Tödliches Tabu

10 000 Menschen töten sich jedes Jahr in Deutschland, jeden Tag zwei Jugendliche. Das heißt etwa alle 53 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben, alle 5 Minuten – schätzen Fachleute – versucht es jemand. Wir können es uns nicht leisten, diese schreckliche Bilanz zu ignorieren.
Die „Freunde fürs Leben e.V.“ aus Berlin arbeiten mit Aufklärungskampagnen über Depression und Suizid gegen dieses Tabu: seit 2001 als erste und einzige kontinuierliche Aufklärungskampagne über Selbstmord in Deutschland.
Wir stellen sie vor und zeigen wie sie arbeiten.

In erster Linie werden Jugendliche und junge Erwachsene angesprochen. Dafür besteht ein Riesenbedarf. Denn der Suizid, insbesondere der von Jugendlichen, ist eine sträflich vernachlässigte, tabuisierte Tatsache, vor der man sich gerne drückt.

Aktivitäten der „Freunde fürs Leben
Zentrale Medien des gemeinnützigen Vereins sind
1. ein Info-Portal mit vielen Hinweisen (u.a. einer langen Literaturliste) und
2. ein WebTV-Kanal, der in erster Linie junge Menschen anspricht.

Außerdem erarbeitet die Gruppe Info-Material

– eine DVD
“Um Lehrern, Erziehern und anderen Bildungsarbeitern den Einstieg in das Thema psychische Gesundheit zu erleichtern, gibt es die DVD ‚Und Du so?‘. In kurzen Filmbeiträgen und Interviews kommen junge Menschen, Experten, Musiker, Schauspieler, TV-Moderatoren und Politiker zu Wort. Sie sprechen über Gefühle, Glück und Krisen. Ebenso werden Beratungseinrichtungen vorgestellt und Profis erklären Fachbegriffe. Die DVD wurde im Auftrag des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie und der BARMER GEK produziert. Die Beiträge stammen von den Vereinen Freunde fürs Leben e.V. und ‚Irrsinnig Menschlich e.V..‘.“

– der Pocket Guide „lebensmüde“
„Der Pocket Guide von Freunde fürs Leben e.V. liegt seit Mai 2005 an Schulen, Beratungsstellen und Einrichtungen aus, bei denen Jugendliche mit Suizidgedanken Hilfe holen können. Entwickelt wurde der Pocket Guide in Zusammenarbeit mit Dr. Gert H. Döring (DGS) und Michael Witte (Neuhland/DGS).“ Diese Booklets sind sehr gefragt und werden von vielen Einrichtungen (Soz.-psychiatrischen Beratungsstellen, Kliniken, Psychiatern, Krisendiensten) in großer Zahl bestellt und verteilt. Alle diese Stellen suchen dringend Material zum Thema Depression und Suizid. Die Info-Broschüre kann unter pocketguide@frnd.de bestellt werden.

 – Info-Spots
„Sven Haeusler von Svenson Suite hat den ersten ‚Freunde fürs Leben‘-Info-Spot produziert. Dieser wurde von MTV ab Oktober 2004 kostenlos geschaltet.
Unser Partner Floor 5 entwickelte einen Spot für die Berliner Einrichtung ‚Neuhland‘, täglich zu sehen auf den Info-Screens in der Berliner U-Bahn.“

– Kampagne WSPD 2010
Manuela Gläser stellte Motive für eine Postkartenkampagne zur Verfügung anlässlich des Weltsuizidpräventionstags. Sie entwickelte die Motive für ihre Abschlussarbeit.

– Kampagne “Echte Männer“
„Freunde fürs Leben haben mit ihren Partnern Werbemotive für die Berliner Einrichtung ‚Neuhland‘ entwickelt.“

Shop
Hier kann man entsprechend gestaltete T-Shirts, Handy- und Padcover, Wasserflaschen und Turnbeutel erwerben.

Die Mitarbeiter von Freunde fürs Leben organisieren Events und Konzerte, gehen in Schulen und klären Schüler und Lehrer über Depression und Suizid auf.

