Eine Berufung für gescheiterte Menschen. G. Springmann

Ein Mensch, der psychisch krank wird, fällt auf.
Er kann sich seiner Umgebung nicht anpassen. Die Frage, ob eine psychische Erkrankung hirnorganisch bedingt ist, ist eindeutig geklärt. Jene Mängel und Defekte, die sich auch im sozialen Leben zeigen und dort zum Ausdruck kommen – in Familie, Beruf, in allen gesellschaftlichen Verrichtungen, besonders im Umgang mit anderen Menschen, versucht man zu beheben und ihnen abzuhelfen, indem man Medikamente verordnet, die das Leiden lindern sollen.

Psychische Krankheiten haben eine lange Entwicklungsgeschichte, die beim einzelnen Menschen von früh auf angelegt ist. Unter bestimmten Bedingungen kommt die Krankheit um Ausbruch, oft erst im Erwachsenenalter.
Ein Mensch ist immer ein Individuum, das sich von anderen Menschen in Ausdruck, Darstellungsweise, Intelligenz, Fähigkeiten, Talenten, Geben und Gebaren unterscheidet.
Da gibt es die temperamentvollen, beredsamen, sehr ausdrucksstarken Menschen, die sich gut mitteilen können. Man begreift sie als interessant und auch sehr gesellig, auf andere zugehend, mutig und draufgängerisch. Daneben gibt es die eher Schüchternen, manchmal langweilig wirkenden Menschen, die mit sich nichts anfangen können, und die sich in Gesellschaft sehr unbeholfen und schwerfällig bewegen. Die meisten dieser Menschen – ob sie nun verschlossen oder offen sind, zeichnen sich durch besondere Fähigkeiten aus, und sie können durchaus kreativ und  produktiv sein. Die Einen sind eben geduldig, langsam, beharrlich, zurückhaltend  und gelegentlich auch genau, die Anderen beweglich, effektiv, äußerlich erfolgreich und auffallender, anpackend, gestalterisch, genialisch und wirklich bewegend. Sie sind etwas spontaner.

Beide Typen können durchaus eine gewisse Faszination ausstrahlen und haben ihre Qualitäten.. Der Charakter des Menschen, seine Veranlagung, sagt nichts darüber aus, ob er sympathisch ist und bei anderen Menschen ankommt.

Es gibt Menschen, welchen man eine psychische Krankheit zuschreiben muss, vielleicht weil sie nicht so leistungsstark sind, unter Depressionen leiden, sich abschließen, unverständliche Taten begehen, weil sie in ihrem Verhalten fremdartig wirken: trotzdem muss man ihnen bescheinigen, dass sie nie im kriminellen Bereich aufgefallen sind.
Objektiv ist festzustellen, dass sie große Schwierigkeiten im Umgang mit der Umwelt haben. Leider ist der psychisch kranke Mensch, der nicht dem Durchschnitt der Bevölkerung entspricht, gewissen Vorurteilen ausgesetzt, die tief verwurzelt sind, die nicht langsam verschwinden, sondern im Gegenteil sich immer mehr vertiefen und in der Gesellschaft verbreiten.

Der „Normale“ hat die Dinge ja im Griff und meistert das Leben, ohne ihn gäbe es nicht den „Fortschritt“, der in einer zunehmenden Verrohung der Gesellschaft besteht und sich darin zeigt, dass alles kälter, gefühlsärmer, brutaler, unbarmherziger, seelenloser wird, und in einem Kampf eines Jeden gegen Jeden endet. Der „Normale“ braucht Schuldige, Opfer, Schwache, an denen er seinen Zorn, seine Wut auslassen kann. Sonst könnte er nicht überleben. Der „Normale“, der in seine Arbeit vernarrt ist, sieht nicht die Lösung, erkennt nicht den Hoffnungsschimmer am Horizont, der ihn aus seinem Irrweg erlösen könnte. Er ist auf seinen persönlichen, kurzsichtigen Vorteil bedacht.

Es gibt Leute, die dazu berufen sind, auf Hoffnungen, Tendenzen hinzuweisen, die aus der Misere führen könnten, Politiker, Künstler, Schriftsteller, Aufklärer – und auch die Funktion psychisch kranker Menschen, die gescheitert sind, könnte hier eine positive, verheißungsvolle Rolle spielen. Sofern diese bereit sind, ihre Negativ-Image zu verlassen, an sich zu arbeiten und Lehren aus ihrer schwierigen Situation zu ziehen, die nicht so verzweifelt ist, wie sie auf den ersten Blick aussieht.
Man muss ein neues Menschenbild gewinnen.

Heute, das hat auch die Psychologie erkannt, ist nur der aktive, handelnde, extrovertiert, lachende, positive, kooperative und flexible Mensch gefragt, der immer in Bewegung ist, der unkritisch sich durch nichts irritieren lässt, permanent produktiv alles energisch anpackt und  immer etwas leistet.
Dieser Mensch fällt nicht auf, er stellt den Normality-Typus von Mensch dar, an dem man nichts aussetzen kann, und den man nicht unterstützen und ermutigen muss, weil er keine Probleme bereitet, und weil er sich in den Gesamtbetrieb integriert.

Da muss sich jeder anpassen. Dabei hat der schwermütige Mensch, der nicht so schnell in Gang kommt, rätselhaft erscheint, ein bisschen unharmonisch und schwerfällig ist, vielleicht grübelnd, durchaus Nachteile zu befürchten, denn er ist nicht gefragt. Kein Standardtypus, nicht kontaktfreudig und aufgeschlossen, sondern eher widerspenstig – stört er in unserer Gesellschaft. Ich muss sagen, unter diesen verschlossenen Menschen, die sich abkapseln, gibt es sehr Gutmütige, Aufgeschlossene, die liebenswürdig und einnehmend sind, die man nicht einfach abschreiben sollte.
Unsere Gesellschaft ist eine Maschine, die seelenlos und herzlos nur auf das Funktionieren schaut, nicht auf das Wertvolle und Tragfähige, das diese Menschen oft auszeichnet, die zunehmend unter Beobachtung und Kontrolle geraten.
Denn man braucht auch das Tiefgründige, Substantielle – sonst bricht alles auseinander, es explodiert, wenn man nicht endlich zur Besinnung kommt und diesen Wahnsinn beseitigt, von dem nicht nur Glück und Zufriedenheit ausgeht, sondern auch unendliches Leid und eine Perspektiv- und Ziellosigkeit sondergleichen, die uns in den Untergang treiben kann.

Das wollte ich einmal sagen, und ich warne davor, dass der Volltrottel, den nichts aus der Bahn wirft, zur bestimmenden Figur wird. Diese Maschine, dieser Apparat, ist zynisch, und er wird nichts zur Lösung unserer Probleme beitragen.
Das Bild des Menschen ist immer komplex, umfassend und nicht ohne Ecken und Kanten – und keinesweg einseitig, konstruiert und imaginär.

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