Wie ich in der Sozialpsychiatrie arbeite – trotz meiner Schwächen

Disziplin und Begleitung mit Krisenintervention statt Verstümmelung und Vernichtung?

Ich habe die Tätigkeit in einem bayerischen Sozialpsychiatrischen Dienst gewählt, weil sie mir besonders sinnvoll erschien. Wir begannen mit der Sozialpsychiatrischen Arbeit in einer Zeit, als dieser Ansatz sich erst entwickelte und konnten die Arbeit weitgehend frei gestalten.

Ich hatte in USA die ersten Anfänge von Antipsychiatrie miterlebt und schwankte in meiner Reaktion darauf zwischen Entsetzen über die völlig chaotischen Abläufe und Begeisterung über die Freiheit dieser völlig “ausgeflippten” Menschen von Disziplinierung und Maßregelung, wobei meine Angst damals eindeutig überwog.

Disziplinierung

Ich brauchte also für mich persönlich eine gewisse Disziplin der Klienten und die Sicherheit, keine Gewalt zu erleben, auch nicht gegenüber anderen im SPDI. Das habe ich den Hilfesuchenden zu Beginn meiner psychiatrischen Tätigkeit mitgeteilt, und sie waren und sind bereit, auf dieses Bedürfnis, das auf meiner Angst und Schwäche basiert, Rücksicht zu nehmen, d.h. sie akzeptieren beispielsweise die im Sozialpsychiatrischen Dienst verhängten Strafen für Ausübung körperlicher Gewalt, und nehmen sie bei Gelegenheit bewusst in Kauf.

Kostbare Fachkompetenz

Ich finde es nicht besonders sinnvoll, therapeutische Gespräche zu führen mit Menschen in akuter psychischer Verwirrung. Dabei ist mir klar, dass Kontakte und emotionale Zuwendung gerade in diesen akuten Situationen für den Klienten besonders wichtig sein können.

Darum haben wir als Begleiter dieser Menschen – beispielsweise bei  Depressionen, aber auch in psychotischen Phasen – ehrenamtliche Bürger geschult und eingesetzt, die auch in der Krise zur Verfügung stehen, wobei sie von uns Fachmitarbeitern regelmäßig beraten werden. Wenn die Krise eskalierte, greifen wir wieder ein und leiten – wenn nötig – eine medikamentöse oder auch stationäre Behandlung in die Wege.

Eine solche Begleitung – auch in schwierigen Phasen – findet außerdem durch Teilnehmer von Selbsthilfegruppen statt, in welche die Klienten von Anfang an sozial eingebunden sind.

Dieses Vorgehen hat sich  über viele Jahre Ausgangspunkt für dieses Vorgehen ist mein Unwille für dieses Vorgehen ist mein Unwille, teure Fachkompetenz einzusetzen, wenneine vernünftige Verständigung nicht möglich ist. Wobei der Gedanke der sinnvollen Verwendung von Finanzen eine Rolle spielte. Das ist eine Konsequenz meines Ordnungsbedürfnisses.

Übrigens war derselbe Gedanke Ursache der Einstufung bestimmter, verwirrter Patienten als “unheilbar” – und letztlich ihrer Vernichtung und Verstümmelung während der Nazi-Euthanasie. So ein Hinweis von Klaus Dörner auf dem Kongress der DGVT 2016. Auf diese Weise haben wir ein Modell dafür entwickelt, wie man auch menschlich und würdevoll für die verwirrten Hilfesuchenden dem Spar- und Ordnungs-Bedürfnis in der Psychiatrie Rechnung tragen kann. Wir haben diese Arbeit beschrieben in hilfe Blätter von EREPRO Nr. 11.

http://www.erepro.de/hilfe-blatter-von-erepro/liste-der-hilfe-blatter-von-erepro/

Es war mir immer klar, dass staatliche Stellen diese Sozialpsychiatrischen Dienste vorrangig finanzieren, um so genannte chronisch psychisch kranke Menschen besser unter Kontrolle zu halten. Mit dem von uns entwickelten Verfahren ist das sehr gut möglich. Es hat auch eine präventive Funktion, um Krisen der Patienten rechtzeitig zu erkennen und in den Griff zu bekommen.

Voraussetzung für diese Arbeit bei den Mitarbeitern ist eine ausgeprägte Fähigkeit, Spannung zu ertragen, das Aushalten der Ungewissheit, wie Entwicklungen ausgehen werden.

Wichtig ist es weiterhin, auf Aktivismus, um eigne Unsicherheit zu reduzieren, verzichten zu können, damit die Klienten den Spielraum behalten, den sie brauchen, um selber und mithilfe ihrer Begleiter aus der Krise herauszufinden – vor allem ohne übereilte Zwangsmaßnahmen.

Erleichtert wird das für uns Mitarbeiter, indem in dem Sozialpsychiatrischen Dienst Gelegenheit besteht, den Klienten gut kennen zu lernen, und mit den Kollegen darüber zu sprechen. Das erleichtert ein Einschätzen der Krisensymptome und reduziert die Angst vor unvorhersehbaren Reaktionen der Klienten in der Krise.

Ich denke, dass wir hier mein besonderes Sicherheitsbedürfnis, das womöglich aus dem Erlebnis einer starken Verletzungs- oder Unsicherheitssituation in meiner Vergangenheit resultiert, in dem Sozialpsychiatrischen Dienst auf eine Weise eingesetzt haben, wie das unter den für mich zwingend gebotenen Voraussetzungen von Vernunft und Ordnung am besten möglich ist.

Unterm Strich bringt das aber hoffentlich wohl doch mehr Vorteile als Schaden für die Hilfesuchenden.

 

EREPRO, Notizen aus einem unveröffentlichten Gespräch. 2004

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