Fixierung – diese Behandlung würde man keinem Tier zumuten

Heute erhielten wir von der Saarbrücker Anlaufstelle für Selbstbestimmt Leben (ASL)
in einer Mail (asl-sb@gmx.de) diese Information:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leute,

ein bei einem Zimmerbrand in der psychiatrischen Bezirksklinik Mainkofen gestorbener Patient ist an seinem Bett fixiert gewesen und konnte sich nicht aus eigener Kraft retten. Der Bayerische Landesverband Psychiatrie-Erfahrener fordert, dass Fixierungen von Patienten nur noch in Kombination mit einer Sitzwache vorgenommen werden sollten. Zudem müssten Zwangsbehandlungen in Psychiatrien eingestellt und Patienten auf anderem Wege beruhigt werden, meldet der Münchner Merkur am 4.07.: http://www.merkur-online.de/nachrichten/bayern-lby/grausam-patient-stirbt-feuer-bezirksklinikum-fixiert-2377739.html Die vollständige Pressemiteilung des Bayerischen Landesverbands Psychiatrie-Erfahrener vom 2.07. findet sich an dieser Stelle: http://www.psychiatrie-erfahrene-bayern.de/info.html

Wir schließen uns – ohne Wenn und Aber der Forderung an, dass

Fixierungen von Psychiatriepatienten, die schon in vielen Fällen (wie vielen?) tödlich verliefen, verboten werden müssen.

Im Juli 2012 wurde uns per Post folgender Bericht zum Thema „Fixierung in Psychiatrischen Kliniken“ zugeschickt. Die Autorin ist uns seit Jahren bekannt und vertrauenswürdig.

Seit 13 Jahren kämpfe ich für Patienten, die leiden – unter ihrer Behandlung.
Gibt es das Recht Kranke zu quälen?

„Angelika, schreib das auf!“
„Ja, meine gute Freundin, das mache ich gleich morgen, denn dieser Aufforderung komme ich gerne nach!“
Gestern habe ich meine Freundin besucht.
Leider ist sie Patientin auf einer geschlossenen Station eines psychiatrischen Krankenhauses.
Den Weg dorthin finde ich im Schlaf, denn seit einem Jahr habe ich meine Tochter dort besucht. Ariane war auf der Station C1, meine Freundin ist eine Etage höher auf der Station C2 untergebracht.
Das Leid meiner Tochter war sehr groß, aber meine Freundin leidet noch mehr, denn sie hat Krebs und jetzt auch noch eine Psychose. So werden meine Besuche zu einer „unendlichen Geschichte“. Ein Horrorfilm.
Aber das ist kein Märchen, alles ist wahr und diese Wahrheit ist so brutal, dass viele Leser denken werden, das gibt’s doch gar nicht.

Leider – doch! Meine Freundin sagte: „Angelika, schreib.“ Sie weiß warum, denn sie hat erkannt, dass ich genau das schreibe, was wahr ist, in einer Form, die haargenau das wiedergibt, was man in dieser Klinik als „Behandlung“ bezeichnet.

Diese „Behandlung“ verstößt gegen die Menschenwürde, aber das ist erlaubt!???

Meine Freundin leidet außer an ihrer Krebserkrankung und ihrer Psychose noch an einer Behandlung, die man keinem Tier zumuten würde: sie wird „fixiert“, also am Bett festgebunden. Mit Arm- und Beingurten und mit Bauchgurt – täglich!
Schlimm genug, aber auch sie muss einnässen, und sie erzählte mir gestern, dass sie auch das „große Geschäft“ ins Bett verrichten MUSSTE!!!???

Sie ist ungefähr in meinem Alter, also um die 50 Jahre alt. Sie wurde in ihrem Leben nicht verwöhnt. Sie hat ihren Sohn alleine groß gezogen. Er ist ungefähr so alt wie meine Ariane, also um die 30 Jahre alt. Er muss jetzt mit ansehen, wie seine Mama gequält wird. Auch ich bin vorerst gezwungen zu zu schauen, aber ich schreibe meine Berichte, die der Wahrheit entsprechen.

