Mein Partner ist wohl depressiv – wir wollen keine Psychiatrie

  

Mein Partner ist abgeschnitten
von mir  
zur Zeit.                                                                       

So verschwindet er
immer mal wieder
aus meinem Leben
Und ist doch da

Das geschieht
nicht regelmäßig. 
Auslöser sind mir unbekannt.
Obwohl beobachtet mit Protokoll,
trotz Internetrecherche und Nachdenken.
       
Es gibt kein Prinzip, es gibt kein System.
Der Zustand ist wie Wetter.   
Man weiß es nicht vorher,
und kann es gar nicht steuern.

Anzeichen – ja.     
Vor allem Unentschlossenheit fällt auf,
banale Dinge zu entscheiden.
„Das weiß ich nicht“ –
so lautet die Begleitmusik.
                                                      
Wenn es dann soweit ist,
stell ich mich darauf ein.
Hoffentlich sehr schnell,   
um mich zu schützen    
                                            
Schützen?

Vor plötzlicher Zurückweisung.
Bis hin zum aggressiven Korb,
nicht zu berechnen und ganz ohne Anlass
verstärkt durch Alkohol, der ja enthemmt –
dann mehr als sonst.

Ich bin genervt und ecke an,
vergesse, dass es wieder soweit ist,
mach Fehler ohne Überlegung:
Gewohnheit – Sicherheit – Vertrautheit
verführen mich dazu.

Schlagartig unterbrochene Verbindung,
schnell-wortlose Verständigung ist futsch.
Beginn der Zeit des großen Schweigens:
aktiv Zurückhaltung in Diskussion,
Aufmerksamkeit und Lust an meinen Themen,      
das wird nun eine zeit lang nicht mehr sein.

Fremd, isoliert, so stehe ich allein.
Beginne neu den Lernprozess,
der dauert bis allmählich –
gebranntes Kind – ich vorsichtiger bin.
Rückgriff auf meine Eigenständigkeit.

Blindheit im Zwischenmenschlichen
macht Umgangsformen harscher
und somit weniger sensibel –
so geht man um mit einem Hund.
Lautstark wird’s oft von meiner Seite,
wie wenn ich meinen Partner wecken will,
ihn, der nur kalt und gleichgültig sich gibt.

Lässt Orientierung an dem Gegenüber nach?
Was heißt das – weniger an Empathie?
Entzug von Sicherheit der Selbstverständlichkeit,
stand darauf die Beziehung?
Ein Rest von Anstandsregeln
verhindert, dass nicht alles
uns aus dem Ruder läuft.

Ich bin verletzt.
Doch mein Bedauern überwiegt.
Ich ahne, wie ich meinen Partner störe,
der nicht so reagiert wie sonst,
sich nicht auf alles einlässt.

Kann er Eindrücke schwerer integrieren?
Das denke ich.
Er schließt sich ab, wie um sich mehr zu sammeln.
Und alles weitere bedrängt ihn nur.
Auch, dass ich immer da bin,
das tut ihm nicht gut.

So mache ich
mich möglichst unsichtbar.
Dann geht es schon.

Ich sehe, wie er leidet.
Verhindern kann ich’s kaum,
er fühlt durch mich Herabsetzung
durch Vorschläge und kleine Tipps –
sogar Berührungen verletzen.

Entsprechend fehlt es an Respekt und Wertschätzung
für mich in diesen Zeiten.
Erniedrigung kommt vor
durch diesen reservierten „Fremden“,
den alle doch für meinen Partner halten.
Maßlose Wut kann mich dann packen.

Ich glaube nicht, dass  ich die Kältephase
verkürzen kann durch Mitgefühl –
genau so wenig helfen Lob und Anerkennung.
Es ist ganz einfach ein Naturereignis,
dem wir dann beide ausgeliefert sind.

Jetzt komme keiner mir mit Psychiatrie.
Um welche Störung geht’s denn hier ?
Liegt sie bei mir oder bei meinem Partner?
Wer ist Patient und wer der Angehörige?

Dieselbe kalte distanzierte Haltung –
nur diesmal bei dem Personal –
ab in das Schubfach mit der Diagnose
Das brauche ich nicht noch einmal.
Ihr macht uns nicht zu den Gestörten,
denn solchen macht Leben keinen Spaß.
Wir leben zwar am Rande der Gesellschaft
freiwillig und nicht abgeschoben.
Beruflich sind wir sehr gut drauf.
Mein Partner ist gebildet, geistreich, kreativ.
bewundert von sehr vielen Männern
und von den Frauen so wie so.

Die Psychiatrie, die würde das zerstören.
denn sie zersetzt den Stolz von jedem,  den sie trifft,
weil sie an ihm herum zu pfuschen anfängt.
Sie würde wagen ihn zu messen,
aus selbstherrlicher Besserwisserei.
Als ob das Leben kontrolliert abliefe,
und gerade wir uns schämen müssten.

Man will dort chemisch ins Gehirn eingreifen.
Was dabei vorgeht, ist noch nicht erforscht.
Man drängt dazu,
doch muss ein jeder für sich selbst entscheiden
wann denn der eigne Zustand
ihm unerträglich wird.

Mein Partner klagt nicht –
außer über mich.
Und unerträglich wird das Leben nicht.
Da hab ich keine Ängste.
Es gibt ja eine Perspektive.

Wir sind zusammen. Und es bleibt dabei.
Das Leben außerhalb der Kältephasen,
genießen wir
und oft sogar in dieser Zeit

Die Absicht von Beratern
Störungen zu tilgen,
erklärt sich nur berufsbedingt.
Das Reden drüber ist meist Zeitverschwendung.
Es sei denn, man hat Lust dazu.
Verführt wird dabei mancher Kunde
zu glauben an den Zauber der Veränderung
durch Therapie – 
dann ohne ständig neuen mühevollen Einsatz,
weil man ihm klar gemacht:
er selber sei unmöglich –
so wie er ist.
Das ist fatal.
Der Mensch wird unglücklich,
weil er derselbe bleibt.

Und wir versuchen’s weiter.
Es ist ein Auf und Ab.
Wir sind nicht ständig glücklich,
sogar zeitweilig sehr verrückt,
und das macht Angst.

Doch es geht schon
“Es gibt ja immer einen Ausweg“
sang eine jüdische Songsingerin.

Uta von Bebar

Ein Gedanke zu „Mein Partner ist wohl depressiv – wir wollen keine Psychiatrie

  1. Liebe Frau Bebar,

    Sie müssen dieses Problem selbst erlebt haben, sonst könnten Sie es nicht so genau beschreiben. Ich kenne es auch. Finde es sehr schwer zu ertragen.
    Ich danke Ihnen, dass Sie so einen positiven Grundton anschlagen.
    Das macht Mut, es doch gemeinsam zu stemmen. Mit oder ohne Psychiatrie.

    Fraudi

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