfangen.

Und die Sicherheit kommt und stärkt das Rückgrat.

Mein Fuß tritt jetzt fest auf, er rutscht nicht mehr weg. Die Hürden kann ich jetzt gut nehmen, kann sie überspringen. Sie werden kleiner. Oder habe ich gelernt lockerer darüber zu springen?

Der Weg wird breiter, ich muss mich nicht mehr festhalten. Ich kann ohne Hilfe gehen, laufen, anfangen zu springen. Es gibt keine Hürde mehr, die ich fürchte, ich habe sie alle genommen. Ich brauche auch keinen Umweg mehr zu gehen, habe gelernt den direkten Weg zu gehen und jedes Hindernis in Kauf zu nehmen.

Mein Weg ist nun überschaubar geworden. Ich kann es mir aussuchen, in welche Richtung ich gehen will. Es sind keine Felsbrocken mehr auf meinem Weg, die unüberwindbar sind. Die Hindernisse die sich nun vor mir aufbauen sind zu bewältigen.

Ich weiß nicht, ob die Hindernisse kleiner geworden sind, oder ob meine Kraft größer geworden ist. Vielleicht beides!
Rosa klimm

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