Kurze Vorstellung der Akteure von  „Freunde fürs Leben e.V.“
Der Vorstand
:
1. Vorsitzende: Gerald Schömbs
Geschäftsführer einer Werbeagentur, lesen Sie über seine Motivation, diese Initiative zu gründen.

stellv. Vorsitzende: Diana Doko
Sie erklärt in einem Radiointerview ihr Engagement und ihre Betroffenheit durch den Suizid ihres Bruders.

Schriftführer des Vereins:
Dr. Philipp S. Holstein
Dieser Mediziner hat einen „Anti-Ratgeber“ als Ratgeber verfasst und schaffte es damit bei Amazon auf 20(!) positive Kundenrezensionen. Zitat aus dem Ratgeber (S. 13):„Schon der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurelius (121 –180) wußte (und das gilt bis heute): ‚Es wäre dumm sich über die Welt zu ärgern. Sie kümmert sich nicht darum.’ Also müssen wir doch wieder bei uns selbst anfangen.“
Hier eine Kundenrezension: „Dieses Buch entwickelt eine Sogwirkung. Es gibt nämlich keine Antworten. Es leitet einen, Fragen zu stellen. Die Antworten werden sich finden – und sind teils sehr überraschend. Ohne Philipp S. Holsteins kluge und witzige, gleichzeitig aber auch sehr tiefgehende Fragen käme man oftmals nicht im geringsten auf die Gedanken, auf die man hier selbst kommt.“ (K. C. Thomsen).

Einschätzung der Arbeit der Freunde fürs Leben
Ein bisschen davon findet sich auch bei den „Freunden fürs Leben“. Ein Stil, der lebendig und menschlich daher kommt, ohne die oft humorlos kritischen Belehrungen psychiatrischer Profis.
Dabei macht das Portal auf uns einen vertrauenswürdigen Eindruck. Es bietet Hinweise auf die Hilfsmöglichkeiten für depressive Menschen, die zwangsläufig allgemein gehalten sein müssen. Aus fachlicher Sicht haben wir keine Einwände gegen diese Aufklärungskampagne.
Im Gegenteil – die „Freunde fürs Leben“ sprechen Betroffene einfühlsam und liebevoll an, machen ihnen Mut mit jemandem zu sprechen, sich Hilfe zu holen. Man spürt, wie wichtig den Mitarbeitern ihr Vorhaben ist.
Nur eine kleine Ergänzung: das Hilfsangebot von Selbsthilfegruppen für Depression könnte u.E. die Palette der Angebote bereichern. Wir haben durchweg gute Erfahrungen mit solchen Gruppen und berichten darüber in den hilfe Blättern von EREPRO Nr. 12 und anderen Ausgaben.

Die Freunde fürs Leben besuchen auch Tagungen und Kongresse. Bei dem großen Kongress der DGPPN 2013 stellten sie fest, dass auch dort die Suizidproblematik weitgehend tabuisiert wird. Dass die offzielle Psychiatrie sich schwer tut mit der Suizidverhütung, hängt u.E. nicht nur mit der hohen Zugangssschwelle und der schweren Erreichbarkeit suizidgefährdeter Menschen zusammen, sondern auch mit einer Tendenz zur Abwehr dieser Problematik. Das Thema Suizid führt in die Grenzbereiche und das Unergründliche der menschlichen Existenz. Das kann Mitarbeitern der immer wieder als „sachlich-objektiv und wissenschaftlich“ vorgestellten Psychiatrie (wie natürlich sehr vielen anderen) Angst machen.
Dazu kommt, dass sich die Suizidproblematik nicht einfach medikamentös wegdrücken läßt. Im Gegenteil – durch Medikamentenbehandlung werden depressive Menschen nicht selten so weit wieder hergestellt, dass sie ausreichend Energie für die Durchführung eines Suizids aufbringen können.
Diese Menschen steckt man nicht so leicht in eine Diagnose-Schublade. Sie erweisen sich auch sonst weitgehend als „routine-resistent“, weil der Umgang mit ihnen jeweils volle Aufmerksamkeit und Zuwendung erfordert.
Und – sind sie überhaupt „psychisch krank“, mag sich mancher fragen und die Zuständigkeit der Psychiatrie bezweifeln.