Und ich erzähle über diese „Mißstände“ allen Menschen, die es hören oder lesen wollen. Allzu oft habe ich schon Sätze gehört, wie „Das ist mir nicht wichtig, denn ich bin psychisch gesund.“
Nur – irgendwann hat diesen Menschen das Leben gezeigt, dass meine Berichte genau für sie wichtig geworden sind, weil sie leider selbst psychisch krank geworden sind.
So geht mein „KAMPF“ nahtlos weiter. Ich kämpfe für die RECHTE DER PATIENTEN, die sehr krank sind und rechtlos. Aber sie sollen in einem Rahmen behandelt werden, der menschenwürdig ist.

Kein Arzt, Oberarzt oder Professor wird mir noch einmal sagen: „Die FIXIERUNG der Patienten geschieht zur Schonung des Patienten!“  Meine Antwort wird dann nicht schonend sein: „Diese Behandlung ist EINE STRAFTATund gehört angezeigt.“

6 Gedanken zu „Fixierung – diese Behandlung würde man keinem Tier zumuten

  1. Vor vielen Jahren war ich als Mitarbeiterin eines Sozialpsychiatrischen Dienstes auf einer geschlossenen Station, um eine von uns betreute Klientin zu besuchen. Sie lag in Kot und Urin, ich weiß nicht wie lange schon, und war völlig verzweifelt.
    Nachdem unsere Bitte an die Schwestern Abhilfe zu schaffen nichts nutzte, und auch unsere Drohung nicht, die Station nicht zu verlassen, bevor das Bett nicht neu bezogen sei, machten wir uns auf die Suche nach frischem Bettzeug. Es wurde uns tatsächlich ausgehändigt, und wir bezogen das Bett.
    Personalmangel spielt sicher eine Rolle. Aber das ist keinesfalls eine Entschuldigung für diese ekelhafte und erniedrigende Situation der Patienten, die unter anderen Umständen (auch wieder bei mehr Personal) wahrscheinlich gar nicht fixiert werden müßten.

  2. Mit dem Autor dieses Kommentars bin ich weitgehend einer Meinung, dass es unmöglich ist, dass fixierte Patienten einnässen und einkoten müssen. Das wäre ja wirklich nicht nötig.
    Widerspruch muss ich allerdings anmelden zu der vorgeschlagenen „Lösung“, diese fixierten Menschen nieder zu spritzen, damit sie in „Tiefschlaf“ verfallen, und ihre Situation vergessen. Das kanns doch nicht sein.
    Ich habe zwar selbst keine Erfahrung mit Fixierung, aber es ist doch vorstellbar, dass tobende Menschen in einem sog. weichen Zimmer eingesperrt werden für kurze Zeit mit Überwachungskamera, bis sie sich beuhigt haben. Ein Raum, in dem man sich nicht verletzen kann, der farblich beruhigend gestaltet ist, und ev. mit beruhigender Musik. Aber wirklich nur, wenn jemand mit viel Zeit für Gespräch nicht mehr zu erreichen ist. Das wird sicher nicht so oft der Fall sein, jedenfalls nicht lange.
    Hier kann man darüber nachlesen:
    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2001-37/artikel-2001-37-weiches-zimmer-s.html:
    „Im akuten Zustand hält sich der Kranke im so genannten «weichen Zimmer» auf, wo er auf eine 1:1-Betreuung zählen kann. Das «weiche Zimmer» ist ein grosser Raum, der nur mit Kissen und Matratzen ausgestattet ist. Überstimulierung oder Gefahrenquellen sollen so vermieden werden. Die Patienten werden ständig begleitet und gestützt. Mit Gesprächen und entspannenden Massnahmen wie Massage, Körperkontakt, kurzen Spaziergängen oder anderen körperlichen Aktivitäten will man beruhigen und Ängste lösen.“

    So wird es in Soteria Einrichtungen gemacht.
    Wenn man die Patienten im Regelvollzug wichtiger nehmen würde, könnte man von den Kassen fordern, auch dort so etwas zu finanzieren.

