Prävention und soziales Netz in einem Sozialpsychiatrischen Dienst

Seit 15 Jahren wird in einem bayerischen Sozialpsychiatrischen Dienst ein Vorsorgeprogramm praktiziert, das sich in seiner Funktionsfähigkeit bewährt hat.
Es ist gelungen – entsprechend dem Konzept des Sozialen Netzes (SN) – Vorsorge zu leisten in einer ambulanten Institution, deren vorrangiges Ziel darin besteht, Menschen mit psychischen Erkrankungen Hilfen zur Wiedereingliederung zu bieten und ihnen ein Leben außerhalb stationärer Einrichtungen zu ermöglichen.

Die Ideen der Selbsthilfe und der Laienarbeit sind Grundlage dieses Konzeptes.

1. Die Idee der Selbsthilfe.
Die gegenseitige Hilfe der Klienten wurde von Anfang an gefordert im Sinne einer Unternehmenskultur des Sozialpsychiatrischen Dienstes. 
Zwei Beispiele:
a. Der Name „Arbeitsgemeinschaft“ für den Sozialpsychiatrischen Dienst – ursprünglich aus der gemeinsamen Trägerschaft zweier Vereine entstanden – kommt dieser Absicht sehr entgegen und wurde auch nach Beendigung der ursprünglichen Arbeitsgemeinschaft – bewusst beibehalten, um den Gedanken der Zusammenarbeit zwischen Klienten und mit den Mitarbeitern zu fördern, zumal der Name „Arbeitsgemeinschaft“ längst diese Bedeutung angenommen hatte.

b. Die seit 1977 von Klienten hergestellte kleine Zeitschrift trägt den Titel „Alle in einem Boot“. Auch dieser Name wurde für viele Klienten zum Programm.

Der Gründung der ersten Selbsthilfegruppe für „depressive Frauen in der Lebensmitte – im Jahr 1977- lag allerdings weniger die Realisierung eines Vorsorgekonzeptes zugrunde als ein echter Versorgungsnotstand. Der Gründung des SPDi folgte ein derartiger Andrang von Klienten, dass die einzige Psychologin, die angestellt war, diese Gruppe kurz nach ihrer Gründung weitgehend sich selbst überlassen musste, und deren Fortgang nur noch mit eineraus der Gruppe besprach.
Die Notwendigkeit einem s p ü r b a r e n Bedarf und Versorgungsdruck mit einer Selbsthilfegruppe zu entsprechen, förderte die Motivation zur Teilnahme und den Zusammenhalt sehr.
Anknüpfungspunkt zur Gründung weiterer Selbsthilfegruppen in dem Sozialpsychiatrischen Dienst war nicht nur ein gemeinsames Problem der Klienten, sondern auch die Ausübung eines gemeinsamen Hobbys, einer Freizeitaktivität.
In den Selbsthilfegruppen wird darüber gesprochen, wie man sich vor einem erneuten Auftreten der Krankheit schützen kann, wie man die Symptome rechtzeitig erkennt, und welche Wirkungen und Nebenwirkungen Medikamente haben. In einigen Fällen werden Absprachen getroffen, ob und wie im Erkrankungsfall Zwangsmaßnahmen ergriffen werden sollen bzw. dürfen.

Jede dieser Gruppen hat eine Kontaktperson (KTP), das ist eine Laienmitarbeiterin, die sich sowohl zur regelmäßigen Teilnahme an der Selbsthilfegruppe verpflichtete, als auch zum Besuch der Supervisionsgruppen (Erfahrungsaustausch, EA), die die Fachmitarbeiter des SPDi durchführten. In der engen Anbindung der KTPs an den SPDi liegt ein Schlüssel zum Gelingen dieses Konzeptes.
Die v e r t r a u e n s volle Beziehung zwischen diesen Laienmitarbeitern und dem Team von Fachleuten ermöglicht es, dass die KTPs die wichtige Funktion erfüllen, bereits „abgelöste“ Klienten im Krisenfall in den SPDi zu bringen, und professioneller Hilfe zuzuführen. Der gute Kontakt zu den Laienmitarbeitern ermöglicht es weiterhin, Konflikte zwischen einzelnen Personen in dem Sozialen Netz zu bewältigen.