Die „Freunde fürs Leben“ verweisen die depressiven, suizidgefährdeten Menschen und ihre Bezugspersonen an Fachkräfte in Ambulanzen und in psychiatrischen Kliniken. Auf ihrer Website stellen sie den Experten Thomas Giernalczyk von der Arche in München vor mit einem Vortrag über seine Arbeit in einer der wenigen spezialisierten Beratungsstellen für suizidgefährdete Menschen.
Diese Vermittlung durch die Freunde fürs Leben an kompetente Fachleute ist notwendig und richtig.
Wie es einem suizidgefährdeten Jugendlichen ergeht, der diese Anregung aufgreift und  nach der üblichen Odyssee bei der Hilfesuche eine offizielle Einrichtung oder einen niedergelassenen Psychiater aufsucht, hängt (wie immer) sehr von dem jeweiligen Mitarbeiter ab, auf den er trifft.
Kritik an offiziellen Hilfsangeboten sind nicht das Thema der „Freunde fürs Leben“.
Sie sprechen die depressiven und suizidgefährdete Menschen, ihre Freunde und Bekannten direkt an. Das ist gut so. Sie machen Mut und informieren über Depression und Suizid, damit Jugendliche besser verstehen können, was mit ihnen los ist, wenn sie sich schlecht fühlen. Erst dann können sie gezielt nach Hilfsmöglichkeiten suchen – auch bei Freunden und Bekannten,das wird immer wieder betont.
Ein  sinnvolles und wichtiges (unbedingt förderungswürdiges)  Angebot – zum Weitersagen.

Finanzierung der Freunde fürs Leben
Seit über 10 Jahren arbeitet dieses Projekt in dem komplizierten Bereich der Suizidprävention und hat bisher immer nur (geringe) Spendengelder zur Verfügung gehabt. Man ist fast versucht zu sagen: die Tabuisierung dieses Themas geht tatsächlich so weit, dass man diesem Verein bisher jede öffentliche Finanzierung verweigert hat.
Zur Zeit kämpfen die Freunde fürs Leben für eine finanzielle Unterstützung mit einer Petition bei Change.org. Klicken Sie diesen Link an und unterschreiben Sie.
Diese Unterstützung ist dann ein winzig kleiner Beitrag gegen das tödliche Tabu Suizid.

Ein Gedanke zu „Tödliches Tabu

  1. Totliches tabu
    auf der Seite „www.suizidprophylaxe“ werden ausdrücklich für suizidgefährdete Menschen Sozialpsychiatrische Dienste empfohlen.

    Unsere jahrelange Arbeit in SPDls hat jedoch gezeigt, dass das nicht sinnvoll ist. Allein schon die Bezeichnung!! Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein suizidgefährdeter Mensch sich rechtzeitig und freiwillig dorthin begibt.
    Auch wenn er in einen Sozialpsychiatrischen vermittelt wurde und eine Beratung bereits stattgefunden hat, ist es trotzdem u. E. unwahrscheinlich, dass eine zweite Beratung stattfindet und sei der Mitarbeiter im SPDI noch so verständnisvoll gewesen.
    Wer will schon zusätzlich zu allen Problemen auch noch mit der Psychiatrie zu tun haben?
    Eine gezielte, auch medikamentöse Behandlung in einer psychiatrischen Klinik ist aus Sicht der Betroffenen schon eher akzeptabel.
    Diese Erfahrungen aus der Praxis zu berücksichtigen bedeutet,dass angemessene Hilfsangebote für suizidgefährdete Menschen in Deutschland kaum vorhanden sind.
    Das Suizid-Tabu hat scheint’s tatsächlich entsprechend tödliche Wirkung, weil die Betroffenen allein gelassen werden.

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