„Dämonen und Neuronen. Psychiatrie gestern – heute – morgen“

Mit dieser Wanderausstellung will das Land Sachsen Anhalt – eines der ärmsten Bundesländer –  die Psychiatrie aus ihrem Schattendasein holen. Ein aufwändiges, gleichzeitig etwas tollkühn anmutendes Unterfangen.

Seit 2011 bis heute tourt die Wanderausstellung durch die Lande, und wird in Kliniken, Volkshochschulen, Universitäten und Stiftungen gezeigt. Mit ganz hochgestecktem Anspruch: „Abbau von Berührungsängsten und Vorurteilen gegenüber der Psychiatrie und psychisch Kranken.“

„Die Ausstellung „Dämonen und Neuronen“ lädt deshalb zu einer Reise ein. Einer Reise, die vom Verständnis und der Behandlung psychischer Erkrankungen in verschiedenen Epochen, Kulturen und Religionen erzählt. Die den langen Weg von der „Besessenheit“ zum heutigen Verständnis psychischer Erkrankungen mit ihren Perspektiven aufzeigt. Die ausgewählte Symptome, Diagnosen und Therapien aus der Sicht von Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten vorstellt. Einer Reise, die an ihrem Ende hoffentlich ihr Ziel erreicht hat: Mehr Wissen, besseres Verständnis und höhere Akzeptanz für die Krankheiten des Kopfes.“ (Zitat aus dem Flyer der Ausstellung)

Wir haben die Ausstellung in der Humboldt Universität zu Berlin gesehen.
Sie stellt sich beeindruckend dar, modernste Ausstellungstechnik interaktiv mit Video, Audio und gut lesbaren Tafeln, abwechslungsreich arrangiert. Perfekt…
Einige wenige Leute liefen rum, mit Bleistift und Papier bewehrt, und schrieben sich was auf.

„Schade“, sagte eine Frau, „dass wir unser Verständnis von Psychiatrie nicht auch mal mit so professionellen Mitteln darstellen können, aber da ist garantiert zu teuer!“ 
Diese Frau meinte eine Psychiatrie, die den Menschen und seine „Selbstbestimmung“ in den Mittelpunkt stellt. Die andere, dominierende Richtung beschreibt Gunther Kruse in den „Sozialpsychiatrischen Informationen“ 4/2013: „Wo alles so gut und wunderbar formiert, normiert, entmenscht daherkomt“ und „wie der Mensch gewissermaßen mechanistisch aus der Medizin entfernt wird“. Auch wenn es in der Praxis der Psychiatrie ganz danach aussieht, dass es diese beiden grundlegend unterschiedlichen Ausrichtungen gibt, diese Ausstellung läßt sich dem nicht ohne weiteres zuordnen.

Das Konzept der Ausstellung stammt von der Firma – id3.de, Gesellschaft für Themen-Gestaltung, die Psychiatrieausstellungen wie auch zum Beispiel Hubschrauber-Museen konzipiert.
Das erklärt vielleicht eine ungewohnte, schwer greifbare Distanziertheit – ohne spürbare persönliche Berührung, die über dem Ganzen liegt.
Mir kam es so vor, als ob eifrige Studenten wie für ein Referat jedes (im Internet) auffindbare Stichwort zur Psychiatrie aufgegriffen haben. Die Autoren firmieren unter „Peter Wellach“, einem der Firmengründer, der dem Deutschlandradio Kultur auch Rede und Antwort steht über die Ausstellung.
Der Besucher muss versuchen, sich anhand einer Menge interessanter einzelner optischer Anreize zu orientieren. Von den Anfängen der Psychiatrie: „chronologisch und kulturüber­greifend … aus gesellschaftlicher und histo­rischer Sicht“ sieht man sich konfrontiert „mit der Fragestellung ‚Wie gingen die jeweiligen Gesell­schaften mit psychischen Auffälligkeiten um und wo wurden diese behandelt?` ‚Was ist eigentlich psychisch krank und was ist normal?’…“

Dann geht es um die Krankheitsbilder, Diagnosen und Therapien. Patienten erzählen, Prominente gestehen, dass sie auch schon mal…
Die „Diagnosen“ der Psychiatrie werden wie klare wissenschaftliche Begriffe einfach affirmativ behandelt. Und wir denken an der Stelle unwillkürlich an die letzte Nummer der Sozialpsychiatrischen Informationen (4/2013), in der Prof. Gunther Kruse sarkastisch über Diagnosen eines einzigen Patienten schreibt: „nicht unüblich ist, heute Schizophrenie, morgen bipolar, übermorgen Persönlichkeitsstörung, es fehlt nur noch Borderline plus Sucht und zuletzt Doppel/Dreifachdiagnose.“

Sicher kann sich jede Therapie- und Wertausrichtung der Psychiatrie hier irgendwo in dem Sammelsurium der Ausstellung mit einigen Aussagen wieder finden – sogar das Sozialistische Patientenkollektiv (selbstverständlich ohne Hinweis auf die RAF und lebenslange Gefängnisstrafen der Mitglieder): “ ‚Im Sinne der Kranken kann es nur eine zweckmäßige bzw. kausale Bekämpfung ihrer Krankheit geben, nämlich die Abschaffung der krankmachenden privatwirtschaftlich-patriarchalischen Gesellschaft‘. Sozialistisches Patientenkollektiv 1970″, so steht es auf einer knallroten runden Ausstellungstafel.