Beim Aufbau dieses Sozialen Netzes muss auch auf den engen Zusammenhalt der Kontaktpersonen u n t e r e i n a n d e r  hingearbeitet werden; dieses geschieht am besten in den bis zu 8 Personen umfassenden Gruppen des „Erfahrungsaustausches“ (EA) mit dem Fachmitarbeiter.
Dass die Kontaktpersonen häufig selber Klienten waren, und es bei Gelegenheit wieder werden, erleichtert es, die Selbsthilfeidee in den Gruppen in die Tat umzusetzen.

Das SN zur gegenseitigen Hilfe kann in den drei folgenden Stufen entstehen:
– Ausgangspunkt kann eine therapeutisch-orientierte Gruppe im Sozialpsychiatrischen Dienst  sein, geleitet von Fachleuten.
– diese entwickelt sich zu einer Selbsthilfegruppe mit KTP.
– die trifft sich nach einigen Jahren so häufig auch privat, dass die Treffen in den Räumen des    SPDi nicht mehr sinnvoll und notwendig sind.
– die Gruppe hat sich als „Bekanntenkreis“ vom SPDi abgelöst.

Voraussetzung für die Durchführung dieses Konzeptes ist in fast allen Fällen, daß die Mitarbeiter des mutidisziplinären SPDi-Teams die Klienten in Einzelgesprächen an die Idee der Selbsthilfegruppe heranführen.  Nicht selten wird darum die Gruppenteilnahme noch eine Zeit lang mit Einzelgesprächen begleitet als notwendige Unterstützung zur Realisierung des Sozialen Netzes.
Die Idee der Selbsthilfe wurde ebenso bei Angehörigen von psychisch Kranken angewendet wie bei Klienten. 

2. Die Idee der Laienhilfe
Laien ersetzen keine Professionellen, sondern haben entsprechend ihrer sozialen Rolle als „Laien“ eine eigenständige Funktion.
Sie stellen den „Außenposten“ sozialpsychiatrischer Betreuung dar, und von der anderen Seite gesehen eine erste „symmetrische“ Beziehung, die den Klienten in einem Sozialpsychiatrischen Dienst angeboten werden kann.
D.h. die Laienmitarbeiter des SPDi unterstützen die Klienten  (mit verfügbarer professioneller Hilfe im Hintergrund) durch regelmäßigen oder unregelmäßigen Kontakt. Nun ist der Klient ist in der Beziehung zum Laienmitarbeiter nicht mehr so eindeutig in der Rolle des „Patienten“, wie er es bei Gesprächen mit Psychologen und Sozialarbeitern zwangsläufig ist. Die Wirkung dieser Rollenänderung im Umgang mit Laienmitarbeitern halten wir für wesentlich als erten Schritt zur gesellschaftlichen Wiedereingliederung von Klienten der Psychiatrie.

 Die enge Anbindung der Laienmitarbeiter an den SPDi geschieht dadurch, daß ein f e s t e r A n s p r e c h p a r t n e r  im Team für Gesprächswünsche der Laien zur Verfügung steht. Persönlichen Belastungssituationen der Laien wird Aufmerksamkeit und Interesse entgegengebracht, die Tätigkeit des Laienmitarbeiters kann jederzeit unterbrochen und das Übernehmen von Aufgaben abgelehnt werden. Psychologen und Sozialarbeiter stehen den Laienmitarbeitern bei Bedarf für therapeutische Gespräche zur Verfügung.
Diese unübliche Haltung der Professionellen mindert keineswegs das Engagement und die Zuverlässigkeit der Laien, erleichtert aber ihre Rekrutierung, da die Angst vor zu großen Erwartungen der Fachleute entfällt.  Das Ablehnen von Aufgaben bei persönlicher Belastung muß von den meisten Laienmitarbeitern ebenso gelernt werden wie von den psychiatrieerfahrenen Helfern, und ist für beide gleichermaßen sinnvoll und heilsam. Das Interesse des SPDi-Teams an persönlichen Problemen der Laienmitarbeiter ermöglicht es natürlich auch ganz wesentlich, eine Vertrauensbeziehung aufzubauen.