    1. Dieser Kommentar erreichte EREPRO per Post, und konnte leider erst jetzt auf die Homepage gesetzt werden.

      9.9.2012
      „Diese Behandlung würde man keinem Tier zumuten“
      Fixierung

      Zunächst möchte ich mich bei dem Schreiber des anonymen Berichtes, die Fixierung betreffend, bedanken. Auch er findet die Art und Wiese, wie Menschen, die fixiert werden, unnötig gequält sind, umöglich.
      Er selbst hat keine Erfahrung mit Fixierung.
      Ich war fixiert, und bleibe dabei, dass die Patienten eine Beruhigungsspritze erhalten sollten. Von NIEDERSPRITZEN ist nicht die Rede.
      Ich habe gehört, dass eine Patientein, die ich persönlich kennenlernen konnte, in der Fixierung einen Herzinfarkt erlitten hatte und verstarb. Sie hat sich so sehr aufgeregt, vielleicht hätte ihr eine beruhigende Spritze das Leben gerettet.
      Ein „weiches Zimmer“ ist sicher eine gute Lösung, aber zuerst müsste der Patient, so denke ich, eine gewisse Einsicht zeigen, denn ein tobender Patient könnte auch im „weichen Zimmer“ einen Herzinfarkt bekommen.
      Schön wäre es, wenn es eine ganze Abteilung mit „weichen Zimmern“ gäbe, aber da wäre es nötig, einen Anbau an das Krankenhaus zu errichten, und davon darf man träumen.
      Wichtig ist, dass man so schnell wie möglich die Art und Weise der Behandlung der Patienten, die fixiert werden müssen, ändert.
      Das ist durchaus möglich. Und ich will helfen, dass man einsieht, wie schwer es für die Patienten zu ertragen ist, die menschlichen Bedürfnisse einfach ins Bett zu verrichten.
      Jeder, der diese Erfahrung hinter sich hat, will das vergessen. Viele schämen sich und sprechen nicht darüber.
      Ich schäme mich keineswegs, und ich vergesse es niemals, dass ich gezwungen war, ins Bett zu machen. Ich habe seit 13 Jahren gesehen, dass Patienten in der Fixierung gezwungen werden, sich wie ein Kleinkind zu verhalten, aber sie haben nicht mal eine Windel, und wenn das Bett verschmutzt ist, werden sie vom Personal geschimpft. Nicht zu glauben! Aber es ist wahr.
      Da werden Kranke verletzt, indem man nicht auf ihr Rufen reagiert. Die Patienten werden in den verschmutzten Betten festgehalten, wie auch meine Tochter. Als ich sie am Nachmittag besuchte,wurde mir – ehrlich – übel.
      Als ich zu Hause ankam, war mein Erstes eine Beschwerde an Professor der Klinik zu schreiben. Das ist keine Behandlung, sondern Misshandlung. Für meine Tochter kam dann eine bessere Behandlung.
      Aus Erfahrung weiß ich, dass sehr viele Patienten auch für einen längeren Zeitraum nicht für Gespräche erreichbar sind, und deshalb für einige Zeit in der Fixierung bleiben müssen. Das ist die Wahrheit.
      So sage ich, nur, wenn es nötig ist, fixieren, aber die Würde des Menschen beachten. Mehr will ich nicht. Das wäre dringendst nötig – zum Wohle der KRANKEN.

    2. Gut, dass es in Soteria Einrichtungen so eine schonende Behandlung gibt, aber das Alles ist ein Traum – ich meine – Massage, Körperkontakt, beruhigende Musik, kurze Spaziergänge, das kann man auf einer geschlossenen Station nicht erwarten.
      Da sind Menschen, die zum Teil tobend über die Gäng rennen, un da gibt es totales Ausgangsverbot. Da sind Patienten, die möchten nicht berührt werden, und wollen gar nichts hören.
      Das ist auch jetzt meine Erfahrung, denn ich besuche weiterhin die geschlossene Station. Ich suche Patienten, mit denen ich Gespräche führe, im Speiseraum und leise geht’ts da nie zu. Aber ich weiss genau, dass die Patienten meine Besuche erwarten, und da sind Menschen, die mich wie eine gute Freundin empfangen, obwohl wir uns erst seit kurzem kennen. Ich bin schon mal sehr zufrieden, dass meine Besuche von den Oberärzten erlaubt sind.
      Zugegeben, ich würde mich, wenn ich krank wäre, zu gerne in eine Soteria Einrichtung begeben, aber ich hoffe, dass ich stabil bleibe.
      Meine Erfahrungen mit meinen Aufenthalten – immer geschlossen – nutze ich – um den Patienten auf den geschlossenen Stationen zu helfen. Ich hoffe, dass mir das weiterhin erlaubt wird.