Man wird sich das Eine oder Andere herauspicken aus dem Potpouri. Irgendwie interessant ist es jedenfalls: Es wurden „modulare Themeninseln entwickelt. Jede Themeninsel wird durch eine Mittelpunktinszenierung bestimmt, welche die Geschichten um sich herum versammelt.“
Diese Fleißarbeit erarbeitet aber kaum Zusammenhänge, die Einsichten verschaffen könnten zum besseren Verständnis des Phänomens „Psychiatrie“, das sich hier in erschlagenden Vielfalt präsentiert.
Den schwarzen Peter hat somit der Betrachter. Es bleibt ihm überlassen, eine Schneise durch das Dickicht an Informationen, Zitaten, Stich- und Fachworten zu schlagen! Er soll nachdenken und diskutieren: „Die Besucher (sollen) sich über ihr Verständnis von psychischer Krankheit und über Heilmöglichkeiten austauschen, diese in die Ausstellung einschreiben und helfen, Zukunft zu entwerfen.“
Ja, was noch alles?

Reform der Psychiatrie? Einiges wird vorgegeben, das sich ändern muss (allerdings wenig Originelles): Gleichstellung von körperlichen und psychischen Krankheiten. Ein alter Hut seit der Enquete 1975, und es kommt einfach nicht so weit!
Wenn wir den Laien nur „fachlich informieren“, verschwinden die Vorurteile: ein weiterer Reformvorschlag.

„Psychische Störungen sind so alt wie die Menschheit – und ebenso alt sind die Vorurteile, Unwissenheit und Ängste, die trotz der enormen medizinischen Fortschritte noch immer in vielen Menschen verankert sind. Auch wenn wir heute wissen, dass Krankheiten der Seele weder eine Strafe der Götter noch der Fluch böser Geister sind, so treten wir Betroffenen nicht selten mit großen Vorbehalten gegenüber. Aber warum? Wieso begegnen wir Krankheiten des Geistes weitaus befangener als denen des Körpers?“
Die Antwort auf diese Frage bleibt aus.
Könnte es gelingen, Depressionen als „normale Krankheit wie Husten und Schnupfen“ zu sehen?

Und die „enormen medizinischen Fortschritte“ der Psychiatrie sind ein Phantom. Vor kurzem wurde in der erwähnten Zeitschrift „Sozialpsychiatrische Informationen“ 4/2013 die Wissenschaftlichkeit dieser Disziplin sehr in Frage gestellt: „Die Psychiatrie ist ein Fachgebiet, das stolz darauf zu sein scheint, absurderweise, sich der Medizin mit Erfolg angedient und eine Zugehörigkeit erzielt zu haben, ohne die mindesten Voraussetzungen dafür erfüllt zu haben.“ (G.Kruse)
Die „moderne Psychiatrie“ mit ihrem Hype (s. hilfe Blätter von EREPRO Nr. 15, S. 79) bleibt in „Dämonen und Neuronen“ also eher unangetastet.

Nun sind „Berührungsängste und Vorurteile“ nicht die einzigen Probleme der Psychiatrie! Menschenrechtsverstöße, fundamentale gesellschaftliche Benachteiligung der Patienten, tödliche Dauermedikation, sind nur einige Aspekte des Skandals um den „psychiatrischen Menschen„, der auch heute noch auf  verlorenem Posten steht. Diese Skandale gehören scheints nicht in eine so schöne AUsstellung!

Das „Dämonische“ wird in der Ausstellung zwar nicht vergessen, immerhin findet es sich schon im Titel, aber es wird weitgehend in die Geschichte der Psychiatrie abgeschoben.
Dabei sind die Akzeptanzprobleme der Psychiatrie sicher nicht unabhängig von der Angst der Menschen vor „Dämonen“ und „Besessenheit“ zu sehen, anders gesagt, Angst vor einem Gefühlschaos, das man nicht mehr unter Kontrolle hat, das mit den eigenen seelischen Verletzungen zusammenhängt. Und dass eine solche „psychische Krankheit jeden treffen kann“ hört man ja immer wieder! Das verstärkt wohl eher das Vermeidungsverhalten der Menschen der Psychiatrie gegenüber – so lange es ihnen gut geht. Dieser Tatsache stellt sich die Ausstellung nicht.

Und die vielen ungelösten fachlichen Probleme der Psychiatrie einfach zu ignorieren, und dem „Laien“ Psychiatrie als „medizinische“ Disziplin mit wissenschaftlicher Eindeutigkeit ihrer Ergebnisse vorzustellen, ist nicht nur unangemessen, sondern eigentlich auch unredlich, weil es ein Vertrauen in die Psychiatrie weckt, das in sehr vielen Fällen nicht gerechtfertigt ist, und die Gefahr ignoriert, der sich derjenige aussetzt, der dort Hilfe sucht.

Anmerkungen
Die Ausstellung ist ausführlich im Internet vertreten.
Interessante Links:
Konzeption:
www.id3.de
http://www.beier-wellach.de/projekte/daemonen_und_neuronen

Grafik:
www.genausoundanders.com

Interviews mit Betroffenen für die Ausstellung:
http://www.salus-lsa.de/institut/wir_ber_uns/

Bilder aus der Ausstellung:
https://www.competitionline.com/de/projekte/49322
http://klinikum-saalekreis.de/aktuell/termine/ausstellungen/63-05-2012-daemonen- 

Berichterstattung über die Ausstellung:
Ärztezeitung
http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/635387/daemonen-neuronen-landtag.html Deutschlandradio Kultur
http://www.deutschlandradiokultur.de/man-muss-ja-lernen-ueber-diese-krankheiten-zu-reden.954.de.html?dram:article_id=145873

Ein Gedanke zu „„Dämonen und Neuronen. Psychiatrie gestern – heute – morgen“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.