Die Arbeit in den verschiedenen Gruppen des Erfahrungsaustausches (EA)der Laien wird von Mitarbeitern des SPDi-Teams durchgeführt.
Hier wird über die Selbsthilfegruppe der KTP berichtet, Anwesenheitslisten angefertigt, Informationen aus dem SPDi vermittelt, und insbesondere im Sinne der V o r s o r g e über den Zustand der Gruppenteilnehmer gesprochen, soweit sie der KTP bekannt sind, und über mögliche Belastungen, die auf den einzelnen Klienten zukommen, so dass die Bezugsperson des Klienten im Team des SPDi ihm entsprechend Hilfe anbieten kann. So wird eine die fachliche Unterstützung des Klienten ermöglicht, wenn er noch gar nicht in einer Krise ist.

F o r t b i l d u n g der Laienmitarbeiter wird als „on-the-job-training“ nach Bedarf in Einzelgesprächen und regelmäßig im EA durchgeführt, da ein Einführungskurs mit der Darstellung der „psychiatrischen Krankheitsbilder“ unnötige Barrieren zwischen Klienten und Laienmitarbeitern aufbauen würde. Das Angebot von Einzelgesprächen über die persönliche Problematik ermöglicht eine Fortbildung der Laien, wie sie kein Kurs oder die Gruppenarbeit im EA leisten kann, da Selbsterfahrung im Mittelpunkt steht.

Den Laien ist eine angemessene, den tatsächlich entstehenden Fahrt- und Telefonkosten entsprechende A u f w a n d s e n t s c h ä d i g u n g  zu zahlen. Auf diese Weise wird verhindert, daß nur Laienhelfer aus höheren sozialen Schichten zum Einsatz kommen, und ein soziales Netz für Klienten unterer Schichten nicht entsteht. Denn die relativ hohen Telefon- und Fahrtkosten, die Laienmitarbeit im SPDi mit sich bringt, können von Laienmitarbeitern, die von Sozialhilfe leben, nicht aufgebracht werden.

Neben der Arbeit als KTP in den verschiedenen Gruppen werden Laien bei der E i n z e l b e –
t r e u u n g  von Klienten eingesetzt. Auch diese Tätigkeit kann – im Sinne der Vorsorge – helfen Krisen zu vermeiden. Praktische Hilfe für Klienten wird dabei durch Fachleute vermittelt. Es wird darauf geachtet, dass Laienmitarbeiter, insbesondere, wenn sie keine KTPs sind, nicht durch übereifrige Unterstützung Lernprozesse der Klienten verhindern.  Laien, die Einzelbetreuungen übernehmen, sollten mindestens alle 2 Monate mit der Bezugsperson des Klienten im Team des SPDi sprechen. Dieser Kontakt lockert sich im Laufe der Zeit, wenn aus der Einzelbetreuung eine Bekanntschaft geworden ist, was nicht selten geschieht, und ein Baustein für das SN ist.

Das Konzept eines Sozialen Netzes ermöglicht es ehemaligen psychisch Kranken ohne direkten Kontakt zu einer psychiatrischen Institution zu leben, und trotzdem nicht völlig sich selbst überlassen zu bleiben, denn ihnen steht das Angebot der Hilfe und Unterstützung von Mitbürgern zur Verfügung. Diese kennen die Art der Problematik, verstehen die Schwierigkeiten, sind geschult im rechtzeitigen Erkennen von Krisen, und helfen, die erfahrungsgemäß hohe Schwelle bei erneuter Inanspruchnahme professioneller Hilfe leichter zu überwinden.
Ch. Kruse, 1993, bearbeitet 14.1.2014

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