    3. Der Autor hat keine Erfahrung. Was er sich vorstellt, ist zwar sehr schön, aber auf einer geschlossenen Station fast unmöglich durchzuführen. Als ich vor vierzig Jahren in einer psychiatrischen Klinik auf der Geschlossenen war, gab es da ein „weiches Zimmer“.
      Ein einziges Mal war ich selbst für kurze Zeit da aufgehoben. Ohne beruhigende Musik und ohne Toilette. Ich war nicht allein, die andere Patientin hat mich in den Arm gebissen, und ich wurde wieder rausgeholt. MEINE SELBSTERFAHRUNG.

  3. FIXIERUNG!

    Wenn diese Behandlung modern ist, bevorzuge ich die „altmodische“ Behandlung.
    Manchmal muss es sein, aber – MENSCHENWÜRDIG -.

    Über diese Behandlung kann ich sehr gut berichten, denn auch ich wurde ans Bett gefesselt. An den Armgelenken, mit Bauchgurt und an den Fußgelenken.
    Leider war das nötig, und auch in der „modernen“ Psychiatrie ist diese Art von Fesselung oft die einzige Möglichkeit, um den Patienten zu schützen.
    Man sollte aber beachten, dass auch ein tobsüchtiger Patient ein MENSCH ist. Die Art und Weise, also wie das Ganze abläuft, ist oft menschenunwürdig.

    MEINE FRAGE AN DAS PFLEGEPERSONAL: „Warum muss der Patient, der hilflos ans Bett gegurtet ist, einnässen und auch das ‚große Geschäft’ ins Bett verrichten! Warum lässt man ihn schreien und beachtet nicht, wenn er schreit: ‚Ich muss mal.’
    Ist das Krankenpflege? Steht das in einem Lehrbuch?“

    Ich zitiere die Aussage eines Psychiaters.
    Meine Frage war: „Warum bekommt der Patient keine Beruhigungsspritze, wenn er unkontrolliert handelt und ans Bett gegurtet ist?“
    Die Antwort: „In der modernen Psychiatrie schont man die Patienten.“
    Ist es Schonung, wenn man tage- und nächtelang schreit und ins Bett machen muss? Ist das Behandlung in der modernen Psychiatrie?
    Gottseidank habe ich vor 40 Jahren eine Spritze bekommen und wurde nach kurzer Zeit (2 Tagen) von meinen Fesseln befreit, aber auch ich war zum Einnässen gezwungen. Vergessen kann ich das nie, und so kann ich gut sagen: „Ich bin total enttäuscht, dass Patienten in der heutigen – ‚modernen Psychiatrie’ – auf diese Art behandelt werden.

    DAS IST MISSHANDLUNG! MODERN??? Würde ich meine Tochter daheim ans Bett fesseln, wäre das eine Straftat, und ich würde angezeigt, ich bekäme eine Anzeige wegen Misshandlung. Vielleicht eine Gefängnisstrafe.“

    Am liebsten hätte ich dem Oberarzt gesagt: „Wie wär’s mit einem Selbstversuch, nur einige Stunden in Fesselung und nur einmal einnässen?“ Ich denke, dann würde der Oberarzt nicht mehr von einer Schonung des Patienten sprechen.

    Zur Zeit besuche ich immer mittwochs ab 16 Uhr einen Patienten der geschlossenen Station des psychiatrischen Krankenhauses, auch er wurde „geschont“.
    Er ist 25 Jahre alt und erzählt mir, wie er sich fühlt. Dieses Gefühl ist total NORMAL.
    Er ist enttäuscht von dem Pflegepersonal, das ihn nicht beachtet, wenn er schreit, wenn er bittet auf die Toilette zu dürfen. Auch er muss einnässen. Sicher wird er das nicht erzählen, wie ich das tue. Ein junger Mann sagt doch nicht: „Ich hab ins Bett gemacht.“

    Meine Bitte: „Verschonen Sie die Patienten vor dieser ‚Schonung’ und geben Sie ihm eine Spritze zur Beruhigung. Wenn er dann Einnässen muss macht er das im Tiefschlaf. Selbst dann ist es ihm peinlich. Beachten Sie die MENSCHENWÜRDE!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.